„Wir sind Wilde – das ist in Ordnung. Denn sonst kommen wir hier nicht lebend raus.“ (John Rambo)
Stallone verwies während der komplizierten und anstrengenden Dreharbeiten zu „John Rambo“ immer wieder darauf, dass die ebenso begeisternde wie aufreibende Produktion „eine der letzten großen Filmerfahrungen alter Schule“ war, die den jungen Crew-Mitgliedern vergönnt sein würde. Eines war Stallone klar: Es war auf jeden Fall seine letzte. „Das war’s – so etwas mache ich persönlich auf keinen Fall noch einmal“, wiederholte Stallone während des Drehs mehr als einmal. „In meinem nächsten Film sitzen zwei Leute am Tisch und unterhalten sich – wie in ,My Dinner With Andre‘ (Mein Essen mit Andre).“
Stallone ist der Rambo-Darsteller und der Auslöser der Filmodyssee dieser Hauptfigur – wobei ihm die vielen Aufgaben als Autor, Schöpfer und Regisseur des Films leichter fallen als die Hauptrolle. Er spürte sehr wohl die Verantwortung bei dieser Gratwanderung: Einerseits will er das letzte Kapitel zu einem der berühmtesten Helden der Filmgeschichte schreiben, andererseits will er den Zuschauern in aller Welt ein unbekanntes, grausiges Geschichtskapitel nahe bringen. Stallone könnte sich eigentlich auf seinen Millionen und Lorbeeren ausruhen. Oder er könnte Action-Filme vor der Greenscreen in einer klimatisierten Studiohalle drehen. Doch der 60-jährige Autor, Regisseur und Star wollte etwas Authentisches inszenieren: den epischen Abschied einer international beliebten Ikone – John Rambo.
„Er will niemandem etwas beweisen außer sich selbst – und das treibt ihn an“, sagt King, der Stallone seit vielen Jahren kennt. „Sly ist inzwischen 60 – die Zeiten haben sich geändert, seit er 20 war, aber er fühlt sich nicht alt, und er will aus dem Korsett des Alters ausbrechen, das Stigma überwinden. Mehr denn je weiß er, was er an Erfahrung und Wissen zu bieten hat. Er liebt seine Arbeit, und er ist sehr begabt. Er hat etwas zu sagen.“
Thompson, der seit über 30 Jahren Filme produziert, erlebte Stallone als Regisseur par excellence. „Ich arbeite erstmals mit Sly zusammen – ich kannte ihn zwar als erfolgreichen Regisseur, lernte ihn nun aber als einen der besten Regisseure kennen, mit denen ich je gearbeitet habe – und ich habe mit sehr vielen gearbeitet“, sagt Thompson. „Er kann überragend mit der Kamera umgehen, die Schauspieler als Ensemble inszenieren – er hat ein untrügliches Auge für Filmbilder. Er weiß genau, was er will, wie er Effekte erreicht und den Gehalt jeder einzelnen Szene so verständlich macht, dass sich der Anschluss zur nächsten Szene ergibt. Kein Moment wird verschenkt. Mich beeindruckt vor allem die Dynamik und die Ökonomie, mit der er bei der optischen Aufbereitung der Story vorgeht.“
Stallone dreht immer mit mehreren Kameras gleichzeitig – manchmal sind fünf Kameras im Einsatz. In Abstimmung mit Kameramann Glen MacPherson und Kameraassistent Vern Nobles experimentierte Stallone mit Bühnen, Blickwinkeln und Kamerafahrten, um das Geschehen gleichzeitig ins Bild zu bringen. Wer die Kamera einsetzt, um den Schrecken und das Chaos der Kriegssituation einzufangen, lässt Kameraleute mit Steadicams rennen und montiert Kameras auf durch den Dschungel rasende Geländefahrzeuge – Kameraleute springen in Abgründe oder filmen Totalen aus dem Flugzeug. Kameras schwimmen auf dem Fluss, rutschen Abhänge hinab und stürmen in die Bambushütten und -käfige.
„Sly ist ein sehr interessanter Regisseur“, sagt La Botz. „Er hat ein klares künstlerisches Konzept und handelt ganz aus dem Bauch heraus. Er kommt an den Set, beschließt, was er machen will und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn er durch seine Änderungen manche Leute verrückt macht. Er ist immer sehr konzentriert, voll da – was ich bewundere. Daraus ergibt sich eine sehr lebendige Zusammenarbeit – und ein sehr lebendiger Film. Eine ganz unmittelbare Filmerfahrung.“
Wie Stallone den Rat der Mitarbeiter einholt, bedenkt und dann am Set Änderungen durchsetzt, mag das Skript-Girl frustrieren, aber er gibt sich eben nie mit etwas zufrieden, das sich noch verbessern lässt. „Sly hört jedem zu – alle können sich am Set an ihn wenden“, sagt King. „Immer wieder überdenkt er seine Entscheidungen. Es kommt vor, dass die Szene schon halb gedreht ist, bis er merkt, dass sie nicht funktioniert, dass sie geändert werden muss. Er beobachtet, wie sich die Dinge entwickeln. So arbeitet er eben.“
Wie unglaublich konzentriert Stallone am Set bei der Sache ist, wird aus den Kommentaren seiner Darsteller und Kollegen deutlich. Es geht gar nicht so sehr um die vielen Funktionen, die er gleichzeitig erfüllt, sondern um seine Fähigkeit, sich jedem Detail jederzeit voll und ganz zu widmen.
„Er konzentriert sich hundertprozentig auf jede einzelne seiner Aufgaben“, sagt Kang. „Wenn er mit mir redet, konzentriert er sich ganz auf mich. Dann kommt jemand rüber und stellte eine Frage, und er hört hundertprozentig zu. Nie hat man das Gefühl, dass er halbherzig zuhört und sich dann jemand anderem zuwendet. Er hat alles im Griff.“
„Er arbeitet ununterbrochen von morgens bis abends“, sagt McTavish. „Ohne Pause. Immer ist er voll da, nie beklagt er sich. Als Regisseur ist Sly ein Teamarbeiter, er inspiriert uns durch seine Energie, seine Konzentration, sein Engagement. Wenn der Mann an der Spitze derart konzentriert vorgeht, wirkt sich das auf die Mitarbeiter aus – ich mache mir das Engagement dann selbst zu eigen.“
Dazu Schulze: „Ich weiß wirklich nicht, wie er das schafft: Schreiben, Regie führen, die Hauptrolle spielen und dabei die Balance halten. Er inszeniert und spielt den ganzen Tag lang, schaut sich die Muster an, überwacht die Arbeit des 2. Drehteams, fährt eine Stunde lang oder mehr zurück in die Stadt. Am nächsten Tag bringt er überarbeitete Szenen mit, die er oft aufgrund der Muster neu schreibt, und dann folgen wieder zwölf oder 14 Stunden Arbeit im feuchtheißen Dschungel. Das inspiriert mich, aber ich frage mich auch voller Ehrfurcht, wie er das auf die Reihe bekommt. Keine Ahnung, wie er das schafft.“
Und wenn Schulze sagt: „Er macht alles“, dann übertreibt er nicht einmal. Oft ist Stallone mitten im Geschehen, vor allem wenn die Kameras nicht laufen. „Am Set ist Sly mittendrin, er schaufelt buchstäblich Schweinemist, er hackt Bäume ab und zeigt dann im Handumdrehen eine intensive schauspielerische Leistung, um anschließend sofort zu überlegen, wie die Kamera für die nächste Einstellung aufgestellt werden soll“, sagt Benz. „Da denkt man doch: ,Wow! Das möchte ich auch können.‘ Er inspiriert mich genau wie alle anderen Mitarbeiter. Er ist wirklich intelligent, sehr komisch, charismatisch, und er engagiert sich leidenschaftlich für seine Arbeit. Als Regisseur fordert er sehr viel. Manchmal ist er sehr hart, brutal sogar, aber er treibt uns zu außergewöhnlichen Leistungen an, die wir uns selbst nicht zugetraut hätten.“
Marsden gesteht: „Ich dachte, ich hätte mich gut vorbereitet, aber was uns erwartete, hätte ich mir nie träumen lassen. Und das ist für einen Schauspieler immer ein ganz besonderes Erlebnis. Sly holt aus allen mehr heraus, als sie selbst je für möglich gehalten hätten. Deshalb ist er eine so inspirierende Führungspersönlichkeit.“
Benz hatte bisher noch keinen Action-Film gemacht und begann ihr Fitness-Training, sobald sie besetzt worden war. „Ich habe sechs Tage in der Woche zweimal täglich trainiert, weil ich mich als einzige Frau im Ensemble natürlich gegen sehr, sehr hartgesottene Männer durchsetzen muss, nicht zuletzt gegen Sylvester Stallone“, sagt Benz. „Dazu brauche ich logischerweise eine Spitzenkondition. Ich habe mich wirklich angestrengt, mein Durchhaltevermögen zu verbessern.“
Aber nicht nur die Witterungsbedingungen waren hart, of wurden die Schauspieler und Stuntleute auch durch die Stunts bis zum Anschlag gefordert. „Die rohste Gewalt in diesem Film ist die Action“, sagt Thompson. „Es geht nicht um Maschinengewehre oder anonyme Leute, die in die Luft gejagt werden, es geht nicht um visuelle Effekte. Hier geht es um Nahkampf, um Handfeuerwaffen, um brutale, animalische Action.“
Stallone und sein Team choreografierten die Stunts und Spezialeffekte sehr präzise, um durch die optischen Schocks das Grauen des Krieges zu vermitteln.
„Wir verfügen über das beste Team der Welt“, sagt King. „Sly ging mit Alex und Chad all die von ihm geplanten Stunts und Gags genau durch. In diesem Film gibt es jede Menge Spezialeffekte, die uns das Grauen des Krieges sehr unmittelbar nahe bringen.“
Gunn und der für die Maskeneffekte zuständige John Schoonraad arbeiteten wochenlang an der Vorbereitung der verbrannten Leichen von Männern, Frauen, Kindern und Tieren, die in den bittersten Szenen des Films zu sehen sind. So entstanden Dutzende von „Leichen“ – manche äußerst realistisch für Nahaufnahmen, andere für den Hintergrund. Auch Dutzende von Statisten wurden als Leichen des Karen-Massakers eingesetzt, nachdem die birmanischen Soldaten das Dorf niederbrannt haben.
Rambos grausiger letzter Einsatz in Thailand wird zum Wendepunkt in seinem Leben. Als er die Söldner zum birmanischen Lager geführt hat, um die Missionare zu retten, merkt er, dass er sein Leben ändern muss. Nachdem er einen weiteren Ausflug in die Hölle, die Menschen ihren Mitmenschen bereiten, knapp überlebt hat, will er dieses Kapitel seines Lebens abschließen. Seine Bemerkung, dass man „ohne Ziel leben oder für ein Ziel sterben“ kann, macht wider Willen auch auf ihn selbst Eindruck. Doch wer ist er eigentlich? Was ist aus ihm geworden?
Rambo ist ein Mann ohne Vaterland, ein Krieger ohne Krieg. Doch am Ende seines letzten Kinoabenteuers hat er ein Ziel. Dieser Held sieht sein Heil längst nicht mehr in der Ehre, im militärischen Dienst. Stallone beendet die Story von „John Rambo“ mit einem „Hoffnungsstrahl“ für den lange verlorenen Sohn, der inzwischen ein 60-jähriger Mann ist. Als sich der Staub gelegt hat, sehen wir in der letzten Szene, dass Rambo nach Amerika zurückgekehrt ist. Er geht auf einen alten Indianer zu, der auf einer Veranda in der Wüste von Arizona sitzt… und wartet. Beide schweigen.
Endlich hat Sylvester Stallone John Rambo heimkehren lassen.