„Wie kommt ein Amerikaner aus Arizona dazu, im thailändischen Dschungel Giftschlangen zu jagen?“ (Sarah)
Der Originaltitel des ersten Films, der Ausdruck „first blood“, bezieht sich darauf, dass jemand das erste Blut vergießt und damit die Aggression auslöst. Im ersten „Rambo“-Film tötet Rambo ganz im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung keinen einzigen Menschen. Stattdessen wird der einsame, langhaarige Kriegsveteran Rambo vom Sheriff (BRIAN DENNEHY) aus einem kleinen Gebirgsort gewiesen, obwohl er gar nichts angestellt hat. Als sich der junge Mann der Anweisung des Sheriffs widersetzt, wird er verhaftet, verhöhnt und misshandelt, bevor er dann flieht und durch die Wildnis gehetzt wird. Die Umstände sind gegen Rambo: Er kann seine Kriegserlebnisse nicht verarbeiten und wird auch von diesem neuerlichen Albtraum traumatisiert. Doch aufgrund seiner besonderen Ausbildung als Elitesoldat behauptet er sich mit seiner Intelligenz und seinen Überlebenstechniken. Rambo tötet nicht, wenn er den Angreifer anders unschädlich machen oder aufhalten kann. Am Ende des Films macht der wutentbrannte Veteran den Ort dem Erdboden gleich und erleidet einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch: Schluchzend bricht er in den Armen seines väterlichen Kommandeurs Colonel Trautman (RICHARD CRENNA) zusammen. Im Roman stirbt Rambo.
„Der erste Rambo-Film unterschied sich von üblichen Action-Filmen, weil er Seele hat“, sagt Schauspieler Tim Kang, der in „John Rambo“ den Söldner En-Joo spielt. „Die Story geht zu Herzen, und ich bin überzeugt, dass wir das Slys Darstellung verdanken. Die Gewalt im Film ist motiviert – Rambo ist ein Getriebener. Und unser Film kehrt mit großer Dynamik zu diesem Konzept zurück.“
Die Rambo-Filme brachen nicht nur weltweit Kassenrekorde, sondern definierten das Action-Genre jener Jahre neu. Der innerlich verwundete Held Rambo hat ein nachvollziehbares Ehrgefühl, und er verlässt sich ganz einfach ausschließlich auf sich selbst – was Männer aller Altersstufen und Kulturen nachvollziehen konnten.
„Die Rambo-Filme sprechen das Kind im Manne an – das Kind, das oft in Vergessenheit gerät, wenn die Männer älter werden“, sagt Gallegos. „Manche gehen davon aus, dass das Kind dem Mann weicht, aber in Wahrheit bleibt das Kind vorhanden. Auch ich bin jetzt wieder das Kind, das einen Soldaten an der Seite einer Ikone spielt – an der Seite eines Helden, mit dem wir im Kino aufgewachsen sind.“
Ergänzt wird Rambos ikonisches Image durch seine wenigen klassischen Waffen und seinen Kampfstil. Bewaffnet ist er mit Pfeil und Bogen, einem selbst geschmiedeten Messer und dem stets präsenten Kopfband – Rambos Einfachheit, ja Primitivität spricht jedermann an.
„Rambo ist aus der sehr komplizierten modernen Zivilisation ausgestiegen und steht jetzt über allen nationalen und ethnischen Belangen – er lebt einfach und instinktiv“, sagt Carbone. „Rambo ist eine primitive Figur, er repräsentiert die barbarische Natur des Menschen. Als sich Stämme, Gesellschaften und Staaten bildeten, haben wir uns in der Zugehörigkeit zu diesen Gesellschaften spezialisiert – und sehr viele Leute empfinden sich als Außenseiter. Die repräsentiert Rambo auf einer bestimmten Ebene. Er repräsentiert die Entrechteten und einen grundsätzlichen, ruppigen Individualismus.“
Die Vorgeschichten der jeweiligen Filmhandlungen werden oft übersehen – dabei waren sie innovativ, oft prophetisch, indem sie ihre knochensplitternde, hektisch geschnittene Action in zuvor unbekannte oder noch nicht behandelte politische und soziale Themen verpackten. Der erste Film (Kinostart Oktober 1982) zeigte zum Beispiel die Auswirkung des posttraumatischen Stresssyndroms, lange bevor es allgemein bekannt oder als mentale Funktionsstörung wissenschaftlich anerkannt war. Der 1972 geschriebene Roman wurde in den Drehbuchversionen mehrfach überarbeitet – laut den Produzenten Mario Kassar und Andrew Vanja soll es 26 Versionen geben. Erst als sich Stallone mit seinem Oscar für „Rocky“ zum Spitzenstar entwickelte und für den Rambo-Film interessierte, konnte er gedreht werden.
„An Rambo schieden sich die Geister, vor allem in der Zeit nach Vietnam“, sagt King. „Hier wurde ein anderer Krieg, ein anderer Kriegsheld gezeigt. In der Reagan-Ära entwickelte sich Rambo zum Symbol – zu einem politischen Symbol in der Konfrontation Osten gegen Westen, Kommunismus gegen Freiheit. Das traf damals den Nerv der Zeit. Letztlich handelt es sich um eine Allegorie. Wenn man sich die Rambo-Filme anschaut, ist er im Grunde ganz friedlich. Er schlägt nur zu, wenn man ihn schlägt. Dann schlägt er zurück.“
Im zweiten Film „Rambo, First Blood, Part II“ (Rambo II – Der Auftrag; 1985), der von James Cameron und Sylvester Stallone geschrieben wurde, rekrutiert Colonel Trautman (RICHARD CRENNA) Rambo, um Beweise zu erbringen, dass lange nach dem Ende des Vietnamkriegs immer noch amerikanische GIs in Gefangenschaft sind. Die Unterzeilen auf dem Plakat („Kein Mensch, kein Gesetz, kein Krieg kann ihn aufhalten“ und „Diesmal gewinnen wir“) schienen Ausdruck für die Frustration der Amerikaner über den Ausgang des Krieges zu sein und stilisierten Rambo zu einem hehren Siegessymbol. Wie im ersten Film ging es um die Langzeitauswirkungen des Vietnamkriegs, vor allem um die Behandlung der Kriegsgefangenen und die Art, wie sie und andere Soldaten benutzt, missbraucht, missachtet und nach ihrer Rückkehr versorgt wurden. „Ich will nur das, was sie alle wollen“, sagt Rambo am Ende des Films. „Unser Land soll uns so lieben, wie wir es lieben.“
„Am Anfang war Rambo von seinem geliebten Vaterland, dem er gedient hat, verstoßen worden“, sagt Schauspielerin Julie Benz – sie spielt im neuen Film die einzige weibliche Rolle, die Missionarin Sarah. „Dabei möchte er nur heimkommen dürfen. Er hat seine Fehler – das können wir alle nachvollziehen. Er zeigt beeindruckende Körperkräfte, hat aber auch ein fühlendes Herz. Diesmal erleben wir einen anderen Rambo, eher so wie im ersten Film.“
Rambos berechtigte Entrüstung darüber, dass das Militär und sein geliebtes Vaterland ihn nicht nur ausgebildet, sondern auch benutzt und missbraucht haben, kam überall auf der Welt gut an. Er wurde als edler Krieger wahrgenommen, ein Soldat, der nur tötet, weil andere ihn töten wollen – sein Motiv ist ausschließlich Selbstverteidigung, die Reaktion auf seine Misshandlung als Gefangener oder Opfer.
„Rambo als klassischer Archetyp des Kriegers lässt sich in jede Sprache übersetzen“, sagt Darsteller Graham McTavish, der den Söldneranführer Lewis spielt. „Rambo steht in der Tradition von Beowulf und Achilles, überlebensgroßen Helden, die außerhalb der normalen Gesellschaft stehen. Im antiken Griechenland und Rom hätte man Rambo verstanden. Das Tolle an Rambo: Er denkt nicht, er handelt. Er packt die Sache an, während die anderen noch überlegen, was sie machen sollen.“
In „Rambo III“ (Rambo III; 1988) wird er rekrutiert, um seinen einzigen Freund Colonel Trautman zu befreien, der auf einer Geheimmission in Afghanistan entführt worden ist, wo die Russen von 1979 bis 1989 ihr eigenes Vietnam erlebten. Stallones Analyse des Dschihad (heiliger Krieg) und der Mudschaheddin, der heiligen muslimischen Krieger in den afghanischen Stammeskriegen, wirkt so, als ob er heutige Schlagzeilen verarbeitet hätte.
Knapp fünf Monate nach Ende der Dreharbeiten zu „John Rambo“, als Stallone und die Filmemacher Ende September 2007 am Schnitt arbeiteten, erlebten sie die dramatischen, seltenen Bilder massiver prodemokratischer Proteste in Birma/Myanmar. Die landesweiten, gegen die Militärregierung gerichteten Demonstrationen unter der Führung buddhistischer Mönche in dunkelroten Roben wurden über birmanische Handys in alle Welt übertragen – über das Internet und mithilfe von geschmuggeltem Filmmaterial. Seit zwei Jahrzehnten hat es keine derart umfangreichen prodemokratischen Proteste in Myanmar gegeben.
Bevor das Militär die Proteste brutal
niederschlug, demonstrierten bis zu 100.000 Menschen in den Straßen von Yangon (ehemals Rangoon). Als die Militärregierung beschloss, die Demonstrationen mit Gewalt zu beenden, schlugen Soldaten auf die Demonstranten ein, schossen mit automatischen Waffen in die Menge und setzten Tränengas ein – es gab Todesopfer unter den Zivilisten und Mönchen. Die Regierung blockierte sofort das Internet und überwachte die Telefonleitungen. Buddhistische Klöster wurden durchsucht, Demonstranten zusammengetrieben und inhaftiert. Die Zahl der Toten ist wegen der Geheimhaltung und spärlichen Informationen kaum abschätzbar.
Im Gegensatz zu den prodemokratischen Demonstrationen 1988 wurde der aktuelle Aufstand nicht von Studenten, sondern von buddhistischen Mönchen angeführt. Er begann im August, als es aufgrund von Benzinpreiserhöhungen zu Protestkundgebungen kam, die die internationale Öffentlichkeit auch auf andere Auswüchse des Machtmissbrauchs durch die über 400.000 Mann verfügende Militärregierung aufmerksam machte.
„Die Rambo-Filme sind immer in einer realistischen Umgebung angesiedelt“, sagt Produzent John Thompson. „Zunächst war da der entrechtete Vietnam-Veteran. Dann die vermissten Soldaten und Kriegsgefangenen. Der endlose Krieg und die Auseinandersetzungen in Afghanistan. Und bei diesem neuen Film stieß Sly auf eine Story, die kaum bekannt ist: Es geht um den birmanischen Völkermord an den Stammesangehörigen der Karen – er hält bis heute an. Das Umfeld des Films ist also sehr realistisch, und Stallone setzt es sehr clever ein.“
Dazu Produzent King: „Alle Rambo-Filme sind Allegorien. Immer geht es um symbolische Geschichten des Kampfes Gut gegen Böse. Immer berufen sie sich auf Tatsachen. Als Rambo über die birmanische Grenze geht, erlebt er etwas, was derzeit dort passiert. Viele amerikanische Ex-Söldner und Soldaten fahren flussaufwärts und helfen den Karen. Es gibt Missionare, Landminen und Flüchtlingslager. Sicher bedeutet Kino vor allem Unterhaltung, aber man muss sich auch an die Wahrheit halten.“
In einer Branche, die von Markennamen und Serienstoffen lebt, hat die Rambo-Filmserie alle Erwartungen übertroffen. Die drei bisherigen Rambo-Filme erreichten jeweils am Startwochenende Platz eins der Kinocharts, sie brachen Kassenrekorde und setzten weltweit Milliarden um. Auch die oft sehr kritischen Rezensionen haben den Filmen und der Figur Rambo nichts anhaben können – er entwickelte sich zu einem globalen Phänomen, überwand Sprach- und Kulturbarrieren. Wieso hatte „Rambo“ den Erfolg, der so vielen anderen versagt blieb?
„Der Erfolg der Serie liegt meiner Meinung nach darin, dass Rambo ein Underdog ist“, sagt Thompson. „Er geht immer gewaltige Risiken ein. Er beseitigt schier unüberwindliche Hindernisse und triumphiert. Außerdem wird er gründlich missverstanden. Er ist ein Einzelgänger, der uns zum Nachdenken bringt – das können die Zuschauer nachvollziehen.“
In dieser Hinsicht gleicht Rambo seinem Schöpfer und Alter Ego Stallone. Die meisten seiner Schauspielerkollegen und Mitarbeiter erleben Stallone als intelligenten, lustigen, belesenen und dynamischen Künstler. Ein Mann der Kontraste: Immer fördert er die Diskussion am Set, aber er lässt absolut keinen Zweifel daran, was er erreichen will. Er ist zugänglich, oft verspielt, wird aber auch als nachdenklicher Einzelgänger bezeichnet. Darsteller beschreiben ihn als „Schauspieler-Regisseur“, dem es gelingt, große Charakterdarstellungen aus seinen Kollegen herauszuholen, und doch fallen seine Kritik, seine Regieanweisungen kurz, direkt und manchmal brutal aus. Er ist der geborene Geschichtenerzähler und seit drei Jahrzehnten ein Oscar-preisgekrönter Autor – und dennoch wird er weniger wegen seines Köpfchens als wegen seiner Muskeln geschätzt.
„Sly ist immer Risiken eingegangen“, sagt Benz. „Der erste ,Rocky‘ war ein Risiko für ihn. Und der erste ,Rambo‘ auch. Und jetzt reaktiviert er die Rolle nach 20 Jahren und tritt mit 60 Jahren als Action-Held vor die Kamera – mit allen Konsequenzen. Sich körperlich diese Kondition anzutrainieren, Regie zu führen und die Übersicht über diese große Produktion zu behalten, mit dem gefährlichen und grausigen Thema Birma umzugehen – all das birgt Risiken. In seiner Karriere ist er nie vor Risiken zurückgeschreckt, und das macht ihn zur Filmlegende, zur Ikone. Er hat keine Angst vor Risiken. Er hat keine Angst davor, eine Bauchlandung zu machen – oder Schlimmeres.“
La Botz berichtet, wie Stallone jedermann mit seinem Wissen und seiner Energie beeindruckt. „Ich habe keine Ahnung, wie er das schafft, aber jeden Tag zeigt er 100 Prozent Leistung“, sagt La Botz. „Er arbeitet unglaublich konzentriert, sehr engagiert. Ich weiß, dass man ihm vorwirft, er sei zu alt für diese Rolle, aber er sieht nicht so aus und verhält sich nicht wie ein alter Mann. Ich fasse es nicht, dass er 60, 61 Jahre alt ist. Es gibt selbst unter Leuten, die halb so alt sind wie er, nur wenige, die dieses Ding durchziehen könnten. Lass sie also reden. Er packt das. Er ist authentisch.“
Thompson glaubt, dass Stallone die Verantwortung spürt, Rambo ein Schlusskapitel geben zu müssen: „Sly spürt wohl den Drang, das letzte Kapitel einer berühmten amerikanischen Ikone zu schreiben. Körperlich und mental ist er unermüdlich – er schreibt, führt Regie, steht vor der Kamera, schaut sich die Muster an und überarbeitet die Szenen aufgrund der Filmmuster. Diese Dynamik, dieses Engagement beeindruckt uns alle, inspiriert uns und lässt uns vor Neid erblassen.“