„Du willst ändern, was nicht zu ändern ist. Denn wir sind Tiere. Der Krieg da draußen und überall – er liegt uns im Blut. Der Krieg ist das Normale – Frieden dagegen nur ein Zufall. Das ist nicht zu ändern. Wenn man bedroht wird, ist Töten so einfach wie Atmen.“ (John Rambo)
Nach dem Erfolg von „Rocky Balboa“, dem letzten Teil der Rocky-Filmserie, beschloss Stallone, auch John Rambos Geschichte mit einem letzten Kapitel zu beenden. „Der Grund ist der gleiche wie bei Rocky – ich wollte mir die Rolle nochmals vornehmen“, sagt Stallone. „Damit ziehe ich unter Rambo den Schlussstrich. Der dritte Rambo-Film war sicher gut gemeint, aber er hat das nicht richtig rübergebracht. Das war 1988 – die Geschichte spielte in Afghanistan, als der Kalte Krieg in den letzten Zügen lag und die Russen sich zurückzogen. Damals scherten sich die Leute allgemein und auch die Medien nicht um Afghanistan, die Mudschaheddin oder die Taliban. Doch seit dem Abzug der Russen und der gegenwärtigen Situation sieht es heute etwas anders aus. Aber damals hat das nicht funktioniert. Ich wollte die Serie mit einem besseren Akkord beenden und der Figur ein Finale gönnen, das ihrem Wesen eher entspricht.“
Nachdem Millennium Films die Rechte zu den Rambo-Sequels von den Weinstein-Brüdern bei Miramax erworben hatte, fragte Millennium-Produzent John Thompson Stallone, ob er Interesse an einem weiteren Rambo-Film hätte. „Er wollte die Rolle nur aufnehmen, falls er damit durchspielen darf, wo Rambo seitdem gesteckt hat und wie man die Figur abschließend auf den Punkt bringen kann“, sagt Thompson. „Er dachte darüber nach, war aber zu dem Zeitpunkt voll mit ,Rocky Balboa‘ beschäftigt. Es dauerte also eine gewisse Zeit, weil ihn Rocky und der Erfolg des Films reichlich beanspruchten. Wir mussten Geduld haben, bis sich der richtige Zeitpunkt ergab, um unseren Film zu drehen.“
Für Stallone war eine packende Story unabdingbar: „Wenn ich einen letzten ,Rambo‘ mache, muss er etwas zu sagen haben. Auf keinen Fall sollte es um Drogen oder einen Juwelenraub gehen. Das Thema muss eine menschliche Dimension haben, etwas über unsere Welt aussagen.“
Seit Jahren machten Ideen und Drehbücher für einen vierten „Rambo“ die Runde. Etliche Storys waren vor dem Hintergrund der bekannten Konflikte im Irak, in Afghanistan, im Sudan, in Kolumbien und sogar in Darfur angesiedelt. Obwohl Thompson und Millennium bereits die Rechte an einem halben Dutzend Drehbücher über Rambo besaßen, legte Stallone Wert auf ein weniger offensichtliches Umfeld – die Story sollte sich auf einen der weniger bekannten Krisenherde beziehen.
„Ich erkundigte mich und begann mit meinen Recherchen“, sagt Stallone. „Ich rief beim Söldnermagazin Soldier of Fortune und bei den Vereinten Nationen an. Ich fragte: ,Wo auf unserer Erde werden die Menschenrechte am offensichtlichsten und schlimmsten mit Füßen getreten, ohne dass darüber nennenswert berichtet wird?‘ Die Antwort war: ,Birma‘. Die Story bezieht sich auf Tatsachen, auf einen Krieg, der bereits 60 Jahre dauert. Was an Brutalitäten im Film zu sehen ist, erleben diese Menschen dort wirklich. Tatsächlich kann ich die meisten Gräueltaten gar nicht zeigen, weil sie viel zu schrecklich sind. Das ist das wahre Grauen des Krieges.“
Für den Stamm der Karen, der im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Alliierten gegen die Japaner und das birmanische Militär kämpfte, begann mit dem Waffenstillstand 1945 gleich ein neuer Krieg. Die Karen forderten einen unabhängigen und autonomen Staat, so wie ihn auch die anderen Stämme und Minderheiten des Landes forderten. Großbritannien war jahrzehntelang Kolonialmacht in Birma gewesen – jetzt zogen die Briten ihre Truppen ab, weil es in der Nachkriegszeit im eigenen Land genug Probleme zu lösen galt. So entstand ein neuer birmanischer Nationalismus. Nach dem Zusammenbruch der kolonialen Strukturen und des Königshauses blieb es dem birmanischen Militär vorbehalten, nach Jahren kriegerischer und ethnischer Auseinandersetzungen die Infrastruktur zu verwalten – von den Transportunternehmen über Import- und Exportfirmen bis zum Straßen- und Brückenbau und dem vorhandenen Kommunikationssystem. Als die Verhandlungen über die Unabhängigkeit der Karen 1947 kein Ergebnis brachten, gründeten sie die Gegenregierung Karen National Union (KNU) und nahmen den Unabhängigkeitskampf auf. Und sie kämpfen nach wie vor. Auch 60 Jahre später sind die Karen dem brutalen, systematischen Völkermord durch die birmanische Regierung ausgesetzt.
„Das hielt ich für das perfekte Sujet, weil es nicht nur um Rambo geht – das passiert tatsächlich“, sagt Stallone. „Durch das Darsteller-Ensemble, die Missionare und die Söldner, steht nicht nur ein Mann im Mittelpunkt. Als ich mit meinen Recherchen begann, dachte ich: ,Wenn ich beides unter einen Hut bekommen könnte – auf den Bürgerkrieg zwischen Karen und Birmanen aufmerksam machen und den Zuschauern gleichzeitig eine gute Abenteuergeschichte präsentieren – wäre das genau das Richtige.‘“
Auch in anderer Hinsicht bot sich laut Stallone das Thema Birma an, denn Rambo lebte schon im zweiten und dritten Film in Thailand. Wie viele Kriegsveteranen blieb Rambo in Südost-Asien, weil er sich in der amerikanischen Gesellschaft nicht mehr wohl fühlt. Als Stallone 20 Jahre später die Story weiterspann, überlegte er, was Rambo inzwischen erlebt haben könnte, welche Auswirkungen sein mönchischer Lebensstil als Einsiedler hat, wo er wohnt und arbeitet. Er stellte sich einen Mann vor, der von der Welt nichts mehr wissen will, weil er zu viel gesehen und durchgemacht hat. „Er ist ein Außenseiter, der sich aber nicht total abschottet“, sagt Stallone. „Er ist eher ein Aussteiger – total ernüchtert von der Welt. Grundsätzlich zieht er die Einsamkeit vor.“
Dazu sagt seine Partnerin Benz, „Das ist nicht mehr der Rambo mit den eingeölten Muskeln, nicht der Rambo von vor 20 Jahren. Jahrzehnte sind vergangen, Rambo ist weicher geworden, zeigt mehr Mitgefühl. Man spürt, wie ihn seine Erlebnisse und Erfahrungen aus den ersten drei Filmen mitgenommen haben. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst.“
Rambo erklärt sich bereit, die Missionare unter Führung von Dr. Michael Bennett und seiner Verlobten Sarah flussaufwärts nach Birma zu bringen – aber er willigt nur widerstrebend ein, und erst nachdem er Sarahs Argumente gehört hat. Als die Missionare nicht wie geplant zurückkehren, ist nur Rambo in der Lage, die angeheuerten Söldner zu führen und die Verschollenen aufzuspüren.
„Rambo will den Missionaren helfen, weil er Sarah offenbar als einen optimistischen Hoffnungsschimmer erlebt“, sagt Stallone. „Vielleicht hat er so etwas als junger Mann zum letzten Mal verspürt, als er Soldat wurde – damals dachte er, er könnte die Welt tatsächlich verändern. Daran glaubt er heute natürlich nicht mehr, aber er sieht sie als seinen Schützling und fühlt sich für sie verantwortlich. Er spürt ihr Gottvertrauen und findet, dass man es respektieren und bewahren sollte.“
Außerdem kennt Rambo die unvorstellbare Korruption und Brutalität im heutigen Birma – die Folter, Kollektivexekutionen, den Einsatz von Vergewaltigungen als Waffe gegen Kinder und Erwachsene. Rambo ist im nördlichen Bergdschungel an der Grenze zwischen Birma und Thailand herumgekommen, hat dort gelebt und gearbeitet. Er hat miterlebt, wie die Ernten und Dörfer gnadenlos zerstört wurden, er kennt die Opfer der Landminen, die Arbeitslager, in denen geprügelte, halb verhungerte Männer, Frauen und Kinder der Karen dahinvegetieren. Bisher hat er sich immer herausgehalten, doch jetzt spürt er die Verantwortung, er muss eingreifen – egal, welche Hölle ihn auch erwartet.
„Wir können nicht mal zehn Prozent der Völkermord-Gräuel zeigen, die dort an der Grenze tagtäglich systematisch durchgeführt werden“, sagt King. „Wir haben das genau recherchiert – nichts ist erfunden. Das sind Tatsachen, die sich belegen lassen – keine Gewalt um der Gewalt willen. Seit 60 Jahren werden diese Menschen systematisch ausgerottet – und niemand weiß davon. Niemand kennt das Grauen, das sich dort abspielt.“
Die Dörfer der Karen-Stämme erstrecken sich von der Stadt Mae Hong Son im Osten durch Zentral-Thailand bis in den Süden von Birma entlang der 2496 Kilometer langen Grenze. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs bemüht sich das mit chinesischen Waffen ausgerüstete birmanische Militär, die Karen-Stämme auszurotten und sich ihr an Bodenschätzen reiches Gebiet anzueignen, in dem Öl, Rubine, Smaragde und Jade gefunden werden. Dass von diesen Umständen kaum etwas bekannt ist, liegt vor allem daran, dass Birma inzwischen keinerlei diplomatische oder Medien-Kontakte zum Westen mehr unterhält. Bekannt wurden allerdings der Studentenaufstand und das Massaker in Rangun am 19. September 1988 und die Rebellen der Karen, die als „Gottesarmee“ bezeichnet wurden – so kam der seit Jahrzehnten andauernde Bürgerkrieg kurzfristig in die Schlagzeilen. Doch 2002 untersagte der thailändische Sicherheitsrat allen Auslandskorrespondenten den Zutritt zu den Flüchtlingslagern und den Sperrgebieten entlang der birmanischen Grenze. Allgemein nimmt man an, dass das Presseverbot als direkte Antwort auf zwei vernichtende Berichte erlassen wurde, die in jenem Jahr von Menschenrechtsorganisationen veröffentlicht wurden: den Report „Lizenz zur Vergewaltigung“ vom Volk der Shan und den Bericht „Brutales Terrorregime“ der Free Burma Rangers, die beide auch im Film erwähnt werden.
„Die Ereignisse in Birma werden in der Presse deutlich heruntergespielt, weil die Birmanen von sehr mächtigen Leuten und Ländern unterstützt werden“, sagt Stallone. „In unserem Film erzählen wir eine fiktive Geschichte vor einem realistischen Hintergrund. Wir tragen die große Verantwortung, die Geschichte der Karen publik zu machen und dabei unsere erfundene Geschichte möglichst dramatisch und temporeich zu erzählen.“
Die meisten westlichen Schauspieler und Mitarbeiter im Filmteam hatten noch nie vom Bürgerkrieg zwischen Birmanen und Karen gehört. „Ich wusste praktisch nichts darüber“, gibt McTavish zu. „Ich will nicht anmaßend erscheinen, aber ich glaube wirklich, dass ein Film dieser Größenordnung mehr für die Aufklärung über diesen Konflikt tun kann als die zahllosen Pressekonferenzen der Menschenrechtsorganisationen. Traurig, aber wahr.“
Natürlich kennen die vor Ort lebenden Schauspieler, Teammitglieder und Statisten den Konflikt. Viele von ihnen haben den Krieg selbst miterlebt und in ihm gelitten. Nun müssen sie Konsequenzen wegen ihrer Mitwirkung im Film fürchten. Schauspieler Muang Muang Khin, einst ein Rebellenführer der KNU, der hier den birmanischen Major Tint spielt, nimmt dieses Risiko in Kauf, um die Welt auf das Schicksal seines Volkes aufmerksam zu machen: „Ich übernahm die Rolle, weil ich die Birmanen hasse – ich musste das einfach spielen. Die Welt muss wissen, wie die Birmanen die Menschen in den Minderheitenregionen ermorden. Wenn der Film anläuft, werde ich mich möglichst unauffällig verhalten, denn der birmanische Geheimdienst ist überall, sogar in Thailand – es könnte zu Vergeltungsmaßnahmen kommen.“
Die birmanische Regierung und der große Apparat des militärischen Geheimdienstes verbreiten auch in Thailand Angst und Schrecken – Hunderte von Meilen abseits des Kriegsgebiets. „Die birmanische Regierung lässt über diesen Konflikt absolut nichts verlauten. Vielleicht ist ein Projekt wie unseres nötig, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen“, sagt King. „Natürlich gibt es auch andere brennende Themen und Konflikte – Irak, Iran, Afrika – und dieser ist einer von vielen. Aber in diesem Film geht es um einen bestimmten Krieg, einen entsetzlichen Völkermord. Vielleicht können wir zur Bewusstseinsbildung ein wenig beitragen.“
Dazu Stallone: „Wenn die Welt Rambo kennt, dann nimmt sie vielleicht jetzt auch die Karen zur Kenntnis.“