FILMDETAILS | The Chumscrubber - Glück in kleinen Dosen
The Chumscrubber - Glück in kleinen Dosen
Drama
| USA 2005
WERBUNG
| Die Philosophie
„Ich stellte mir die Kids und die Erwachsenen als zwei Mannschaften vor, als zwei Armeen, als sich gegenüberstehende Teams“, erklärt Standford und merkt an, dass er beginnend mit der ersten Idee für THE CHUMSCRUBBER eng mit Arie Posin arbeitete. „Sehr früh fassten wir den Entschluss, dass es immer, wenn Kinder und Erwachsene zusammenprallen, zu einem Akt der Gewalt kommen sollte, ob nun auf psychischer oder körperlicher Ebene.“ Posin fügt hinzu: „Wir wollten das Publikum spüren lassen, dass es sich hier um zwei voneinander getrennte Welten handelt, die parallel zueinander existieren.“
Einer der großartigen und subversivsten Witze von THE CHUMSCRUBBER ist es, dass die Erwachsenen unreif und kindisch sind, während die Jugendlichen emotional gefestigt erscheinen. In einem wunderschön traurigen Moment des Films sieht man die von Allison Janney gespielte Mutter von Dean bei einem Glas Wein im Garten sitzen, und sie sagt zu ihrem Teenager-Sohn: „Wie wäre es, wenn wir die Rollen vertauschen könnten? Wenn du das Elternteil wärest und ich das Kind? Und du würdest mir sagen, was ich zu tun hätte.“
Die Dichotomie zwischen Eltern und Kindern verleiht THE CHUMSCRUBBER ein zweigeteiltes narratives Element, was Posin mit einer interessanten visuellen Strategie noch verstärkt. „Die russische Schule des Filmemachens lehrt, dass jede einzelne Einstellung zur Erzählung der Geschichte beiträgt, aber mit unendlich vielen Möglichkeiten aufgelöst werden kann“, betont Posin. „Ich habe gezielt verschiedene Kamerastile für die Szenen mit Erwachsenen und für die Szenen mit den Kids ausgesucht.“
Die Szenen mit den Teenager-Figuren werden mit einer mobilen, dynamisch eingesetzten Kamera stets leicht von unten nach oben gefilmt (um dem Publikum den Eindruck zu vermitteln, dass die Figuren etwas eindrucksvoller sind, als sie das in der Realität wären). Die Eltern werden dagegen mit einer deutlich starreren, statischeren Kamera von oben gefilmt; Bewegung wird durch Zooms erzielt. Wenn sich der von Ralph Fiennes gespielte Bürgermeister Ebbs im Lauf des Films mehr und mehr auf einen kindgleichen, wundersamen Zustand zurückzieht, reflektiert die Kameraarbeit seine emotionale Reise.
Als überraschende Inspiration für diese kreativen Entscheidungen nennt Posin einen seiner Lieblingsfilme, Federico Fellinis Meisterwerk 8 1/2 („8 1/2“, 1963). „Fellini dreht die Traumwelt und die reale Welt und die Rückblenden in verschiedenen Stilen, was es dem Zuschauer erlaubt, zwischen den verschiedenen Welten zu unterscheiden. Das finde ich wunderschön“, erzählt Posin. „Am Ende des Films gelingt es ihm, die verschiedenen Welten beinahe unmerklich zu verschmelzen und zusammen zu bringen.“
Das Szenenbild von THE CHUMSCRUBBER orientierte sich auch an den entgegen gesetzten Welten der Erwachsenen und der Kids. Die Welt der Erwachsenen ist paradiesisch, idyllisch, antiseptisch und gnadenlos hell. Die Welt der Kinder dagegen ist farbentsättigt, beinahe monochrom, und unordentlicher. Das Farbschema findet sich auch in den Kostümen – Dean beispielsweise trägt fast ausschließlich grau.
Dean ist es auch, der sich durch beide Welten navigieren muss. Sein Name ist nicht von ungefähr angelehnt an einige historische jugendliche Filmaußenseiter wie James Dean in REBEL WITHOUT A CAUSE („Denn sie wissen nicht, was sie tun“, 1955) oder der von Christian Slater dargestellte J.D. in HEATHERS („Heathers“, 1989). „Wir haben nach einer Hauptfigur gesucht, die perfekt in diese prototypische amerikanische Landschaft passt, um sich gegen sie aufzulehnen“, sagt Stanford. „Als wir uns auf Dean geeinigt hatten, warfen wir einen Blick auf die Tradition des Teenagerfilms und überlegten uns, wie wir dem bereits Bestehenden etwas Neues hinzufügen konnten.“
„Der Film befasst sich auf höchst interessante Weise mit Jugendlichen und der Drogenkultur“, meint Lawrence Bender. „Es gibt Millionen von Kids in diesem Land, die mit Ritalin vollgepumpt sind. Da reden all diese Menschen vom Kampf gegen Drogen – und gleichzeitig ist es den Pharmakonzernen erlaubt, sich für teuer Geld Werbezeit im Fernsehen zu kaufen und ihre Drogen zu bewerben. Wir leben in einer Drogenkultur, wo es keine klare Abtrennung mehr gibt zwischen dem, was legal ist und was illegal.“ THE CHUMSCRUBBER greift diese Entwicklung auf, indem der Film zeigt, wie Deans Vater, ein Psychiater, seinem Sohn Medikamente in die Hand drückt, um ihn „etwas in die Balance“ zu bringen, während die Kids in der Schule mit einer Selbstverständlichkeit mit bunten Pillen dealen, als würden sie Baseball-Karten austauschen.
Unbedingt bemerkenswert ist auch Stanfords außergewöhnlich gutes Ohr für die Sprache der Jugendlichen. Die Dialoge sind absolut auf den Punkt, predigen nicht, sind nicht herablassend und entbehren jeglichem aufgesetzten Hipstertums. „Zac redet mit seiner sechsjährigen Tochter Julia, als wäre sie erwachsen. Er redet mir ihr, als wäre sie einer der Seinen“, erklärt Posin, wenn man ihn darauf anspricht, dass sein Film bei der Darstellung des Lebens von Jugendlichen absolut glaubwürdig ist. „Und dann muss man sagen, dass die Schauspieler wahnsinnig gut sind. Jamie Bell ist vielleicht erst 18 Jahre alt, aber er ist sicher kein Kinderschauspieler mehr.“
„Mein Geheimnis ist, dass ich die Jugendlichen so schreibe, als wären sie Erwachsene“, meint Stanford. „Ich mag danach manche Wörter ändern, aber ich mache sie nicht absichtlich dümmer. Und Kids sind meistens ehrlicher als Erwachsene.“ Das letzte Statement findet sich leicht abgewandelt auch in THE CHUMSCRUBBER, wenn Crystal Charlie warnt, niemals zu versuchen, jemand zu sein, der er nicht ist, weil er sonst eines Tages vergessen könnte, wer er ist.
Posin fasste den Entschluss, THE CHUMSCRUBBER auf Super-35MM zu drehen, ein extremes Widescreen-Format. „Die Frage war, wie man eine etwas banale Welt, die manche im Publikum womöglich aus erster Hand kennen würden, gleichzeitig glaubwürdig und doch ungewöhnlich machen könnte“, erläutert Posin. „Super-35 verleiht dem Film eine epische Dimension, eine größere, grandiosere, auffälligere Leinwand, die man mit mehr Dingen anfüllen kann.“
Super-35 bietet Filmemachern außerdem manch interessante Möglichkeit. In einer Szene gegen Ende des Films muss Dean sich entscheiden, ob er seinen Vater zu einer Hochzeit oder seine Mutter zu einer Beerdigung begleiten soll. Während Dean in der Mitte des Bildes eingefroren wird und sich seine Eltern jeweils auf der gegenüberliegenden Seite befinden, fährt die Kamera langsam auf Dean zu und lässt die Eltern langsam aus der Sicht des Publikums und damit den Überlegungen des problemgeplagten Helden entschwinden. Die Kamerabewegung ist organisch sowie gewagt – einer jener Momente in einem Film, der dem Publikum zeigt, dass es sich in die Hände eines Filmemachers begeben hat, der es versteht, psychologische Umstände mit seiner Kameraarbeit zu verdeutlichen.
„Wir alle haben am selben Strang gezogen“, betont Stanford, der sich an jedem einzelnen Drehtag am Filmset befand, und lobt damit die Produktionscrew, die mit vollem Einsatz daran arbeitete, dass der Drahtseilakt von THE CHUMSCRUBBER, eine tonale Balance von Drama und Komödie zu schaffen, auch funktionierte. „Als wir uns daran machten, die Crew zu versammeln, war es Arie wichtig, sein Traumteam zu finden“, sagt Curtis. „Er redete stundenlang mit den unterschiedlichsten Kameramännern, Schnittmeistern und Szenenbildnern. Ich bin fest davon überzeugt, dass er das Team gefunden hat, mit dem er auch seine künftigen Filme realisieren wird.“