„Truman, man hat mich gebeten, deine Biographie zu schreiben. Wirst du mitmachen?“
Am anderen Ende der Telefonleitung gab es eine kurze Pause. Und dann eine noch kürzere Antwort: „sicher.“ Also fing ich an.
Ich dachte, dass sich mein Buch relativ leicht würde schreiben lassen. Immerhin hatte ich bereits viele Profile berühmter und talentierter Menschen für das Time Magazine geschrieben – eine Liste, die letztlich jeden von Mae West bis Susan Sontag, von Elizabeth Taylor bis Joseph Campbell umfasste. Außerdem hatte ich für The Atlantic und Esquire eine Serie über Schriftsteller verfasst. Gore Vidal. Allen Ginsberg, der Beat-Poet. Vladimir Nabokov, der Schöpfer von „Lolita“. P.G. Wodehouse, das urkomische Genie, auf dessen Konto „Jeeves“ geht. Und schließlich Truman Capote, der zu diesem Zeitpunkt der am meisten gefeierte Schriftsteller in Amerika war – der Autor von „Kaltblütig“, das Buchphänomen der 60er Jahre, das seit seiner Veröffentlichung das Wesen und die Bedeutung der Non-Fiktion maßgeblich verändert hatte. „Kaltblütig“ war auch der Grund, warum mein Verleger mich angerufen und warum ich Kontakt mit Truman aufgenommen hatte.
Ich dachte, die Biographie würde zwei Jahre in Anspruch nehmen. Drei vielleicht. Ich war sicher, dass das Schreiben ein Spaziergang werden würde, mit Interviews in schicken Restaurants und Litern der besten Weinjahrgänge am jeweils besten Tisch des Hauses. Wo auch immer Truman Capote durch die Tür kam, unternahmen die Chefkellner mit Ausnahme von unterwürfigen Verbeugungen alles, um ihm zu signalisieren, dass sie alles für ihn tun würden. „Man könnte sagen, dass Truman allmächtig geworden ist“, schrieb eine Zeitung. Und für etwas mehr als ein Jahrzehnt traf das auch zu.
Was die Interviews in schicken Restaurants und die rauen Mengen an Beaujolais anbetraf, sollte ich Recht behalten. Bei allem anderen hatte ich mich geirrt. Wenn er gewusst hätte, wie lange es dauern würde, „Kaltblütig“ zu schreiben, und was es ihm abverlangen würde, dann hätte er nie in Kansas angehalten, gab Truman später zu Protokoll. Er wäre weitergefahren – „wie eine Fledermaus aus der Hölle“. Manchmal habe ich fast dasselbe empfunden. Was ich nicht vorhergesehen hatte, war das Drama, das Trumans Leben ständig umgab – ein Drama, in dem ich manchmal selbst eine Rolle spielte. Das Resultat war, dass es 13 Jahre dauerte, bis ich mein Buch fertig geschrieben hatte. Toller Spaziergang! Es war das Schwerste, was ich in meinem Leben gemacht habe. Aber es gibt auch nichts, was jemals erhebender gewesen wäre.
Auf der Suche nach Information reiste ich kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und machte immer wieder Abstecher nach Europa. Eines meiner Reiseziele war selbstverständlich Kansas, der Schauplatz von „Kaltblütig“. Mit Ausnahme von zwei Figuren lernte ich alle Protagonisten von CAPOTE, dem Film, kennen. Harper Lee, die Truman bei seinen Recherchen half und mit ihrem Roman „Wer die Nachtigall stört“ selbst schon bald eine literarische Sensation werden sollte. Alvin Dewey, der ermittelnde Detective des Kansas Bureau of Investigation, und seine Frau Marie. William Shawn, der Chefredakteur des New Yorker. Und Jack Dunphy, Trumans langjähriger Gefährte.
Die zwei, die ich nicht interviewen konnte, waren die Mörder, Perry Smith und Dick Hickock. Sie waren 1965 hingerichtet worden. Aber ich lernte sie dennoch kennen – intim, wie ich mir einbildete – durch die etwa 40 Briefe, die sie an Truman geschrieben hatten. Die meisten ihrer Briefe sind mehrere Seiten lang. Sie sind schonungslose Blicke in das Leben in der Todeszelle. Truman hat sie mir gegeben. Dan Futterman, der das Drehbuch zu CAPOTE schrieb, ist der Einzige, den ich sie jemals habe lesen lassen. Ihr Dialog im Film reflektiert – bisweilen Wort für Wort – was Perry und Dick tatsächlich gesagt haben.
Das Drehbuch des Films stammt komplett von Dan, und er hat eine prächtige Arbeit abgeliefert. Ich habe nur insofern dazu beigetragen, indem ich bereitwillig jede Frage beantwortet habe, die er mir zum Thema stellte. Hätte Truman so etwas gesagt? Hätte er Dinge auf diese Weise gemacht? Bennett Miller, der Regisseur des Films, und Philip Seymour Hoffman, der Truman spielt, haben mich in meinem Haus im Osten von Long Island besucht. Sie haben mir weitere Fragen gestellt. „Trug Truman seine Brille die ganze Zeit?“, war eine der Fragen, die Philip interessierte. (Die Antwort: Wie viele andere kurzsichtige Menschen, nahm Truman seine Brille ab, wenn er sich hinsetzte.) Um Trumans eigenartige, kindliche Stimme – Truman lispelte nicht, wie manche Autoren fälschlicherweise schreiben – reproduzieren zu können, gab ich ihm Bandaufnahmen einiger meiner Interviews. Philip hat den Rest erledigt. Durch die Alchemie, die nur sehr wenige ausgesprochen begabte Schauspieler besitzen, ist ihm weitaus mehr gelungen, als Truman nur nachzumachen. Für die Dauer des gesamten Films hat er ihn wiederauferstehen lassen.
In der letzten Juniwoche 1984 – er starb im August des Jahres – hatte ich in Long Island jeden Tag Lunch mit Truman. Danach setzten wir uns bei mir oder ihm hin, um uns lange zu unterhalten.
„Es gibt da einen T.C., der absolut einmalig ist“, sagte er einmal. „Es gab niemanden wie mich vor mir, und es wird niemals wieder jemanden geben, der so ist wie ich, wenn ich nicht mehr da bin.“ Das ist wahr – wer würde ihm da widersprechen wollen? Für die zwei Stunden, die der Film dauert, kommt Philip aber verdammt nah ran.