Mit „Kaltblütig“ unternahm Truman Capote den Versuch, etwas völlig Neues zu erschaffen – etwas, das er selbst „Non-Fiction Novel“, also „Non-Fiktions-Roman“, nannte. Sein Ziel war es, ein Werk der Non-Fiktion mit den Techniken der Fiktion – künstlerische Auswahl und das Auge des Literaten für bemerkenswerte Details – zu verfassen. Er wollte beweisen, dass eine Tatsachenerzählung ebenso packend sein kann wie ein raffinierter Thriller. Sein Erfolg wird gleich auf der ersten Seite offensichtlich, auf der er den Leser mit wenigen Worten mitten hineinversetzt in das Flachland von Kansas. „Das Land ist so flach, dass man nach allen Seiten unheimlich weite Ausblicke hat. Pferde, Rinderherden, eine Gruppe von weißen Getreidesilos, schlank und anmutig wie griechische Tempel, sieht man schon lange, bevor man herankommt.“ Spätestens ab der dritten Seite, wenn vier Gewehrschüsse der Stille der Prärie ein jähes Ende setzen, lässt die Erzählung den Leser nicht mehr los. „Der perfekteste Autor meiner Generation“, wurde Capote von Norman Mailer genannt. Mit „Kaltblütig“ bewies Capote, dass Mailer nicht übertrieben hatte.
Es würde schwerfallen, den Einfluss, den „Kaltblütig“ auf andere Schriftsteller haben sollte, nicht wahrzunehmen. Bis zur Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1966 hatten Schriftsteller – oder besser gesagt: talentierte, ambitionierte Schriftsteller – den Eindruck, sie müssten in die Fußstapfen von Fitzgerald, Hemingway und Faulkner treten und Fiktion veröffentlichen. Non-Fiktion dagegen war etwas für Historiker, Journalisten und Stümper. Capote eröffnete neue Wege. In den folgenden Jahrzehnten folgten ihm viele der besten Autoren in Amerika und fanden ihre Themen und Figuren, wie es Capote vorgemacht hatte, in der harschen Welt realer Vorkommnisse. Capotes Einfluss reicht sogar bis ins 21. Jahrhundert. Selbst Schriftsteller, die nie von „Kaltblütig“ gehört oder das Buch gelesen haben, schreiben so, wie sie es tun, weil er es so getan hat.
CAPOTE, der Film lädt den Zuschauer dazu ein, sich in eine Zeit zu denken, in der Schriftsteller eine Form von Berühmtheit und Bekanntheit erreichten, wie man sie heute bei Figuren der Popkultur kennt. In Amerika wurde damals erheblich mehr gelesen als es heute der Fall ist. Bücher waren wichtig. Dazu kommt, dass Truman dazu geboren war, sich selbst im Rampenlicht zu präsentieren. Damit ebnete er den Weg für jene Art von Persönlichkeitskult, wie er heute allgegenwärtig ist. Sein Ruhm war nicht auf einzelne Kategorien beschränkt. Capote wurde von der Hoch- und Trivialkultur gefeiert, lieferte Stoff für ernsthafte literarische Betrachtung ebenso wie für frivoles Getratsche in der High-Society. Sein Name war nicht aus Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendungen wegzudenken. Wenn er durch Manhattan spazierte, riefen ihm Lastwagenfahrer zu „Hey Truman, wie geht’s?“, und die Damen von der Telefonvermittlung erkannten ihn, sobald er zu sprechen begann.
1967, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Buches, kam Regisseur Richard Brooks nach Holcomb, um den Roman zu verfilmen. Um sich von der Einheitlichkeit Hollywoods von vornherein abzusetzen, drehte Brooks in Schwarzweiß und besetzte zwei unbekannte Schauspieler – Robert Blake und Scott Wilson – als Perry Smith und Dick Hickock. Einzig die Rolle des Alvin Dewey fiel einem bekannten Film- und Fernsehschauspieler zu: John Forsythe, der später vor allem als Stimme von Charlie in „Drei Engel für Charlie“ und als Blake Carrington in „Der Denver-Clan“ TV-Geschichte schrieb. Der Dreh fand im Haus der ermordeten Familien Clutter sowie anderen authentischen Plätzen statt. Brooks filmte sieben der realen Geschworenen, den tatsächlichen Henker und Nancy Clutters Pferd Babe. Truman schaute während der Dreharbeiten vorbei und erregte damit so große Aufmerksamkeit und Pressetrubel, dass Brooks den Schriftsteller als Ablenkung empfand und ihn darum bat, wieder abzureisen. Truman willigte ein, aber nicht, bevor er mit Blake und Wilson für ein Titelfoto für Life posiert hatte.
Der Film kam im folgenden Jahr ins Kino und war ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Er erhielt vier Oscar®-Nominierungen: für die Beste Regie und das Beste Drehbuch (Brooks), die Beste Kamera (Conrad L. Hall) und die Beste Musik (Quincy Jones).
1996 wurde „Kaltblütig“ ein zweites Mal verfilmt, diesmal als Hallmark-TV-Movie, inszeniert von Jonathan Kaplan (Accused (Angeklagt, 1988)) und mit Sam Neill als Dewey sowie Eric Roberts und Anthony Edwards als Smith und Hickock. Dieser Film wurde in Kanada gedreht.
„Kaltblütig“ bescherte Capote gewaltigen Ruhm, viel Geld und und eine Menge Respekt. Aber das Buch markierte auch einen weiteren Wendepunkt in seinem Leben. „In manchen Leben“, schrieb Gerald Clarke „gibt es Momente, die, wenn man sie später betrachtet, als die Linien angesehen werden können, an denen ein dramatischer Aufstieg oder tiefer Fall beginnt. Der unmittelbare Grund für Capotes tragischen Fall – und nichts anderes war es – war ,Kaltblütig‘ selbst.“