1986 hatte der 23-jährige Student Shane Black gerade sein Studium an der University of California/Los Angeles abgeschlossen und schrieb sein erstes Drehbuch. Innerhalb einer Woche erwarb Produzent Joel Silver die Option, und zusammen mit Regisseur Richard Donner läuteten die beiden mit „Lethal Weapon“ (Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis) eine neue Filmära ein: Silver, der bereits die bahnbrechenden Action-Filme „Commando“ (Phantom-Kommando) und „Predator“ (Predator) produziert hatte, förderte nun die auf starke Hauptfiguren konzentrierte Genre-Kombination aus Komödie und Action.
Mel Gibson und Danny Glover spielten die sehr unterschiedlichen Cop-Partner, die sich mit einem Drogenschmugglerring herumschlagen: in „Lethal Weapon“ entwickelte Black seine Neigung für Helden, die der hektischen Action und den schnellen Dialogen an Explosivität in nichts nachstehen. Der Film erwies sich als Blockbuster und entwickelte sich zu einer Serie von insgesamt vier Filmen, die eine ganze Generation von Filmemachern beeinflusste und als Messlatte für zahllose Nachahmungen diente.
Ein neues Genre war geboren: das Buddy-Action-Movie.
„Shanes Stil ist in allen seinen Texten spürbar“, sagt Silver, der dem Action-Kino mit „Die Hard“ (Stirb langsam, 1988) und „The Matrix“ (Matrix, 1999) entscheidende neue Impulse gab. „Ob wir die Konventionen des Genres nutzen oder sie bewusst auf den Kopf stellen – immer bevölkert er seine Filme mit originellen Figuren, einfallsreicher Action und unvergesslichen Sprüchen. Seine Texte unterhalten genauso gut wie die Filme, die daraus entstehen.“
„Filme, die mich interessieren, verbinden oft zwei Elemente auf ganz neue Art und Weise“, sagt Black. Im Drehbuch zu „Lethal Weapon“ kombinierte er einen erfahrenen Detektiv mit einem selbstmörderischen jüngeren Cop, dessen Unberechenbarkeit für ebenso komische wie spannende Überraschungen sorgt.
Seinen ersten denkwürdigen Detektiv schuf Black 1991 in dem Buddy-Action-Film „The Last Boy Scout“ (Last Boy Scout – Das Ziel ist Überleben) mit Bruce Willis als heruntergekommenem Privatschnüffler, der mit sich ins Reine kommen muss. Er tut sich mit einem in Ungnade gefallenen Ex-Quarterback (Damon Wayans) zusammen, um einen Korruptionsfall in der millionenschweren Welt des Profi-Footballs zu untersuchen. In Blacks dynamischem Drehbuch „The Long Kiss Goodnight“ (Tödliche Weihnachten, 1996) entdeckt ein viertklassiger Privatdetektiv (Samuel L. Jackson), dass eine Lehrerin mit Gedächtnisschwund (Geena Davis) in Wahrheit eine mörderische Geheimagentin ist, die die Regierung stürzen will.
Dass Black sich so intensiv dem Action/Krimi-Milieu verschrieb, hängt damit zusammen, dass er als Jugendlicher wie besessen Kriminalromane verschlang – billige Hefte, die von hartgesottenen Privatschnüfflern und in Bedrängnis geratenen Frauen nur so wimmeln: In schlüpfrigen Geschichten werden zwei scheinbar völlig getrennte Fälle aufgerollt, die dann aber durch Skandale und Mord in ein gemeinsames Finale münden, und immer siegt die Gerechtigkeit – wenn auch mit bitterem Nachgeschmack.
„Ich las ,The Hardy Boys‘ (Die Hardy Boys) und ,The Three Investigators‘ (Die drei ???), spannende Bücher für Kids, aber die echten Helden meiner Kindheit fand ich eher in den Erwachsenen-Regalen der Bibliothek“, sagt Black. „Detektivstories mochte ich besonders, ich habe sie verschlungen, buchstäblich Hunderte davon. Als Kind durfte ich sie nicht lesen, weil sie nicht jugendfrei waren, also habe ich sie mir heimlich besorgt. Ich habe mein Taschengeld gespart – drei Mittage lang habe ich gehungert, um mir das neue „Mike Shayne“-Heft oder den neuen ,Shell Scott‘ oder ,Chester Drum‘ zu kaufen. Die schlüpfrigen Szenen waren zwar toll, aber mich interessierten vor allem die kniffligen Fälle. Diese Krimis waren in einem zupackenden, maskulinen, grobgestrickten Rhythmus verfasst, und zwischen den Zeilen nahm ich eine noch intensivere, überwältigende, rein gefühlsmäßige Dimension wahr. Hätte ich diese Geschichten nicht gelesen, wäre ich heute kein Drehbuchautor.“
„Weil ich vom Mythos Privatdetektiv so fasziniert, von den Groschenromanen derart besessen war, brauchte ich als Erwachsener dann ein Ventil dafür“, fährt Black fort. „In gewisser Weise habe ich das in ,Lethal Weapon‘ und ,The Last Boy Scout‘ umgesetzt. Aber ich habe noch nie meinen Gesamteindruck aus diesen Heften in einem eigenen Privatdetektiv verarbeitet, obwohl ich das schon lange versuchen wollte. ,Kiss Kiss, Bang Bang‘ ist also ganz bewusst als Hommage an die Krimis angelegt, die ich als Kind gelesen habe.“
Die Handlung zu Blacks „Kiss Kiss, Bang Bang“ spielt in einem Gelobten Land mit Schönheitsfehlern, das man als heutiges Los Angeles bezeichnet – ein gewaltiges Haifischbecken, in dem die vom Schicksal gebeutelten, aber aufrechten Helden ganz ähnlich mit ihrem Schicksal hadern wie in den Geschichten der von Black so geschätzten Detektivromane. In diese gefährlichen Gewässer wagen sich der Kleinganove Harry Lockhart und die Möchtegern-Schauspielerin Harmony Faith Lane. Die beiden einstigen Sandkastenfreunde haben sich jetzt wiedergetroffen, und beide verehren den längst vergessenen Groschenheft-Helden Jonny Gossamer, einen raubeinigen Privatschnüffler ganz in der Tradition der von Black erdachten Helden.
Der fiktive Jonny Gossamer tritt in „Kiss Kiss, Bang Bang“ zwar nur kurz in der Szene eines Films im Film auf, aber er ist der Maßstab, an dem sich die handelnden Figuren messen – sein Einfluss ist im gesamten Film zu spüren. „Jonny Gossamer hat etwas Schicksalhaftes, als ob er dem Tod ins Gesicht spuckt“, sagt Black über den von ihm erfundenen Schnüffler. „Als zwielichtiges, trashiges Groschenheft-Phänomen bedeutet er aber für die Figuren meines Films sehr viel mehr. Er bildet nämlich die Metapher für jugendlichen Enthusiasmus, er steht für etwas, an das man glauben kann – jenseits unserer Alltagsexistenz. Meine Figuren glauben an einen Helden, und sie möchten eines Tages so werden wie er.“
Im Lauf der Handlung ergreifen Blacks Figuren die Gelegenheit beim Schopf, um ihrem bisherigen traurigen Dasein zu entkommen und endlich einmal etwas Positives zu bewerkstelligen, doch ihre Realität wird zunehmend von der Atmosphäre in Jonny Gossamers fiktiver Welt durchsetzt, der Zufall verwandelt sich in Schicksal, die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion, und jeder bekommt die Chance, sich in einem großen Moment zu bewähren.
„Es ist sehr wichtig, an eine abgenutzte, verstaubte Gattung zu glauben, die die meisten gar nicht als Literatur ansehen“, glaubt Black. „Es gibt kaum aktuelle Neuinterpretationen der großen Tradition des L.A.-Privatschnüfflers. Ich versuche eine filmische Gratwanderung – einerseits nimmt der Film sich ernst genug, um Spannung zu garantieren, andererseits spielt er aber auch mit den Versatzstücken, wirkt frisch und unterhaltend.“
Nachdem er sein Markenzeichen, den Buddy-Film, auf clevere Art mit dem klassischen Film noir kombiniert hatte, schickte Black sein fertiges Drehbuch „Kiss Kiss, Bang Bang“ an Silver. „Ich fand es logisch, das Projekt mit Joel zu machen, denn ich war davon überzeugt, dass er sich mehr als meine anderen bisherigen Produktionspartner für den Stoff begeistern würde. Er kennt die Materie nicht nur allgemein, er versteht ganz genau, was mir vorschwebt“, sagt Black.
„Ich fand Shanes Skript sehr komisch, romantisch, spannend und voller origineller, unerwarteter Momente“, sagt Silver. „Die Genres und Einfälle werden sehr raffiniert kombiniert. Er bezieht sich auf den Film noir, die Groschenroman-Krimis, siedelt die Geschichte aber komplett im Hier und Jetzt an. Seine Begeisterung für die Krimi-Tradition ist in jeder Phase spürbar. Es dürfte wohl die romantischste Story sein, die Shane je geschrieben hat. Auf jeden Fall ist sie seine originellste.“
„Mit ,Kiss Kiss, Bang Bang‘ prägt er das Detektiv-Genre genau so, wie er den Action-Film geprägt hat“, sagt Executive Producer Susan Levin, die bei Silver Pictures als Executive Vice President of Production fungiert. „Er kombiniert originelle, überzeugende Helden mit einer Story voll cleverer Dialoge und hektischem Tempo, das an die klassischen Screwball-Komödien erinnert. Das Drehbuch zählt zu den besten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Und mit einem großartigen Stoff kann man auch großartige Schauspieler überzeugen.“