Donnerstag | 31. Mai 2012 | 12:23 Uhr
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    Thriller, Drama, Krimi | Deutschland 2006
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      • | Til Schweiger und die Kamera

      • „Ich nehme meine Aufgabe als Produzent auf mehreren Ebenen sehr ernst“, sagt Schweiger. „Ich kümmere mich darum, dass die Finanzierung sichergestellt ist – wir arbeiten diesmal mit vielen privaten Investoren, die 80 Prozent des Budgets aufgebracht haben. Dann habe ich mit Reto dem Drehbuch den letzten Schliff gegeben. Und während des Drehs bin ich ständig am Set, inszeniere mit Reto eine Reihe von Szenen, wir haben uns abgewechselt und ohne viele Worte abgestimmt. Ganz massiv engagiere ich mich dann in der Postproduktion. Während Reto den nächsten Drehtag vorbereitet und mit dem Kameramann die Einstellungen für die Szenen festlegt, sitze ich im Schneideraum und schneide die bereits abgedrehten Szenen. Fünf Tage nach Drehschluss hatten wir bereits einen Rohschnitt, der aber, so wie ich arbeite, eigentlich schon ein erster Feinschnitt ist, an dem dann eigentlich nur noch im Einzelfall das Tempo, die Dynamik der Szenen schnitttechnisch überarbeitet werden muss.“

        Dazu Tom Zickler: „Beim Dreh schaut Til sich jeden Take an, ist bei jeder Szene dabei, auch wenn er nicht selbst vor die Kamera tritt. Und nachts schneidet er die Szenen – am Morgen präsentiert er Reto die Szenen, die der vorgestern gedreht hat. Til hat ein untrügliches Auge und ein hervorragendes Gedächtnis: Mit einer traumhaften Sicherheit sagt er dann: Aus dem vierten Take nehmen wir diese eine Passage mit ihrem Kopfnicken… Und er gibt sich nie sofort zufrieden. Beim Schnitt gibt es nicht nur Plan B und C, sondern sechs Varianten, an denen er bastelt, bis sie seinem Perfektionismus genügen. Selbst wenn wir nach Drehschluss die Abschiedsparty gefeiert haben und ich endlich aufatme, bringt Til es fertig, ein paar Tage später anzurufen: ,Sag mal, können wir für diese Szene nicht noch einen Nachdreh organisieren?‘“

        Schweiger weiter: „Auch wenn ich bei einem Filmprojekt nur als Darsteller engagiert bin, speichere ich die vielen Takes im Kopf und weiß genau, welche Teilszenen ich wie einsetzen würde – oft nerve ich dann die Verantwortlichen und erinnere sie daran, dass es da doch noch einen Take gab, der noch eine Nuance besser ist‘. Bei mir ist das eine natürliche Begabung – mir fällt es leicht, Dinge in meinem Gedächtnis zu speichern, mir fällt das Auswendiglernen meiner Texte leicht. Wenn ein Regisseur von jeder Einstellung zehn Takes dreht, dann macht es viel Mühe, sie alle nach optimalen Momenten abzusuchen – viele Filmemacher nehmen dann letztlich doch den ersten Take. Darüber wundere ich mich manchmal. Weil ich das alles im Kopf habe, funktioniert die Auswahl natürlich schneller. Auch beim Drehen ist dieses Vorgehen wirtschaftlicher – ich weiß beispielsweise genau, dass die bisherigen Takes optimale Schauspielermomente für Anfang und Ende der Szene enthalten, beschränke mich also bei Wiederholungen auf die Sequenzen, die man noch verbessern kann.“

        Diese intensive Begeisterung für den Beruf des Filmemachers erstreckt sich bei Schweiger nicht nur auf die technischen Aspekte: „Als Jugendlicher ging ich nicht davon aus, Schauspieler zu werden – die Idee kam mir erst mit 21 Jahren. Aber das Kino war immer schon meine Leidenschaft. ,Birdy‘ von Alan Parker habe ich mir an fünf aufeinander folgenden Tagen angesehen. Mein Rekord war ,Der Profi‘ mit Jean-Paul Belmondo – den habe ich sechsmal gesehen. Das hat mich das Taschengeld für einen ganzen Monat gekostet!“

        Über seine langjährige Erfahrung mit seinem Produktionspartner Til Schweiger sagt Tom Zickler: „Til ist im Umgang nicht immer einfach – aber es gibt in Deutschland niemanden, der Kino so lebt wie er. Er kennt jeden Film, jeden Schauspieler. Ich schätze ihn auch als Darsteller sehr, seine eher reduzierte Spielweise. Und er legt auf Teamarbeit größten Wert. Er liebt Schauspieler über alles, kann dadurch die Atmosphäre am Set und natürlich das Endergebnis sehr stark beeinflussen.“

        „Til kann sich Regisseuren durchaus unterordnen, wenn unsere Firma nicht beteiligt, das heißt, wenn er nur als Darsteller engagiert ist“, sagt Produzent Zickler. „Aber bei unseren eigenen Produktionen muss er sich bestens mit dem Regisseur verstehen, und bei Reto Salimbeni ist das der Fall. Der Regisseur dreht ja nicht ,seinen‘ Film, sondern Til hat Mitspracherecht – alle Entscheidungen, der Schnitt werden gemeinsam diskutiert – auf äußerst professioneller Ebene.“

        „Til könnte es sich viel leichter machen, wenn er nur als Schauspieler aufträte. Aber das reicht ihm nicht“, fährt Zickler fort. „Das ist für uns sehr wichtig, denn Til ist ein Mensch, der ständig seine Projekte hinterfragt, der immer zweifelt, als typischer Perfektionist nie zufrieden ist. Eines Nachts zogen wir durch Toronto – ich habe ihn nie so euphorisch erlebt, er tanzte buchstäblich auf der Straße – weil er beim Schnitt der wichtigen Barszene zwischen Eddie und Angelina gemerkt hatte, dass der Film funktioniert. Es war ganz offensichtlich, dass die Chemie zwischen Lauren und ihm stimmt. Denn man kann beim Casting noch so sorgfältig vorgehen – jede Besetzungsentscheidung muss sich beim Dreh erst noch bewähren. Hier lief es ähnlich wie damals bei ,Barfuss‘, als sich Johanna Wokalek als große Entdeckung erwies – und bei ,Knockin’ on Heaven’s Door‘ mit Moritz Bleibtreu.“

        „Durch die Begeisterung für meine Arbeit mobilisiere ich Energiereserven, die diese langen Tage während der Produktion ermöglichen“, sagt Til Schweiger. „Wenn dann etwas gut gelingt, erlebe ich extreme Glücksmomente, weil ich merke: Die Szene ist einfach geil! Oder man findet den perfekten Song für eine Sequenz. Dabei bin ich dann auch so aufgedreht, dass ich gar nicht schlafen kann. Dann fällt mir nachts im Bett etwas ein, und da gehe ich doch lieber gleich zurück in den Schneideraum oder spreche mir eine Notiz aufs Handy. In dieser Phase komme ich mit drei Stunden Schlaf aus.“

        Schweiger setzte sich unermüdlich dafür ein, dass Salimbeni tatsächlich alle Szenen des Drehbuchs verfilmen konnte, um jede Schnittvariante durchspielen zu können. „Tils schauspielerische Intelligenz hört nicht bei der eigenen Figur auf, er sieht sich immer auch im Rahmen der ganzen Geschichte“, sagt Reto Salimbeni. „Wir haben viele Szenen gedreht (nicht alle sind in der Endfassung), in der er den anderen Figuren, zum Beispiel Anthony und Judy, breiten Raum zur Entwicklung zugesteht – gemäß der Erkenntnis: Je stärker die Nebenfiguren, desto stärker die Geschichte. Erst beim Endschnitt setzten wir dann die Schwerpunkte. Das ist natürlich ein Luxus – aber als Produzent hat Til es möglich gemacht.“

        „Tils Engagement fürs Kino geht so weit, dass es manchmal schwierig ist, mit ihm über ein anderes Thema zu sprechen“, berichtet Tom Zickler. „Wir kennen uns lange, sind uns von der Herkunft her ähnlich, durften beide als Jugendliche nicht fernsehen, haben heute gleichaltrige Kinder. Aber während einer Produktion habe ich manchmal Schwierigkeiten, seiner Leidenschaft zu folgen. Er zögert nicht, mich nachts um drei Uhr aus dem Schlaf zu klingeln, wenn er ein Problem sofort besprechen möchte. Er ist buchstäblich rund um die Uhr im Einsatz. Und das erwartet er auch von seinen Partnern und Mitarbeitern. Wer mit ihm arbeitet, gibt viel von seiner persönlichen Freiheit auf, weil es ohne dieses Engagement nicht geht. An Urlaub ist in dieser Zeit nicht zu denken, nicht mal an ein Wochenende. Die Kinder nehmen wir also möglichst zu den Dreharbeiten mit. Es kann also durchaus anstrengend sein, die Produktion diesen Ansprüchen entsprechend zu organisieren. Aber wir verstehen uns gut – das zeigen unsere gemeinsamen zehn Jahre.“

        Über Regisseur Salimbeni sagt Schweiger: „In Reto habe ich einen Partner gefunden, der genauso engagiert und mit der gleichen Energie an das Projekt herangeht. Die Zusammenarbeit funktioniert so hervorragend, wie ich es in meiner bisherigen Arbeit nur einmal erlebt habe – mit Regisseur Thomas Jahn (,Knockin’ on Heaven’s Door‘).“

        „Dank seiner Regieerfahrung ist Til ein echter Glücksfall für einen Regisseur“, berichtet Salimbeni. „Er kennt die Probleme von der anderen Seite, verfügt über ein sehr weites Wahrnehmungsfeld und denkt immer für den ganzen Film mit. Til ist ein Genie. Ich habe ihn als Schauspieler schon immer bewundert, aber die Zusammenarbeit mit ihm übertraf meine Erwartungen. Ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der Film so radikal lebt. Durch sein enormes Know-how bringt er Erfahrungswerte mit ein, die unbezahlbar sind – ich konnte viel von ihm lernen. Wir haben eine einmalige, partnerschaftliche Kooperation und arbeiten bereits an weiteren Filmprojekten.“

        „Reto ist ein Team-Player und bildet dadurch mit Til ein gutes Duo“, sagt Zickler. „Seine Stärke ist es, zum Beispiel nach Diskussionen über bestimmte Drehbuchszenen die beschlossenen Änderungen bei der Bearbeitung sehr exakt umzusetzen. Deswegen wollen wir unbedingt mit ihm weiterarbeiten.“

        „Reto ist ein hervorragender Autor, unglaublich dynamisch, extrem belastbar und mit unbändiger Freude bei der Sache“, ergänzt Schweiger. „Dabei ist er völlig uneitel – auch da treffen wir uns, denn als Filmemacher bin ich nicht eitel. Damit meine ich zum Beispiel, dass ich nicht auf meinen Ideen bestehe, nur weil sie von mir sind. Wenn jemand anderes eine bessere hat, lasse ich meine sofort fallen. Reto ist genauso. Eine solche Symbiose von Filmemachern ist eher selten, meist funktioniert sie nur zwischen Brüdern – den Coens, den Wachowskis, den Farrellys. Aber eigentlich sollte das doch auch in Teams funktionieren, die nicht blutsverwandt sind. Vier Augen sehen nun mal mehr als zwei.“

        Über derartige uneitle Ansichten freut sich Salimbeni besonders: „Die Milchmädchenrechnung eines Schauspielers nach dem Motto ,Je mehr ich im Bild bin, desto stärker die Rolle‘ würde so natürlich nie funktionieren. Auch die anderen Figuren wie Angelina tragen entscheidend zu Eddies Eindruck bei.“

        Dazu Schweiger: „Ich habe durchaus kein Problem damit, mich als Darsteller ins Ensemble zu integrieren (wie in ,Männerpension‘) oder unterzuordnen (in ,Der bewegte Mann‘ hatten die Schwulen die stärkeren Rollen). Ich bin auch durchaus bereit, reine Nebenrollen zu übernehmen wie aktuell in ,Der rote Baron‘. Denn es tut auch mal gut, ein wenig von der Verantwortung abzugeben.“

        „Til liefert hier eine der besten schauspielerischen Leistungen, die ich seit langem auf der Leinwand gesehen habe“, weiß Salimbeni. „Es gehört reichlich Mut dazu, weil Eddie sich mit fast allem, was er tut, die Sympathie der Zuschauer zu verscherzen droht.“

        Dass Salimbeni die Figur des Eddie im Skript so präzise umreißt, liegt sicher auch daran, dass der Filmheld Werbeprofi ist: Salimbeni hat als Werbefilmer an Hunderten von Konferenzen teilgenommen, wie sie in „One Way“ mit der Präsentation für den bedeutenden Werbekunden Rasky einen Höhepunkt darstellt: Eddie riskiert sehr viel, beeindruckt Rasky umso stärker und sichert damit den Werbeetat für die Agentur.

        „Gleich zu Anfang sagte ich Reto: So eine mitreißende Einführung einer Hauptfigur habe ich selten gelesen: Eddie ist ein unglaublich abgebrühter Typ“, sagt Schweiger. „Reto antwortete ganz richtig: ,Mit dieser Szene steht und fällt die Figur: Wenn du das vergeigst, kann man den ganzen Film vergessen.‘ Mir war das völlig klar – ich habe mich wochenlang darauf vorbereitet, denn die Szene war zunächst noch deutlich umfangreicher als in der jetzigen Schnittfassung. Mir fällt es nicht schwer, Texte auswendig zu lernen, wobei englische Texte für mich natürlich etwas komplizierter sind – es dauert etwas länger. Doch nebenbei musste ich natürlich auch die täglich gedrehten Szenen lernen. Wir verlegten die Präsentationsszene bewusst auf die vorletzte Drehwoche, und schon von Produktionsbeginn an habe ich an meiner Darstellung gefeilt, etwa eine Stunde am Tag. Ich hatte sie dann so verinnerlicht, dass ich sie schließlich rückwärts konnte.“

        „Bei dieser Szene habe ich es zum ersten Mal an einem deutschen Set erlebt, dass ein Schauspieler für seinen Auftritt Applaus bekam“, berichtet Salimbeni. Was natürlich auch den Autor und Regisseur mit Stolz erfüllte.

        Dazu Schweiger: „Applaus von den Kollegen und vom Team nach einer Filmszene habe auch ich zuvor tatsächlich nur einmal erlebt – bei ,SLC Punk ‘ (Punk!), als ich einen längeren Monolog beim ersten Take ablieferte. Ein schöner Moment.“

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