„Es ist sehr ungewöhnlich, was der Til als Produzent leistet, welche Risiken er eingeht“, sagt Regisseur Salimbeni. „Ein anderer hätte vielleicht darauf bestanden, den gesamten Film in Amerika zu drehen – was von der Logistik her auch einfacher gewesen wäre. Denn so mussten wir den Film in der Mitte unterbrechen und für die Innenaufnahmen nach Deutschland umziehen. Aber er bestand auf dem Dreh in Deutschland. Es wäre sicher einfacher für ihn, nur als Schauspieler zu arbeiten. Jetzt investiert er ein ganzes Jahr in unser Projekt – sowohl auf menschlicher als auch auf unternehmerischer Ebene kann ich nur sagen: Hut ab! Eine bravouröse Leistung. In Deutschland wird das nicht immer richtig gewürdigt.“
Die Außenaufnahmen zu „One Way“ fanden in Toronto statt. Auch 30 Prozent der Innenaufnahmen, zum Beispiel in der Villa von Agenturchef Birk, entstanden dort. Es folgten zwei Tage mit Stadtansichten in New York: Eddies Weg ins Büro, Nachtaufnahmen von Hochhäusern. Den Rest drehte das Team in Nordrhein-Westfalen.
Dazu Produzent Zickler: „Dass man nicht alles an Originalschauplätzen drehen muss, war mir klar, denn ich bin in der DEFA groß geworden – damals durften wir nicht reisen und mussten uns alle Schauplätze selbst bauen, sogar komplette französische Fischerdörfer. Ich wusste, dass die Aufnahmen im Kölner Studio keinerlei Probleme bereiten würden, denn uns standen Spitzenhandwerker zur Verfügung. Aus Erfahrung weiß ich, worauf man achten muss, um die Kulissen möglichst lebendig zu gestalten. Til hat ein untrügliches Auge beim Auswählen von Originalschauplätzen, während Reto große Erfahrung aus der Werbung mitbringt, eine sagenhafte optische Fantasie, um verschiedene Motive zu einer Einheit zu verschmelzen.“
„Unsere Herausforderung war, in Toronto einen Film zu drehen, der in New York spielt“, fährt Zickler fort. „Denn dass das reibungslos funktioniert, war durchaus nicht von vornherein klar. Inzwischen bin ich sehr stolz auf das Ergebnis – niemand wird den Unterschied merken. Natürlich haben wir zwei Drehtage in New York eingeplant, um einige Bilder zu bekommen, mit denen wir alle die Stadt wieder erkennen können: Broadway, Times Square etc.“
Über den Dreh in Kanada sagt er: „Toronto fördert Dreharbeiten durchaus großzügig, aber die Bedingung dafür ist, mit den dortigen Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, und deren Forderungen sind nicht verhandelbar. Zum Beispiel ist ein Filmteam dort dreimal so groß wie in Deutschland. Die Gewerkschaft bestimmt: ,Sie brauchen 26 Produktionsfahrer‘. Unsere Einwände, dass wir auch mit der Hälfte auskommen, werden einfach nicht akzeptiert. Als Produzent versucht man wirklich nur Geld für Dinge auszugeben, die später auf Leinwand auch zu sehen sind. Aber man muss innerhalb der Branche arbeiten, und die hat die Tendenz, sich ständig selbst zu vergrößern. Mit der Ausrüstung dort wird ein ungeheurer Aufwand betrieben – mir als Produzent wurde ein Wohnwagen zur Verfügung gestellt, der größer war als meine Wohnung. Und dabei habe ich während der vier Drehwochen nicht mehr als vier Stunden darin verbracht, denn er stand viel zu weit vom Set entfernt!“
Zickler weiter: „Weil der Apparat so groß ist, verbietet es sich, an einem Tag Drehs an zwei verschiedenen Schauplätzen zu planen. In Deutschland wäre das möglich, in Kanada nicht. Aber die Arbeit an sich funktioniert überraschend schnell und professionell – trotz des großen Teams. Es war eine harte Erfahrung – aber wir haben Blut geleckt: Wir wollen uns einer solchen Produktion gern wieder aussetzen – zumal wir beim nächsten Mal ein Aushängeschild haben: einen fertigen Film, den wir vorzeigen können. Natürlich haben wir auch gelernt, uns auf die anderen Produktionsmethoden einzustellen.“
Um zu begründen, warum er ausgerechnet im bitterkalten Winter in Toronto drehen wollte, muss Regisseur Salimbeni etwas ausholen: „Jeder Mann kennt das rauschhafte Gefühl, die Explosion im Kopf, wenn sich der Verstand in einer sexuellen Situation plötzlich ausklinkt und man im Nachhinein nicht mehr weiß, wie es dazu kommen konnte. Man wird von purer Lust und Begierde bestimmt. Das war für mich ein Grund dafür, die Story nicht in einem Ambiente anzusiedeln, wie wir es in ,Sex and the City‘ erleben, wo es leicht ist zu behaupten: ,Ach ja, die Frauen tragen kurze Röcke, die Atmosphäre in der Stadt ist locker – Erotik liegt in der Luft.‘ Ich wünschte mir das Gegenteil: Es sollte kalt sein, unangenehmes Wetter, eine betont unerotische Stimmung. Und vor diesem Hintergrund erleben wir dann Eddie und seine Affären– die Anreize kommen nicht von außen – alles passiert in ihm selber, ist Produkt seiner Gedanken.“
Es ging Salimbeni also bewusst um Winteraufnahmen. „Im Januar und Februar in Toronto zu drehen ist produktionstechnisch so ziemlich das Schlechteste, was man machen kann,“, gesteht der Regisseur. „Denn durch die kurzen Tage hat man nicht sehr viele ,drehbare‘ Sonnenstunden. Dadurch steht man, was den Drehplan angeht, unheimlich unter Druck. Aber ich wollte nun mal diesen rauen, abweisenden, urbanen East-Coast-Look. Zwei- oder dreimal mussten wir die Aufnahmen wegen des Wetters abbrechen. Einmal sind wir von einem Schneesturm überrascht worden, einmal war es so kalt, dass der Film in der Kamera riss. Aber im Endeffekt hat sich der Aufwand gelohnt. Denn mir liegt an den Details, die sich dadurch ergeben: die Menschen frieren, wir sehen der Atem der Schauspieler, der die frostige Atmosphäre zwischen den Menschen betont.“
„Teilweise war es mörderisch kalt in Toronto“, erinnert sich Schweiger. „Der Wind fegt vom Lake Ontario her derart durch die Häuserschluchten, dass man nach zwei Minuten in der Kälte nicht mehr sprechen kann, weil das Gesicht ganz taub wird.“
Über die zwei Drehtage in Manhattan sagt Tom Zickler: „In New York wären uns reguläre Dreharbeiten zu teuer geworden, da haben wir ohne Genehmigung improvisiert – einfach die Kamera dort aufgebaut, wo wir wollten – nach dem Motto: ,Merkt ja keiner!‘“
Und Schweiger fügt hinzu: „Wir wurden dann gefragt: ,Ihr habt auf der 5th Avenue in New York gedreht? Das kostet doch Millionen, wenn man die sperren lässt.‘ Das haben wir auch gar nicht erst versucht. Stattdessen haben wir uns hinter einer Bushaltestelle versteckt und mit langer Brennweite gefilmt.“
Im Kölner Studio entstanden mit Förderung durch die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen umfangreiche Innendekorationen, vor allem die Gerichtssäle und die Werbeagentur Birk.
„Ich habe zum ersten Mal in Nordrhein-Westfalen gedreht und bin mit der hier gelieferten Arbeit sehr zufrieden. Die Sets und die Studiobauten sind wirklich vom Allerfeinsten – für mich ist das ein ausgesprochen effektives und sehr viel versprechendes Produktionsprinzip. Weil ja bestimmte Summen in Nordrhein-Westfalen investiert werden mussten, ergab sich das für uns günstigste Szenario, indem wir bestimmte Sets selbst bauten. Ich hätte mir das nicht besser wünschen können, denn im Studio haben wir die absolute Kontrolle über die Aufnahmen.“
Der Grund für die Studiobauten: Originalschauplätze schränken das Team immer ein: Man darf keine Nägel in die Wände schlagen, die Kamerabewegungen sind durch die Räumlichkeiten vorgegeben – beim Perspektivwechsel, bei einer höher gewählten Kameraposition sind auch große Räume schnell zu klein.
„Reto war perfekt vorbereitet“, sagt Tom Zickler. „Auf seinen Vorschlag hin engagierten wir schon sehr früh unseren Produktionsdesigner Matthew Davies. Eine so sorgfältige Arbeit wie seine habe ich selten erlebt: Er fertigte Skizzen an, teils animierte er sogar 3D-Set-Modelle im Computer, durch die man bereits spazieren konnte, um die Szenen in diesen virtuellen Kulissen zu planen.“
Außerhalb der Bürofenster in der Studiokulisse wurden beleuchtete Vorsteller installiert, die als Hintergrund die New Yorker Großstadtszenerie zeigen. „Wir haben sie aus Amerika importiert, das kostet eine Menge Geld, sieht aber so täuschend echt aus, dass sich die Investition lohnt“, sagt Schweiger. „Früher dachte ich, dass Büroszenen in Hollywood-Filmen in irgendwelchen Hochhäusern an Originalschauplätzen gedreht werden. Inzwischen weiß ich, dass solche Sequenzen praktisch immer in Studiokulissen entstehen.“
Das New Yorker Gefängnis, in dem Eddie einsitzen muss, befindet sich in Münster, sieht aber aus „wie im tiefsten Louisiana“, sagt Salimbeni. „Weil wir einen ganzen Tag in einem normalen Gefängnis drehten, vollbrachten die Beamten dort ein kleines logistisches Wunder, denn der übliche Betrieb musste natürlich weiterlaufen. Die Behörden zeigten sich aber sehr kooperativ, denn der Name Schweiger öffnet wirklich sogar Gefängnistüren.“
„Als wir im Gefängnisflur drehten, wummerte es plötzlich von innen gegen die Zellentür neben mir“, berichtet Salimbeni. „Ein Schließer kam und schaute nach: Da beschwerte sich der Häftling bitterlich darüber, dass er nicht mal am Samstag ausschlafen dürfe: ,Ich will endlich meine Ruhe haben!‘“
Den richtigen Sound zur „urbanen Oper“ liefern Dirk Reichardt und Stefan Hansen, die vor zwei Jahren mit ihrem Score zu „Erbsen auf halb 6“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurden. „Dirk Reichardt ist mein Lieblingskomponist – wir haben bereits ,Jetzt oder nie!‘ und ,Barfuss‘ zusammen gemacht“, sagt Schweiger. „Schon diese völlig unterschiedlichen Soundtracks zeigen seine Virtuosität. Im Filmgeschäft hat man es oft mit Diven zu tun – nicht nur vor der Kamera, sondern auch unter Regisseuren, Kameraleuten, Ausstattern und Musikern. Dirk gehört eindeutig nicht dazu. Einmal sagte ich: ,An dieser Stelle klingt mir das zu sehr nach Derrick.‘ Er lachte schallend und hat die Sequenz anstandslos geändert, denn er wusste genau, was ich meinte. Wenn ich das Gefühl hatte, dass die Streicher zu dick auftragen, arbeitete er die Szene um – bis die Musik perfekt passte. Großartig!“