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  • Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

    Drama, Western, Krimi | USA 2007
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      • | Die James-Gang wird rekrutiert

      • Als Ron Hansen Brad Pitt erstmals im Kostüm erlebte, kam es ihm vor, als ob seine jahrelangen Recherchen plötzlich ein mitreißendes Eigenleben annahmen: „Als ich ihn am Set sah, war meine erste Reaktion nicht: ,Das ist Brad Pitt‘ – sondern ich dachte automatisch: ,Das ist Jesse James.‘“
        Dominik empfindet das genauso: „Die Zuschauer werden recht schnell vergessen, dass Brad Pitt Jesse spielt – was nur belegt, welche Leistung er hier vollbringt. Brad hat sich mit intensiver Leidenschaft auf diesen Film und auf diese Rolle gestürzt. Er hat überhaupt keine Angst, Eier zu zerschlagen, wenn er ein Omelette machen will. Er spürt jeder Nuance nach und gestaltet die Rolle mit solcher Autorität, dass wir begreifen, warum man von Jesse James sagte, allein schon seine Gegenwart hätte einen Raum mit Herzenswärme oder auch Spannung erfüllt. Aber alle Zeitgenossen beschreiben Jesse als sehr isoliert. Ich weiß nicht, wie intensiv er die Menschen um sich herum überhaupt wahrnahm. Man hat ihn als verhaltensgestört bezeichnet, doch ein Mensch mit den einschlägigen Symptomen wird als gewissenlos und sehr emotional definiert, und das kann man meiner Meinung nach von Jesse eigentlich nicht behaupten, denn er durchlief die gesamte Bandbreite der Gefühle – von gewalttätigen Ausbrüchen bis zu Phasen nachdenklicher Meditation. Gestört war er auf jeden Fall.“

        Pitt wuchs übrigens in Springfield/Missouri auf, nicht einmal 300 Kilometer von Kearney/Missouri entfernt, wo Jesse James zur Welt kam und seine Kindheit verbrachte. Bei der Ausgestaltung der Rolle verließ sich Pitt auf Hansens Recherchen wie auch auf seinen eigenen Instinkt. „Er war ein unruhiger Geist“, sagt Pitt über die Probleme, die Jesse in diesem Lebensabschnitt hatte. „Er fühlt sich in die Enge getrieben, hatte die ständige Hetze satt, wollte nicht mehr unter falschem Namen leben. Vor allem aber glaube ich, dass er mit seiner eigenen Legende nicht zurechtkam.“
        Über die Rolle sagt Ridley Scott, der 1991 Pitts Durchbruchleistung in „Thelma & Louise“ inszenierte: „Dieser Jesse James ist eine authentische Charakterstudie, die äußerlich nichts mit den Klischees der üblichen Filmstar-,Heldenrollen‘ gemein hat. Brad beweist, wie sehr er als Schauspieler gereift ist.“

        Casey Affleck war in allen drei „Ocean“-Filmen Pitts Partner – jetzt vertieft er sich in Robert Fords komplexen Charakter mit derselben Leidenschaft wie Pitt. „Ich habe große Sympathien für Robert Ford entwickelt. Meiner Meinung nach war er alles andere als ein Feigling“, sagt er. „Ich habe jedenfalls noch nie einen besseren Spannungsbogen, eine besser entwickelte Filmfigur erlebt als diese verzwickten menschlichen Komplikationen im Leben des Robert Ford. Anfangs ist er ein Schwärmer, der den Jesse James der Groschenromane wie ein Idol verehrt. Dann lernt er ihn kennen, raubt einen Zug mit ihm aus – die beiden werden Freunde. Dann kommt es zu Verwicklungen in der Beziehung, und am Ende muss er ihn umbringen. Das ist eine sehr lohnende Rolle – als sie mir anvertraut wurde, war ich begeistert, aber sie machte mir auch ein wenig Angst. Ich habe Andrews Film ,Chopper‘ zehnmal gesehen und schätze ihn sehr. Deswegen hätte ich jede Rolle gespielt, die er mir anbietet – glücklicherweise bat er mich, den Part zu übernehmen, den ich mir am sehnlichsten wünschte.“
        „Im Film identifizieren wir uns mit Ford“, sagt Dominik, der die Figur wie Affleck sehr wohlwollend beurteilt. „Aber es ist nicht gerade angenehm, sich mit ihm zu identifizieren, denn er ist sehr unsicher, und er hat kein Gespür dafür, wie weit er gehen darf. Er wirkt wie ein Teil von uns, den wir am liebsten ignorieren würden.“
        Dede Gardner berichtet, wie beeindruckt Dominik von Afflecks Casting-Auftritt war: „Andrew war sofort sehr angetan, vor allem von der Art, mit der Casey Fords fundamentale Traurigkeit und Niederlage ausdrückte. Aber am Anfang der Story steckt in Ford auch ein Schlaumeier, den Casey ebenfalls bravourös darstellt. Sein Charakter ergibt sich aus der Mischung von Selbstvertrauen und Draufgängertum mit Unsicherheit und Naivität. Also eine komplizierte Gratwanderung – eine Rolle, die schwer zu besetzen ist.“

        Um der Rolle gerecht zu werden, bemühte Affleck sich vor allem, „wie Robert Ford zu denken. Es gibt kaum Literatur über ihn, dafür umso mehr über Jesse James. Und Jesse James war Robert Fords entscheidendes Vorbild“, erklärt er. „Um mich in ihn hineinzuversetzen, musste ich einfach alles über Jesse lesen, alle Berichte und Romane, mit denen Ford aufwuchs und die seine Fantasie beflügelten. Ich musste mich also nur auf diese Ergebenheit konzentrieren – denn daraus ergibt sich alles, was Ford auf der Leinwand sagt und tut.“

        Außerdem orientierte sich Affleck an einem Ford-Foto, „um ein paar weiße Flecken auszufüllen“. Dazu sagt er: „Ein Foto kann Bände sprechen: Seine Haltung, sein Blick drücken eine gewisse Einstellung aus. Ich habe mich von diesem Foto immer wieder inspirieren lassen.“
        Und Jules Daly fügt hinzu: „Offenbar hat Casey Robert Ford tief in seiner Seele wiedergefunden – ich bin überzeugt, dass sich gerade das in seiner makellosen Darstellung niederschlägt.“

        Roberts Bruder Charley Ford wird von Sam Rockwell gespielt: Charley wirkt zunächst wie der traditionelle ältere Bruder, der den Kleinen abwechselnd auslacht und beschützt, doch als sich Robert mit Jesse anfreundet und sein Selbstbewusstsein wächst, kehrt sich das Verhältnis um: Bald hat Robert das Sagen, und der zunehmend passive und unausgeglichene Charley kann kaum mit ihm mithalten.

        „Charley ist durchaus nicht tough“, sagt Rockwell. „Es gibt Alphatiere und Betatiere, und Charley ist und bleibt ein Beta. Er hatte einen Klumpfuß, was er aber möglichst verbergen wollte. Er hatte immer Hunger, war sehr leicht gekränkt und letztlich einfach dankbar für die Freundschaft mit Jesse, durch die er in die Bande aufgenommen wurde. Er schätzte Jesse, und nach allem, was ich gelesen habe, beruhte das auf Gegenseitigkeit – Jesse vertraute ihm. Sie lernten sich beim Pokern kennen und verstanden sich auf Anhieb. Als Charley und Bob im James-Haus zu Gast sind, verliert Jesse in ihren Augen schnell seine überlebensgroße Aura, und die beiden bekommen es mit der Angst zu tun. Dennoch will Charley Bob bei seinem Verrat und Mordplan nicht unterstützen. Er wird zwischen seiner Loyalität Jesse gegenüber und seiner brüderlichen Treue hin- und hergerissen. Er will beiden gerecht werden – was einfach unmöglich ist.
        Ein Satz in Ron Hansens Buch hat mich dabei auf den richtigen Weg gebracht: ,Durch Charleys Herzkammern strömten die Schuldgefühle wie vergiftetes Blut.‘ Das hat ihn verfolgt.“
        Dennoch weist Dominik darauf hin, dass „Charley zwar einfach gestrickt und offenbar nicht sonderlich clever war, aber auch nicht dumm – und Sam macht das deutlich. Was ich an Rons Buch so schätze, sind die faszinierenden Charakterzeichnungen: So wie die Figuren anfangs auftreten, wirken sie ganz anders, als sie sind. Ihr eigentliches Wesen kommt erst zum Vorschein, als wir miterleben, wie sie mit ihren Problemen umgehen.“

        Zu den übrigen Mitgliedern der James-Gang in Jesses letztem Lebensjahr zählen sein Cousin Wood Hite (Jeremy Renner) und Dick Liddil (Paul Schneider). Das gereizte Verhältnis der beiden wird durch Rivalitäten in der Liebe und durch etliche Jahre unterdrückter Abneigung geprägt – all das trägt zu den generellen Spannungen in der Gruppe bei, die tatenlos ausharren muss, bis Jesse das Signal zu ihrem nächsten Coup gibt.
        Hite musste Jesses zunehmend unberechenbare Ausbrüche am wenigsten fürchten, und diese relative Sicherheit schlug sich in einer gewissen Arroganz nieder. Dazu Renner: „Wood war ein Blutsverwandter, Jesses letzte Verbindung zu seinem Vater, und er nutzte seine Verwandtschaft mit dem berühmten Jesse James voll aus. Er hielt sich dadurch für etwas Besseres. Jesse wurde immer unberechenbarer, hatte Angst, seine eigene Bande könnte ihn verraten – also hielten sie beim Schlafen immer ein Auge offen. Aber ich glaube nicht, dass Jesse Wood einen Verrat zugetraut hätte. Entsprechend brauchte Wood nie zu fürchten, dass Jesse sich gegen ihn wenden würde. Das unterscheidet Wood von den anderen.“

        Dick Liddils Verbindung mit den James-Brüdern geht auf den Bürgerkrieg zurück, als er wie sie Mitglied der Partisanenkampfgruppe der Konföderierten war, die Quantrill’s Raiders genannt wurde. Über Liddil gibt es kaum Unterlagen, aber immerhin ein Geständnis, das er für den Sheriff niederschrieb. Daher glaubt Schneider, dass Liddil „wohl kaum begeistert Züge und Banken ausgeraubt oder Menschen erschossen hat. Der Krieg war für ihn wie für viele arme und entwurzelte junge Männer damals ein Betätigungsfeld, er gab eine Richtung vor. Auch nach dem Krieg war klar, dass sie sich auf Schießen und Pferdestehlen verstanden – so gerieten sie in die Outlaw-Banden. Mit der Zeit verloren sie ihr Ziel aus den Augen. Vielleicht hatten sie sich einst als Soldaten für eine hehre Sache engagiert. Aber irgendwann war nicht mehr zu übersehen, dass sie einfach nur Kriminelle waren.“
        Im Gegensatz zu Frank James’ Geständnis, das Schneider als „eine tiefgründige Offenbarung und fast poetisch in der Auseinandersetzung mit seinen Verbrechen“ bezeichnet, stellte er fest, dass sich Dick Liddils Geständnis auf die mageren Fakten beschränkt: „,Wir überfielen den Zug um 3.40 Uhr morgens, und ich trug eine braune Jacke.‘ Offenbar dachte dieser Mann nie sehr lange über das nach, was er tat. Ob das nur Fassade war? Ich habe keine Ahnung, wer er wirklich war.“

        Der Oscar-Kandidat und Pulitzer-preisgekrönte Bühnenautor Sam Shepard übernimmt die Rolle des beeindruckenden, aber im Hintergrund bleibenden Frank James, Jesses älterem Bruder. Zu Beginn des Films und nur wenige Monate vor Jesses Tod gibt Frank das Outlaw-Leben auf, um als Landbesitzer ein respektables, weniger gefährliches Leben zu führen. Er rät Jesse, seinem Beispiel zu folgen.
        Dazu Affleck: „Robert Ford spricht zunächst Frank an und versucht ihn für sich einzunehmen. Er stellt sich als Einfaltspinsel dar, der sich aber in der James-Gang bewähren würde. Frank lehnt ihn ab. Im Gegensatz zu seinem Bruder kann man Frank mit Schmeicheleien nicht beeindrucken – er kann Robert Ford nicht gebrauchen. Wie Sam/Frank mich mustert – mit einer Mischung aus Langeweile, Verachtung und reinem Überdruss –, würde jeden entmutigen, aber Ford eben nicht.“

        Jesses Frau Zee wird von Mary-Louise Parker dargestellt. Auch sie kann mit Ford nichts anfangen, toleriert ihn aber, weil Jesse das will. Über Zee James ist wenig bekannt, außer dass sie Jesses Cousine war, die ihn nach seinen Verwundungen im Bürgerkrieg wieder gesund pflegte. Offenbar hat er lange um sie geworben. Parker fragte sich also, aus welchem Holz die Frau geschnitzt war, die ein derart schweres Leben auf sich nahm. „Ich halte sie nicht für völlig unterwürfig“, sagt Parker. „Wenn man bedenkt, wie sie ihm half, nach dem Krieg wieder auf die Beine zu kommen, muss sie schon einen gewissen Einfluss in der Beziehung gehabt haben. Außerdem vertraute er ihr seine Geheimnisse an.“

        Oft wurde spekuliert, inwieweit Zee überhaupt das ganze Ausmaß der Umtriebe ihres Mannes kannte, weil er vor Ort ständig seine Identität wechselte. Doch Parker ist überzeugt, dass daran kein Zweifel besteht: „Unmöglich, dass sie davon nichts mitbekam. Sie benutzten falsche Namen und waren ständig unterwegs. Natürlich wusste sie Bescheid, und ich glaube, dass sie ihn wirklich liebte, weil sie all das mitgemacht hat. Wir werden nie erfahren, wie sie als Frau einem Mann derart ergeben sein konnte, der nach normalen Maßstäben ein moralisch verwerfliches Leben führte. Manche Menschen können das verdrängen, vielleicht konnte sie sich eine gewisse Sorglosigkeit bewahren und den kriminellen Aspekt seines Lebens als völlig getrennt von ihrem Familienleben wahrnehmen – das hatte mit ihr nichts zu tun.“

        Zu den Hauptdarstellern gehört schließlich auch Zooey Deschanel: Sie spielt die entwurzelte Saloon-Sängerin Dorothy, die den älteren und vielleicht reifer gewordenen Robert Ford erst Jahre nach seinem großen Auftritt im grellen Licht der Öffentlichkeit kennenlernt – immer noch versucht er sich mit seinem notorischen Ruf als Mörder von Jesse James zu arrangieren. Sicherlich bedauert auch Dorothy manches in ihrer Vergangenheit – deshalb hört sie ihm ohne Vorurteile zu, als er endlich offenherzig von jenem Ereignis berichtet, das sein Leben fortan bestimmt hat.

        Garret Dillahunt („Deadwood“) spielt den Ed Miller, der einst zu den engen Vertrauten in Jesse James’ Bande gehörte, dann aber Angst vor Jesses zunehmendem Verfolgungswahn bekommt.

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