Emilio Estevez, Autor und Regisseur von BOBBY, ist überzeugt, dass es ihm sein ganzes Leben über vorbestimmt war, diesen Film zu drehen. Als Robert F. Kennedy starb, war er gerade einmal sechs Jahre alt. Und dennoch erinnert sich Estevez ganz genau, wie er diese Nacht aus den Augen eines Kindes miterlebte. Er erinnert sich an die erschütternde Nachricht im Fernsehen, dass der Senator erschossen worden sei, und daran, wie er losrannte, um seinen Vater, den Schauspieler Martin Sheen, ein langjähriger Anhänger Kennedys, mit der niederschmetternden Neuigkeit zu wecken. Wenig später nahm Sheen seinen Sohn mit an den Ort, an dem Kennedy seine letzte Rede gehalten hatte: Angesichts der tiefer werdenden Risse im gesellschaftlichen Gefüge und zunehmender Gewalt hielt er im Ambassador Hotel einen spontanen Appell an amerikanische Einigkeit und Tatkraft. „Ich weiß noch, wie mein Vater meine Hand hielt, als wir durch diese imposanten Gänge liefen. Und ich erinnere mich genau, wie mein Vater davon sprach, was wir verloren hätten“, erzählt Estevez.
Jahre später noch spürte er das Gewicht dieses Verlusts wie einen Fels auf seinen Schultern. Wie viele sah er die Ermordung von RFK als das Ereignis, das den Idealismus und Optimismus einer ganzen Generation von Amerikanern auf dem Gewissen hatte – und als buchstäblichen Startschuss für die viel tristere Welt voller Zynismus, Apathie und Desillusionierung, in der wir heute leben. Kennedys Vermächtnis hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren: Er machte den Mund auf, wenn er Ungerechtigkeit sah. Er setzte sich für die Benachteiligten ein. Und er sprach offen aus, was ihm an seinem Amerika falsch erschien. Leider gab es nicht genug, die in seinen Fußstapfen folgten. „Dieser Moment am 5. Juni 1968 markierte einen Einschnitt. Von da an, so scheint es, sind wir resignierter und zynischer geworden. Vieles, was wir heute in unserem Land sehen, resultiert unmittelbar aus den Ereignissen von damals“, sagt Estevez. Und fügt hinzu: „Es bricht einem das Herz.“
In der Zwischenzeit hatte sich Estevez zu einem hoffnungsvollen Autor und Regisseur entwickelt, der nach einem ganz besonderen Filmprojekt Ausschau hielt, das ihn kreativ fordern und weiterbringen sollte. Bei der Leitung eines Fototermins im Ambassador Hotel wurde Estevez urplötzlich von seinen Erinnerungen an besagten Ausflug mit seinem Vater erinnert. Und auf einmal war die Inspiration da: Er fasste den Entschluss, einen Filmstoff über jene Nacht zu entwickeln, in der Kennedy erschossen wurde. „Zunächst war mir nur eines klar: Ich wollte eine Geschichte erzählen, in der der Geist von Bobby gefeiert wird“, erklärt Estevez.
Anstatt sich abzumühen, all die Menschen aufzutreiben, die sich in besagter Nacht im Ambassador Hotel aufhielten, und sich ihre Persönlichkeitsrechte zu sichern, wählte Estevez einen anderen Ansatz: Er wollte die grundsätzlichen Ereignisse dieses Tages mit seiner Fantasie anreichern. Im Grunde stellte er die Geschichte auf den Kopf: Er wollte nicht Kennedy und nicht die Taten seines Mörders, Sirhan Sirhan, in den Mittelpunkt rücken, wie das bereits in einer ganzen Reihe von Büchern und Dokumentationen gemacht wurde. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine bunt gemischte Gruppe ganz normaler Menschen, deren Leben in diesen wenigen schrecklichen Momenten für immer auf grundlegende Weise verändert wird. Er spann ein Netz aus sehr unterschiedlichen Figuren, von denen jeder Einzelne seine ganz individuellen Kämpfe und Probleme in diese schicksalhafte Nacht im Juni mitbringt. Mit jedem neuen Gespräch steigert sich die Handlung, bis zu jenem entscheidenden Moment, an dem auf einmal alles anders ist. Das Hotel sollte ein Mikrokosmos für das sein, was sich zu dieser Zeit im ganzen Land abspielte.
Gleich von Anfang erschien Estevez dieser Stoff als das bedeutendste Projekt seines Lebens. Dennoch hatte er keine Ahnung, dass es der Beginn einer intensiven, Jahre umfassenden Reise sein würde, eines leidenschaftlichen Kampfes, diesen Film tatsächlich realisieren zu können. „Vieles, was mit diesem Film passierte, hatte mit Zufall zu tun, mit Fügung und Schicksal. Und doch war nichts zufällig oder chaotisch“, merkt Estevez an.
Nachdem er eine Weile mit einer massiven Schreibblockade zu kämpfen hatte, legte Estevez das Drehbuch erst einmal beiseite. Aber dann ergab sich eine Fügung des Schicksals. Estevez zog sich in ein einsames Hotel an der Küste von Kalifornien in der Nähe von Pismo Beach zurück, um den Stoff endlich zu knacken. Als er eincheckte, wurde er von der Frau an der Rezeption erkannt und gefragt, was er während seines Aufenthalts machen wollte. „Ich schreibe ein Drehbuch über die Nacht, in der Bobby Kennedy ermordet wurde“, war seine Antwort. Sofort traten Tränen in ihre Augen. „Ich war damals anwesend“, sagte sie.
Estevez unterhielt sich mit der Frau, die damals als Volunteer für Kennedy gearbeitet hatte. Ihre persönliche Geschichte arbeitete er in den Film ein: Sie ging so weit, einen jungen Mann zu heiraten, damit er nicht nach Vietnam geschickt werden konnte. In BOBBY wird die Frau von Lindsay Lohan gespielt. „Das war wirklich der entscheidende Funke, der mich den Stoff knacken ließ, der der Geschichte einen richtigen Herzschlag verlieh“, berichtet Estevez. „Danach schrieb sich das Buch beinahe von selbst.“
Ein Handlungsstrang schien förmlich zum nächsten zu führen, als Estevez sich daran machte, die miteinander verwobenen Geschichten von 22 Figuren zu erzählen. Einerseits waren sie inspiriert von dem Geist der Zeit damals, andererseits aber auch von persönlichen Erfahrungen von Estevez. „Ich wollte Figuren schaffen, die stellvertretend für die Zeit stehen, die die Geschichte wirklich öffnen würden“, sagt er. „Bis zu einem gewissen Grad handelt es sich bei ihnen um Archetypen. Gleichzeitig kenne ich jede einzelne dieser Figuren wie meine Westentasche. Sie basieren allesamt auf Menschen, die auf die eine oder andere Weise etwas mit meinem Leben zu tun haben.“
Einige der bewegendsten Geschichten in BOBBY sind die Geschichten der Frauen – Frauen, die von den Entwicklungen der Zeit, den Veränderungen zu Beginn der Frauenbewegung beeinflusst sind. Dazu gehören eine von Demi Moore dargestellte Sängerin, die ihre besten Tage gesehen hat und sich dem Alkohol hingibt, eine betrogene Ehefrau, gespielt von Sharon Stone, Heather Grahams ehrgeizige Hotelangestellte und eine von Helen Hunt porträtierte Frau aus der feinen Gesellschaft von Manhattan. „Beim Schreiben der Frauenfiguren hatte meine Mutter einen großen Einfluss“, sagt der Autor und Regisseur. „Sie ist eine starke Persönlichkeit, und ich finde, dass man ihre Stimme in diesem Film sehr deutlich und laut hört.“
Estevez schloss die Arbeiten an seinem Drehbuch eine Woche vor einer weiteren großen amerikanischen Tragödie ab: die Ereignisse vom 11. September 2001. Sofort fasste er den Entschluss, das Drehbuch weitere sechs Monate unter Verschluss zu halten. Danach gab er es erstmals Freunden und seiner Familie zum lesen. Die Reaktion war enthusiastisch. Als er sich dann daran machte, Finanziers für den Stoff zu finden, biss er auf Granit, weil er in der Filmindustrie als Underdog angesehen wurde. „Ich hatte ein Drehbuch, dass sehr weit ausholt und dessen erfolgreiche Umsetzung offenkundig von den Darstellern und der Inszenierung abhing. Und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter Beweis gestellt, dass ich als Regisseur das nötige Talent dafür hätte“, meint er. „Man hatte nicht genug Vertrauen, dass ich das hinkriegen würde.“
Aber Estevez ließ nicht locker. Nach und nach setzte sich die Stärke des Drehbuchs in Verbindung mit Estevez’ Leidenschaft für den Stoff gegen die Vorbehalte durch. Produzent Michael Litvak sagt: „Als ich das Drehbuch las, wusste ich, dass das ein Film war, den wir machen mussten. Ich glaube, dass die Geschichte von Bobby Kennedy nicht nur für ein amerikanisches Publikum relevant ist, sondern dass er eine Inspiration für alle Menschen auf der Welt war. Seine Botschaft und sein Traum sind heute noch lebendig.“
Am Set bewies Estevez schließlich, dass er sehr wohl über die Vision verfügt, die nötig ist, eine mit zahlreichen Stars besetzte, vielschichtige Geschichte, die Fakten und Fiktion zusammenführt, umzusetzen. „Am Set herrschte Wahnsinn“, lacht Estevez. „Aber wir drehten den Film in einem wahrhaftigen, aus der Hüfte geschossenen, schnellen Guerillastil, der dem Thema unbedingt gerecht wird.“
Die Darsteller haben ihre eigenen Theorien, wie es Emilio Estevez gelingen konnte, bei der Menge an Handlungssträngen und Figuren den Überblick nicht zu verlieren. „Er ist unglaublich leidenschaftlich bei allem, was er macht“, beobachtet Anthony Hopkins. „Er lässt einen tatsächlich machen, was man machen will. Und dann steuert er seine eigenen Vorschläge bei. Ich finde, er konnte deshalb die Kontrolle behalten, weil er an den richtigen Stellen die Kontrolle aus der Hand gab.“
Dass Estevez die vielen Jahre, in denen er um den Film kämpfen musste, und den anschließenden superschnellen und aufgeladenen Dreh motiviert überstehen konnte, lag daran, dass er in der ganzen Zeit seine Inspiration nie aus den Augen verlor. „Alle machten bei diesem Film mit, weil uns die Dinge, über die Bobby Kennedy sprach, ein unbedingtes Anliegen sind. Uns ist klar, dass die Themen, die er damals ansprach, auch heute noch die Themen sind, die uns beschäftigen. Ich hoffe, dass dieser Film die Frage aufwirft, warum wir uns seit damals nicht nach vorne entwickelt haben. Und dass er offenbart, wie relevant Bobbys Ideen auch heute noch für uns sein sollten.“