Und dann gibt es da noch einen weiteren wichtigen Darsteller in BOBBY: das Ambassador Hotel, dessen Flure, Festsäle, Frisörsalon, Büros und Küche die einzelnen Figuren des Films miteinander verbinden. Es war Emilio Estevez immer bewusst, dass das Hotel eine entscheidende Location des Films sein musste – unglücklicherweise musste er feststellen, dass das Hotel kurz vor Produktionsbeginn abgerissen werden sollte.
Einst war das 500 Räume umfassende Ambassador Hotel, das 1921 am Wilshire Boulevard nach Entwürfen des renommierten Architekten Myron Hunt gebaut wurde, einer der angesagtesten und schicksten Orte von ganz Los Angeles. Schnell war es fester Bestandteil der Glamourwelt von Hollywood und zählte damalige Stars wie Jean Harlow, John Barrymore und Gloria Swanson zu seinen Stammgästen. Vor allem der berühmte Coconut Grove Nightclub des Hotels stand im Mittelpunkt des Nachtlebens von Los Angeles. In den 30er und 40er Jahren wurden die Oscars im Ambassador Hotel verliehen. Außerdem stiegen die Präsidenten der Vereinigten Staaten bei ihren Besuchen an der Westküste im Ambassador ab.
Das Ambassador zählte auch 1968 noch zu den besten Adressen der Stadt, allerdings verblasste der Glanz nach dem Attentat auf Bobby Kennedy, mit dem der Name des Hotels unausweichlich verbunden war. 1989 war das Hotel so weit heruntergekommen, dass es seine Pforten schließen musste. Um das Schicksal des Gebäudes wurde die nächsten zehn Jahre vor Gericht gekämpft. 2005 wurde schließlich entschieden, dass das historische Gebäude entkernt und zu einer Schule umfunktioniert werden sollte.
Es scheint eine Ironie des Schicksals zu sein, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem Emilio Estevez darum kämpfte, dass die Pforten des Ambassador offen blieben, ausgerechnet sein Vater Martin Sheen der Kennedy-Familie unter die Arme griff, um das endgültige Ende des Hotels herbeizuführen. Sheen erklärt: „Ethel Kennedy hatte mich gefragt, ob ich die Familie bei ihren Bemühungen, das Hotel abreißen zu lassen, unterstützen würde – um an seiner Stelle eine Schule zu errichten, die hoffentlich den Namen ihres verstorbenen Ehemannes tragen wird. Also rief ich mehrere Leute von der Stadt an und erzählte ihnen von den Wünschen Mrs. Kennedys. Es war reiner Zufall, dass Emilio gleichzeitig alles daran setzte, den Abriss herauszuzögern, damit er seinen Film vor Ort drehen konnte.“
Glücklicherweise gelang es Estevez, eine spezielle Erlaubnis vom Los Angeles Unified School District zu bekommen, dass er tatsächlich in der letzten Woche vor dem endgültigen Abriss seine Kameras im Ambassador aufstellen konnte. In dieser Zeit konnte Estevez seine Außenaufnahmen abwickeln, sowie in den Gängen und dem Coffee Shop drehen, bevor die Abrissbirne ihre Arbeit verrichtete. „Sie haben buchstäblich um uns herum die Wände eingerissen, während wir drehten“, erinnert sich Estevez. „Es ist eine ganz schöne Herausforderung, in solch einer Situation, seine Haltung zu bewahren.“
Der blitzschnelle Dreh hatte aber auch seine Vorteile: Auf diese Weise erhielt der Film die von Estevez angestrebte Authentizität. Zugleich war das kreative Team nun aber gezwungen, das Design des Films noch einmal zu überdenken. „Wir hatten eigentlich vorgehabt, die Kamera von einem Raum des Ambassador zum anderen fliegen zu lassen. Die Architektur des Hotels sollte sozusagen als Bindeglied zwischen all den Geschichten fungieren“, berichtet Estevez. „Wir hatten nie damit gerechnet, dass wir uns von Location zu Location würden bewegen müssen.“
„Unser Ambassador Hotel besteht tatsächlich aus Stückwerk, aus Teilen von vielen verschiedenen Gebäuden in ganz Los Angeles, die wir so zusammengesetzt haben, dass sie dem von uns gewünschten Fluss der Erzählung entsprachen“, fährt Patti Podesta fort, die als Filmausstatterin mit ihren beeindruckenden Designs urbaner Paranoia in Christopher Nolans innovativem Thriller Memento (2000) aufgefallen war.
Podesta musste sich bei BOBBY noch einer weiteren großen Herausforderung stellen. „Es war ziemlich anstrengend. Es war ja nicht nur meine Aufgabe, das Flair der damaligen Zeit und dieses einen Moments im Juni 1968 einzufangen, sondern auch dem Ambassador gerecht zu werden, vielleicht zum letzten Mal überhaupt“, sagt sie. „Aber ich muss auch gestehen, dass es natürlich der Traum jedes Designers ist, diese Sachen zu erforschen und damit herumspielen zu können.“ Podesta konzentrierte sich darauf, das Design entsprechend der emotionalen Stoßrichtung des Films einzusetzen. „Alles beginnt sehr hell und frivol und wird zunehmend tragischer und trauriger – das war für mich so etwas wie die Marschrichtung beim Ausstatten der Räume“, berichtet sie.
Während der einen Woche, die die Crew im Ambassador arbeiten konnte, fertigte Podesta Zeichnungen des Gebäudes an, die sie „emotionale Skizzen“ nennt – es ging ihr dabei weniger um Genauigkeit als um das Einfangen von Stimmung und Atmosphäre. Außerdem schaffte sie viele Türen und Accessoires beiseite, die bei den späteren Drehorten wieder eingesetzt werden konnten, um den Sets mehr Authentizität zu verleihen. (Weitere Möbel, wie die Lobbysessel des Ambassador, ersteigerte die Produktion bei einer Auktion des School Board.) Da das Gebäude seit 1968 bereits renoviert und umgebaut worden war, half sich Podesta beim Nachbau des Ambassador zusätzlich mit 20 Minuten ungeschnittener Filmaufnahmen von CBS vom 4. Juni 1968, die Estevez bei seinen Recherchen aufgetrieben hatte. Ein weiterer glücklicher Zufall wollte es, dass die Schwester von Kostümdesignerin Julie Weiss in den 60er Jahren im Ambassador geheiratet hatte und ein Fotoalbum mit vielen detaillierten Fotos besaß. Zusätzliche Inspiration holte Podesta sich von Spielfilmen der 60er Jahre, die im Ambassador gedreht wurden – Die Reifeprüfung (1967) ist das berühmteste Beispiel.
Nachdem man die gesamte Stadt durchkämmt hatte, hatte man eine Reihe von Drehorten ausfindig gemacht, die man für das Ambassador einsetzen konnte. Dazu gehören der historische Santa Anita Racetrack, dessen Küche und Vorratskammer dem Hotel entsprachen, das in den 20er Jahren errichtete Park Plaza Hotel am Wilshire Boulevard, dessen elegante Lobby für die Szenen mit Anthony Hopkins und Harry Belafonte verwendet wurde; die Castle Green Apartments in Pasadena, deren üppiger Garten zum Einsatz kam; und ein Country Club in Agoura, wo ein paar Umkleidehäuschen aus den 60er Jahren gefunden wurden, die denen des Pools am Ambassador verblüffend ähnelten. In dem man Details mit hohem Wiedererkennungswert über die verschiedenen Locations verteilte, gelang es Podesta, die Drehorte wie aus einem Guss aussehen zu lassen. „Wir erkannten schnell, dass man den richtigen Look in einem Hotel in erster Linie mit Pflanzen und Vorhängen erzielt“, lacht Podesta.
Die übrigen Innenaufnahmen wurden in den Santa Clarita Sound Stages im Norden von Los Angeles gedreht. Eines der wichtigsten Sets, das hier entstand, war der Frisörsalon, wo die von Sharon Stone gespielte Miriam viele der Figuren des Films in ihren offenherzigsten Momenten trifft. „Er ist ein bisschen protzig und ein bisschen Deco – ein Ort mit vielen Gesichtern, wo sich alles in der Reflektion der Spiegel abspielt“, sagt Podesta.
Die ganze Zeit über arbeitete Podesta eng mit der Oscar-prämierten Kostümdesignerin Julie Weiss und Kameramann Michael Barrett zusammen, um eine durchgängige Atmosphäre zu erzielen – sie setzten warme und gedämpfte Farben ein, um eine Zeit wieder aufleben zu lassen, als das Filmmaterial noch nicht so lebendig und gestochen scharf war. Gleichzeitig blieb Podesta und Estevez angesichts der knapp bemessenen Drehzeit gar nichts anderes übrig, als sich bei ihrer kreativen Beziehung blind zu vertrauen. „Das ging alles so schnell und der Terminplan war so eng, dass es vorkommen konnte, dass Emilio ein Set bis fünf Minuten vor der ersten Klappe noch gar nicht gesehen hatte“, erzählt Podesta. „Aber wir verstanden einander blind, und er ist so präzise bei der Artikulation seiner Vorstellungen, dass ein unbedingtes Vertrauen da war. Wir sahen den Film auf dieselbe Weise, als eine Art intime Serie von Gesprächen, die in einem Moment kulminieren, in dem sich alles auf dramatische Weise verändert.“
All die Leistungen der künstlerischen Abteilungen, vom Mobiliar des Hotels hin zu den Jackie-O-Kleidern und den auftoupierten Frisuren, halfen Cast und Crew, sich ganz unmittelbar in das Jahr 1968 hineinzufühlen. Das trifft auch auf die Fotografie des Films zu. Bei seiner Arbeit mit Michael Barrett ging es Estevez darum, einen unverbrauchten Look für BOBBY zu finden, mit dem die Essenz des Jahres 1968 als Trennlinie zwischen einer unschuldigen, hoffnungsvollen Gesellschaft und der mit Problemen belasteten und chaotischen Gesellschaft von heute klar betont werden sollte. „Man begeht manchmal den Fehler, 1968 als einen Spaziergang in Haight-Ashbury zu sehen, farbenfroh und psychedelisch. Aber das kommt eigentlich erst später. 1968 war gekennzeichnet von einer Strenge und Formalität, die das Leben in Amerika bestimmte. Zum Abendessen trug man noch Anzug und Krawatte, man sagte noch brav ,bitte’ und ,danke’. Die jungen Kennedy-Unterstützer ließen sich gemeinsam mit Eugene McCarthy die Haare schneiden, bevor sie sich in die Kampagne stürzten“, erklärt Estevez. „Diese Formalität wollte ich einfangen.“
Gleichzeitig war ihm auch der Kontrast zu dem Traditionalismus wichtig – nicht anders war es Kennedy gegangen, mit seiner wilden Energie und Kreativität. „Natürlich bestimmt die Formalität den ganzen Film. Gleichzeitig ist die Kamera ständig in Bewegung“, berichtet er. „90 Prozent des Films wurden mit einer Steadicam gedreht, um diesen frei fließenden Effekt zu erzielen.“
Die Intensität des Drehs nahm noch einmal um ein Vielfaches zu, als die Szene bevorstand, von der alle wussten, dass sie die schwerste des ganzen Film sein würde, emotional wie technisch: die chaotischen Schüsse in der Küche des Ambassador Hotels. Kennedy war um 23:30 Uhr von seiner Suite in den Ballsaal des Hotels gekommen, um dort seine umjubelte Siegesrede zu halten. Um 0:15 Uhr war sie zu Ende, begleitet von „Bobby! Bobby!“-Rufen einer aufgepeitschten Menge bahnte sich Kennedy seinen Weg in die Vorratskammer der Küche, eine Abkürzung, die ihn zur draußen wartenden Presse führen sollte. Die Stimmung in der Küche war ekstatisch und chaotisch, dicht an dicht standen Hotelangestellte und Besucher der Party, die einen Blick auf Kennedy erhaschen wollten. In diesem Moment fielen die Schüsse.
Estevez filmte den Mord zwar nicht so, wie er sich tatsächlich abgespielt hatte, aber er wollte dennoch das sich in Windeseile ausbreitende Chaos und die Hilflosigkeit so authentisch wie möglich einfangen. Für Cast und Crew war es eine irrwitzige Erfahrung. „Als die tatsächliche Ermordung gedreht wurde, war die Stimmung am Set gespenstisch“, sagt Jakob Vargas, der den Küchenarbeiter Miguel darstellt. „Als ich mir die Aufnahmen am Monitor angesehen habe, fühlte es sich so echt an. Und das machte es so gespenstisch und beängstigend. Die Hölle brach los, überall waren Körper und Blut. Ich war damals noch nicht einmal auf der Welt, aber diese Bilder machten mir eine Gänsehaut.“
Für Estevez war diese Szene entscheidend, nicht nur als Höhepunkt des Films, sondern weil er auch hoffte, mit diesen Bildern eindrucksvoll Kennedys Haltung gegen Gewalt unterstreichen zu können. Um das Publikum an Kennedys Vision einer anderen Gesellschaft zu erinnern, unterlegte er die Szene mit einer der schönsten und prophetischsten Reden Robert F. Kennedys vom April 1968, in der er seine Haltung zu Gewalt unmissverständlich zum Ausdruck brachte.