Donnerstag | 31. Mai 2012 | 08:48 Uhr
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  • Jugend ohne Jugend

    Thriller, Drama, Romanze | Deutschland / Frankreich / Italien / Rumänien / USA 2007
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      • | Produktion: Symbole und Motive

      • Wie es sich für eine Allegorie gehört, ist JUGEND OHNE JUGEND mit starken visuellen Symbolen gespickt, die der Handlung der Geschichte ebenso dienen, wie sie den philosophischen Aspekt des Films vertiefen. Das erste dieser Symbole ist äußerst wichtig: ein einschlagender Blitz.
        Wissenschaftlich betrachtet ist ein Blitz nichts weiter als eine Aufladung der Atmosphäre. Aber metaphorisch gesehen symbolisiert er eine Nachricht von außerhalb der Erde, sei es aus dem Himmel oder von einem göttlichen Wesen. „Er ist mysteriös und göttlich, stark und beängstigend“, kommentiert Doniger, die glaubt, dass Eliade ihn absichtlich eingerichtet hat – sprich: Die Hand Gottes stoppt Dominics Selbstmord-Mission. Dominic war zum Leben bestimmt, nicht zum Sterben.

        Allgemeine Redewendungen in der westlichen Kultur verwenden den Blitz, insbesondere einen Blitzschlag, als Zeichen für Veränderung – ein einmaliges Ereignis, das etwas oder jemanden an Ort und Stelle verändert. Jeder hat schon einmal gehört, dass „einen ein Blitz niemals zweimal (am selben Ort) trifft“. Die Tatsache, dass Blitze sehr wohl zweimal an einem Ort einschlagen können, schwächt diesen Aphorismus nicht. Im Französischen und Italienischen heißt der Ausdruck für Liebe auf den ersten Blick „coup de foudre“ beziehungsweise „colpo di fulmine“ – wörtlich übersetzt: „Blitzschlag“.

        In JUGEND OHNE JUGEND setzt der Blitzschlag die Räder des Plots in Bewegung und führt zu Dominics Regeneration sowie zu seiner Verjüngung. Er nutzt die gewonnene Zeit gut, um sein Wissen zu erweitern sowie Informationen für die zukünftige Generation zu sammeln. Am Ende seines Lebens macht er eine verblüffende Veränderung durch – vom Menschen, der einmal dem Wissen den Vorrang schenkte, zum Mann, der an die Liebe glaubt.

        Die Rose ist ein weiteres wichtiges Symbol, womöglich ursprünglich christlich zu verstehen, wie „die Rose, die auf Jesus’ Grab blühte“. Eine Rose mit vielen Schichten geöffneter Blütenblätter könnte einen Prozess der Erleuchtung bedeuten und buddhistisch sein. Es gibt drei Rosen im Film. Zwei werden von Dominics Doppelgänger als Beweis benutzt, dass er echt ist, nicht ein Geist oder eine Erfindung der Vorstellungskraft. Die dritte Rose bedeutet einen Zustand der Barmherzigkeit. „Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass Dominic in einem Moment der Barmherzigkeit stirbt“, erklärt Coppola. „Er hat dieses Mädchen geliebt und ihr sein Lebenswerk geopfert. Wenn man geliebt hat und geliebt wurde, dann will man in Gnaden sterben.“

        Der „Doppelgänger“ ist ein kulturübergreifendes Symbol der Dualität, das man in fast jeder Tradition findet, sei es in der griechischen, christlichen, buddhistischen, hinduistischen – oder im Kino. Gene Kelly tanzte mit sich selbst in Anchors Aweigh (Urlaub in Hollywood, 1945) und dies ist nur einer von unzähligen Leinwandmomenten, die Doppelgänger so zeigen, wie es nur dieses Medium vermag.

        Wobei der freche, manchmal irritierende „Doppelgänger“ in JUGEND OHNE JUGEND komplexer ist. Ihm zugrunde liegt zunächst einfach eine weitere Seite von Dominics Charakter – eine Art Umkehrung seines Ichs. „Doppelgänger reagieren miteinander, um komplexe philosophische Fragen auszufechten“, so Professorin Doniger, die drei Bücher über sie geschrieben hat. „Der Doppelgänger in diesem Film trägt die philosophische Bürde der Story. Er repräsentiert die Spaltung von Dominics Wesen zwischen dem Wissenschaftler, der eine Erklärung für alles will – der ,kalten‘ Seite – und dem Mann, der diese Frau trifft und am Leben bleiben möchte, der sie liebt – die ,warme‘ Seite.“

        Für Coppola erfüllt der „Doppelgänger“ sowohl einen philosophischen als auch cinematografischen Zweck: „Er ist ein wunderbares Mittel, um Unterbewusstsein und Selbstbewusstsein zu zeigen. Menschliche Wesen haben ein multi-dimensionales Bewusstsein. Die Fragen der Dualität haben sehr viel mit indischen Religionen zu tun.“

        Die Ganzheit der allegorischen Struktur von JUGEND OHNE JUGEND basiert auf der Idee der Dualität – aber es ist nicht der kartesische Dualismus, der die Beziehung von Geist und Körper behandelt, wie es in der westlichen Philosophie verbreitet ist. „Es gibt einen essenziellen Unterschied zwischen der östlichen und westlichen Art, das Leben zu deuten“, so Coppola. „Der indische Philosoph ist nicht verwirrt, wenn er über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spricht. Aber wir Westler finden es schwierig, die ,reale Welt‘ als etwas anderes zu verstehen als eine Hilfe oder einen Nutzen, mit dem wir unser Leben ertragen. Aber die wahre Existenz ist nicht wie jene, die man mit Hilfe des Konzepts der Dualität versteht.“
        Professorin Doniger setzt fort: „In der indischen Philosophie liegt der Grund, dass die Linie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zwischen Träumen und materiellem Leben so einfach ausgelöscht werden kann, darin, dass Zeit und Raum und Geist und Körper in die grundliegende Substanz des Universums eingebettet sind und diese ist Gott, Brahma. Alle Materie ist einfach Teil des Bewusstseins, deshalb denken wir in Vergangenheit und Zukunft und können uns zwischen ihnen bewegen. Unser Bewusstsein ist Teil des göttlichen Bewusstseins und eine Art Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.“

        Coppola ist sich bewusst, dass die Komplexität des Films auf manche Kinogänger vielleicht einschüchternd wirkt. Aber er hofft, dass der erste Blick überwältigend genug ist, um einen zweiten zu ermutigen – oder einen dritten, wie es bei Apocalypse Now (Apocalypse Now, 1979) der Fall war.

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