Sylvester Stallone glaubt, dass Rocky eine Seite in den Zuschauern berührt, weil sie sich in dieser Figur wiedererkennen können. Weil das Original mittlerweile 30 Jahre zurückliegt, wollte Stallone eine Geschichte entwickeln, die das Grundthema von „Rocky“ einer neuen Generation vermitteln konnte, das wahre Leitmotiv, dass alles möglich ist, wenn man nur selbst stark genug daran glaubt.
„Es ist schon ein ziemlich allgemeingültiger Traum, aufzustehen und zu versuchen, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen“, sagt Stallone. „Man hat vielleicht nicht den ganz großen Erfolg, aber hatte doch zumindest die Chance dazu. Meiner Ansicht nach werden viele Menschen vor allem davon frustriert, nie diese Gelegenheit im Leben gehabt zu haben.“
Produzent Charles Winkler stellt fest, dass ROCKY BALBOA Stallones jahrzehntelange Suche nach einem würdigen Finale für die Figur beendet: „Sylvester befand sich auf einer Mission“, erzählt Winkler. „Er wollte einen Abschluss, der auch den richtigen Ton traf, eine Geschichte, die einen wieder glauben ließ.“ Und Winklers Kollege William Chartoff fügt hinzu: „Rocky hat nie wirklich Sylvesters Gedankenwelt verlassen. Für ihn war das Ganze so etwas wie eine nie beendete Arbeit, und so empfinden auch die unzähligen Fans der Figur auf der ganzen Welt. Obwohl ROCKY BALBOA der Serie wirklich ein Ende setzt, ist diese Fortsetzung in vieler Hinsicht dem Original am ähnlichsten.“
„Der erste Film war ein kleiner Film, aber geschrieben wie ein Meisterwerk“, resümiert Burt Young, der Paulie, diese komplexe Persönlichkeit, über drei Jahrzehnte und sechs Filme verkörpert hat. „Das waren 98 Seiten Straßenprosa, da gab es kein Fett, nichts war überflüssig, und es war eine sehr romantische Geschichte. Viele Zuschauer haben nie richtig anerkannt, wie unglaublich romantisch der Film war. Ich war total begeistert von dem Drehbuch, das vielleicht beste, das ich je gelesen habe.“
In vieler Hinsicht steht in ROCKY BALBOA die Titelfigur wieder genau da, wo sie schon im ersten Film war: „Er ist buchstäblich wieder dort angelangt, wo alles angefangen hat, ist wieder ganz allein, nur seine Naivität hat er verloren“, beschreibt Stallone seine Rolle. „Er ruht jetzt mehr in dieser Welt, trägt eine Last auf den Schultern, aber dadurch wirkt er auch irgendwie aufgeklärt und erleuchtet. Er weiß jetzt mehr und versucht das auch zu vermitteln. Er hat nicht mehr so große Komplexe wie früher.“
Sein einziges Sicherheitsnetz in einer komplizierten Welt ist allerdings weg: Adrian starb viel zu früh an Krebs, so verlor Rocky, obwohl er nicht der Typ ist, der jammert, die Schulter, an die er sich immer anlehnen konnte. „Wenn einem das Wichtigste im Leben genommen wird“, erklärt Stallone, „wenn man ins Wanken gerät, die besten Jahre vermutlich dahin sind und man wieder allein ist, fragt man sich: ‚Was mache ich jetzt?’ Rocky hat den Ruhm erreicht, den er sich immer gewünscht hatte, aber seine Frau ist tot und sein Sohn führt sein eigenes Leben. Alles, was er für den ultimativen Traum hielt, ist verloren – und er ist nur noch allein.“
„Rocky fühlt schrecklichen Schmerz und großen Zorn, und er hat keine Ahnung, wie er sich davon befreien kann“, erzählt Burt Young. „Aber genau darum geht es in diesem Film, um unsere Figuren, die in leeren Räumen stehen und sie irgendwie zu füllen versuchen.“ Rocky hat Paulie ein Heim gegeben, macht sogar Frühstück für seinen besten Freund und Schwager. „Paulie ist etwas unsensibel, aber letztendlich bewundert er Rocky“, erklärt Stallone. „Er ist sein Kumpel, ohne den er nicht leben könnte, aber es ist einfach so, dass aus Vertrautheit manchmal Geringschätzung wächst.“
Regelmäßig besucht Rocky das Grab seiner Frau, schließt es in seine Tour ein, die ihn zu allen Orten führt, die ihm etwas bedeuteten. „Die Tierhandlung ist mittlerweile mit Brettern vernagelt“, beschreibt Stallone die Situation. „Er schwelgt in Erinnerungen an die Eislaufbahn, die es längst nicht mehr gibt. Aber er steht mitten im Abbruchschutt und läuft in Gedanken immer noch mit Adrian auf dem Eis, bis ihn Paulie mit barschen Worten herausreisst.“
Rockys Versuche, sich seinem Sohn Robert zu nähern, bleiben unerwidert. „Er ist die letzte Verbindung, die Rocky zu seiner Frau hat, aber auf einem emotionalen Level ist die Beziehung zu seinem Sohn sehr dürftig“, sagt Stallone. „Das Problem seines Sohns ist vielen Kindern vertraut, die im Schatten erfolgreicher Väter leben. Er kann nicht mit seinem Vater konkurrieren - und sollte das auch nicht tun. So entschied er sich dafür, komplett anders als sein Vater zu leben, sich anders zu kleiden, sich anders zu bewegen, überhaupt alles anders als sein Vater zu machen.“
Milo Ventimiglia, der Robert Balboa, Jr. verkörpert und im letzten Jahrzehnt vorwiegend im Fernsehen, in TV-Serien wie „Gilmore Girls“ oder „Heroes“ gearbeitet hat, bemerkt, dass Rocky zu Anfang der Story wie im Original etwas heruntergekommen ist. „Er muss sich und seine Situation verändern, aber braucht dafür die Menschen, die er liebt, an seiner Seite“, erklärt der junge Schauspieler. „Aber dort sind sie nicht mehr. Emotional gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem ersten und dem letzten Teil. In beiden Filmen wird eine einfache menschliche Geschichte erzählt.“
Die Irin Geraldine Hughes, Autorin und Star des hoch gepriesenen Bühnenstücks „Belfast Blues“, wurde von Stallone ausgewählt, die „kleine Marie“ zu spielen, die jetzt erwachsen und allein erziehende Mutter ist und in einer besonders gefährlichen Ecke in South Philadelphia wohnt. Im Original verkörperte Jodi Letizia Marie - damals noch ein Teenager, der für den größten Lacher im Film sorgte. „Geh’ zum Teufel, Du Widerling“ rief sie Rocky zu, als er sie nach Hause begleitet und sie damit vor einem Absturz in die Jugendkriminalität bewahrt hatte. Obwohl Rocky und Marie sich vorsichtig an eine Beziehung herantasten, bemerkt Hughes, dass es für Rocky noch zu früh ist, Adrian wirklich gehen zu lassen. „Sowohl Adrian als auch Talia Shire, ihre Darstellerin, sind unersetzbar“, sagt Hughes. „In diesem Film bleibt sie eine enorm starke Kraft in Rockys Leben“
Aber in Marie findet Rocky eine menschliche Verbindung, die er unbedingt braucht. „Marie und Rocky machen eine schöne gemeinsame Entwicklung in dieser Geschichte“, erklärt Hughes. „Aber eine Romanze ist es nicht. Beide sind in ihrem Leben völlig allein. Marie hat das Gefühl, dass sie niemand wahrnimmt, und Rocky nimmt sich die Zeit, sie zu besuchen und lässt sie dann an seinem neuen Abenteuer teilhaben.“
Während zu seinem eigenen Sohn eine große Distanz besteht, bemüht sich Rocky um Teenager Steps, Maries Sohn. Schließlich bietet er beiden an, in seinem Restaurant „Adrian’s“ mitzuarbeiten. „In gewisser Weise beginnt er, ihr Mentor zu werden, sie zu beschützen“, sagt Stallone. „Und er schenkt auch dem Jungen etwas Aufmerksamkeit, der plötzlich aufzublühen beginnt. Man kann es also so sehen, dass sich aus Rockys Schmerz auch Gutes entwickelt.“
„Steps ist misstrauisch und als er Rocky zum ersten Mal sieht, befürchtet er das Schlimmste“, beschreibt James Francis Kelly III seine Rolle. „Aber er erkennt schon bald, dass Rocky kein schlechter, sondern tatsächlich ein recht cooler Typ ist.“
Als der Sportsender ESPN unter dem Motto „Man vs. Machine“ in einer Computersimulation zwei Athleten aus unterschiedlichen Zeitaltern gegeneinander antreten lässt, nämlich den amtierenden Schwergewichtsweltmeister Mason „The Line“ Dixon und den früheren Doppelweltmeister Rocky Balboa, verändert sich Rockys Leben nahezu unmerklich.
Der vom Computer generierte Kampf und sein merkwürdiger Ausgang motivieren Rocky, sich wieder um eine Boxlizenz zu bemühen. Dafür aber benötigt er einen Fight, denkt darüber nach, vielleicht auf lokaler Ebene ein paar kleine Kämpfe zu bestreiten. „Rocky sieht die Sendung und ein Licht geht in ihm an“, erklärt Stallone. „Er denkt, ‚Wow, hier kann ich etwas machen, was ich wirklich liebe. Und lieber mache ich etwas, was mir wirklich viel bedeutet, als sich schlecht zu fühlen, weil man es nicht getan hat.’ Aber durch seine Bemühungen wird auch dieser Zorn in ihm ausgelöst über die Demütigungen, die Vorurteile, die Kischees über das Alter. Sogar sein Sohn ist der Meinung, dass er durch sein Verhalten beide nur schlecht aussehen lassen würde.“
Es gibt so vieles, dass Rocky seinem Sohn gerne vermtteln würde. Aber Robert wuchs so völlig anders als sein Vater auf, dass ihm Rocky nur lächerlich erscheint. „Rocky will, dass sein Sohn versteht, dass das Leben nicht nur aus Vergnügen besteht“, erklärt Stallone. „Es ist hart, hässlich und schlägt einen zu Boden, es sei denn, man wehrt sich. Und es geht nicht darum, wie hart man selbst zuschlagen, sondern, wie viel man einstecken kann. Das genau zeichnet Rocky aus.“
Als Darsteller von Mason Dixon wählte Stallone Antonio Tarver aus, zu diesem Zeitpunkt der amtierende Weltmeister im Halbschwergewicht. „Wenn man schon ein letztes Mal in den Ring steigt, warum dann nicht mit einem echten Boxer, der die Magie der Choreographie nicht nötig hat? Antonio kann wirklich boxen und er ging in den Ring mit viel Erfahrung und Training, um rücksichtslos ein paar Schläge auszuteilen.“
Obwohl Dixon bisher jeden Kampf gewonnen hat, wird er von den Menschen nicht respektiert, die eigentlich seine Fans sein sollten. Um das hundertprozentig sicher zu ändern, betreiben seine Promoter Brainstorming und haben die Idee, Rocky für einen WM-Fight wieder in den Ring zu locken. „Eigentlich hat er den Siegergürtel im Ring nie verloren, ist zurückgetreten“, bemerkt A.J. Benza, der Dixons Manager L.C. Luco verkörpert. „In gewisser Weise sind also sowohl er als auch Mason Dixon Champions. Man garantiert ihm, dass er nicht verletzt werden und so jeder gewinnen würde.“
„Mason versteht nicht, warum die Öffentlichkeit nicht auf seiner Seite steht“, sagt Tarver. „Erst im Ring mit Rocky, wenn er sich wehren oder die Klappe halten muss, erkennt er, dass man sich Respekt verdienen muss. In vieler Hinsicht kämpft er um sein Leben.“
Obwohl Rocky anfangs zögert, anzutreten und vielleicht „zusammengeschlagen und in eine peinliche Situation“ gebracht zu werden, erinnert ihn Marie daran, dass der Kampf vielleicht für die andere Seite ein Publicity-Gag sei, dass er das aber ganz anders sehen könnte. „In diesem Fight bekämpft man sich selbst“, weiß Stallone. „Als Boxer ist Mason deutlich überlegen, aber er hat ein Defizit: Er war niemals ganz unten. Er wurde nie schwer in Verlegenheit gebracht. Und der letzte Ort, an den man denkt, diesen Moment erleben zu können, wenn man gezwungen ist, etwas Bemerkenswertes zu leisten oder eben zu scheitern, ist der Ring, in dem man gegen einen 58-Jährigen antritt. Zum ersten Mal im Leben muss der Champ beweisen, dass mehr in ihm steckt, dass er bisher getragen und beschützt wurde und jetzt sozusagen entblösst in den Ring steigt.“
Für Rocky geht es in diesem Kampf um alles, was er jemals geliebt hat – um Adrian, Robert, Marie, Steps, Paulie, um jeden, der jemals an seinen Traum geglaubt hat. „Man kann auf nicht anderes hören als auf sein Herz“, resümiert Stallone. Mit der Rückkehr zur Geschichte des „Italian Stallion“ erhielt Stallone die Gelegenheit, einer ganzen Generation den Gedanken zu vermitteln, dass, wenn sich man wirklich etwas aus vollem Herzen wünscht, einen niemand vom Versuch abhalten kann, es auch zu erreichen. „In diesem Punkt muss man etwas realistisch sein“, sagt Stallone. „Man macht nicht etwas, das körperlich völlig unmöglich ist, aber man kann viel mehr erreichen, als andere es einem zutrauen, wenn man nur daran glaubt. Es geht um eine Verpflichtung, die man sich selbst gegenüber hat, und um Loyalität gegenüber denen, die man liebt.