Neben Drehorten in Las Vegas und Los Angeles, die man aus pragmatischen Gründen wählte, wollte Stallone die Kameras auch wieder in Philadelphias Southside aufstellen und dabei Rockys Welt so zeigen, wie sie war: keine saubere Hollywoodversion, sondern die schmutzige Realität. „Wir werden so nah an der Wirklichkeit bleiben wie möglich“, sagte Stallone, wie sich Koproduzent Guy Reidel erinnert. „In der Konsequenz bedeutet das, dass nichts im Studio gedreht wurde“, so Reidel. „Die reale Welt war unser Drehort, was für die Filmemacher einige Herausforderungen mehr mit sich brachte.“
Weil das Budget begrenzt war und ihm nur fünf Wochen zum Drehen zur Verfügung standen, passte sich Stallone an die Gegebenheiten mit einem schnörkellosen, konsequenten Inszenierungsstil an, der perfekt zu den zentralen Themen des Films passt. „Wir verlegten keine Schienen, es gab keine Kamerakräne, keine dieser ausgetüftelten Kamerasequenzen, viel wurde mit der Handkamera gedreht“, beschreibt Stallone sein Vorgehen. Stallone arbeitete eng mit Kameramann Clark Mathis an diesem reduzierten Inszenierungsstil, der dennoch die zentralen Charaktere des Film widerspiegeln sollte. „Ich versuchte, möglichst so zu drehen“, so Mathis, „wie es den Persönlichkeiten der Figuren entsprach. „Einige Szenen sind sehr hektisch und aufwühlend. Dixon habe ich in helles, steriles Licht getaucht, keinen dramatischen Akzent im Licht gesetzt. Ich wollte sichtbar machen, dass sein Leben bis zum Kampf ohne Farbe, Schatten und Atmosphäre ist.“
Der gleich zu Drehbeginn angesetzte monumentale Fight zwischen Rocky und Mason „The Line“ Dixon sollte ein aufregender Event im Las-Vegas-Stil sein und war die größte Herausforderung der Dreharbeiten. Stallone hatte gerade ein mörderisches Trainingsprogramm beendet und befand sich in einer Spitzenverfassung. Das würde sich im Verlauf der Dreharbeiten aber ändern, weil er wegen seiner Verpflichtungen als Regisseur und Darsteller kaum noch Zeit zum Training haben würde. Aus diesem Grund mussten die Kampfszenen sofort vor die Kamera gehen. „Boxen ist etwas Einzigartiges“, schwärmt Stallone. „Man benötigt dafür Fähigkeiten, für die man Jahre braucht, sie sich anzueignen.“
Während der erste Drehtag näher rückte, hielt man Ausschau nach einer Boxarena. Doch jede geeignete Halle, die man fand, war entweder ausgebucht oder konnte keine Filmcrew aufnehmen. Stallone wusste, dass HBO in Las Vegas einen Pay-Per-View-Fight zwischen Bernard Hopkins und Germaine Taylor übertragen wollte. Im Herzen ein unabhängiger Filmemacher, kam Stallone auf die Idee, auf diesen Zug, auf dieses Event aufzuspringen und von einem Publikum zu profitieren, das sich die Produktion kaum leisten würde können, mit Statisten nachzustellen. Doch der Fight sollte bereits zwei Wochen vor dem geplanten Drehstart stattfinden. Der stets erfinderische Regisseur löste das Problem, indem er den Drehstart entsprechend vorzog.
„Mit Stallone im Team ist nichts unmöglich“, schwärmt Burt Young. „Ich kenne keinen anderen, der so viele Jobs auf einmal und dabei so gut machen könnte. Wenn er einen Einfall hat, setzt er ihn sofort in die Tat um. Für ihn ist nichts unmöglich. Das macht ihn und die Geschichte dieses Films aus.“
Das Team nahm Verhandlungen mit HBO und dem Veranstalter Mandalay Bay Resort And Casino auf, um sich den echten Kampf zu Nutze machen zu können. Doch obwohl die Filmemacher neun Tage Drehzeit forderten, konnte ihnen Mandalay Bay nur mit sechs Tagen entgegenkommen. Während sich die Produzenten nun überlegten, wie sie damit zurechtkommen konnten, widmete sich Stallone voll und ganz dem Casting. „Ich wollte niemanden auf der Leinwand sehen, den man schon aus Dutzenden anderer Filme kannte“, erklärt Stallone. „Mit bekannten Gesichtern geht vom Realismus etwas verloren.“
Um Mason „The Line“ Dixon spielen zu können, musste Linksausleger Antonio Tarver fünf Wochen vor dem offiziellen Drehstart mit den Proben beginnen und 20 Pfund zulegen, um als Halbschwergewicht die Schwergewichtsklasse zu erreichen. Als die Proben begannen, musste sich Tarver den Anforderungen anpassen, die die Schauspielerei mit sich brachte – im Unterschied zu den Erfordernissen eines Kampfes, die zu erfüllen er ein ganzes Leben trainiert hatte. „Die Kampfszenen stellten keine Herausforderung für Tarver da“, erklärt Koproduzent Guy Reidel. „Der Mann kann mehr als 30 Knockouts auf seiner Habenliste verbuchen. Aber er musste für jeden einzelnen Schlag die Choreographie lernen, damit sichergestellt werden konnte, dass man damit auch die dramatischste Wirkung erzielte. Und gerade, als wir bei den Proben richtige Fortschritte machten, musste Sly sich wegen der vielen Hüte, die er trug, mit dem Produktionsdesigner, dem Kameramann, den Kostümleuten, dem Cutter oder den Repräsentanten des Studios treffen.“
Letztlich half Stallones Erfahrung in der Herstellung eines klassischen „Rocky“-Films, dass der Dreh der Fightszenen für Darsteller und Team gleichermaßen glatt ablief. Denn für jeden Beteiligten veranschaulichte er die dramatische Bedeutung, die jede Sekunde des Kampfs hatte. Wer liegt an welchem Punkt vorn? Wo befindet sich Rocky sowohl in seiner körperlichen als auch emotionalen Entwicklung? „Jede Sekunde beinhaltet einen emotionalen Moment, der mit der körperlichen Bewegung in Übereinstimmung sein musste“, erklärt Antonio Tarver. „Das macht das Leben dieses Kampfes aus.“
„Wir drehten vor dem Hintergrund eines Live-Events, das Wiegen und die Pressekonferenz waren live“, beschreibt Stallone die Probleme. „Wir bannten Teile der Liveveranstaltung von HBO auf Film, kamen nach Übertragungsende sofort mit den Darstellern und dem Team zu den Sets, um sie für uns nutzen zu können. Das war mehr als eine Herausforderung.“
Als schließlich die Kämpfer gewogen wurden, ließ Stallone zum ersten Mal die Ergebnisse seines intensiven Trainingsprogramms sehen. „Jeder war verblüfft“, erinnert sich Winkler. „Er war einfach so fit, schaute unglaublich aus. In diesem Moment wussten wir alle, dass der Film funktionieren würde, wenn wir nur alle unsere Arbeit richtig machten.“
1976, als „Rocky“ gedreht wurde, schlug Sylvester Stallone wirklich auf die Fleischhälften im Schlachthaus ein, die ihm als Sandsäcke dienten. Im neuen Film wollte er keine gestellt wirkenden Kampfszenen, keine der üblichen Kameraperspektiven und Eindrücke von einem Schwergewichtskampf. So arbeitete er eng mit den Choreographen und Antonio Tarver zusammen, damit der Fight so realistisch wie möglich aussah, ohne die Kämpfer übel zu verletzen, aber mit richtigen Körperschlägen. „Es ist eine 25-minütige Sequenz, die ganz auf sich gestellt ist, die entweder funktioniert oder eben danebengeht“, erklärt Stallone. „Wir stellten die Kameras an vier Punkten auf und improvisierten dann. Und man war mitten drin. Das Schwerste war, Antonio dazu zu bringen, mich richtig zu treffen, denn wohl war ihm nicht dabei. Aber es zahlte sich aus.“ „Er hat nicht versucht, mich umzubringen“, fügt Stallone lachend hinzu. „Seine Treffer schmerzten, aber mein Herz blieb danach nicht stehen.“
Für einen noch stärkeren Realitätsbezug engagierten die Filmemacher die echten Ringkommentatoren Jim Lampley, Larry Merchant und Max Kellerman, die sich selbst spielten.Außerdem war mit von der Partie Michael Buffer als Ansager für den Dixon-Balboa Fight, auch als „The Rage Against The Age“ benannt. Boxer Mike Tyson spielt sich selbst im Film - ähnlich wie Joe Frazier, der beim Titelkampf in „Rocky“ auftauchte.
Der aufregendste Moment während der ganzen Produktionszeit war für alle Beteiligten, als HBO die Zusage gab, dass man für den Film auf das Publikum des Hopkins-Taylor-Fights zurückgreifen durfte. So konnte Rocky in die vollbesetzte Arena treten, den Gang hinunterschreiten und in den Ring steigen, während sechs Kameras mitdrehten. Als er seine Arme hob, schrien 14.000 echte Boxfans „Rocky! Rocky! Rocky!“- in einer tumultartigen Stimmung, die man mit bezahlten Statisten nie hätte erreichen können.
„Die Schreie für Rocky waren lauter als die während des Hauptkampfs“, erinnert sich Chartoff. Und Winkler fügt hinzu: „Es war der beste Moment der ganzen Show. Man konnte nichts dagegen machen, man bekam einfach eine Gänsehaut.“
Weil Realismus für die Kampfszenen eine Schlüsselrolle spielte, entschied sich Stallone dafür, mit High Definition Kameras zu drehen. „Ich hatte ein bestimmtes Gefühl, wie die Dialoge klingen sollten, aber der Kampf musste so aussehen, wie es sich Sportfans vorstellen: strahlend, waghalsig, knackig“, führt Stallone aus.
Weil der Balboa-Dixon-Fight im Grunde ein HBO-Fight war, wollte Stallone den Fans solcher Veranstaltungen ein Erlebnis bieten, das sie so bisher nicht kannten. „Als ich aufwuchs und Boxfilme sah, hatte ich diese vorgefasste Meinung, dass man solche Filme mit sehr stilisierten Kamerabewegungen inszenieren musste“, erinnert sich Chartoff. Aber Stallone wollte mit dem Kampf im Film einen Schritt weitergehen. „Hier handelt es sich nicht um einen High-Definition- oder um einen 35-Millimeter-Film“, ergänzt David Winkler. „Es ist eine Mischung daraus, und nur wenige Filme haben das bisher gemacht. Und das Ergebnis sieht so aus, wie es auch aussehen sollte: brutal und wild. Wenn man sieht, wie diese beiden aufeinander einschlagen, bleibt die Hollywoodillusionsmaschine außer Betrieb.“
„Sly hat das Drehen von Boxszenen perfektioniert, für uns ist das heute der traditionelle Weg“, erklärt Charles Winkler. „Er hat diese Aufgabe während der ersten fünf Filme gemeistert. Und dann hat er sich von seinem eigenen Stil abgewendet und wollte etwas neues versuchen. Er blüht auf, wenn er etwas neu erfinden kann.“
Nach einer Woche Dreharbeiten in Las Vegas kehrte das Team für 16 Tage an Drehorte im Großraum Los Angeles zurück. Dort filmte man ergänzendes Material für Szenen, die später in Philadelphia vor die Kameras kommen sollten. Einer der Hauptschauplätze und dabei die größte Herausforderung war der Fleischgroßhandel Bro Pack Meats in der Kleinstadt Pico Rivera, der für Paulies Arbeitsplatz der letzten 30 Jahre den Hintergrund liefern sollte.
Wegen des fortlaufenden Geschäftsbetriebs konnte der Großhandel für die Dreharbeiten nicht geschlossen werden. „Genau wie wir mussten sie einen Zeitplan einhalten“, erinnert sich Stallone, „und wir mussten uns daran anpassen. Es gibt dort ein sehr geschütztes und empfindliches Arbeitsumfeld, besonders, was die Temperaturen betrifft. Wir mussten uns nach ihren Regeln richten, aber zu unserem Glück unterstützten sie uns sehr und wir kamen gut zurecht. Trotzdem war es einer unserer kompliziertesten Drehorte.“
Während der Dreharbeiten bei Bro Pack Meats besuchte Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, Stallones ehemaliger Konkurrent um den Thron des Actionfilmtitanen, den Set. Er bedankte sich mit der Überreichung einer Urkunde für die Verdienste des Autors und Regisseurs um die Filmindustrie Kaliforniens. Später spendeten Film- und Fleischproduzenten gemeinsam über 300 Pfund erstklassiges Rindfleisch für die Los Angeles Food Bank.
Dann zog das Team weiter ins Herz des Rocky-Territoriums nach Philadelphia. Die erste Herausforderung war, die zentralen Schauplätze des Originals aufzusuchen, die Tierhandlung, die Kirche, die Eislaufbahn und andere mehr. Die meisten Drehorte existierten noch. In Philadelphia wollte Stallone Rocky unbedingt in echter Kälte trainieren lassen, um den rauchigen Effekt auszunutzen, der sich zeigt, wenn heißer Atem und eisige Luft zusammentreffen. Aber das Wetter spielte zumindest anfangs nicht mit: Sonnenschein im Januar und in Philadelphia?
Ein anderer unerwarteter Aspekt bei den Dreharbeiten in der Stadt der Bruderliebe war die große Zuneigung, die Rocky und Stallone dort immer noch zuteil wurden. Figur wie Darsteller genießen in Philadelphia riesigen Heldenstatus, was letztlich nicht nur den Regisseur, sondern auch sein ganzes Team inspirierte. Begeisterte Menschenmengen konnte man überall antreffen. Besonders auf dem Italian Market waren sie wegen der viele Zugänge besonders präsent, aber an allen Drehorten waren die Fans rücksichtsvoll und kooperativ. „Was erwarten Sie, wenn Rocky nach Philadelphia zurückkehrt?“, fragt Produzent Kevin King rhetorisch. „Das ging uns wirklich zu Herzen, dieses Verströmen von Liebe. Ich bin sicher, Sly empfand das genauso.“ „Das war eine außergewöhnliche Erfahrung“, pflichtet Stallone bei, „denn sie schrien nicht nach Sylvester Stallone, sondern immer nur ‚Rocky! Rocky! Yo Rock!’ Es gibt keine Trennungslinie zwischen den beiden Identitäten.“
Zu den anderen Drehorten in der historisch bedeutsamen Stadt zählten der alte Friedhof in Laurel Hill, die Fabrik Tasty Cake, das Cira Centre, ein modernes Bürogebäude hinter der Penn Station, der Stadtteil Kensington sowie das Rathaus. „Unser Produktionsdesigner Franco Carbone hat sich intensiv in der Stadt umgesehen“, erzählt Koproduzent Guy Reidel. „Und dann wurde viel Arbeitszeit investiert, Sly Fotografien, Videos und Internetseiten zu zeigen. Ideal war das nicht, aber in diesem Fall funktionierte es, weil Sly ein so gutes Auge besitzt und mit allen Aspekten des Projekts vertraut war.“
Während das Team in der Stadt herumzog, fanden sich am Set eine Reihe prominenter Besucher ein. Das Spektrum reichte von Ex-Footballprofi und Gouverneurskandidat Lynn Swann bis zum früheren Halbschwergewichtschampion Matthew Said Muhammad. Besonders interessant waren sowohl in Philadelphia als auch in Las Vegas die vielen Amerikaner, aber auch Europäer, die extra in die Stadt gekommen waren, um Rocky zu sehen.
Sogar 30 Jahre später bleibt es der bewegendste Moment, wenn Rocky die vielen Stufen zum Philadelphia Museum of Art hinaufsprintet, um dann den Blick auf die atemberaubende Skyline der Stadt zu genießen. Es ist die bekannteste und auch meist geliebte Szene aller „Rocky“-Filme. Kein Tag vergeht, vielleicht nicht einmal eine Stunde, ohne dass Einheimische oder Touristen diesen Sprint nachmachen, die Arme triumphierend heben und im Kopf dazu Bill Contis ikonisches Musikthema hören. „In diesem Sprint ist Rockys ganzes Leben komprimiert“, sagt David Winkler.
Am Tag, als die Szene schließlich gedreht werden sollte, in der Rocky mit seinem Hund Punchy die Stufen hinaufsprintet, sollte es laut Drehbuch schneien, aber außer ein paar vereinzelten Flocken war nichts zu sehen ... bis der Himmel für den Schnee doch noch die Schleusen öffnete. Sofort machte sich das Team eiligst fertig.
„Ich renne also mit Punchy die Stufen nach oben und als wir fertig waren, hörte es auf zu schneien“, erinnert sich Stallone. „Beim letzten Sprint rannte ich in einer dichten Schneewolke, und wir ließen die Kamera laufen vom Anfang bis zum Ende dieses Schneefalls. Für mich waren das sehr emotionale Momente. Wenn ich den Schnitt beendet habe, ist alles vorbei. Das ist wie eine Reise, die 30 Jahre andauert. Alles, was ich je in meinem Leben gehabt habe, was ich erreichen wollte, was wirklichen Wert besitzt, ist erledigt. Und ich schaue auf die Stadt hinunter, als die Sonne sich senkt und sage zu mir: ‚Du hast es wenigstens getan. Du bist hierher gekommen, hast es zu Ende gebracht, im Schnee, auf den Stufen von Philadelphia. Das ist perfekt, danke Herr. Und dann war alles vorbei.“