FILMDETAILS | The Hills Have Eyes: Hügel der blutigen Augen
The Hills Have Eyes: Hügel der blutigen Augen
Horror
| USA 2006
WERBUNG
| Der Hügel damals und heute
Der Erneuerer des Gruselkinos heißt Wes Craven. Das hat der Regisseur und Drehbuchautor in seiner über 30-jährigen Film-, Fernseh- und Literaturkarriere immer wieder unter Beweis gestellt. Zum Beispiel 1984 mit A NIGHTMARE ON ELM STREET ("Nightmare - Mörderische Träume), als er dem damals gerade erst frisch belebten Genre seinen innovativen Stempel aufdrückte. Was folgte, war die außerordentlich erfolgreiche SCREAM Trilogie (über 300 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit), für die er in den 90er Jahren verantwortlich zeichnete. Neu am Kinolehrstück über das Grauen war der raffinierte und reflektierte Mix aus Horror, Thriller und Komödie. Popkulturelle Filmreferenzen und gekonnte Genre-Spielchen wurden zum Markenzeichen von Wes Craven.
"Zudem ist er ein ungeheuerer Geschichtenerzähler", hält Produzent Peter Locke fest, der bereits das 77er Original von THE HILLS HAVE EYES - HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN produzierte. "Niemand hat das Horror-Genre so durchdrungen und ausgeleuchtet wie Wes Craven."
Das Ausloten menschlicher Urängste begann für Craven 1972 mit seinem ersten Film THE LAST HOUSE ON THE LEFT ("Das letzte Haus links"). Zur Meisterschaft in psychologischer Kriegsführung brachte es der Nervenkitzler fünf Jahre später mit THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977). Der an Spannung kaum zu überbietende Low Budget-Film traf den Zeitgeist exakt.
Craven ließ sich beim Drehbuchschreiben von einer unglaublichen Geschichte inspirieren, die im Schottland des 17. Jahrhundert tatsächlich passiert ist. Sawny Beane und seine Familie überfielen damals zahllose Reisende, töteten sie bestialisch, verspeisten sie und vergruben anschließend die menschlichen Überreste. König James entsandte daraufhin 400 Soldaten mit Bluthundes, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Was die Königstruppen bei der Festnahme der Familie vorfanden, war ein Ort des Schreckens. Der König ließ den mörderischen Clan hinrichten - auf die gleiche Weise, wie die Beanes ihre Opfer in den Tod schickten.
Craven sah in der monströsen Story sehr genau das ewige Dilemma der Menschheit. Nämlich die Angst davor, dass menschliche Abgründe jederzeit eine zivilisierte Gesellschaft zerstören können. Und so verpflanzte er den antiken Albtraum ins Amerika des 20. Jahrhunderts und ließ eine wenig intakte Vorstadtfamilie in den Höllenschlund blicken.
Dies waren die Tage, bevor hoch budgetierte Horrorfilme Hollywood eroberten. THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) wurde von einem gerade mal 15-köpfigen Team im kalifornischen Wüstenkaff Victorville gedreht und kostete nur 325.000 Dollar. Produzent Peter Locke fuhr die Schauspieler höchstpersönlich zum Drehort und zum Schutz gegen Sturm und Regen zogen sich die Crewmitglieder riesige Müllbeutel über. Die Schlüsselszene des Films spielt deshalb an einer stillgelegten Tankstelle, weil diese tatsächlich außer Betrieb war. Die Ausstattung des Films stammte teilweise aus Tobe Hoppers Horrormeilenstein THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE ("Blutgericht in Texas", 1974). Gefilmt wurde THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) mit einer 16mm Handkamera, damit der Ruckel-Look das Gefühl des ständigen Terrors noch verstärkte.
Trotz widriger Produktionsbedingungen entpuppte sich THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) beim US-Start im Sommer 1977 als Kassenknüller. Die Zuschauer waren geschockt über das, was sie da sahen und selbst wortgewaltigen Kritikern blieb die Spucke weg. Denn im Unterschied zu konventionell inszenierten Horrorfilmen geht es hier nicht nur um schaurig-schöne Unterhaltung, sondern auch darum, die Psychoschraube bis ins Unerträgliche anzuziehen, sodass Angst und Schrecken beim Betrachter möglichst realistisch ankommen. THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) wurde zum Klassiker, der zahlreiche andere Genre-Produktionen beeinflusste und dessen Schockpotenzial auch im Zeitalter der DVD noch präsent ist.
Beleg dafür: 30 Jahre später stürmen neu interpretierte Horrorklassiker - darunter THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE ("Blutgericht in Texas", 1974/2005) und THE AMITYVILLE HORROR ("Amityville Horror", 1979/2005) mit großem Erfolg die internationalen Kinocharts. Craven und seinen Produzentenpartnern kam daraufhin der Gedanke, THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) zu reanimieren. Aber auf dem Niveau zeitgemäßen Kinomachens - und zwar inhaltlich, stilistisch und produktionstechnisch. Dazu Craven: "Da wir beim Original nur wenig Geld zur Verfügung hatten, konnte ich die Story nicht so tiefgründig erzählen, wie ich wollte. Glücklicherweise stand uns bei der Neuverfilmung ein erheblich größeres Budget zur Verfügung. Das gab uns die Freiheit, mehr Zeit und Sorgfalt auf die gesamte Produktion zu verwenden."
Um den heutigen Sehgewohnheiten gerecht zu werden, musste ein junger, innovativer Filmemacher her. Einer, der dem Projekt mit Verve und Stil eine frische Perspektive gibt. Am besten ein Universaltalent, das Düsternis, Vollgas-Action, Galgenhumor und die Psychologie der Angst in einem Film vereinen kann. Eben einer, der darauf brennt, neue, aufregende Erfahrungen zu machen.
Aus eins mach zwei: Nachdem Wes Cravens Langzeitproduzentin Marianne Maddalena den französischen Film HAUTE TENSION ("High Tension", 2003), eine Hommage ans amerikanische Horrorkino der 70er Jahre von Alexandre Aja und Gregory Levasseur gesehen hatte, rief sie umgehend Craven und Locke an, um ihnen davon vorzuschwärmen.
Die beiden sowie das gesamte Produktionsteam waren ebenfalls beeindruckt vom provokativen Psychokillerthriller, der virtuos die Klaviatur des Grauens beherrscht. "Der Film ist brillant, darin sind wir uns einig", sagt Marianne Maddalena. Zudem demonstrierte die Low-Budget- Produktion, dass Aja und Levasseur mit minimalen Mitteln maximale Kreativität abrufen können.
Dieses Können blieb auch anderen nicht verborgen. Hollywoodstars wie Sharon Stone und Johnny Depp zählen zu den Fans des französischen Duos. Und Wes Craven war schnell klar, das Aja und Levasseur geradezu prädestiniert waren, um eine adäquate Neuverfilmung von THE HILLS HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) auf die Leinwand zu bannen.
"Mit HAUTE TENSION ("High Tension", 2003) haben Alex und Gregory eindrucksvoll unter Beweis gestellt, das ihnen keine Facette des Gruselgenres fremd ist, " kommentiert Craven seine Entscheidung. "Nachdem ich den Film gesehen und mit beiden ausführlich gesprochen hatte, wollte ich unbedingt mit ihnen arbeiten."
Erste Erfahrungen sammelte der heute 27-jährige Alexandre Aja an exotischen Drehorten auf der ganzen Welt - als Assistent seines Vaters, dem Regisseur Alexandre Arcady. Im Alter von zehn Jahren lernte Aja seinen bis heute besten Freund und Kollegen Gregory Levasseur kennen. Der träumte schon damals von einer Karriere als Drehbuchautor und Regisseur. Der Einstieg ins geliebte Filmgeschäft mit 18 Jahren ging gut los: OVER THE RAINBOW ("Over the Rainbow", 1997) wurde beim Filmfestival in Cannes als Bester Kurzfilm nominiert. Drei Jahre später war mit FURIA ("Furia", 1999) der erste Langfilm im Kasten und erhielt eine Nominierung für den Fantasporto International Fantasy Award als Bester Film. Für eine kleine Sensation sorgte das Duo anschließend mit HAUTE TENSION ("High Tension", 2003) auf den renommierten Filmfestivals in Toronto und Sundance. Der kleine französische Film mauserte sich zum veritablen US-Hit.
Als Aja und Levasseur vom Zuschlag fürs Remake von THE HAVE EYES ("Hügel der blutigen Augen", 1977) erfuhren, ging für die ausgewiesenen Kinofreaks ein Traum in Erfüllung: Einen ihrer absoluten Lieblingsfilme neu zu verfilmen, unter der Obhut jenes Regisseurs, der das Original erschaffen hatte. Näher kann ein Horrorfan dem Nirwana kaum kommen. Also stürzten sich die beiden umgehend in die Arbeit für ein neues Drehbuch. Eines, das ihrer Vision entsprach.
"Wes Craven ist ein Held unserer Kindheit, " gibt Aja zu Protokoll. "Wir sind mit seinen Filmen aufgewachsen, er hat uns zu absoluten Gruselgurus gemacht. SHOCKER ("Shocker", 1989) und THE LAST HOUSE ON THE LEFT ("Das letzte Haus links, 1972) waren eine große Inspiration während der Entstehung von HAUTE TENSION ("High Tension", 2003). Da ist es wohl verständlich, dass wir total glücklich waren, als er uns eine Zusammenarbeit angeboten hat."
Besonders angetan waren die Filmemacher von den Freiheiten, die ihnen Wes Craven bei der Weiterentwicklung des Stoffes und der Charaktere gewährte. Genau genommen zur Bedingung machte. Wie verhalten sich Menschen, wenn sie unter enormem Druck stehen? Für Aja ist diese Fragestellung der Schlüssel zum Film. "Es ist der perfekte Nachfolger von HAUTE TENSION ("High Tension", 2003), weil wir menschliche Abgründe noch intensiver, noch schonungsloser darstellen können, " sagt Aja. "Ich liebe es, im Kino zu sitzen und mich derart in eine Geschichte hineinziehen zu lassen, dass es völlig unmöglich ist, Popcorn zu essen oder Cola zu trinken. THE HILLS HAVE EYES - HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN ist exakt diese Art Film."
Eine durchschnittliche amerikanische Vorstadtfamilie trifft auf blutrünstige Mutanten, die auch mal Menschen waren - nun aber nur noch ein Ziel verfolgen: Zerstörung! "Einen Film zu machen, in dem eine Familie und nicht eine Handvoll Teenager ums nackte Überleben kämpft, fand ich äußerst attraktiv," schmunzelt Aja. "Für mich ist es viel interessanter, eine ganz normale Familie wie die Carters zu zeigen, mit ihren unterschiedlichen Charakteren und den ebenso unterschiedlichen Verhaltensweisen im Angesicht der Gefahr. Das Publikum hat zudem jede Menge
Identifikationsmöglichkeiten, sei es mit der Mutter, den Kindern oder dem Schwiegersohn. Hinzu kommt, dass der Schock-Effekt viel nachhaltiger ist, wenn einem das Schicksal der Protagonisten wirklich am Herzen liegt."
Aja und Levasseur schrieben das Originaldrehbuch um und entwickelten eine Version, die im Hier und Jetzt spielt. Aja erinnert sich: "Wes verhielt sich wie ein Gentleman. Er ermutigte uns, unseren eigenen Film zu machen und nicht das Original zu kopieren. Und er respektierte unsere Sicht des Stoffes. Das war befreiend und motivierend. Und es brachte uns auf die Idee, aus ‚konventionellen Kannibalen' durch Atomtests verseuchte Menschen zu machen"
Hautnah an der Realität: Im Zeitalter atomarer Bedrohung und Reaktor-Katastrophen à la Tschernobyl bekommt die modernisierte Version besondere Brisanz. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welch schreckliche Schäden nukleare Strahlung bei Menschen anrichten kann. Kommentar Craven: "Das Thema ist brandaktuell und bedrohlicher denn je."
Alles spielt sich in einer Nacht ab: "Es war echt spannend, die Verwandlung der Familie Carter innerhalb kürzester Zeit darzustellen," sagt Levasseur. "Zunächst sind sie ordentlich hergerichtet, später dann Blut verschmiert, verwundet und halbtot. Der immense Kontrast zwischen Anfang und Ende des Films übte einen besonderen Reiz aus."
Während das Drehbuch in mehreren Monaten entwickelt wurde, tauchten Aja und Levasseur immer tiefer in die Thematik ein. "Unseren Film als Remake zu sehen ist okay, aber nur die halbe Wahrheit.", sagt Aja. "Unsere Version geht insofern weiter, als das die Bedrohung extrem realistisch ist. Der Zuschauer soll das Kino verlassen und sich fragen: Wie würde ich mich im Fall einer tödlichen Bedrohung durch verseuchte Menschen verhalten? Dann hätten wir einen guten Job gemacht. Und möglicherweise das Original noch übertroffen..."
Aja lag es besonders am Herzen, eine Balance zwischen Hommage und Originalität herzustellen. Zwischen rauer Ursprünglichkeit und Modernisierung. "Die meisten Horrorfilm-Remakes der letzten Jahre gefallen uns deshalb nicht so gut, weil sie zu sehr nach Musikvideoclip aussehen. Sie sind zu clean und nicht gruselig genug, um neue Standards zu setzen," erklärt Aja. "Wir haben exakt den Film gemacht, für den wir Geld an der Kinokasse ausgeben würden."
Eine Hollywood-Produktion zum derart frühen Zeitpunkt der Karriere realisieren zu können, ist für den Franzosen Aja ein Traum: "Dass er so schnell in Erfüllung gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber bei der Art Filme, die Gregory und ich machen, spielt die Sprache auch keine wichtige Rolle. Wenn du den Bogen raus hast, Menschen zu erschrecken, kannst du es in jeder Sprache tun."