John Stevenson war sehr wohl bewusst, welch hohe Ansprüche die Filmemacher, Schauspieler und der Stab an sich selbst stellten. „Wenn man einen Titel wie „KUNG FU PANDA“ hat, dann weiß man sehr genau, was man zu leisten hat. Wenn wir uns an Kung Fu heranwagten, dann sollte das auch richtig gutes Kung Fu werden. Es war unabdingbar, dass wir sehr coole und akkurate Kung-Fu-Bewegungen hatten und nicht nur eine schlappe Geste. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Kung Fu und anderen Kampfsportarten. Es sollte unbedingt Ku Fu werden, und nicht Jiujitsu oder Karate oder Taekwondo oder irgendetwas anderes. Und trotzdem musste der Kampf in unserem Film einzigartig sein, denn unsere Protagonisten sind ja schließlich Tiere.“
Wie also erschafft man originelle, für Tiere gemachte Kung-Fu-Bewegungen, ohne sie einfach auf „Menschen im Tierkostüm“ abzustellen? Die Filmemacher und der Stab begannen damit, nebst Marathon-Filmsessions mit Kung-Fu-Filmen auch so viel sie nur konnten über Kung Fu zu lernen; außerdem luden sie Wushu-Trainer Eric Chen ein, sie zu unterrichten.
„Wir baten ihn, uns nicht zu sehr zu schonen, denn wir wollten ein Gefühl dafür bekommen, wie es für Po sein musste, vollkommen unsportlich und ungeeignet zu sein – genau wie die meisten von uns – und sich dann jemandem wie Shifu stellen zu müssen“, erzählt Stevenson.
Das Ergebnis? Ein Tag angefüllt mit Kung-Fu-Training und viele schmerzende, leidende Körper. „Auf gewisse Weise war das aber toll“, gibt Osborne zu, „denn wir konnten uns genau vorstellen, wie schwer es wirklich ist, diese Übungen auszuführen. Sogar die einfachsten Bewegungen waren anstrengend für jemanden, der so schlecht in Form ist wie ich.“
Unter denjenigen Mitarbeitern, die keinerlei Kampfsportart betrieben (einige der Animations-Spezialisten taten es tatsächlich), machte sich ein starkes Mitgefühl für ihren Helden breit. Glücklicherweise befand sich Animations-Fachmann und Story Artist Rodolphe Guenoden – ein langjähriger Kampfsportler – im „KUNG FU PANDA“-Team und bekleidete die neu geschaffene Position des Ku-Fu-Choreographen. Guenoden wurde der Ansprechpartner für alle Fragen bezüglich Authentizität der Kung-Fu-Elemente. „Da er ein so guter Animations-Fachmann ist, konnte er die animalischen Merkmale unserer Figuren analysieren und festlegen, wie eine Katze in die korrekte Position gebracht oder die richtigen Bewegungen ausführen sollte, damit es angemessen aussieht. Es war absolut ausschlaggebend um den Look unseres Kung Fu zu definieren“, berichtet Stevenson.
Produzentin Cobb fügt hinzu: „Wenn man einen Kung-Fu-Film macht, würde man im Idealfall nur Animations-Spezialisten beschäftigen, die selbst Meister dieser Kampfkunst sind – es stellte sich aber heraus, das solche Doppelbegabungen relativ selten vorkommen. Wir hatten also großes Glück, dass Rodolphe mit von der Partie war, denn er praktiziert die Kampfkunst schon seit vielen, vielen Jahren und ist ein hervorragender Animations-Spezialist. Von Anfang an gehörte er zum Story-Team und erwies sich im Verlauf des Animationsprozesses als unersetzliches Plus.“
Guenoden meint: „Ich war zweieinhalb Jahre beim Storyboard, dann ging ich in die Animation. Daraufhin kümmerte ich mich um die ganze Kung-Fu-Action, die auf der Leinwand zu sehen ist. Ich habe mich schon immer für Kampfsport interessiert – 18 Jahre lang habe ich unterschiedliche Stilrichtungen studiert und wollte das schon immer mit der Animation kombinieren. Die erste Gelegenheit dazu bekam ich bei „Sindbad – Herr der sieben Meere“ in 2D. Ich habe sämtliche Kampfszenen studiert, wollte aber noch mehr machen. Sobald „KUNG FU PANDA“ also grünes Licht bekam, bin ich sofort auf das Storyboard gesprungen und versuchte, mehr Action und die ganzen Kampfsequenzen im Film zu verwirklichen. Ich war durch und durch glücklich.“
Präzision ist von grundlegender Bedeutung, wenn man authentisch sein will: die Position des Fußes muss stimmen, genau wie die Drehung der Hüften. Über das praktische Training hinaus bediente man sich deswegen noch mehr Studien, Videos und Zeichnungen dazu. Die Animations-Fachleute zogen es jedoch vor, die Bewegungen selbst zu absolvieren, um die Abläufe und Positionen zu verstehen – daher hielt Guenoden regelmäßigen Kung-Fu-Unterricht ab. „Das gab mir Gelegenheit, mit den Animations-Leuten zu sprechen. Sie erfuhren, wie die Füße der Figur stehen mussten, wie das Rückgrat sich zu biegen hatten, welche Rolle die Hüften spielen. Bevor sie Unterricht nahmen, musste ich ihnen etliche Zeichnungen zeigen oder die Bewegungen selbst vorführen. Nachdem sie den Unterricht besucht hatten, konnte ich ihnen dann einfach sagen, wie es werden sollte, und sie wussten genau, was zu tun war.“
Zwei weitere Animations-Spezialisten kannten sich ebenfalls in der Kampfkunst aus und halfen beim Unterricht aus; etliche Mitarbeiter aus den verschiedensten Abteilungen nahmen daran teil, von Abteilungsleitern bis hin zum Produktionsassistenten. Guenoden war persönlich sehr zufrieden darüber, dass etliche Stammkunden daran teilnahmen, die im Verlauf der Produktion „wirklich verstanden, worum es geht, was toll war. Bruce Lee sagte, Martial Arts sind ein Ausdruck des eigenen Ich. Es muss also nicht so akademisch oder streng zugehen; man muss nur seinem eigenen Körper vertrauen und sich ausdrücken. Es ist also eine große Herausforderung, seinen Geist dafür zu öffnen. Als ob man jemandem beibringt, wie man zeichnet, und der entwickelt dann seinen eigenen Stil.“
Um die Kampfszenen in jeder Phase zu überprüfen, ließ Guenoden das Kung Fu oft in 2D verwirklichen, überprüfte es auf Konsistenz und Authentizität, um das Ergebnis dann in der endgültigen computergenerierten Version entstehen zu lassen.
Da die fünf Kung-Fu-Stile menschliche Interpretationen des Verhaltens von Tieren sind, fand man subtile Wege, um die Stile so zu verändern, dass sie dem Körper eines echten Tieres angepasst werden konnten. Der Tiger-Stil zum Beispiel stammt aus Südchina, ist sehr bodenständig, mit vielen Fausthieben und Handschlägen. Die Filmemacher wollten die Tigerin außerdem athletisch und akrobatisch wirken lassen, also nahm man sich gewisse Freiheiten, ließ sie auch viel springen, schraubte jedoch die Aggressivität dieses Kampfstils etwas herunter. Für Tai Lung jedoch, den überdimensionalen Schurken, verschärfte man die Aggressivität eher noch mehr. Nachdem er 20 Jahre lang im Gefängnis geschmort hat, sollte seine Meisterschaft im Kung Fu eigentlich vergangen sein und er würde sich an keinen reinen Stil mehr halten – als ultimative Kampfmaschine wäre der Schurke brutal und hätte keinen Funken Ehre im Leib, würde alles einsetzen, sogar Ellenbogen und Knie, um seinen Widersachern so großen Schaden wie nur möglich zuzufügen. Während die Tigerin nicht einmal daran denken würde, ihre Krallen einzusetzen, zögert Tai Lung keine Sekunde, seine rasiermesserscharfen Klauen zu wetzen.
Wie aber sieht der „Panda-Stil“ aus? Pos erste Ansätze im Kung Fu führen zu einer kleinen Bewegung, die er gerne „verrückte Füße“ nennt. Guenoden lacht: „Wenn jemand Luftgitarre spielt, dann muss er deswegen nicht wirklich Musik machen können. Der Po, den wir zu Beginn des Films kennen lernen, ist ein großer Fan von Kung Fu und 100-prozentig von der Kampfkunst begeistert. Aber er verfügt weder über die Koordination noch über die körperlichen Fähigkeiten dazu. Er hat zwar eine vage Vorstellung davon, was es sein sollte, kann die Bewegungen aber nicht ausführen. Die verrückten Füße gehören zu den Dingen, die er für cool hält. Es ist ein unkoordiniertes Zappeln, er meint jedoch, es wäre Kung Fu. Wir haben es sogar in seine Begegnung mit Tai Lung eingebaut, da es so viel über Pos Persönlichkeit verrät.“
Pos späterer Kampfstil ist geschmeidig, indem er all das einsetzt, was er braucht, um Tai Lungs wilde Angriffe abzuwehren. Dazu gehört auch, dass er seine Rundlichkeit mit maximaler Effizienz einsetzt, seine Wampe, seinen Hintern, sogar seinen Kopf – was auch immer Tai Lung davon abhält, das Tal zu zerstören. Das entspricht zwar nicht ganz dem Stil des Dragon Warrior, aber er ist ja noch ein Anfänger…
Jeder Profi-Sportler kann ein Lied davon singen, dass Pokale zwar großartig sind, der Applaus der Zuschauer jedoch immer gut ankommt. Und nichts könnte die Macher eines animierten Kung-Fu-Films glücklicher machen als die Anerkennung aus Kennerkreisen. Frühe Vorführungen von einigen der Kampfszenen bei Kinobesitzern führten zu einem begeisterten Empfang auf Hong Kong und China, und das bedeutete den Filmemachern sehr viel, denn sie wollten der chinesischen Kultur die Ehre erweisen und Kung Fu so akkurat wie nur möglich darstellen.
Da meldete sich jedoch ein gewisser Kritiker zu Wort, der die Szenen gesehen hatte. Guenoden wurde nervös, als er davon hörte, und das mit gutem Grund: „Als ich hörte, dass sich Jackie Chan einige der Szenen angeschaut hatte, befürchtete ich, dass er sagen könnte: Nein, das ist alles falsch. Ihr habt es nicht hingekriegt. Es ist schon sehr einschüchternd, wenn jemand wie ich einer Größe wie Jackie Chan begegnet. Ich war schon immer ein großer Fan seiner Filme, und in der Anfangsphase hatten wir seine Filme wieder und wieder analysiert. Ihn dann leibhaftig zu treffen, und ihn dann zu fragen, ob ihm das gefallen würde, was er sah…“
Chans Reaktion: „Ich war beeindruckt, als ich den Film sah. Die ganzen Kampfszenen – ich glaube, dass sämtliche Autoren selbst kämpfen können. Sie beherrschen die gesamte Akrobatik, den ganzen Stil. Ich weiß nicht, woher sie das konnten. Vielleicht haben sie mich kopiert. Manchmal war es sogar besser als bei mir! Bei meinem nächsten Film werde ich sie vielleicht nachmachen, wer weiß?“
Obwohl die Filmemacher sämtliche Kung-Fu-Elemente also genau unter die Lupe nahmen, um im Filmuniversum eine konsistente „Realität“ zu gewährleisten, gab es doch eine kurze Sequenz, in der man die realitätsgetreue Kampfkunst vollständig über Bord warf. „Gerade der Anfang des Films gibt uns einen Einblick in Pos Gedankenwelt“, sagt Jennifer Yuh Nelson. „Da er ein eingefleischter Hardcore-Fan des Kung-Fu ist, sehen wir Pos Traum als Wirklichkeit, wobei er in die Fußstapfen des Meisterkämpfers tritt. Dieser Traum sollte ganz anders aussehen als der übrige Film, also entschieden wir uns für die klassische, handgezeichnete 2D-Animation.“
Po betritt eine Räuberhöhle – wahrscheinlich auf der Suche nach Nudeln – und wird zum Kampf herausgefordert, wobei er um die 1.000 Ninjas überwältigt und von den Furious Five bewundert wird. Der Traum wird weitaus graphischer dargestellt – stereotypisch für das, was man von einem eingefleischten Kung-Fu-Fan erwarten würde -, und wird von der überaus ernsthaften Voice-Over-Berichterstattung von Po höchstpersönlich ergänzt, deutlich beeinflusst von Videospielen, Comicheften und Anime.
Diese Eröffnungssequenz wurde vom renommierten Animations-Spezialisten James Baxter verwirklicht, einst junger Mitarbeiter bei DreamWorks, der nun seine eigene Firma leitet. „Es soll Pos ultimative Fantasie darstellen, mit einer ironisierenden Erzählweise, deswegen eignet sich dieser Stil sehr dafür“, erklärt Baxter. „Es ist eine tolle Art, Kung-Fu-Bewegungen auf die extremste Weise darzustellen. Außerdem kann man so auf witzigem Weg die Zuschauer überraschen; sie werden vielleicht denken: Oha, was schauen wir uns denn hier an? Und dann wird Po in der großartigen 3D-Animation offenbart, die zum Markenzeichen von DreamWorks geworden ist.“
Zwar wird noch immer sowohl in 2D als auch per Computer animiert, doch die Werkzeuge sind bei jedem Stil grundlegend verschieden. DreamWorks 3D-Animation wird im Computer erschaffen, wobei gigantische Mengen an Speicherplatz und Software nötig sind, um Modelle zu kreieren und sie in einer virtuellen Umgebung wie Marionetten zu steuern, während die 2D-Animation körperlich sichtbar existiert, in Form von handgezeichneten Bildern, die Einstellung für Einstellung (mit 24 Bildern pro Sekunde) entstehen. So benötigt man für zwei Minuten 2D-Film rund 3.000 einzelne, von Hand gefertigte Zeichnungen. Baxter gibt zu, dass er rund eine Sekunde pro Tag animieren kann; um seine Zeit maximal zu nutzen setzte er also ein Dutzend Künstler ein, um die benötigten 3.000 Bilder zu zeichnen – und trotzdem dauerte es drei Monate, bis der Auftrag abgeschlossen war. „Ein Animations-Spezialist muss wissen, wie man Dinge auf glaubwürdige weise in Bewegung setzt, sei es in 2D oder computergeneriert. Heutzutage kann man alles auf die Leinwand bringen“, meint Baxter, „also müssen sich die Filmemacher fragen: Wie soll sich mein Publikum fühlen, wenn es das zu sehen bekommt? Dementsprechend wählt man dann die angemessene Technik. Mit der computergenerierten Animation kann man wirklich tolle taktile Eindrücke schaffen, als könnte man dieses Universum direkt betreten und alles berühren. Das tolle an der handgezeichneten Animation wiederum ist, dass man stets mit der Komposition spielen kann, man schummelt hinsichtlich der Form und des Designs der Dinge. Wenn man das betrachtet, wirkt es, als sei eine Zeichnung zum Leben erwacht.“
Nelson fügt hinzu: „Mir gefällt die Schlichtheit und die graphische Qualität der 2D-Animation. Man kann alles vollständig deformieren und sich auf die Bewegungen konzentrieren. Als Künstlerin finde ich die handgezeichneten Bilder graphisch interessanter. Ich schaue es mir gerne an, und es wird heutzutage nicht mehr oft gemacht… warum also nicht?“