Vor Beginn der Dreharbeiten setzte Regisseur Cassavetes getreu der von ihm bevorzugten Arbeitsweise auf eine unkonventionelle Herangehensweise zur Vorbereitung der Schauspieler auf ihre jeweiligen Rollen. Statt der üblichen Szenenproben in den Wochen vor Drehbeginn mussten sich die jungen Darsteller einem Fitness-Programm unterziehen, zu dem intensives Training und eine strenger Ernährungsplan gehörten – alles unter der Aufsicht von Nicks Bruder Frank.
Die Figuren in ALPHA DOG kennen sich bereits seit einiger Zeit, waren zusammen auf der Schule und leben seit ihrer Kindheit im selben Viertel. Die Herausforderung für den Regisseur bestand also darin, dieses Gefühl der über Jahre hinweg gewachsenen Zusammengehörigkeit zu erzeugen. „Sie sind im Umgang miteinander gelassen und kennen sich gut; wie kann man als Regisseur eine solche Stimmung erzeugen? Ich persönlich glaube nicht daran, dass Blut dicker als Wasser ist – dass wenn man also in einem Haus mit jemandem festsitzt, man genügend Zeit hat, um eine tiefere Beziehung zu dieser Person zu entwickeln. Meiner Meinung nach stehen wir nur aus diesem Grund unseren Eltern und unseren Geschwistern nahe – weil wir gezwungen waren, mit ihnen zusammenzuleben… das ist eben geteiltes Leid. Und hier musste ich einen Weg suchen um diese Kids das „Leid“ miteinander teilen zu lassen.“
„Also habe ich sie alle bei Tagesanbruch in dieses Haus im San Fernando Valley bestellt und gemeinsam Sport treiben lassen. Schon bald haben sie sich gegenseitig auf die Schippe genommen und herausgefordert – sie kamen sogar einer Viertelstunde früher als nötig, dabei lag der Termin schon bei Sonnenaufgang. Als sie mich dann anriefen und sagten, sie würden nicht weitermachen, wenn ich nicht auch dabei wäre – da wusste ich, dass ich sie am Haken hatte. Also habe ich meinen fetten, alten Arsch bewegt und bin auch jeden Tag zum Training gegangen. Sie haben mich ausgelacht, weil ich einige der Übungen nicht geschafft habe, und ich habe sie auch ausgelacht. Schon bald war ich mir sicher, dass wir am Drehort eine geschlossene Einheit bilden würden. Ein Rudel. Sie würden mir vertrauen und ich ihnen.“
Diese Vorgehensweise schweißte die Schauspieler so eng zusammen, dass sie ihre Figuren noch besser nachempfinden und eine Atmosphäre der Zusammengehörigkeit erzeugen konnten. „Ich weiß nicht, ob Nick einen genauen Plan dafür hatte, was er mit der Vorbereitung bezwecken wollte – das war wohl eher instinktiv“, erklärt Foster. „Wir haben schließlich die Welt außen vor gelassen und unsere eigene kleine Subkultur erschaffen. Es war so, als würden wir eine Sekte gründen, eine eigene Sprache und eine Umgebung erfinden, die alle miteinander verbindet.“
„Abgesehen davon, dass uns Nick einfach nur quälen wollte, hat diese Vorbereitung bewirkt, dass wir ein genaues Gespür für den jeweils anderen und einen Sinn für Kameradschaft entwickelten“, fügt Timberlake hinzu. „Das ist interessant, denn wenn die Figuren im Drehbuch in einen Streit geraten, dann neigen Schauspieler dazu, sich auch im wahren Leben gegenseitig so zu behandeln. Ich bin aber davon überzeugt, dass man, wenn man jemanden vor dem Dreh gut kennen gelernt hat, umso leichter vor der Kamera streiten kann, denn man fühlt sich unverkrampft. Obwohl dieser Arbeitsablauf anstrengend war, hat es sich in unseren Darstellungen bezahlt gemacht.“
Neben der körperlichen Vorbereitung auf die Dreharbeiten wurden die Schauspieler mit Material ausgestattet, um sich besser in die Figuren einfühlen zu können, für die Cassavetes die Vorlagen geschaffen hatte.
Wenn es um eine so komplexe Story wie der in ALPHA DOG geht, stehen die Schauspieler vor einer besonderen Herausforderung: Wie viel soll aus dem wahren Leben in die Figuren einfließen? „Ich habe lange und intensiv überlegt, wie der Charakter von Frankie angelegt werden sollte“, berichtet Timberlake. „Ich habe die Gelegenheit genutzt, um meine eigene Vorstellung gemäß der von Nick geschriebenen Texte zu entwickeln.“
Schauspielerin Olivia Wilde, die Johnnys experimentierfreudige Freundin Angela spielt, fand es hoch interessant jemanden zu spielen, der keinerlei ethische Grundsätze hat. „Am Set habe ich immer wieder gehört, dass die Leute sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen, wenn sie so amoralische Personen spielen, denn die Figuren waren ihnen nicht unbedingt sympathisch. Als Schauspieler gewöhnt man sich wohl daran, Rollen zu spielen, mit denen man sich in gewisser Weise identifiziert, die man wirklich verstehen kann und mit denen man sich sogar verbunden fühlt. Bei ALPHA DOG gab es aber Tage, an denen ich mich ziemlich schmutzig gefühlt habe, weil wir diese Charaktere menschlich machen mussten, damit das Publikum ihre Geschichte nachvollziehen kann.“
Obwohl das Material eine Herausforderung darstellte und der Zeitplan anstrengend war, haben sich die Schauspieler auch gegenseitig inspiriert. „Nick hat eine Gruppe von Arbeitstieren vor die Kamera gestellt – und nichts spornt mehr an, ist spannender oder genussvoller als zu wissen, dass alle anderen auch jederzeit bereit sind, alles zu geben“, sagt Ben Foster.
„Unsere Besetzung ist eine Schar hungriger Schauspieler, die den Arbeitsablauf lieben“, erklärt Timberlake. „Jeder Einzelne hat sich mit Haut und Haar eingebracht – das ist es, was Nick aus einem herausholt. Er erschafft eine Umgebung, in der man sich äußerst wohl fühlt und sein Bestes geben kann. Er bringt einen dazu, verschiedene Optionen auszuprobieren und entscheidet dann, was auf die Leinwand kommt.“
Das gesamte Ensemble lobt Cassavetes einstimmig für seine fundierten Kenntnisse, sein Engagement und seine Kreativität während der Dreharbeiten. „Nick ist ein brillanter Autor und Regisseur, der genau weiß, wie er mit den Schauspielern und allen Beteiligten am Set kommunizieren kann“, sagt Produzent Chuck Pacheco. „Ihn bei der Arbeit zu beobachten, angefangen beim Schreiben des Drehbuchs bis hin zur Entwicklung des Films, den er von Anfang an im Kopf hatte, ist beeindruckend.“ Timberlake ist ebenfalls davon überzeugt, dass Cassavetes vorherige Erfahrung als Schauspieler ihm ein Einfühlungsvermögen verleiht, über das andere Regisseure nicht unbedingt verfügen: „Nick steht uns während einer Szene unmittelbar zur Seite; die Tatsache, dass er selbst Erfahrung vor der Kamera hat, ist sehr hilfreich, denn er weiß genau, wie er einem Schauspieler eine Botschaft vermitteln kann.“ „Er ist ein sehr dynamischer Regisseur und besteht praktisch ganz und gar aus Herz“, fährt Timberlake fort. „Nick geht es nicht um Diplomatie – er ist ein emotionaler Regisseur, und das spricht mich an. Außerdem ist er sehr aufrichtig und kann zugeben, wenn er etwas nicht weiß; wenn man ihm einen besseren Vorschlag machen kann, dann gibt er einem auch die Möglichkeit dazu. Bei ihm fühlt man sich gut aufgehoben, es gibt keine Tabus.“
„Nick wird nicht durch Angst oder quälenden Stress angetrieben“, sagt Foster. „Er erschafft eine Stimmung, in der man mit Freude kreativ sein kann; alles wird von diesem Grundton bestimmt, dass wir gerne zur Arbeit kommen und auch Spaß haben können, solange wir konzentriert bleiben und etwas erschaffen, das von Wert ist.“
Um die Szenen für ALPHA DOG entstehen zu lassen, engagierte Cassavetes Kameramann Robert Fraisse, mit dem er bereits an „Wie ein einziger Tag“ zusammengearbeitet hat und der u.v.a. bereits für Filme wie „Ronin“ und „Hotel Ruanda“ hinter der Kamera stand. Dass die Wahl des Filmemachers auf einen solchen Kameramann fiel, entkräftet völlig den Verdacht, dass ein Projekt wie ALPHA DOG – mit seinen gnadenlosen Einblicken in eine düstere und verstörende Welt – nach dem bewährten Gangster-Schema gefilmt werden müsse. Der preisgekrönte Kameramann Fraisse erregte international Aufsehen mit seiner glänzenden Kameraführung bei strahlenden und von Hitze glühenden Bildern für „Der Liebhaber“, der Geschichte über eine verbotene Liebe Ende der 1920er Jahre in der damaligen französischen Kolonie Vietnam; durch seine Mitwirkung in ALPHA DOG war sichergestellt, dass man sich keinerlei Klischees bedienen würde.
Cassavetes erklärt: „Genau wie diese Welt auf die Beteiligten verführerisch wirkt, wollten wir den Film auch auf die Zuschauer verführerisch wirken lassen. Robert hat sich wirklich mit Hingabe dem Drehbuch gewidmet und ganz klare Vorstellungen geäußert, die genau auf unserer Wellenlänge lagen.“
Dennoch setzte man, ganz im Einklang mit dem Indie-Flair, das dieses Projekt prägte, auf ganz unterschiedliche Drehorte in Südkalifornien. Darunter drehte man in der Umgebung des San Fernando Valley, Los Angeles, in der Wüste und der Ortschaft Palm Springs sowie im Vasquez Rock Natural Area Park bei Agua Dulce Spring in Kalifornien.
Während man einen eindeutig philosophischen oder verurteilenden-moralischen Tonfall vermeiden wollte, berührt ALPHA DOG dennoch viele der großen Themen des heutigen Amerikas und seiner Jugendkultur. „In diesem Film geht es um den amerikanischen Traum der weißen Jugend aus der Mittelschicht in den Vororten… der scheinbar darin besteht, ein Gangster sein zu wollen“, merkt Olivia Wilde an. „Es herrscht ein Mangel an eigener Identität in einer Welt, in der die Jugendlichen zwar gute Schulen besuchen, aber niemals die Welt mit offenen Augen betrachtet haben. Viele dieser Kids kommen aus gutem Elternhaus, hatten aber auch viele Freiheiten und wussten nicht, was sie damit anfangen sollten.“
„In Amerika geht es naturgemäß um die Gegenkultur und die Helden unserer Gegen- oder Subkultur sind Kriminelle, Typen am Rande der Gesellschaft“, meint Cassavetes. „Die jungen Leute blicken zu ihnen auf und versuchen, ihre Kultur der Kriminalität nachzuahmen. Sie äffen die Manierismen dieser Leute nach, obwohl sie selbst gar nicht so sind; aber dann kann es passieren, dass sie eines Tages doch so handeln müssen, als wären sie Gangster. Wenn man solche Reden schwingt und halbwegs daran glaubt, das zu sein, was man vorgibt, dann wird man diese Haltung auch irgendwann unter Beweis stellen müssen. Genau da fangen die Probleme an. Wenn du eine Waffe in der Hand hast und jemand dich herausfordert, dann wirst du die Waffe vielleicht einsetzen müssen. Ständig hört man, wie sich weiße Jugendliche darüber unterhalten – sie hören die Musik, die sie in die kriminelle Subkultur mit ihrer Sprache und Gewalt einführt, und nach einiger Zeit wird das zu einem Bestandteil ihrer Persönlichkeit.“
Die Kombination aus engagiertem Schauspiel-Ensemble und einem Regisseur, der mit Hingabe und Aufrichtigkeit eine Geschichte erzählen will, verlieh ALPHA DOG nebst den gnadenlosen Einblicken in eine düstere Geschichte auch diese unerwartete Eindringlichkeit.
„Ich denke, die Zuschauer dürfen einen wirklich emotionalen Film erwarten“, meint Hirsch. „Es wird alles gezeigt, was zu dem Zeitpunkt im Leben dieser Kids eine Rolle spielte, und es ist manchmal ziemlich lächerlich. Die Späße sind total abgefahren und grob. Doch es gibt auch eine gewisse Feinfühligkeit, und man wird daran erinnert, dass diese Figuren eigentlich noch Kinder sind.“
„Meiner Meinung nach wird hier nicht mit dem Finger auf Amerika gezeigt, denn jeder hat ein Recht darauf, seine eigene Familie und sein Leben zu gestalten“, sagt Timberlake. „Jeder war einmal jung und dachte, er sei unsterblich. Als junger Mensch denkt man doch nie daran, dass das Leben zerbrechlich ist – irgendwann macht man dann seine eigenen Erfahrungen und findet das selbst heraus. Am Ende entdeckt man, dass diese Kids keine bösen Jungs sind. Diese Geschichte ist das perfekte Beispiel für Unwissenheit, Naivität und die Unfähigkeit, die Folgen von Leben und Tod zu begreifen.“
Doch für Autor und Regisseur Cassavetes lösen sich die traurigen Ereignisse, die in APHA DOG beschrieben werden, nicht in einfache Antworten auf, obwohl der Film scheinbar jedes Detail analytisch durchleuchtet: „Bei der Arbeit an diesem Film habe ich die Erfahrung gemacht, dass man versuchen muss, zu verstehen, warum das alles geschehen konnte.“
Sharon Stone fasst die Gefühle der Schauspieler und des Stabes zusammen, wenn sie vom „tragischen Kern“ in ALPHA DOG spricht: „Aufzustehen und zu sagen: ‚Das ist mein Fehler; ich habe es getan – und was können wir nun tun, um es wieder gutzumachen?’ Das gehört dazu, um der beste Mensch zu sein, der wir sein können. Niemand ist vollkommen. Wir werden kleine Fehler machen, und wir werden große Fehler begehen. Doch ich glaube, viele Menschen lernen das niemals. Sie lernen es weder von ihren Eltern, noch in ihrer Umgebung, und auch nicht in ihren Jobs. Vielmehr lernen wir, uns vor dem Versagen zu fürchten – ein Fehler, und man ist weg vom Fenster. Ich denke, genau das ist den Kids in diesem Film passiert. Sie haben einen Fehler begangen und diesen Jungen entführt – das hat diese Ereignisse ausgelöst. Man kann dabei zusehen, dass sie so handeln, wie es die Gesellschaft ihnen vermittelt hat. In Wahrheit sind sie aber Kinder. Sie schwanken zwischen kindlichen Verhaltensweisen und den Taten böser Erwachsener – aber sie haben nicht das Rüstzeug, um diese Entscheidung zu treffen, also wählen sie einen furchtbaren Weg, um einer bereits schrecklichen Situation zu entkommen.“