A wie ACTEURS (Schauspieler)
Regie zu führen hat mir nicht wirklich gefehlt. Das ist mit viel Verantwortung verbunden und eine wahre Mission, die soviel Zeit, Energie und Schweiß erfordert, dass man nicht unbedingt Lust hat, sich dieser Arbeit wieder auszusetzen. Ich vergleiche das gerne mit den Erfahrungen der Matrosen, die einsam die Welt umrundet haben: Sie erinnern sich ihr Leben lang an diese Zeit, aber ich glaube nicht, dass sie eine große Lust verspüren, sofort wieder loszuziehen, nachdem sie wieder festen Boden unter ihren Füßen haben. Als ich jedoch am Set erschien, überkam mich sofort wieder die Freude, mit Schauspielern zusammen zu arbeiten. Die Probenzeit – 1 ½ Monate mit Jamel und Rie – war wirklich aufregend. Zu sehen, wie der Text in ihrem Mund langsam „geboren“ wurde, Zeuge der ersten Momente ihres Spiels zu sein, des ersten Lächelns... das war schon wunderbar. Das erinnert mich sehr an einen Säugling, der langsam aufwacht, einen anschaut, kleine Mienenspiele macht. Die Freude ist ähnlich: Man sieht der Geburt von Etwas zu.
B wie BESSON
Vor 10 Jahren begann ich den Film zu schreiben. Ich hatte eine Art „Skelett“ redigiert, aber ich war unfähig, meine Personen sprechen zu lassen. Wahrscheinlich war ich einfach noch zu jung: Ich wollte zu diesem Thema etwas machen, aber mir fehlte noch das notwendige Vokabular. So legte ich meine 15 Seiten irgendwo hin und stieß förmlich erst wieder aus Versehen auf sie. Als ich sie mir wieder durchlas, fand ich sie sehr aktuell und beschloss, wieder zur Feder zu greifen, um zu sehen, ob ich diesmal weiter schreiben könnte. In 15 Tagen entstand das Drehbuch wie aus einem Guss. So kann man sagen, dass ich 10 Jahre und 15 Tage zum Schreiben gebraucht habe.
C wie CASCADES (Kaskaden)
In diesem Film gibt es keine, oder nur eine kleine. Ich habe so viele Filme mit großen Kaskaden und Stunts produziert, dass mir diese eine im Film, nicht mehr wie eine erscheint. Dafür kann man von Redeschwall (Dialog-Kaskaden) sprechen: Es ist ein Film in dem viel geredet wird, in dem sich die beiden Hauptfiguren wie zwei kleine Hühner voll schnattern.
D wie DEKOR (Ausstattung)
Weil ich immer mit den beiden gleichen Ausstattern arbeite, habe ich zum ersten Mal beschlossen, ihnen das Drehbuch nicht zu Lesen zu geben, sondern dem hauptverantwortlichen Ausstatter nur vom Dekor „erzählt“. Er hatte also keine Ahnung vom Film. Ich war davon überzeugt, dass er so mit ganz anderen Ideen käme, die er nie gehabt hätte, wenn ihm die Geschichte von ANGEL-A vertraut gewesen wäre. Und genau das ist auch passiert. Beim Lesen des Drehbuchs hätten weder er noch ich uns die Ausstattung und Bauten vorstellen können, die er dann schließlich geschaffen hat und die dazu beitrugen, die Geschichte wie durch ein Springen von Ort zu Ort zu erzählen. Ich habe übrigens mit der gesamten technischen Filmcrew so gearbeitet. Sie erlebten die Dreharbeiten wie einen Fortsetzungsroman. Weil wir kontinuierlich drehten, entdeckten sie die Geschichte nur nach und nach. Auch die Auflösung erlebten sie erst am letzten Drehtag.
E wie ELLE (Sie)
Rie ist nicht sehr bekannt, ich sah auch keine Notwendigkeit, etwas über einen Namen zu enthüllen, der Niemandem etwas sagt. Aber die Menschen sind so geschaffen, dass sie mehr an dem interessiert sind, was man ihnen verschweigt, als an dem, was man ihnen sagt. Als ich über die Gerüchte die im Internet zirkulierten las, habe ich eine diebische Freude dabei empfunden, das Warten noch hinauszuschieben. Aber eine wirkliche Strategie verfolgte ich damit nicht.
F wie FIDÉLITÉ (Treue)
Ich bin zweifellos der technischen Crew in meinen Filmen treu. Aber bei der Arbeit bedeutet Treue nicht Blindheit. Auch wenn ich mit meinen Technikern oft befreundet bin, so wähle ich sie nicht aus Freundschaft aus. Wenn ich immer mit denselben Technikern zusammen arbeite, dann weil sie über die besondere Intelligenz verfügen, sich von Film zu Film zu entwickeln. Es ist mir sehr wichtig, dass sie immer in Bewegung sind, in dem Sinne, dass sie eine kreative Verantwortung innerhalb des Projekts haben. Ich brauche ihren Wettstreit. Ich bin nicht dafür da, um sie zu „benutzen“, aber um mit ihnen ihre Erfahrungen zu teilen.
G wie GILBERT MELKI
Das ist ein Schauspieler, der mich schon lange interessierte, und diese Rolle war perfekt für ihn. Er war der erste, an den ich bei der Rolle des Franck dachte, und er machte mir die Freude „ja“ zu sagen. Auch ihm gab ich nicht das Drehbuch zu lesen, weil seine Figur im Film ja sieht, wie sich André entwickelt. Ich fand es interessant, dass sich auch Gilbert in jeder neuen Szene fragt, worin der Ursprung der Veränderung von André liegt. Ich denke seine Nicht-Kenntnis des Drehbuchs half ihm sehr, seine Rolle zu verstehen.
H wie HOMMAGE
(Nach reiflichem Nachdenken) Ich habe nicht das Gefühl, dass es eine Hommage im Film gibt, jedenfalls nicht bewusst. Was Paris angeht, ist das mehr eine Liebeserklärung als eine Hommage. Es fehlte mir, dass im französischen Kino Paris nicht genug gewürdigt wird, dabei ist es wirklich die schönste Stadt der Welt.
I wie IMAGE (Bild)
Schon vor 10 Jahren waren die ersten Bilder des Films, wie ich ihn mir vorstellte, in Schwarz-Weiß: Es handelte sich vor allem um die Pariser Brücken und ganz speziell um gewisse Orte in Paris, wo man die Brücken vorbei ziehen sieht.
J wie JAMEL
Das erste Mal, als ich ihn sah, gab er eine Zusammenfassung von TITANIC auf Canal+, und ich bin vor Lachen fast gestorben. Ich dachte sofort an Zébulon. Ich sah in ihm eine anziehende Person, voller Charme und Leben aber auch Narben. Das macht einen Schauspieler viel interessanter. Danach sind wir uns einige Male über den Weg gelaufen. Wir mochten uns, umkreisten einander, bis ich die Zeit für reif hielt, aktiv zu werden, d.h. ihm eine Hauptrolle zu geben, bei der er bis auf den Grund seiner Emotionen gehen kann. Als Regisseur ist das eine aufregende Herausforderung, man fühlt sich ein wenig wie ein Entdecker.
K wie KUBRICK
Es macht mir nicht besonders viel Spaß, immer wieder das Gleiche zu tun. An Regisseuren wie Stanley Kubrick oder Milos Forman bewundere ich vor allem, dass es ihnen gelingt, immer wieder in eine andere Welt einzutauchen. Ich versuche also wie sie, nicht immer auf „Besson“ zu machen und weder NIKITA 2 noch LEON 2 zu drehen, worum man mich oft gebeten hat. Was mich übrigens am meisten bei Kubrick beeindruckt, ist seine Osmose zwischen dem visuellen Stil und dem, was er erzählt. Seine Bildsprache passt perfekt zur Mathematik seines Themas. Auch Orson Welles war immer voller Ideen, seine Bildeinstellungen und Schattenspiele entsprachen dem, was er inhaltlich mitteilte. Das hat mich dazu gebracht, immer sicher zu stellen, dass meine Art zu filmen im Gleichklang mit der Geschichte steht, die ich erzähle.
L wie LICHT
Das Licht war enorm wichtig, weil wir im Juli und August drehten – wo Paris sehr bevölkert ist – und zu sehr eigenwilligen Uhrzeiten: meistens von 5 Uhr früh bis um 10 Uhr morgens und dann wieder am Abend. Alles was wir gefilmt haben, wurde vorher in Schwarz-Weiß getestet. Dabei haben wir das Filmmaterial ganz besonders bearbeitet, so genau, dass der Film in Farbe schmutzig wirken würde. Auf diese Weise haben wir uns davor geschützt, dass man ihn jemals koloriert.
M wie MONTAGE (Schnitt)
Weil wir sehr viel probten, hatten wir beim Schnitt das Glück auf zwei, drei, manchmal sogar vier oder fünf gute Einstellungen zurückgreifen zu können. Das erlaubte uns, nicht darauf angewiesen zu sein, im Schuss-Gegenschussverfahren zu montieren. Dabei muss man ja immer nach dem besten Satz des einen suchen, um ihn mit dem besten Satz des anderen zusammen zu schneiden. Es gibt viele Szenen im Film, wo Jamel und Rie beide im Bild sind, mit echten schauspielerischen „Momenten“. Das kann man nur erreichen, wenn man sehr viel probt und wenn die Schauspieler beim Drehen hochkonzentriert bleiben. Das war hier der Fall. Mit der Erfahrung kommt auch der Moment beim Schnitt, wo weniger Material in den Mülleimer wandert. Bei diesem Beruf schneidet man ja im Kopf „vor“, während man dreht. Meistens wusste ich schon am Set, was ich behalten würde und was nicht, welches Schnittbild noch fehlte usw. Bei meinen ersten Filmen war es immer so, dass ich erst beim Schnitt merkte, welche Einstellungen noch fehlten. Das machte mich wütend und ich musste nachdrehen. Das passiert mir nun nicht mehr und auch die Montage des Films geht heute viel schneller.
N wie „NOIR ET BLANC“ (Schwarz-Weiß)
Journalisten werden nun sicher behaupten, ich hätte bewusst meinen ersten und letzten Film in Schwarz-Weiß gedreht, aber das ist nicht der Fall. Es gibt vier Rollen im Film: Angela, André, Paris und das Schwarz-Weiß. Das sind die vier Zeiten einer Poesie und wenn man eines dieser Elemente entfernt, dann nimmt man dem Film seine Poesie.
O wie ORIGINALMUSIK
Anja Garbarek entdeckte ich durch ein kleines Foto in einer Zeitung. Ich kannte Jan Garbarek, den Saxophonisten, der in den 70er-80er Jahren zusammen mit Keith Jarret spielte, und ich war neugierig, die Musik seiner Tochter zu hören. Ich ahnte, dass sie im Umfeld von Stanley Clarke und Miles Davis aufwuchs. Ich kaufte also ihre beiden ersten Alben und fand sie wunderbar. Man konnte da echte Jazzwurzeln entdecken und eine Stimme à la Björk, aber noch weicher und poetischer. Das passierte genau in dem Moment, als ich meine 15 Seiten des alten Skripts wieder fand. So schrieb ich das Drehbuch während ich mir ihre beiden Alben anhörte. Von Beginn an war die Musik mit der Geschichte verbunden, beide funktionierten als Duo. Zu dieser Zeit arbeitete mein Hauskomponist Eric Serra an ARTHUR AND THE MINIMOYS. Weil es ihm nur schwer möglich war, beide Musiken gleichzeitig zu komponieren, wurde ich ihm für die Dauer eines Films untreu. Soll heißen, Jean Reno und Eric Serra machen sehr wohl Filme ohne mich, warum sollte ich nicht wenigstens einmal einen Film ohne sie drehen. So komponierte Anja Garbarek den Originalsoundtrack zu ANGEL-A, der auch einige musikalische Themen ihrer früheren Alben enthält, die wir neu orchestrierten.
P wie PARIS
Ich habe Paris immer geliebt. Als ich an einem Projekt über die Olympischen Spielen gearbeitet habe, sah ich mich gezwungen, mich wieder mehr mit der Stadt zu beschäftigen, was mich sehr inspirierte. Es war so, als wenn man eine frühere Geliebte wieder trifft! In meinen ersten Filmen verbrachte ich viel Zeit unter den Röcken und in den Eingeweiden von Paris (DER LETZTE KAMPF, SUBWAY), und nun war ich gewachsen und mit der Stadt auf Augenhöhe: Wir konnten gemeinsam Walzer tanzen…
Q wie 1 A QUALITÄT
Ein Film wie dieser verlangt nach Stringenz und Wahrhaftigkeit. Man kann sich da nicht belügen. Man ist es sich schuldig, ehrlich zu sein bei dem was man sagt und in der Art wie man es sagt.
R wie RIE RASMUSSEN
Man könnte auch sagen „R“ wie „Rar“, weil sie eine Perle ist. Ich habe noch nie ein Mädchen wie sie kennen gelernt, die sich in alles verliebt, auf alles neugierig ist und dabei mit einem solchen Talent ausgestattet ist: sie malt, sie zeichnet, sie macht Fotos und führt Regie… Wo auch immer sie erscheint, verbreitet sie ihr Lächeln und gute Stimmung. Ihre Begeisterung hat mir sehr gut getan und mir Lust darauf gemacht, wieder zu drehen.
S wie SUCCÈS (Erfolg)
Es ist schon erstaunlich, wie sehr der Erfolg eines Films ihm seine Klassifizierung als „persönliches Werk“ nimmt. Als IM RAUSCH DER TIEFE mehr als 10 Millionen Zuschauer in Frankreich erreichte, wurde er nicht mehr als ein persönlicher Film angesehen, sondern als ein Blockbuster. Dabei kann man sich nur schwer ein noch persönlicheres Thema vorstellen: Ich schrieb den Film mit 16 Jahren, nur wenige Menschen kannten diese Form des Tauchens oder wussten etwas über das Verhältnis, was man zu Delphinen haben kann. Außerdem ist es die Geschichte eines Typen, der sich an Land nicht sehr wohl fühlt und viel lieber im Wasser geboren worden wäre.
T wie THIERRY ARBOGAST
Er ist ein alter Mitstreiter… Was ich an ihm so mag sind auch die Filme, die er ohne mich dreht. Er hat viel in den USA gemacht, mit Russen, Engländern oder Chinesen gedreht. Dann macht es Spaß, sich wieder zu sehen, weil es plötzlich so viele neue Dinge gibt, über die man sich austauscht. Wir kennen uns auch so gut, dass wir keine Zeit verlieren. Wir sind uns sehr schnell einig und müssen nicht groß miteinander reden. Das ist ein schönes gemeinsames Verständnis, auch weil es zwischen uns keine Egoprobleme gibt. Während eines Drehs muss ich bei allem meine Hand im Spiel haben, auch was die Position der Kamera angeht. Ich gehe davon aus, dass mich alles etwas angeht, es handelt sich ja um meinen Film. Thierry akzeptiert das ganz einfach, im Gegensatz zu den Chefkameramännern in der Werbung beispielsweise. Thierry kann teilen.
U wie UBIQUITE (Allgegenwart)
Geht es um eine ganz spezielle Aufgabe, wo ich merke, das kann jemand besser als ich, dann gebe ich ab. Habe ich im Gegenteil das Gefühl, dass ich besser bin als ein anderer, dann übernehme ich. Das hat nichts damit zu tun, Macht auszuüben. Es geht einfach darum, effizient zu sein. Es kann durchaus passieren, dass mir schnell bewusst wird, wenn jemand „fähiger“ ist als ich. Dann überlasse ich ihm sofort meinen Platz. In dem Moment, wo das Ziel erreicht ist und der Film besser wird, sind mir die „Hüte“, die man sich aufsetzt egal. Das wechselt sich ja auch ab: der Autor schreibt, der Regisseur bereitet vor, der Schauspielregisseur lässt proben, der Produzent greift ein. Bei diesem Film hat der Produzent übrigens kaum gearbeitet: Der Regisseur hörte nicht viel auf ihn…
V wie VISIONNAGE (Sichtung)
Ab einem gewissen Moment löst man die Kabel. Dann ist es vorbei mit der reinen Freude als Zuschauer und man kümmert sich nur noch um die Technik. Man bessert aus, wählt die Töne… Man vergisst, dass man Ferrari fährt und hat die Nase im Motor und fummelt an den Einzelteilen, ohne sich Fragen nach dem Glück oder den Gefühlen zu stellen. Wenn man dann die Motorhaube wieder schließt, kann man dem Ferrari wieder mit Freude beim Fahren zuschauen.
W wie WOCHENENDE
Ich weiß nicht, was das ist.
X wie „RATED X“
Es gibt keine Liebesszenen im Film. Auch wenn es noch so viele Themen gibt, die ich gerne abhandele, so interessiert mich die Nacktheit ebenso wenig wie Sex auf der Leinwand. Meiner Meinung nach ist das etwas Intimes, das man erleben muss, sowohl als Regisseur, wie auch als Zuschauer. Alles was jedoch vor dem „ins Bett gehen“ passiert, ist genial: Eine Liebeserklärung kann man unendlich oft spielen lassen. Man kann sich Tausend Mal darin ergehen, die Begegnung zwischen Romeo und Julia mit zu verfolgen. Ihre Liebesszene dagegen lässt einen doch eher kalt. Oder aber es ist wie bei Beineix in BETTY BLUE wenn das Mädchen sagt: „Das ist das erste Mal, dass wir uns bei Licht sehen“, nach der Bettszene mit der der Film beginnt. Das macht Sinn und dient der Geschichte des Films.
Y wie „Y A-T-IL QUOI QUE CE SOIT A REJOUTER?“ (Gibt es noch etwas hinzuzufügen?)
Nein, alles andere ist im Film.
Z wie ZEN?
Nach meinem ersten Film hatte ich große Angst, man würde mich keinen zweiten drehen lassen. Auch nach dem zweiten Film verspürte ich eine große Ungewissheit, nicht den dritten machen zu dürfen. Nach 25 Jahren Karriere sage ich mir nun, wenn ich keinen Film mehr mache, dann ist das nicht so dramatisch. Ich bin da viel mehr „Zen“ geworden. Geld und Erfolg interessieren mich auch immer weniger. Nachdem ich miterlebt habe, wie acht Filme in den Kinos gestartet wurden, weiß ich, dass am Ende nur die Qualität eines Films übrig bleibt: „Bin ich mit dem Resultat zufrieden?“ „Habe ich das Maximum gegeben?“ „Was bleibt von einem Film nach 5 Jahren?“ Das ist es, was zählt. Den Rest vergisst man, die kleinen Scherereien beim Kinostart… 10 Jahre später bleibt davon nicht viel übrig.