Die Entstehungsgeschichte von SICKO reicht fast 10 Jahre zurück. 1999 berichtete Michael Moore in der ersten Folge seiner TV-Show „The awful truth“ von Chris Donahue, einem Totkranken, der mit seiner Krankenversicherung um die Transplantation einer Bauchspeicheldrüse kämpfte. Sieben Jahre lang hatte er seine Beitragszahlungen an das Unternehmen Humana geleistet, das sich dann prompt weigerte, die Kosten für eine lebensrettende Operation zu tragen. Erst als Moore für die Sendung ein Scheinbegräbnis plante, lenkte die Firma ein, um ein völliges PRDesaster zu vermeiden. Nach seinen beiden Erfolgsfilmen, dem Oscar®-gekrönten BOWLING FOR COLUMBINE („Bowling for Columbine“, 2002) und dem Kinohit FAHRENHEIT 9/11 („Fahrenheit 9/11“, 2004), kehrt Moore jetzt wieder zur Krise des Krankenversicherungsystems zurück, die er diesmal auf der großen Leinwand ausbreitet.
„Der Film handelt von der Gesundheitsversorgung – und doch auch nicht“, so Moore. „Wie in all meinen Filmen nutze ich ein Thema als Vehikel, um umfassendere Probleme und Ideen zu behandeln. In diesem Fall versuche ich eine größere Frage zu beantworten: ‚Warum gibt es bei uns, der größten westlichen Industrienation, keine kostenlose Gesundheitsversorgung für jeden Bürger? Warum hier? Was ist los bei uns?‘“
Als sich die Nachricht von Moores neuestem Filmprojekt verbreitete, stieg bei Konzernmanagern, die Riesenprofite mit Krankenversicherungen machen, der Blutdruck. Ken Johnson, Senior Vice President des Industrieverbands Pharmaceutical Researchers & Manufacturers of America, erzählte einem Journalisten, wie Führungskräfte „ausflippten und sich die Haare ausrissen“. Und in der Tat: Die sechs größten Pharmaunternehmen riegelten sich ab, als müssten sie einer Belagerung standhalten, und schickten „Michael-Moore-Warnungen“ an ihre Mitarbeiter raus, damit diese nach Moore und seinen Filmcrews Ausschau halten.
„Wir brachten einen Artikel in unserer Online-Publikation, dass Moore die Arbeit an einer Dokumentation aufnehmen wollte. Wenn Sie einen schmuddeligen Typ mit Baseball-Mütze sehen, dann werden Sie sofort wissen, wer das ist“, so ein Sprecher von Pfizer zur L.A. Times. Als CNBC-Reporter Mike Huckman im letzten Jahr von der Analysten-Konferenz eines Pharmaunternehmens berichtete, stellte er ein „hohes Maß an Paranoia“ fest. Seiner Meinung nach war der Grund für diese enorme Unruhe im „Michael-Moore-Effekt“ zu suchen.
Doch von Anfang an wollte Moore nicht nur die Schurken des Gesundheitssystems entlarven, sondern auch dessen Opfer ehren.
Im Februar 2006 startete er einen Aufruf auf seiner Website www.michaelmoore.com, in dem er Leser und Fans bat, ihre persönlichen Horrorgeschichten einzuschicken. Seine Botschaft lautete – in Auszügen: „Wenn Sie mir erzählen wollen, was Sie alles durch Ihre Krankenversicherung erleiden mussten oder wie es ist, keine Versicherung zu haben, oder wie alle Krankenhäuser und Ärzte Sie nicht behandeln wollten (und wenn sie es taten, wie sie Sie mit ihren verrückten Honorarforderungen in die Armut trieben), (...) wenn Sie auf irgendeine Weise von diesem kranken, gierigen, madigen System geschädigt wurden und es Ihnen und geliebten Menschen große Schmerzen und Sorgen bereitet hat, lassen Sie es mich wissen.“
Nichts hätte ihn auf die Reaktionen vorbereiten können. Allein in der ersten Woche brach eine Flut von über 25.000 E-Mails über ihn herein. Donna Smith, die selbst den Kampf mit dem Krebs überstanden hatte, erfuhr von einer Freundin von der Aufforderung auf Moores Website, und nachdem sie FAHRENHEIT 9/11 („Fahrenheit 9/11“, 2004), sehr gemocht hatte, wagte sie einen Versuch: „Ich feuerte eine schnelle, kurze Mail ab, nur zwei oder drei Absätze, und ich erwartete keinerlei Reaktion.“ In diese Nachricht schilderte sie, wie sie und ihr Mann durch die Versicherungskosten für dessen Herzbehandlung so ruiniert worden waren, dass sie zu ihrer Tochter ziehen mussten. „Ich spürte eine so starke Frustration, die ich in dieser Mail herauslief. Gegen alle Wahrscheinlichkeit hoffte ich natürlich, dass ich gehört würde - von den Leuten, die genauso nach den Regeln spielten und brav ihre Beiträge zahlten und die trotzdem untergingen. Mit Michael haben wir jemand, der wirklich zuhört und ein Problem an den Tag bringt, mit dem Millionen Amerikaner jeden Tag konfrontiert sind. Und das hat uns die Würde zurückgegeben, die wir seit Jahren nicht mehr hatten.“
Schon frühzeitig traf Moore eine wichtige Entscheidung. Er konzentrierte sich auf einen bestimmten Bereich der Gesundheitsversorgung, anstatt dieses sperrige Thema aus jedem erdenklichen Winkel zu beleuchten. „Wir hatten unsere eigene ‚Achse des Bösen‘: die Pharmaindustrie, die Krankenhausunternehmen und die Versicherer“, so Produzentin Meghan O’Hara.
Obwohl die großen Pharmafirmen profitbesessene Konzerne sind, die Politiker finanzieren und viele Lügen über ihre Forschungs- und Entwicklungskosten verbreiten, betrachteten die Filmemacher die Herstellung von Medikamenten als „notwendiges Übel“, das letztendlich den Patienten hilft. Das Gleiche gilt für Krankenhäuser. „Man ist auch auf sie angewiesen, obwohl sie wie die Pharmaindustrie reguliert und effizienter geleitet werden sollten.“
Mit soviel Nachsicht konnte man die privaten Versicherungsunternehmen jedoch nicht behandeln. „Sie sind für die Gesundheitsversorgung völlig unnötig,“ so O’Hara. Um diesen Punkt noch deutlicher zu unterstreichen, konzentrierte Moore seine Bemühungen nicht auf die Millionen ohne Versicherungsschutz, sondern auf die Mehrheit der Versicherten, denen man Leistungen verweigerte und mit lächerlichen bürokratischen Regeln ein Bein zu stellen suchte. Die Geschichten sprechen für sich selbst. Aber dahinter verbirgt sich eine andere Frage: ‚Wie kommen Versicherungsunternehmen sprichwörtlich mit Mord davon?’ Scharen von Industrie-Insidern und Informanten kontaktierten Moore und berichteten offiziell, wie die Versicherer Milliarden scheffelten, indem sie die berechtigten Ansprüche der Patienten ablehnten. „Man sagte mir, man würde mir nicht die medizinische Versorgung verweigern, sondern nur die Bezahlung dafür,“ so eine immer wiederkehrende Aussage Betroffener.
Manchmal wurde die Arbeit für das Filmteam ein wenig zu heftig und trostlos. Aber dann kam eine gesunde Dosis Humor zum Einsatz, um die Stimmung in den Produktionsbüros aufzuhellen. Neben dem Eingang postierte man ein großes Schild mit der Aufschrift „Das ist eine Komödie“, die die übernächtigten Mitarbeiter an eine alte Weisheit erinnerte: ‚Lachen ist die die beste Medizin‘. Sogar eine traurige kleine Zimmerpflanze, die Wochen lang in einer Ecke des Büros vor sich hinwelkte, sorgte für Erheiterung, als jemand eine Notiz daran hängte: „Diese Pflanze braucht medizinische Versorgung.“
Insgesamt wurden über 500 Stunden Material abgedreht – mehr als bei jedem anderen Filmprojekt Michael Moores. Die Dreharbeiten begannen in den Vereinigten Staaten. Mehrere Crews filmten die Geschichten von Patienten in verschiedenen Regionen des Landes. Ein Ausflug an die Westküste brachte die Produktion nach Los Angeles und San Francisco, ein anderes Team fegte wie ein Wirbelsturm durch Texas, wo in Houston, Austin, Brownsville, McAllen und Dallas gedreht wurde, während ein weiterer Treck Richtung Süden unter anderem nach Florida aufbrach. Gleichzeitig wollte man zeigen, wie es in anderen Ländern der zivilisierten Welt mit der Gesundheitssystemen aussieht. Deshalb besuchte die Crew unter anderem Frankreich, England und Kanada. Letztlich wurden zwischen 150 und 200 einzelne Geschichten dokumentiert. Die Drehzeit belief sich auf über 130 Tage, bei FAHRENHEIT 9/11 („Fahrenheit 9/11“, 2004), waren es nur 38 gewesen. Insgesamt wurden über 500 Stunden Material abgedreht – mehr als bei jedem anderen Filmprojekt Michael Moores.
Nach Abschluß der Dreharbeiten begann die chirurgische Kleinarbeit: aus hunderten Stunden Interviews und anderen Aufnahmen einen Film zusammenzufügen. Im Schneideraum arbeitete Moore wieder mit seinem FAHRENHEIT 9/11-Cutter Chris Seward, sowie mit zwei neuen Teammitgliedern, Dan Sweitlik (ausgezeichnet mit einem ACE-Award für seine Arbeit an AN INCONVENIENT TRUTH („Eine unbequeme Wahrheit“, 2006)) und Geoffrey Richman (GOD GREW TIRED OF US („God grew tired of us“, 2006) sowie MURDERBALL („Murderball“, 2005)).
Moore glaubt, dass SICKO letztendlich nicht nur ein kaputtes System bloßstellt und vernünftige Alternativen anbietet, sondern auch seine Weiterentwicklung als Filmemacher zeigt. BOWLING FOR COLUMBINE („Bowling for Columbine“, 2004) war nicht ROGER & ME („Roger and me“, 1989), und SICKO ist nicht FAHRENHEIT 9/11 („Fahrenheit 9/11“, 2004),. „Wenn die Leute ins Kino gehen, erwarten sie etwas, das sie zum Lachen, Weinen oder Nachdenken bringt. Sie wollen etwas Frisches und Neues, und mich interessiert es nicht, immer wieder das Gleiche zu machen. Ich glaube, einige Zuschauer werden von diesem Film ganz schön überrascht sein.“ „Ich wusste, dass das eine Herausforderung sein würde“, so sein Fazit. „Wir haben in SICKO weder eine Figur oder eine Firma, die man hassen könnte, keinen einzelnen Antagonisten wie Roger Smith oder Charlton Heston – es ist ein ganzes System. Das Publikum und ich müssen uns bei diesem Film ein bisschen stärker anstrengen, da es hier keine klaren Schwarz-Weiß- Verhältnisse gibt. Ganz ehrlich: Es ist nun mal nicht besonders interessant, wenn ich zum x-ten Mal die Stufen zum Büro eines Vorstandsvorsitzenden hochlaufe. Nicht dass ich das für alle Zeiten ausschließen würde, aber bei SICKO wollte ich einen Film durchziehen, in dem ich nicht an die Tür der Mächtigen klopfe. Ich möchte nicht, dass die Zuschauer mit dem Gefühl herauskommen: ‚Na so was, Mike hat wieder jemandem ordentlich in den Arsch getreten.‘ Sie müssen sich selbst in den Arsch treten.
Diese Situation wird nur dann ihr Ende finden, wenn jeder aufsteht und sagt: ‚Mir reicht’s!‘“