Mittwoch | 30. Mai 2012 | 18:30 Uhr
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  • Lissi und der wilde Kaiser

    Komödie, Animation | Deutschland 2007
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      • | Produktionsnotizen

      • „Lissi und der wilde Kaiser“ ist ein Film, der ein Stück Geschichte aufarbeitet, das das Kinopublikum schon lange vor Erfindung des Buntfilms faszinierte. Seine eigene Geschichte ist weniger bekannt, aber nicht minder faszinierend: Schon im zarten Alter von zehn Jahren arbeitete der damals noch junge Michael Bully Herbig an seinem ersten Animationsfilm. Genau genommen an einem klassischen Zeichentrickfilm im Disney-Stil, der Herbigs Projekt für die Sommerferien war. Andere Jungs aus seiner Klasse bereiteten sich in dieser Zeit auf eine Karriere als Profi-Fußballer vor. Die bessere Entscheidung, wie Bully heute ganz offen zugibt. Denn schon kurz nach Halbzeit der Ferien musste er feststellen, dass eine einzige Filmsekunde exakt 24 gezeichnete Bilder braucht und schon nach wenigen Filmsekunden die Buntstifte ausgehen würden. Es war schließlich die Zeit der großen Buntstiftkrise, die allerdings angesichts der fast zeitgleichen ersten deutschen Ölkrise nur von ganz Wenigen bewusst wahrgenommen wurde. Michael Herbigs kühnes Projekt lag fortan für 27 Jahre auf Eis.

        Aufgetaut wurde es erst wieder im Jahr 2004. In diesem Jahr kam mit „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ der nach „Der Schuh des Manitu“ zweite Film mit Figuren aus der „bullyparade“ ins Kino. Eine Sensation, schon weil es der erste demokratisch gewählte Film der Welt war. Bully hatte nämlich die Zuschauer seiner TV-Show abstimmen lassen, was als nächstes auf der großen Leinwand laufen sollte. Als die tollkühnen Raumfahrer das Rennen vor dem romantischen Kaiserpaar machten, witterte die Fangemeinde der Sissi-Sketche eine Verschwörung. Um einer Revolution vorzubeugen, entschloss sich Bully nach der „(T)Raumschiff“-Premiere, als nächstes die Geschichte der Kaiserin der Herzen ins Kino zu bringen. Und statt sich erst im Ruhm und dann in der Karibik zu sonnen, wie es vielleicht andere Regisseure nach der Premiere eines Filmes tun, begann er gemeinsam mit Co-Autor Alfons Biedermann umgehend die Arbeit am Drehbuch zu „Lissi und der wilde Kaiser“.

        Die Entscheidung, diesen Film als 3-D-Animationsfilm zu produzieren, fiel ganz spontan eines Morgens unter der Dusche (nach einer unruhigen Nacht, in der der Regisseur von Alpträumen über zentnerschwere Perücken und schmerzhaft in der Leibesmitte einschneidende Korsagen heimgesucht wurde!). Ebenso spontan fiel die Entscheidung, diesen Film gemeinsam mit Scanline zu realisieren. Schließlich hatten die Münchner Effektspezialisten schon Herbigs „(T)Raumschiff Surprise“ auf atemberaubende Flüge durch die unendlichen Weiten des Weltraums geschickt und sollten deshalb kein Problem damit haben, das österreichische Kaiserpaar durch den Park von Schloss Schöngrün „panieren“ zu lassen.

        Ein echtes Problem ist das auch nicht. Aber es braucht unendlich viel Zeit! Für Bully wurden die folgenden zwei Jahre zu einer echten Geduldsprobe. Denn während der Regisseur bei einem Realfilm am Ende eines Drehtags bereits die Muster vom Vortag sehen kann, sah er fürs Erste sehr wenig.

        In mühsamer Kleinarbeit entwickelte er mit seinen Zeichnern alle Skizzen. Vom Zahnstocher bis zur Berglandschaft. Jedes noch so kleine Requisit musste entworfen werden.
        Am Ende waren es hunderte von Zeichnungen, die erst am Computer weiter bearbeitet wurden, wenn Bully hundertprozentig damit zufrieden war. Besonders viel Zeit investierte Herbig in die Entwicklung der Filmfiguren. Nachdem sie auf dem Papier entstanden waren, wurden davon Miniaturen hergestellt - so genannte „Maquettes“ (sie dienen als Vorlage für die Gestaltung der Figuren am Computer).
        Bully ging an diesen Animationsfilm heran, wie an einen realen Spielfilm. Nur das er diesmal sein Filmset im Computer hatte. Nachdem jede einzelne Kamera-Einstellung (es sind über 1000!) nach seinen Vorstellungen gezeichnet wurde, machte er sich mit diesen Storyboard-Zeichnungen an den Schnitt des Filmes. Dazu waren natürlich die Stimmen der Sprecher nötig. Hierfür wählte der Regisseur ein Tonstudio mit ausreichend Platz. Bully wollte, dass sich alle Sprecher während den Sprachaufnahmen im Raum bewegen können! Somit bekam er auch ein besseres Gefühl für den Rhythmus des Filmes.

        Nach etwa sechs Monaten gab es immerhin schon eine Art Film: Am Schnittplatz lief das Storyboard wie eine schnelle Diashow über den Bildschirm, die mit den Dialogen und (teilweise) den Geräuschen unterlegt war. Das war bereits hübsch anzuschauen, taugte aber noch nicht wirklich für die große Leinwand.

        Im Grunde begann das Inszenieren für Bully jetzt erst richtig. Die Produktionsräume auf dem Bavaria-Gelände und zwei benachbarte Büroetagen füllten sich nach und nach mit den insgesamt über 130 Teammitgliedern, die zu Spitzenzeiten an „Lissi“ arbeiteten und die Produktionsleiterin Ismad Zahidi mit strenger Hand und sanfter Stimme koordinierte. Und das in allen erdenklichen Sprachen, denn die mehr als 50 Animatoren (Nicht Animateure!) hatten die unterschiedlichsten Nationalitäten. Eines allerdings hatten sie gemeinsam: Erfahrungen mit großen internationalen Produktionen, wie z.B. Disney oder Peter Jacksons „King Kong“.

        Im Frühjahr 2006 kam „Lissi“ so langsam in „Bewegung“. Das 3-D-Animatic, quasi eine sehr rohe Fassung des Films, zeigte erstmals bewegte Bilder, allerdings noch ohne Farbe und sehr grobmotorisch, ohne Kulissen oder gar Details.

        Dies war der Startschuss für die Animation! Jede Bewegung, jede noch so kleine Mimik wurde von Bully über fast ein Jahr lang immer und immer wieder vorgespielt und mitgefilmt. Die Animatoren an den Computern animierten die Figuren nach Bullys Vorlage. Somit kann man durchaus sagen, dass in diesem Film mehr von Bullys Schauspiel steckt, als in allen anderen Filmen!

        Der Rest? Ganz viel Hightech! Und ebensoviel hochpräzise Kleinarbeit für Menschen, die die Geduld für hochpräzise Kleinarbeit aufbringen. Allein ein scheinbar so banaler Friseurbesuch von Lissi dauert Tage, die Wartezeiten nicht inbegriffen. Des Weiteren die Hoffnung, dass beim „Rendering“ alle Daten auch wissen, wohin sie hingehören. Schließlich letztes „Feintuning“ bei den Synchronaufnahmen mit den Sprechern der Charaktere. Damit ein gehauchtes „Ach Franz!“ oder ein gegrunztes „Oh!“ genau den Ton treffen, den eine ganz bestimmte Szene braucht.

        Und zuletzt das Ergebnis: „Lissi und der wilde Kaiser“. Deutschlands aufwändigster 3D-Animationsfilm aller Zeiten, dessen Leichtigkeit und Heiterkeit komplett vergessen lässt, wie viel Schweiß und Kraft er gekostet hat. Dazu drei Jahre offizieller und mindestens 13 Jahre gefühlter Lebenszeit des Regisseurs.

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