Mittwoch | 30. Mai 2012 | 18:34 Uhr
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  • Das Vermächtnis des geheimen Buches

    Action, Abenteuer | USA 2007
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      • | Hintergrund

      • Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein junges Land mit einer verglichen mit Europa kurzen historischen Vergangenheit: Diese aber ist überdurchschnittlich angefüllt mit Verschwörungstheorien und unerklärlichen Ereignissen. So ist es nicht verwunderlich, dass beim neuesten Film des Erfolgsproduzenten Jerry Bruckheimer das Attentat auf Abraham Lincoln im Mittelpunkt steht. Regisseur Jon Turteltaub versteht es dabei meisterhaft, die bis heute sagenumwobene, nicht vollständig geklärte Ermordung des Präsidenten im Jahr 1865 an die großen amerikanischen Verschwörungsfälle des 20. Jahrhunderts zu koppeln – darunter die Ermordung Präsident John F. Kennedys 1963, der Watergate-Skandal 1972 oder die bis heute nicht offiziell bestätigte Existenz der militärischen Sperranlage „Area 51“ im südlichen Nevada. Diesen unglaublichen Strudel an Spekulationen und Vermutungen versucht Turteltaubs Regieführung im VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES auf einen Schlag zu lösen – mittels eines aufgetauchten Buchfragments aus dem verschollenen Tagebuch des Lincoln-Attentäters John Wilkes Booth.
        Wie verhält es sich mit der historischen Wirklichkeit? In der Tat war der seinerzeit sehr bekannte und beliebte Schauspieler John Wilkes Booth der Kopf einer konföderierten Sympathisantengruppe, die am 14. April 1865 aus Enttäuschung über den verlorenen Krieg das Attentat auf den 16. Präsidenten der USA verübte – nur Stunden zuvor war der vierjährige amerikanische Bürgerkrieg mit der Kapitulation General Robert E. Lees bei Appomatox Court House zu Ende gegangen – der blutigste Krieg der amerikanischen Geschichte mit über 600.000 Toten – Zivilisten und Soldaten.

        An jenem Karfreitag hatte die Presse bereits den Besuch des Präsidenten im Washingtoner Ford-Theater für das Schauspiel Our American Cousin angekündigt, das Haus war ausverkauft. Gegen 22 Uhr gelang es John Wilkes Booth während der Vorstellung, in die Loge des Ehepaares Lincoln vorzudringen und Abraham Lincoln mit einer 44er-Deringer-Pistole in den Hinterkopf zu schießen. Booth sprang nach vollbrachter Tat auf die Bühne, brach sich dabei ein Bein und flüchtete mit David Herold zu dem Arzt Dr. Samuel Alexander Mudd, der das Bein auf seiner Farm in Bryantown, Maryland, provisorisch behandelte, schiente und Krücken besorgte.

        Abraham Lincoln, der zwar sofort in das dem Ford-Theater gegenüberliegende Haus 516 Tenth Street N. W. transportiert und dort ärztlich versorgt wurde, hatte so schwere Verletzungen davongetragen, dass er am Morgen des 15. April 1865 verstarb, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Während die junge Nation nach gerade unterzeichnetem Friedensschluss im Schockzustand um den Präsidenten trauerte, begann die Jagd nach dem Mörder: Zwölf Tage später, am 26. April 1865, wurde der verletzte Booth in einer Scheune bei Bowling Green in Virginia durch die US-Armee gestellt und von Sergeant Boston Corbett versehentlich – und gegen höchste Anweisungen – erschossen, als er sich der Festnahme widersetzte.

        Der durch den Tod Lincolns zum Präsidenten avancierte ursprüngliche Vizepräsident Andrew Johnson berief am 1. Mai 1865 eine Untersuchungskommission bestehend aus neun Offizieren ein, die am 10. Mai 1865 den Prozess gegen die acht vermeintlichen Mitverschwörer Booth’ eröffneten. Vier der Angeklagten – darunter Mary Suratt, Lewis Powell, David Herold und der in Thüringen geborene George Atzerodt – wurden durch erfolgreich nachgewiesene, unterschiedliche Kontakte zu Booth für schuldig erklärt und am 7. Juli 1865 unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Washington, D. C. gehängt; die vier anderen – Michael O’Laughlin, Edman Spangler, Samuel Arnold und Dr. Samuel Mudd – erhielten lebenslange Haftstrafen, die sie im Gefängnis von Ft. Jefferson absaßen. Michael O’Laughlin verstarb in der Haft an Gelbfieber. Die restlichen Verschwörer erhielten Amnestie. Dr. Mudd wurde 1869 von Präsident Johnson begnadigt, weil er sich als Gefangener 1867 dazu bereiterklärt hatte, die Position des an Gelbfieber verstorbenen Gefängnisarztes von Ft. Jefferson zu übernehmen.

        Dr. Mudd wurde nach seiner Freilassung 1876 in die Legislative des Bundesstaates Maryland gewählt und starb 1883 an den Folgen einer Lungenentzündung, ohne jemals rehabilitiert worden zu sein. Seine Tochter und sein Enkel Richard Mudd setzten den Kampf um Rehabilitation fort – 1979 wurde Samuel A. Mudd jeder Mitschuld an der Ermordung Lincolns durch eine Proklamation Jimmy Carters enthoben. Bis heute existiert im amerikanischen Sprachgebrauch allerdings noch die Redewendung „His name is mud“ unter Anspielung auf Dr. Mudd, die eine Person der Unehrenhaftigkeit bezichtigt und sprichwörtlich „in den Dreck“ zieht.

        Warum allerdings entstanden um die Person des John Wilkes Booth herum überhaupt solche Spekulationen? Die Umstände der Festnahme und Erschießung des Schauspielers auf der Farm von Richard Garrett in Virginia sind bis heute nebulös, da seine Leiche stundenlang von nur einer Person bewacht und später keine Autopsie mehr vorgenommen wurde, um die einwandfreie Identität zu bestätigen. So halten sich bis heute Vermutungen darüber, dass Booth seinerzeit nicht erschossen wurde, sondern mit Hilfe von Regierungsagenten entkommen sei und unter dem Namen John St. Helens in Granbury, Texas, weitergelebt habe, bis er 1903 – dann unter dem Namen David E. George in Enid, Oklahoma, lebend – Selbstmord verübt habe. Eine andere Theorie spricht von einem Doppelgänger Booth’, der an seiner Stelle erschossen worden sei. Selbst das FBI hat später einen DNA-Abgleich mit den Nachfahren Booth’ angestrebt, der Graböffnung wurde allerdings durch den obersten Gerichtshof von Maryland nicht zugestimmt.

        Eine weitere Theorie besagt, dass vornehmlich deutsche Einwanderer an der Ermordung Lincolns beteiligt gewesen seien: Dafür spricht die Mitschuld des 1835 im thüringischen Dörna geborenen George Atzerodt, der 1843 in die USA einwanderte und in Port Tobacco eine Autoreparaturwerkstatt eröffnete. Am 20. April 1865 wurde Atzerodt im Haus seines Cousins Hartmann Richter in Germantown, Md., festgenommen und am 7. Juli 1865 gehängt. Auch das Haus, in dem Lincoln verstarb, war Eigentum deutscher Einwanderer: Der aus Hannover stammende Schneider Wilhelm Petersen hatte das Backsteinhaus 1849 erbaut; in den 1860er Jahren vermieteten Wilhelm und Anna Petersen unter anderem ein Zimmer an den Fotografen Julius Ulke, der am 15. April 1865 die historischen Fotografien des Sterbezimmers anfertigte und im eigenen Fotostudio – um die Ecke, an der 1111 Pennsylvania Ave. N. W. – vermarktete.

        Und die fehlenden Tagebuchseiten? Bis heute sind die 18 Seiten nicht wieder aufgetaucht. Der Spion und Nachrichtenoffizier Lafayette C. Baker, der während des Bürgerkrieges von Kriegsminister Edwin McMasters Stanton zum Chef des Nachrichtendienstes der Union ernannt worden war, wurde im April 1865 auch mit der Verfolgung der Lincoln-Attentäter beauftragt und für sein Engagement zum Brigadegeneral befördert. Aber Baker war kein Liebling des neuen Präsidenten Johnson, der radikale Republikaner bekämpfte und den umtriebigen Geheimdienstler und Doppelagenten einfach entließ, als dieser anfing, im Weißen Haus zu spionieren. Auch Bakers ehemals mächtiger Freund Stanton konnte in diesem Fall nicht vermitteln, so dass sich Baker mit Stanton überwarf und bis zu seinem eigenen frühen Tod 1868 behauptete, Ex-Kriegsminister Stanton selbst sei der Hauptdrahtzieher des Lincoln-Attentates gewesen und habe das Booth-Tagebuch manipuliert, indem er die 18 Seiten habe verschwinden lassen. Baker fiel kurioserweise mit nur 41 Jahren einer Arsenvergiftung zum Opfer. Auch dies ist bis heute nie genauer untersucht worden.

        Als 1963 – nach Lincoln, Garfield und McKinley – mit dem jungen, charismatischen John F. Kennedy der vierte US-Präsident in der Geschichte der USA während seiner Amtszeit einem Attentat zum Opfer fiel, war das sogenannte „Lincoln-Kennedy-Mysterium“ geboren, eine recht fehlerhafte, aber oft bemühte Aneinanderreihung von Übereinstimmungen der beiden Präsidentenbiografien, von denen hier nur die tatsächlich „übereinstimmenden“ Punkte wiedergegeben sind: So wurde Abraham Lincoln 1846 in den Kongress und 1860 zum US-Präsidenten gewählt – Kennedy hingegen gehörte dem Kongress ab 1946 an und wurde 1960 in das höchste Amt der USA gewählt. Beide Präsidenten hatten ursprünglich 4 Kinder, ihre jeweiligen Ehefrauen verloren ein oder mehrere Kinder, während sie im Weißen Haus lebten; beide Präsidenten wurden an einem Freitag von hinten in den Kopf geschossen, beide in Gegenwart ihrer Gattinnen; beide wurden von Südstaatlern getötet. Während Lincoln im Ford-Theater ermordet wurde, starb Kennedy in einem Wagen der Marke Ford Lincoln. Beide Attentäter – J. W. Booth und Lee H. Oswald – kamen gewaltsam ums Leben, bevor ihnen der Prozess gemacht werden konnte. Die Nachnamen der Präsidenten, Lincoln und Kennedy, enthalten je 7 Buchstaben, davon je dieselbe Anzahl an Vokalen, Konsonanten und das „n“. Die Namen von John Wilkes Booth und Lee Harvey Oswald enthalten je 15 Buchstaben und bestehen in beiden Fällen aus drei Namen. Beide nachfolgende Vizepräsidenten waren Südstaatler mit Familiennamen Johnson: Andrew Johnson, geboren 1808 in North Carolina, und Lyndon B. Johnson, geboren 1908 in Texas.

        Die Ermordung Kennedys, noch von einem viel größeren Mysterium umgeben als das Lincoln-Attentat, erfuhr erst im Januar 2006 durch die aufsehenerregende Dokumentation „Rendezvous mit dem Tod“ des Bremer Journalisten und Grimme-Preisträgers Wilfried Huismann neue Nahrung, wonach nunmehr der kubanische Geheimdienst G-2 Lee Harvey Oswald für den Mord rekrutiert haben soll. Letzte Zweifel werden bleiben, solange keine freie Akteneinsicht im Mordfall Kennedy existiert.

        Gleiches gilt für die fehlenden Tonbandteile in der Watergate-Affäre, die 1974 zur Amtsenthebung von Präsident Nixon führte: Besagte Tonbänder, Mitschnitte aus dem Oval Office des Weißen Hauses, sollten der Wahrheitsfindung im Watergate-Prozess dienen. Das Tauziehen um diese Bänder glich der „unendlichen Geschichte“ – ein bis zum August 1974 offenbar unbekanntes Tonband vom 23. Juni 1972 war es dann auch, das als „Smoking Gun“ – als auslösendes Element – die Enthebung Nixons unumgänglich machte. Nach der Watergate-Affäre hat kein amerikanischer Präsident mehr seine Gespräche aufzeichnen lassen – seitdem existiert in den USA der „investigative Journalismus“, eine sehr viel aggressivere politische Berichterstattung, die auf Eigenrecherche zur Aufdeckung vermeintlicher Politskandale setzt.

        Aber auch diese Art von Journalismus hat bisher nicht eindeutig klären können, was es mit der „Area 51“ auf sich hat, diesem 100 Quadratkilometer großen Luftwaffenübungsgelände in Lincoln County, Nevada, dessen Existenz bis vor wenigen Jahren von der US-Regierung geheimgehalten worden war und um das sich heute Verschwörungstheorien bezüglich der Erforschung Außerirdischer auf der Militärbasis ranken. Von diesem Gelände aus, zu dem täglich etwa 1.000 Angestellte aus dem Großraum Las Vegas per Flugzeug-Shuttle geflogen werden, begannen ab 1955 die Übungsflüge mit dem U-2-Spionageflugzeug. Seitdem ist dort ununterbrochen Flugzeugforschung betrieben worden – so zum A-12-Oxcart- und SR-71-Blackbird-Programm, Ende 1977 dann zum F-117-Nighthawk-Programm. Seit 1995 ist das Sperrgebiet um die Basis herum sogar noch vergrößert worden, auf staatlichen Satellitenfotos der Vereinigten Staaten wird dieser Teil der sogenannten „Nellis Test Range“ nicht aufgeführt, wenngleich heute – ironischerweise – durch Programme wie „Google Earth“ und „Worldwind“ die Möglichkeit besteht, sich eigene Satellitenbilder dieser Gegend anzusehen. Nach Aussage des US-Verteidigungsministeriums ist die „Area 51“ keine offizielle Bezeichnung; es handle sich lediglich um ein Testgebiet für Technologien und Waffensysteme sowie um einen Trainingsbereich für die Effektivität von US-Streitkräften.

        Die meisten Aktivitäten auf der Basis sind bis heute Verschlusssache – und wohl deshalb ist die „Area 51“ immer noch zentraler Bestandteil moderner UFO- und Verschwörungstheorien: So vermutet man, dass dort abgestürzte außerirdische Raumschiffe gelagert und deren (tote oder lebende) Besatzungen untersucht werden, dass dort Treffen und Geheimgespräche zu extraterrestrischen Lebensformen stattfinden und dass die Entwicklung exotischer Energiewaffen (z. B. für die Wetterkontrolle) dort stattfindet. Einen großen Raum für Spekulationen nimmt auch das Gerücht über die Existenz geheimer Filmstudios ein, in denen die Bilder der APOLLO-Mondlandungen gedreht worden sein sollen. Am meisten profitiert der kleine Ort Rachel von all diesen Verschwörungstheorien, der nächstgelegene zivile Wohnplatz außerhalb der „Area 51“. Diese Pilgerstätte für Ufologen bietet Verköstigung und Übernachtungen mit dem Versprechen an, unübliche Lichterscheinungen entlang des „Extraterrestrial Highway 375“ sehen zu können – diese stammen in der Regel von Zielübungen der Kampfjets. Die „Area 51“ wurde bereits in Independence Day, Star Trek, Hulk und anderen Blockbuster-Filmen bemüht und ist beliebter Bestandteil zahlreicher Computerspiele.

        In Jerry Bruckheimers DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES wird der Zuschauer im Schnelldurchlauf mit einem atemberaubenden Panorama amerikanischer Verschwörungstheorien des 19. und 20. Jahrhunderts konfrontiert, an dessen Ende er vermutlich selbst die spannende Wahrheit nicht mehr von der unterhaltsamen Fiktion unterscheiden kann. Nur eines ist ziemlich sicher: Kein Mensch namens „Thomas Gates“ hat jemals an der Ermordung Lincolns mitgewirkt – und ein „Geheimes Buch“, das von einem US-Präsidenten zum nächsten weitergegeben wird und auf alle diese ungelösten Begebenheiten eine Antwort weiß, hat auch nie existiert – aber, mal ehrlich, wäre ein solches Buch nicht wünschenswert????

        (Dr. Andrea Mehrländer; Geschäftsführende Direktorin der Checkpoint Charlie Stiftung, Berlin © 2007)

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