Nach weiteren kühlen Nächten am Potomac River, einen Katzensprung von Mount Vernon entfernt (für Szenen, die den Einsatz von Booten und Helikoptern erforderten), und einer letzten Regennacht mit heftigen Winden, bei der die Außenansicht des Jefferson Buildings der Library of Congress gedreht wurde, bestieg die Crew ein Charterflugzeug und wandte sich nach Westen in Richtung South Dakota – an Schauplätze, die einen verblüffenden Kontrast zu den urbanen Ansichten Washingtons darstellen sollten. Schon die Arbeit in der Hauptstadt war ein Trip in die nationale Vergangenheit gewesen, aber South Dakota führte die Crew noch weiter zurück, zu den indianischen Wurzeln aus der Zeit vor dem Eindringen der Weißen. Dieses Element spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte des Films und es erfüllt die Landschaften des Drehs mit einer Spiritualität, die sich jeder Beschreibung entzieht.
Mount Rushmore National Memorial ist die weltberühmte und wahrlich monumentale Skulptur von vier Präsidentenfiguren – Washington, Lincoln, Jefferson und Roosevelt. Diese meißelte der mit nahezu übernatürlicher Energie gesegnete John Gutzon de la Mothe Borglum in die gigantische Granitwand, die einen Berg in den Black Hills von South Dakota überragte. Vom Beginn der Bohrungen 1927 bis zu seinem Tod im Jahr 1941 schuf Gutzon Borglum mit einem Team aus 400 wagemutigen Künstlern ein Werk, das sogar die große Sphinx von Gizeh an Größe und Ehrgeiz übertraf.
Doch auch wenn das National Memorial ein Werk von unbestrittener Größe darstellt, so ist das nur ein Teil der Geschichte. Mount Rushmore ist lediglich ein Gipfel in den Black Hills, die den Lakota und anderen Indianern seit Tausenden von Jahren heilig sind. Für die Lakota sind die Black Hills “Paha Sapa,” ihre axis mundi, das Zentrum der Welt. Aus Sicht vieler Indianer sind die Skulpturen am Mount Rushmore kein Triumph der Demokratie, sondern eine schmerzvolle Erinnerung daran, wie ihr Land nach den Goldfunden in den Black Hills von den Vereinigten Staaten enteignet wurde. In einem Versuch, diese beiden großen Kulturen miteinander zu versöhnen, ernannte die Nationalparkverwaltung unlängst Gerard Baker als ersten Indianer zum Superintendenten des Mount Rushmore National Memorials. “Meine Position bietet die Möglichkeit, beide Seiten der Geschichte zu erzählen,” so Superintendent Baker, ein Mandan-Hidatsa, der stolz in der modernen wie auch der traditionellen Welt lebt. “Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt taten für das Land in den ersten 150 Jahren seiner Geschichte viel Gutes. Aber gleichzeitig gab es eine katastrophale Indianerpolitik, und wir nehmen die Herausforderung an, auch diese Geschichte zu erzählen. Es geht nicht darum, jemandem die Schuld zu geben, sondern diese Geschichte den künftigen Generationen zu vermitteln, damit sie verstehen und nicht die gleichen Fehler wiederholen. Mit Erziehungsmaßnahmen und Kulturprogrammen können wir den Heilungsprozess beginnen.”
Wie schon James Rees in Mount Vernon war auch Superintendent Baker von DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES angetan: “Dieses Projekt fördert das Bewusstsein, und zwar nicht nur in der Weltöffentlichkeit, die den Film sehen wird, sondern auch bei Schauspielern und Crew. Die Filmemacher wandten sich auf sehr kenntnisreiche und respektvolle Weise an uns. Sie verstanden, dass sie in einem geheiligten Gebiet drehen wollten.”
Auf Bitte der Produktion führten Superintendent Baker sowie sein Kollege und Freund, Ranger Darrell Martin, Assistant Chief of Interpretation im Mount Rushmore National Memorial, vor Drehbeginn am Morgen des 20. April eine traditionelle indianische Segnungszeremonie für alle Anwesenden durch — einschließlich der Stars Nicolas Cage, Jon Voight, Diane Kruger und Justin Bartha. Martin, ein Angehöriger des Gros-Ventre-Stammes aus Montana, der für seine Güte und sein immenses historisches Wissen bekannt war, sollte in der folgenden Woche überraschend auf tragische Weise zu Tode kommen. Das hinterließ nicht nur eine offene Wunde im Herzen seiner Kollegen, sondern auch bei den Mitgliedern der Filmcrew, die ihn in dieser kurzen Zeitspanne zum Freund gewonnen hatten.
Seit September 1958 hatte keine andere Spielfilm-Crew am Mount Rushmore gedreht. Damals war Alfred Hitchcock mit Cary Grant, Eva Marie Saint und dem Team von DER UNSICHTBARE DRITTE für zwei Tage in die Black Hills gekommen. DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES brauchte da etwas mehr Zeit. Mit dem nahegelegenen Rapid City als Operationsbasis drehte das Team an einer Vielfalt von Motiven, nicht nur am Mount Rushmore, sondern auch in der Nähe, am Sylvan Lake im Custer State Park. Für eine Sequenz von Luftaufnahmen, die mit den Aufnahmen vom Sylvan Lake ergänzt wurden, postierte Stuntkoordinator George Marshall Ruge Stuntdoubles auf eine 45 Meter hohe Felsenklippe in den Black Hills. “Sie mussten auf den Gipfel klettern. Daher dauerte es fast drei Stunden, bis wir alle sechs Leute oben hatten. Danach hängten wir sie an Sicherheitsseile. Der einzige Weg nach oben war sehr steil, und der einzige Weg nach unten ebenso.”
Rückblickend waren Crew und Besetzung von DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES von ihren Erfahrungen in South Dakota tief beeindruckt, obwohl die Aufnahmen nur zwei Wochen gedauert hatten. “Die Black Hills waren total einzigartig,” erinnert sich Nicolas Cage. “Sie waren etwas ganz, ganz Besonderes, da sie das geheiligte Land der Indianer sind. Ich fand sie auf außergewöhnliche Weise schön, und doch haben sie auch etwas Geheimnisvolles. Die Menschen wissen gar nicht, wie schön es in unserem eigenen Hinterland ist. An diesen Orten zu drehen, hat ganz sicher unsere schauspielerische Leistung inspiriert. Das hat uns allen einen kleinen Schub gegeben.”
“Ich war vorher noch nie am Mount Rushmore gewesen, und es war wirklich aufregend, etwas zu erleben, das ich nur von Fotos und Filmen kannte,” meint Jerry Bruckheimer. “Das ist eine der großen Freuden des Filmemachens.”
Jon Turteltaub fügt hinzu: “Wir besuchten eine Reihe von erstaunlichen Orten, aber der unwahrscheinlichste Kandidat wurde unser Favorit. Wir alle verliebten uns in South Dakota. Es ist spektakulär schön hier, die Menschen sind sanft und ungemein freundlich, und es gibt enorm viel Kultur. Die Vergangenheit ist in South Dakota sehr präsent, und als wir am Mount Rushmore drehten, empfanden wir viel intensiver, was diese Steine überhaupt waren, bevor man Gesichter von Amerikanern hineinmeißelte. Welche Bedeutung hat diese Landschaft für die Menschen? Und wir versuchten, soweit uns das möglich war, etwas davon in unsere Geschichte und in den Film einfließen zu lassen.”
“Ich liebte Dakota,” fügt Helen Mirren hinzu. “Ich liebte die Menschen, die Landschaft und die wilden Tiere. Es ist ein außerordentlicher Teil dieser Welt. Als wir da waren, schauten wir einander an und sagten: ‘Weißt du, was für ein Glück wir haben? Ist das nicht der beste Job der Welt, in dieser unglaublichen Landschaft einen Film zu drehen?’”