Nach den Aufenthalten an der Ostküste und in South Dakota kehrte das Team nach Los Angeles zurück, wo die Zauberer von Hollywood ihre Kunst bemühten und gewaltige Sets und die Requisiten für den komplexen Actionhöhepunkt des Films schufen. “Indem wir diese riesigen Bauten errichteten, erhöhten wir unseren Einsatz und machten den Film noch größer und aufregender als den ersten,” merkt Jerry Bruckheimer an. “Jedes Mal, wo du an eines dieser Sets kamst, konntest du die Kunstfertigkeit der Hollywood-Techniker sehen. Dieses Know-how wird seit Beginn der Filmgeschichte von Generation zu Generation weitergegeben.”
Zu Beginn der zweiten Phase des L. A.-Drehs verwandelte das Team mehrere Locations in eine für die Geschichte geeignete Umgebung. So wurde das Innere des berühmten Biltmore Hotels in der Innenstadt von Los Angeles in die Sicherheitszone unterhalb des Buckingham Palace verwandelt. Die aus dem Jahr 1940 stammende Anlage der F. E. Weymouth Treatment Plant des Metropolitan Water District Systems im kalifornischen La Verne wurde zu einem Hightech- Konservierungslaboratorium, in dem Ben, Abigail und Riley die wiedergefundene Seite des Booth-Tagebuchs untersuchen.
In dieser Phase wurde auch eine Sequenz gefilmt, die im Garten des Weißen Hauses während des jährlichen Ostereier-Rollens spielt. Scharen von Kindern in Feiertagskleidung, ausstaffiert mit Körben und Hasenohren, versammelten sich auf einem großen Rasengrundstück in den Huntington Hartford Gardens im kalifornischen San Marino. Im Hintergrund befand sich ein 7,2 Meter hoher und 54 Meter breiter Blue Screen, den die Visual Effects Supervisors Nathan McGuinness und Mitchell S. Drain später ins Domizil des Präsidenten verwandelten. “Früher hätte man das mit einem traditionellen Matte-Painting auf Glas und einer starren Kamera gedreht,” so Drain. “Heute erlaubt uns die Technologie, die Kamera zu bewegen und diese Bewegungen im Computer aneinander anzupassen. Auf diese Weise erhalten wir eine vollständige dreidimensionale Perspektive des Weißen Hauses.” Wobei die Kinder keine Probleme damit hatten, dass die Residenz des Präsidenten nicht da war … Die waren eher daran interessiert, sich am Ende des Tages ein Autogramm von Nicolas Cage zu holen, und er erfüllte ihnen diesen Wunsch gerne.
Bei DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES mussten McGuinness, Drain und ihr riesiges Team an Künstlern, Programmierern und Technikern die ganze Palette moderner Technologie einsetzen, um zahlreiche Bilder ― einschließlich digitaler Vergrößerungen, Modellaufnahmen und anderer Zaubertricks ― zu erschaffen. “Der Löwenanteil der visuellen Effekte sind Set-Erweiterungen,” so Drain. “Wir haben auch einige Landschaften neu arrangiert. Zum Beispiel schaffen wir die Illusion, dass sich hinter Mount Rushmore ein See befindet. Wenn wir unseren Job gut gemacht haben, dann werden sich die Zuschauer ganz schön wundern, sobald sie nach South Dakota fahren und merken, dass es den gar nicht gibt!”
In Studio 2 der Walt Disney Studios in Burbank bauten Produktionsdesigner Dominic Watkins und sein Team nicht nur eine getreue Rekonstruktion des Weinkellers unter Mount Vernon, sondern auch fantastische, fiktive Geheimkatakomben und Tunnel, die davon abgehen, einschließlich verkrüppelter Zweige und Spinnweben, die dem Ganzen die Patina des Alters verleihen. “Die Leute in Mount Vernon gestatteten uns, den Weinkeller zu fotografieren, und ich denke, wir haben den Charakter dieses schönen Orts ziemlich gut vermittelt,” meint Supervising Art Director Drew Boughton. “Dann stellten wir uns vor, dass George Washington einen geheimen Fluchtweg für sich und seine Angehörigen hatte, falls sie im Revolutionskrieg angegriffen werden würden, und wir entwarfen und bauten Tunnel mit der Technologie des späten 18. Jahrhunderts. Es macht sehr viel Spaß, sich auszudenken, wie das ausgesehen haben könnte und welche Mechanik dabei gebraucht worden war.”
Im selben Studio wurde auch eine Reihe von Höhlen-Sets errichtet. Der Eingangsweg und die angrenzende Höhle, die Dominic Watkins den “Kartenraum” nannte, enthüllen die Wunder einer Hochkultur aus der Zeit vor Kolumbus, voll komplizierter Mechanismen, die die Schatzsucher vor eine gefährliche Herausforderung nach der anderen stellen. Die wunderschönen und aufwändigen Designs repräsentieren eine Mischung von bekannten Kulturen vor dem Eindringen der Weißen. “Wir suchten nach einer Zivilisation, die möglicherweise noch weiter entwickelt war als die der alten Ägypter zur gleichen Zeit,” so Drew Boughton. “Diese hätte dann von Zentral- nach Nordamerika einwandern können. Für die Designs orientierten wir uns an der olmekischen Kultur, die noch vor der der Mayas existierte.”
Ein großes Steinrad, das den Eingang zu den Höhlen blockiert, erhielt ein Gegengewichts-System, das von einer Radachse bewegt wird, so dass die Tür vor- und zurückrollen konnte. “Wir stützten uns dabei auf verschiedene Beispiele antiker Ingenieurskunst – einige davon mehr als 3.000 Jahre alt –, die Holzbalken, Hebevorrichtungen und Winden einsetzen”, erklärt Boughton. Die verschlungenen Rillenmuster wurden von mehreren talentierten Bildhauern des Art Departments geschaffen. Dafür wurde Styropor verwendet, das mit Beton übersprüht wurde, welches man dann mittels verschiedener Methoden altern ließ.
Studio 12 der Universal Studios – die gigantische Halle, die schon das Singapur-Set von PIRATES OF THE CARIBBEAN: AM ENDE DER WELT beherbergt hatte – kam erneut zum Einsatz. Diesmal gab es hier zwei separate Höhlen-Sets. Die kleinere der Höhlen war die so genannte ‘Balance-Kammer’. Darin befand sich eine an einem zentralen Angelpunkt aufgehängte Plattform, die an vier Enden von Kletterpflanzen gehalten wurde – eine Art Höllenwippe, auf der sich laut Jerry Bruckheimer “die Charaktere so positionieren mussten, dass jeder ein Gegengewicht zum anderen schafft –, damit die Plattform nicht umkippt. Das ist eine sehr aufregende Actionsequenz, in der alle sterben würden, wenn sie nicht im Team arbeiten.”
Bei der Balance-Plattform arbeiteten das Art Department von Dominic Watkins und das Department des Oscar®-preisgekrönten Special Effects Supervisors John Frazier zusammen. Dieser ist ein allseits anerkannter Meister in der Konstruktion von einachsigen Film-Schwenkbühnen (auch als ‘Gimbals’ bekannt). Mit Jerry Bruckheimer arbeitete er bereits bei PEARL HARBOR und PIRATES OF THE CARIBBEAN: AM ENDE DER WELT zusammen, wo er die Schwenkbühnen für die originalgetreuen Nachbauten der Black Pearl und der Flying Dutchman in der Finalschlacht im Mahlstrom schuf – die raffiniertesten und aufwändigsten Gimbals, die bislang gebaut wurden.
George Marshall Ruge sorgte dafür, dass die Action beim US-Dreh von DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES immer im Fluss blieb. Er hatte seine Talente und Energien schon bei zwei der erfolgreichsten Filmtrilogien aller Zeiten entfaltet: DER HERR DER RINGE und PIRATES OF THE CARIBBEAN, nicht zu vergessen DAS VERMÄCHTNIS DER TEMPELRITTER. Die Balance-Plattform-Sequenz war nur eine der überdimensionalen Herausforderungen, die er bewältigen musste. Dabei konnte er nicht nur seine Stuntfähigkeiten, sondern auch sein Choreografie-Know-how einsetzen. “Die Balance-Plattform war ziemlich einzigartig,” erklärt Ruge. “Mir gefiel, dass sie wie ein Schachspiel mit verschiedenen Spielern war. Alle Charaktere waren gezwungen, an einem Strick zu ziehen, wenn sie wieder davon herunter kommen wollten. Die physischen Aspekte waren eine ganz schöne Herausforderung, denn das Set konnte sich in jede mögliche Richtung bewegen, und ich musste die richtige Choreografie finden, damit den Schauspielern nichts passiert.”
“Wir hatten keine lange Probenzeit, denn man war noch dabei, die Sets zu bauen und anzustreichen,” so Ruge weiter. “Wir hatten eigentlich nur ein paar Tage, um alles durchzuarbeiten und uns sozusagen an den Seegang zu gewöhnen. Aber sobald alle daraufstanden, ging alles sehr schnell. Ich musste nur eine Logistik für die einzelnen Handlungsmomente entwickeln, das war das Schwierigste, aber alles lief bemerkenswert gut. Der Mann, der die Plattform steuerte, machte einen tollen Job, denn wenn sich Menschen darauf befinden, müssen alle Bewegungen ganz exakt sein.”
Das größere der beiden Sets von Studio 12 war die größte dieser Höhlen – Dominic Watkins’ Glanzstück –, das in einer ca. 530.000 Liter fassenden Grube mit vier versenkbaren Pumpen gebaut wurde. Zu diesem Set gehörten sechs Einlassöffnungen, die pro Minute über 4.000 Liter Wasser auf die Stars speien konnten. “Das waren die größten Sets, in denen ich je gespielt habe,” so Helen Mirren. “Das ist sensationell. Die Detailversessenheit und die Genauigkeit des Art Departments sind fantastisch.”
“Dies sind auch die besten Sets, an denen ich gewesen bin, geschweige denn gedreht habe,” bestätigt Jon Turteltaub. “Sie sind riesig, schön und praktisch. Du kannst hingehen, wo du willst, und drehen. Angefangen von den Computerentwürfen über die Miniaturmodelle und Gerüste bis zu den fertigen Sets – es war erstaunlich zu sehen, wie schnell Dom Watkins arbeitet. Ich verstehe immer noch nicht, warum es eineinhalb Jahre dauert, eine Autobahnauffahrt hinzukriegen, wenn wir in acht Wochen eine ganze unterirdische Stadt errichten.”
“Außerdem: Die Leute denken immer, dass Spezialeffekte identisch mit Laserpistolen und Raumschiffen sind. Aber John Frazier und Jim Schwalm schaffen die eigentlichen physischen Effekte: Sie sorgen für Explosionen, lassen es regnen und stellen sicher, dass es richtig staubig ist, wenn man ein altes Buch aufschlägt. Diese Jungs machen einen fantastischen Job. Du konntest wirklich glauben, dass du dich in einer gewaltigen Höhle mit einem noch nie entdeckten Stück indianischer Geschichte befindest.”
Ein weiteres Mammutset, bei dem umfangreiche Effekte mit realem Wasser eingesetzt wurden, war die so genannte “glitzernde Höhle”. Diese konstruierte man auf einer Höhe von 12 Metern um ein Brücken- und Gittergerüst oberhalb des Wassertanks von Falls Lake auf dem Gelände der Universal Studios. Dieses Set, das voller präkolumbianischer Designelemente steckte, enthielt drei große Wasserfälle. Die Bauarbeiten dauerten neun Wochen, denen monatelange Planungen vorausgegangen waren. Ein eigens entwickeltes, ausgeklügeltes Pumpsystem beförderte Wasser aus dem Tank hoch und dann wieder zurück. “In der Welt der Spezialeffekte will niemand das Gleiche zweimal machen,” meint Frazier. “Wir mussten die Illusion schaffen, dass das Wasser in der ‘glitzernden Höhle’ in ein 30 Meter tiefes Becken fällt, auch wenn es tatsächlich nur ein guter Meter war. Das Wasser, das aus drei Einlässen kam, sollte in dichten Strömen herunterschießen, allerdings gibt es im ganzen California Aqueduct nicht genügend Wasser, um diesen Effekt zu erreichen. Wir schufen also den Eindruck von so viel Wasser. Das heißt, wir höhlten es sozusagen aus. Dafür nahmen wir Drehköpfe, die das Wasser aufwühlten, und belegten die Einlässe mit Nebel. Das ist ein ebenso einfacher wie effektiver Trick, trotzdem mussten wir noch pro Minute 170.000 Liter herauspumpen.”
Ein weiteres Set in Falls Lake nannte man “Steinkammer” – oder ominöser: “die Kammer des Ertrinkens” –, eine längliche Konstruktion, die man mit einem festen Metallrahmen umgab und dann mit einem 30 Meter hohen Kran in einen Wassertank senken und wieder herausheben konnte. Auf diese Weise entstand der Eindruck, als würde sich der Raum mit Wasser füllen. Der gesamte Tank war von einem Zelt umschlossen, damit kein natürliches Licht auf das Set fallen konnte. Schließlich befand sich der Schauplatz tief unter der Erdoberfläche. Zum Ende des US-Drehs wurden Nicolas Cage, Jon Voight, Helen Mirren, Ed Harris, Diane Kruger und Justin Bartha während einer guten Woche tagaus, tagein durchnässt.
“Einige der Actionszenen machen mehr Spaß als die anderen,” gibt Diane Kruger zu. “Eine Szene in einem versinkenden Raum mit Wasser bis zu deinen Ohren hört sich toll an, und für einen Tag macht es auch Spaß, das zu drehen – aber nach einer Woche kannst du’s nicht mehr sehen.” “In der Kammer des Ertrinkens sind wir wirklich fast ertrunken,” erinnert sich Justin Bartha. “Ein paar von uns wurden krank, weil wir den ganzen Tag und manchmal auch die ganze Nacht im Wasser arbeiteten. Das war ganz schön brutal, aber nichts, mit dem wir nicht hätten fertig werden können.”
“Ich mag solche physischen Szenen,” gibt Jon Voight zu. “In der Rolle des Patrick Gates versuche ich meine Körperlichkeit zu unterdrücken, denn ich spiele einen Mann, der sein ganzes Leben lang Schullehrer war und nach Büchern und Wissen süchtig ist. Aber als ein Gates hat er auch die Seele eines Abenteurers, und diese tollkühnen Taten haben mir Spaß gemacht.”