“Im ersten Film waren wir von den Indizien umgeben,” so Jerry Bruckheimer. “Aber in diesem Film sind sie über die ganze Welt verstreut.”
DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES wurde erst richtig international, als das Filmteam die USA verließ und sich für einen Monat nach England begab, um in und um London zu drehen – einschließlich eines kurzen Abstechers nach Paris. Auf diese Weise erweiterte man den geografischen Rahmen der Geschichte und konnte die zahlreichen Verbindungen der amerikanischen, britischen und französischen Geschichte erkunden.
In Großbritannien wurden zwei große Sequenzen gedreht: Bens, Abigails and Rileys Einbruch in das Allerheiligste des Buckingham Palace, wo Gates den Resolute-Schreibtisch der Queen nach Hinweisen untersuchen will, sowie die wohl größte und aufwändigste Autoverfolgungsjagd, die die Straßen Londons je gesehen haben.
Bruckheimer und Turteltaub fingen mit der “leichteren” Szene an. Nachdem der echte Buckingham Palace zum Schutz der Privatsphäre und aus Gründen der Sicherheit natürlich nicht zugänglich war, sicherten sich die Filmemacher die nächstbeste Lösung: Lancaster House, einen kaum weniger prachtvollen Palast, der sprichwörtlich einen Katzensprung von seinem berühmteren Nachbarn entfernt liegt. Ein Haus weiter befindet sich St. James Palace, in dem Prince Charles und seine Söhne leben. Lancaster House wurde 1825 vom Herzog von York in Auftrag gegeben, und als er verschied, wurde der Pachtvertrag von der Marquise von Stafford erworben, deren Familie das Haus von 1829 bis 1913 bewohnte. Darauf wurde es von Lord Leverhulme aus dem Hause Lancaster gekauft, nach dem es seinen heutigen Namen erhielt. Lancaster House wird jetzt vom Außen- und Commonwealth-Ministerium verwaltet und für elegante Veranstaltungen und gelegentliche Filmaufnahmen genutzt.
Die Villa, die im korinthischen Stil aus Metallputzsteinen errichtet wurde, erscheint nach außen relativ nüchtern, aber die Innenräume – in denen DAS VERMÄCHTNIS DES GEHEIMEN BUCHES gedreht wurde – sind reich geschmückt, hauptsächlich im Louis-XIV-Stil mitsamt einer wunderbaren Sammlung von Gemälden und Kunstgegenständen. Dominic Watkins, Gary Freeman, der englische Supervising Art Director, Ausstatterin Fainche MacCarthy und die Chefrequisiteure Ritchie Kremer (USA) und David Balfour (England) verwandelten ein Eckzimmer in das Arbeitszimmer von Queen Elizabeth II samt passender Ausstattung.
Indes, die Szenen mit Nicolas Cage, Ed Harris, Diane Kruger und Justin Bartha, die sich außerhalb der Tore von Buckingham Palace abspielen, wurden von den Behörden genehmigt und von Turteltaub an einem strahlenden Freitagmorgen Anfang August gedreht. “Wir sehen das so,” meint Turteltaub. “Du musst einfach nur fragen und drängeln, um an diese Locations zu kommen. Und wenn das erledigt ist, dann bekommst du wunderschöne Bilder von den tollen Orten, die diese Welt zu bieten hat. Es macht keinen Sinn, so etwas nachzustellen, wenn die Wirklichkeit so gut aussieht.”
Der Großteil der Zeit des London-Drehs wurde auf eine unglaublich packende Autoverfolgungsjagd verwendet, für die in der ganzen Stadt Straßen abgesperrt werden mussten. Sie stellte das Filmteam vor ein Kaleidoskop von Hindernissen, die es technisch und kreativ zu überwinden galt. “Wir wussten, was für eine logistische Herausforderung es war, in London zu drehen,” bemerkt Barry Waldman, ausführender Produzent/Produktionsleiter. “Zeitweise zogen wir andere europäische Städte als ‚Doubles’ für London in Betracht, was die Sache ein wenig vereinfacht hätte. Aber bei diesem Film war der Auftrag von Jerry Bruckheimer und John Turteltaub, dass wir nur an den realen Schauplätzen drehen. Du brauchst aber genügend Vorbereitungszeit, und die Herausforderungen sind enorm. Wir entschlossen uns, die Autoverfolgungsjagd hauptsächlich an Wochenenden zu drehen. Auf diese Weise war die Öffentlichkeit am wenigsten davon betroffen. Aber wir hatten zwei komplette Aufnahmeteams, die die Jagd gleichzeitig filmten, und das war für die Londoner Polizei ein großes Unterfangen.”
“Die Behörden waren wirklich großartig,” so Waldman weiter. “Wir respektierten die Grenzen, die sie uns setzten, aber wir sind auch Filmemacher, also versuchten wir, diese Grenzen auszudehnen. Jerry und Jon sind Filmemacher, die Sachen machen wollen, die niemand vor ihnen gewagt hat, und genau das versuchten wir in London zu tun.”
“Ich hatte schon lange keinen Film mehr mit einer Autoverfolgungsjagd in London gesehen,” so Turteltaub. “Autoszenen an interessanten Orten machen dem Zuschauer immer Spaß, denn es geht ja nicht nur um die Autos, sondern auch darum, wo sie fahren und wer sie fährt. Wir dachten, es wäre cool, wenn Nic Cage als Ben Gates ein Auto steuert, in dem sich das Lenkrad auf einer ungewohnten Seite befindet, während er gleichzeitig von typischen Londoner Autos gejagt wird. Wir wollten damit nicht die ultimative Verfolgungsjagd drehen – schließlich ist das kein Film über Autos – aber wir hoffen, dass sie aufregend und amüsant ist.”
Die Hauptfahrzeuge in diesen Szenen sind ein brandneuer Mercedes-Benz 280 C (der zum Zeitpunkt des Drehs noch nicht einmal auf dem Markt war), ein Land Rover, ein Fuller’s London Pride Bierlastwagen, ein Londoner Taxi, einer der typischen roten Doppeldecker-Busse, mehrere Polizeiautos und noch ein paar andere Autos, die in dieses Chaos geraten. Man stelle sich mal die Möglichkeiten vor, die sich daraus ergeben.
Genau das taten die Filmemacher, die die Sequenz sorgfältig planten, schrieben und prävisualisierten. Dann übergaben sie sie an ein Top-Team, geleitet vom englischen Stuntkoordinator Steve Dent – eine Truppe fantastischer Stuntfahrer, die das Ganze auf den Straßen durchzogen, während sie von zwei kompletten Teams gefilmt wurden. “Wir glauben, das war die größte Verfolgungsjagd und die größte Zahl von Stuntleuten, die es seit Jahren in London gegeben hat,” so Dent. Die Vorbereitungen für die Sequenz waren akribisch – vom Konzept bis zur Durchführung. “Wir probten alles so oft wie möglich,” so Dent. “Dabei nutzten wir die Prävisualisierungen, die man uns aus den Staaten geschickt hatte. Proben sind wichtig, vor allem, wenn du in einer Stadt wie London drehst. Denn du kannst die Straßen nur begrenzt absperren, viele davon gar nicht, deshalb müssen alle genau wissen, wo sie starten und stoppen.”
Die hohen Geschwindigkeiten der einzelnen Fahrzeuge wurden kaum vorgetäuscht. “Wenn du sehr schnell an Autos und Fußgängern vorbeifährst, reicht eine falsche Bewegung, und alles ist vorbei.” so Dent. “Und wegen der starken Regenfälle waren die Straßenoberflächen sehr rutschig.”
Auf einem der Höhepunkte der ebenso packenden wie amüsanten Jagdsequenz verliert ein Fuller’s London Pride Bierwagen seine wertvolle Fracht von rund 160 Fässern. “Es war schon ein sehr spektakulärer Anblick, als diese Fässer herunterfielen und durch Schaufensterscheiben und Telefonzellen krachten.” Die sehr authentisch aussehenden Fässer, die die englische Requisitenabteilung aus einer Schaum-Fiberglas-Mischung hergestellt hatte, waren recht leicht und mit einer bierähnlichen Substanz gefüllt. Der englische Spezialeffektkoordinator Neil Corbould hatte einen mit Luft gesteuerten Mechanismus mit dem sinnigen Spitznamen “Harvey Wallbanger” (nach dem gleichnamigen Drink) entwickelt, der die Bierfässer vom Auto abfeuerte.
Die Verfolgungsjagd fand an einigen bemerkenswerten Schauplätzen statt, darunter Cleveland Row neben dem St. James Palace und Bank Junction, einem der hektischsten Verkehrsknotenpunkte Londons, der einen Tag lang für die Dreharbeiten gesperrt war. Anschließend brettern die Autos die engen, pittoresken Birchin und Finch Lanes in der „City” herunter, im alten Finanzdistrikt, den das britische Art Department mit Schildern und falschen Außenfassaden umgestaltete. Und zu guter Letzt kommt die Jagd auf der Southwark Bridge über der Themse zu einem unerwarteten Ende.
Die Filmemacher bauten dabei nicht nur auf die Expertise des Stuntteams, sondern setzten auch neue Technologien wie den ‘Top Rig’ ein. Diese Apparatur wurde auf das Dach des Mercedes montiert und erlaubte dem berühmten britischen Fahrer Ben Collins, das Fahrzeug zu steuern, während Turteltaub und Kameramann John Schwartzman Nicolas Cage, Diane Kruger und Justin Bartha bei einer Dialogszene im Inneren des Autos filmten.
Doch in einem überraschend großen Teil der Sequenz stellte Nicolas Cage seine eigenen Fahrkünste unter Beweis. “Ich mag das, nur das Fahren auf der anderen Straßenseite ist kompliziert,” meint der Schauspieler. “Das sollte man erst versuchen, nachdem man sich einige Zeit daran gewöhnt hat.” Justin Bartha ergänzt: “Nic ist ein fantastischer Fahrer, er hat schon ein paar Autofilme gedreht, und er hat es wirklich drauf.” Auch Diane Kruger hatte in der Sequenz keine Angst: „Ich hatte viel Spaß, wie bei einer Attraktion im Vergnügungspark.”
Bruckheimer, Turteltaub und ihr Team drehten weitere Sequenzen der Autojagd auf dem historischen Gelände des Old Royal Naval College in Greenwich. Dessen großartige Barockgebäude doubelten ähnliche Häuser in London, wobei das Art Department sinnvollerweise U-Bahn-Zeichen, rote Telefonzellen und andere “Verbesserungen” hinzufügte.
Der internationale Expansionskurs der VERMÄCHTNIS-Filme ging aber noch weiter. So legte das Team bei der Verfolgungsjagd eine kurze Pause ein und bestieg den Hochgeschwindigkeitszug Eurostar nach Paris, wo einige Schlüsselsequenzen mit Nicolas Cage und Justin Bartha entstanden. Schauplätze waren die Pont du Bir-Hakeim und die nahe gelegene Pont du Grenelle, die Brücken, die die Seine praktisch im Schatten des Eiffelturms überspannen.
“Es ist schwer, einen hässlichen Film in Paris zu machen,” lacht Jon Turteltaub. “Am ersten Morgen kam unser Kameramann John Schwartzman zu mir, als ich nach der richtigen Einstellung suchte, und sagte: ‘Mach dir keine Sorgen, Jon, hier gibt es keine schlechten Einstellungen.’ Paris hat etwas an sich, das den Künstler in dir herausbringt. Du willst der französischen Ästhetik gerecht werden. Bir-Hakeim ist zwar per se keine der berühmtesten Brücken von Paris, aber Filmfans kennen sie sehr wohl, denn hier steht Marlon Brando in der Eröffnungsszene von DER LETZTE TANGO IN PARIS.”
In einer der wichtigsten Paris-Szenen lassen Ben und Riley einen ferngesteuerten Miniaturhubschrauber mit einer Videokamera um eine kleinere Nachbildung der Freiheitsstatue fliegen. Diese befindet sich auf einem winzigen Modell der Allee des Cygnes. Sie war als Designstudie für das größere und bekanntere Monument in New York City gedacht und wurde 1889 eingeweiht – drei Jahre, nachdem ihr legendärer Zwilling errichtet worden war. Nach Paris kam sie als Geschenk der französischen Gemeinde in den USA, die damit den Jahrestag der Französischen Revolution feiern wollte. Auf dem Buch, das die Statue in ihrer linken Hand hält, stehen Daten, die sowohl den amerikanischen Unabhängigkeitstag wie den Tag der Einnehmung der Bastille markieren. In Film und Wirklichkeit erinnert die Statue an die engen historischen Verbindungen zwischen Amerika und Frankreich, die in die Zeit der Gründung der USA zurückreichen.
So kurz dieser Aufenthalt auch war, nachher schwelgten die amerikanischen und englischen Crewmitglieder in Erinnerungen. “Es sind die kleinen Unterschiede,” meint Turteltaub, “zum Beispiel, dass beim Crew-Lunch alles wunderschön auf den Tischen angerichtet war, einschließlich Weinflaschen. Und du denkst dir, wow, die Pariser, die haben es wirklich gut. Wir hatten eine großartige Zeit.”
Danach kehrte man für die letzten drei Drehtage nach London zurück. Hier entstand eine Sequenz, die im Georgetown-Distrikt von Washington hätte gefilmt werden sollen. Aber aufgrund einer Verzögerung, bedingt durch die Osterfeiertage und schlechtes Wetter, wurde sie in Londons schickem Primrose-Hill-Distrikt gedreht. Diese gab mit seiner ähnlich charmanten alten Architektur ein fast perfektes Ebenbild ab.