Für die Rolle des beunruhigten Teenagers Kale, der täglich seine Nachbarn beobachtet, suchten die Filmemacher nach einem Schauspieler, der eine Figur tragen kann, die in fast jeder Szene zu sehen ist. Zudem musste er alle Dimensionen und Nuancen vermitteln können, die den Charakter eines Teenagers ausmachen. Es sollte also smart sein und witzig. Ein bisschen düster und etwas sonderbar sein. Vor allem aber sollte er die Dinge selbst in die Hand nehmen können und das Potential zum Helden haben. Die Suche fand eine schnelle Lösung als Shia LaBeouf zum Vorsprechen kam - und mit einem Vertrag wieder ging. LaBeouf gelang das schwierige Kunststück, sich vom Kinderstar in enorm erfolgreichen Fernsehserien zum ernsthaften jungen Schauspieler zu entwickeln. Zu seinen vielen prominenten Rollen gehört der kommenden Blockbuster „Transformer“ von Michael Bay, den Steven Spielberg produzierte.
„Die Besetzung von Kale war schwierig, weil er in fast jeder Szene des Filmes zu sehen ist“, berichtet Regisseur Caruso, „wir hatten lange über sein Aussehen nachgedacht, wir wollten nicht, dass er dem perfekten Model-Typen entsprechen sollte. Die Lieblingsschauspieler meiner Jugend waren Sean Penn und John Cusack. Shia ist ein charmanter Intellektueller, der wirklich gut aussieht. Nach der Hälfte des Vorsprechens wusste ich, dass ich meinen Schauspieler gefunden hatte. Kaum hatte er die Türe hinter sich geschlossen, sagte ich meiner Casting-Agentin: ‚Das ist er. Wir haben ihn gefunden.’“
Caruso gibt zu, dass er die früheren Arbeiten von LaBeouf gar nicht kannte, obwohl seine Kinder große Fans seiner „Even Stevens“-Show sind. Doch er erkannte sofort, dass er einen großartigen, natürlichen Schauspieler vor sich hatte, dessen Wahrhaftigkeit auch auf der Leinwand spürbar sein würde. Diese Qualität war entscheidend dafür, dass sich die Zuschauer mit der Figur identifizieren, mit ihr leiden und lachen. Zudem war LaBeouf in der Lage, alle Wendungen der Story glaubhaft darzustellen. Ausschlaggebend für LaBeoufs Vorsprechen für „Distrubia“ war vor allem die Aussicht, mit Regisseur Caruso arbeiten zu können, dessen „The Salton Sea“ seit langem zu den Lieblingsfilmen des Schauspielers zählt.
„Die unterschiedlichen Stimmungen in ‚Disturbia’ entsprechen unserm Alltagsleben“, erläutert Caruso, „es gibt Momente, in denen wir laut lachen und eine Minute später überkommt uns eine Höllenangst. Von diesem Prinzip lebt unser Film, dass es so gut funktioniert verdanken wir dem Talent von Shia. Er verfügt über die notwendige Ausgeglichenheit. Im entscheidenden Moment kann er die ganze Bandbreite von Gefühlen abrufen.“
Für LaBeouf war Kale eine faszinierende Rolle. „Als Kale seinen Vater verliert, gerät seine Welt aus den Angeln“, erläutert der Schauspieler, „er wird zu einem düsteren, verschlossenen Typen. Weil seine Mutter mit ihrem eigenen Schmerz zurecht kommen muss, kann sie sich nicht um Kale kümmern. So wird er zu einem Kid außer Kontrolle, das in seinem Haus eingesperrt wird. Es ist, also ob man vor einem Hund mit einer Wurst wedelt. Im Gefängnis ist man von allem abgeschlossen. Aber beim Hausarrest erlebt man seine Außenwelt genau mit. Damit nicht genug: Sein Nachbar könnte ein Killer sein.“
Die moderne Technik, mit der Kale seinen Verdacht beweisen will, ist zugleich Sinnbild für seine Isolation und Einsamkeit. „You Tube und MySpace haben angeblich die Kommunikation der Jugendlichen revolutioniert, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das stimmt“, erläutert LaBeouf, „es heißt auch immer, dass Handys die Menschen näher zusammenbringen. Tatsächlich entfernen sie sich, weil viele lieber eine SMS schicken, als miteinander zu reden. Kale wächst in der Umbruchphase unserer Kommunikation auf. Er hat Zugang zu Streaming-Filmen, Videoclips und Medien aller Art, die seine Verbindung zur Außenwelt werden. Durch die moderne Technik wird er zum ultimativen Voyeur und das bestimmt nun sein ganzes Dasein.“
Ausgesprochen wenig Interesse zum Objekt von Kales voyeuristischer Welt zu werden, hat Mr.Turner, der ausweichende, einsame Nachbar von gegenüber. Oberflächlich gesehen scheint Turner der ideale Nachbar. Der Rasen und die Fassade seines Hauses sind bestens gepflegt. Sein Müll stapelt sich nie. Er ist ruhig und bleibt für sich – bis Kale und seine Freunde ihm nachspionieren und dabei ein beunruhigendes Verhalten beobachten.
Für diese Rolle des Nachbarn Turner fanden die Filmemacher mit David Morse eine ideale Besetzung. Das Spektrum des vielseitigen und wandlungsfähigen Schauspielers reicht vom idealen Vater („Contact“) zum mitfühlenden Doktor („Chefarzt Dr. Westphall“), vom Gefängniswärter („The Green Mile“) zum bedrohlichen Weihnachtsmann (auf der Broadway-Bühne in „How I Learned to Drive“).
Obwohl Turner auf dem Papier komplex erscheint, ist er für Caruso ein eher schlichter Charakter. „Er ist ein bescheidener Typ, der sein Haus liebt. Als Kale dieses etwas verschrobene kleine Paradies bedroht, tut er alles, um seinen Frieden zu bekommen – auch wenn das letztlich zu Gewalt führt.“
„Ich traf David vor Jahren am Set von ‚The Green Mile’, den mein guter Freund Frank Darmont geschrieben und inszeniert hat“, erzählt Caruso. „Ich habe ihn schon immer als Schauspieler bewundert. Für mich gehört ‚Chefarzt Dr. Westphall’ zu einer der besten TV-Serien, was viel mit der überzeugend gespielten Rolle von David zu tun hat. Er spielt mit großer Energie und erreicht mit ganz kleinen Gesten eine enorme Wirkung. Alles macht er auf eine sehr ruhige Art, ein schauspielerisches Gegenstück zu Cal Ripkin. Diese große Präsenz wird einem später am Schneidetisch besonders deutlich.“
Für Morse bestand die Herausforderung darin, in seiner Figur eine innere Logik zu entdecken, die ihn zu seinem gestörten Verhalten führt. „Ich habe schon einige fragwürdige Figuren gespielt. Bei Turner weiß man nicht genau, wie er reagieren wird“, erläutert Morse, „mir gefällt es, mich auf solch einer feinen Grenzlinie zu bewegen und dabei Eigenschaften herauszuarbeiten, die das Publikum erstaunen.“
Für Morse hat Turner große Ähnlichkeiten mit seinem Nachbarn Kale. Zum Beispiel reagieren beide zurückhaltend im Umgang mit anderen Menschen, vor allem mit Frauen. „Turner beschreibt sich selbst als schüchtern. Er hat dieses schöne Haus, ein teures Auto und alles, was man für ein gutes Leben braucht. Aber ihm fehlen Beziehungen, er hat weder Frau noch Kinder“, erklärt Morse. „Deshalb ist er auf der Suche. Das macht ihn verletzlich – und genau das mag ich an ihm.“
Seine imposante Statur sorgt für einen zusätzlichen Reiz bei dieser Rolle. „Morse wirkt zum einen sehr charmant. Doch wenn er schweigt, wirkt er durch seine enorme Präsenz fast etwas beängstigend“, erläutert Produzent Medjuck. „Weil seine Partner jünger und kleiner sind als er, wirkt er ganz natürlich wie der ideale Bösewicht.“
Morse ging seine Rolle ganz methodisch an, in den Drehpausen blieb er allein und hat seine Kollegen bewusst gemieden. Entsprechend glaubwürdig fiel die Kampfszene zwischen Turner und Kale aus. „Weil der Platz so beschränkt war, mussten wir mit der Kamera ganz nahe bleiben. Dadurch konnten wir keine Stuntleute einsetzen“, erläutert LaBeouf. „Wir wollten, dass die Zuschauer den Kampf möglichst realistisch erleben. Die Szenen liefen so gut, dass wir uns immer mehr ins Zeug legten. Erst später erfuhr ich, dass Morse sich bei dieser Szene drei Finger gebrochen hat. Er verschwieg es, weil er in seiner Rolle keine Schwäche zeigen wollte.“
Bei seinen anderen Nachbarn hat Kale ein weites Spektrum an Beobachtungsobjekten zur Auswahl: Einen untreuen Ehemann, einen schrulligen Hundebesitzer, einen wortkargen Eremiten sowie ein traumhaft schönes Mädchen. Ashley, die gerade neu zugezogen ist, beschreibt Regisseur Caruso als „das hübsche Mädchen von nebenan, die eine frische Brise in die Nachbarschaft bringt. In den ersten Drehbuchfassungen war Ashley nur eine Schönheit mit hübschem Lächeln und tollem Körper. Später wurde aus ihr eine vielschichtige Figur. In ihrem Haus und ihrem Leben passiert sehr viel. Und sie wird das Objekt von Kales Begierde“, erläutert der Regisseur. „Vor Ashleys Ankunft geht für Kale alles schief. Zur Geschichte von Kale gehört, dass er ständig nach außen schaut, um Antworten für sich zu finden – und jedes Fenster steht dabei gleichsam für einen anderen Film. Beim Paar von gegenüber erlebt er eine Komödie über Untreue. Aus dem Fenster des Arbeitszimmers sieht er Turner und seine verdächtigen Aktivitäten. Und aus seinem Schlafzimmer beobachtet er Ashley, das ultimative Traumgirl, das direkt aus ‚Ich glaub' ich steh' im Wald’ oder ‚Frühling einen Sommer lang’ entsprungen scheint.“
Mit Sarah Roemer wurde ein relativer Neuling für die Rolle von Kales Traumfrau besetzt. „Ashley ist ein Mädchen der Stadt, der es missfällt, dass ihre Eltern in den Vorort umgezogen sind“, erläutert Roemer. „Weil sie häufig Streit mit ihrer Mutter hat, verlässt sie die Wohnung so oft wie möglich. Dann entdeckt sie Kale, der ebenfalls in seinem Haus gefangen ist, wenngleich aus anderen Gründen. Die beiden fühlen sich in der Falle und das verbindet. Es gibt zwar durchaus eine körperliche Anziehung, aber ihre innere Bindung ist viel stärker – zumindest am Anfang.“
Wenngleich Ashley das Interesse von Kyle erwidert, will er sie ständig beeindrucken. Für Autor Landon liegt darin der Charme ihrer Beziehung. „Kale versucht immer cool zu sein, aber er ist einfach nicht so ganz der Typ dafür. Er ist anders. Schon vor seinem Hausarrest war er nie der große Partyheld. Kale macht angestrengt auf cool, aber Ashley durchschaut ihn. Vielleicht ist es gerade das, was sie an ihm mag.“
Die Rolle von Kales Mutter Julie wird von der „Matrix“-Ikone Carrie-Anne Moss gespielt. Während man sie dort als knallharte Frau erlebte, muss sie in „Disturbia“ als liebevolle Mutter ganz andere Eigenschaften zeigen. „Wenn Ashley das Traumgirl ist, dann ist Carrie-Anne als Julie die Traummutter“, erläutert Caruso. „Sie ist alt genug für eine Mutter, die sie im realen Leben ja auch ist. Gleichzeitig ist sie unglaublich schön und eine erstklassige Schauspielerin, deren warme, mütterliche Instinkte jeden überzeugen.“
„Beim ersten Lesen des Drehbuchs mochte ich die Idee, dass ich hier die Reise einer anderen Person, die Reise eines anderen Schauspielers unterstütze“, sagt Moss. „Die Rolle gefiel mir als Schauspielerin und als Frau. Ich wollte miterleben, wie ein Schauspieler diese faszinierende Reise von Kale darstellt. Shia hat eine großartige Arbeit geliefert. Wir haben ihn alle bewundert. Er ist schon etwas ganz Besonderes.“
Ein Teenager unter Hausarrest benötigt natürlich einen Kumpel, am besten einen etwas schrägen Typen, ein Faulenzer der cleveren Art. Diese Rolle des Ronnie spielt Aaron Yoo, der für Kale an jene Orte geht, die er selbst nicht erreichen kann.
Weil Kale und Ronnie schon so lange beste Freunde sind, fühlt sich Ronnie aus Sympathie gleichfalls unter Hausarrest. Während Kale eine Tendenz zu mürrischen Stimmungen hat, ist Ronnie sein stets gut gelauntes und immer argloses Gegenstück. „Von Anfang an haben mir alle ständig gesagt: ‚Hey, das bist du. Nur eben auf Papier.’“, amüsiert sich Yoo. „D.J. musste mich immer bremsen, wenn ich die komische Seite zu stark betonen wollte. Für ihn kam die Freundschaft zwischen Ronnie und Kale zuerst, erst daraus sollte die Komik resultieren. Ich spiele einen Typen, der befürchtet, dass sein bester Kumpel wegen dem Tod seines Vaters langsam verrückt wird – aus dieser Angst sollen die komischen Situationen erwachsen. Ronnie ist kindisch. Aber zugleich schlagfertig und witzig. Und er stolpert häufig über allerlei Dinge.“
Die stimmige Chemie zwischen den Darstellern und die entspannte Atmosphäre bei den Dreharbeiten führten schnell dazu, dass die Schauspieler gewisse Änderungen an ihren Figuren vornahmen. „Schon auf dem Papier ist das eine ziemlich starke Story. Aber D.J. ist wie besessen von der Entwicklung seiner Figuren“, erläutert LaBeouf. „Weil er dabei seinen Schauspielern so große Freiheiten lässt, wird das Drehbuch wirklich lebendig. Auch deshalb hat mir dieser Film so großen Spaß gemacht.“