Durch den relativ engen Drehplan musste das Team ständig in höchster Konzentration arbeiten. Ein Hauptproblem bestand darin, dass fast die ganze Geschichte in einer einzigen Straße und vorwiegend in einem einzigen Haus spielt. Bei den Vorbereitungen stellten die Filmemacher schnell fest, dass auch so ein „nur eine Straße/nur ein Haus“-Film große Herausforderungen birgt. „Es klang zunächst nach einem sehr einfachen Film“, erläutert Caruso, „ein Junge erlebt am Anfang eine Tragödie und wird danach zu Hausarrest verurteilt. Von diesem Haus aus wird er fortan seine Nachbarn beobachten. Die richtige Nachbarschaft zu finden war allerdings alles andere als einfach: Hinterhof und Vorgarten wurden in verschiedenen Städten gedreht, das Innere der Wohnung im Studio nachgebaut. Es war alles sehr viel schwieriger als ich ursprünglich dachte.“
Als ausgesprochen große Hilfe bei den Dreharbeiten erwies sich die langjährige Zusammenarbeit von Caruso und Produktionsdesigner Tom Southwell, die bis zu „Drop Zone“ zurückreicht, wo Caruso der second unit-Regisseur war. Bei seinem Regiedebüt „The Salton Sea“ engagierte Caruso den Produktionsdesigner erneut und hielt Southwell bei allen weiteren Filmen die Treue.
Ein entscheidender Punkt bei „Disturbia“ war das Aussehen der Nachbarschaft. „Wir wollten, dass jedes Haus seinen ganz eigenen Charakter bekommt“, berichtet Caruso. „Das Haus von Kale sollte eine künstlerische Komponente haben, so wie die Bungalows in Pasadena, von denen viele im Stil von Charles und Henry Greene entworfen wurden. Das sorgte zum einen für eine warme und einladende Atmosphäre, zum anderen kann daraus zum anderen ein beängstigender, düsterer Ort werden, wenn sich der Film zum Thriller wandelt.“
Die Greene & Greene Architektur fällt durch ihre dezente Dunkelheit auf. „Außen ist hier alles immer viel heller als innen“, erläutert Caruso, „für einen voyeuristischen Film bietet das die perfekte Situation: der Held bleibt im Dunkeln, während er draußen alles bei Licht beobachten kann.“
Produzent Walsh ergänzt: „Entscheidend für den Film war das Aussehen der Nachbarschaft und des Hauses. Fast alles spielt in diesem Haus. Zudem mussten Vorgarten und Hinterhof die Voraussetzungen bieten, dass sich hier ein Thriller abspielen kann.“
Die Suche nach den geeigneten Schauplätzen erstreckte sich über North Carolina, Georgia und Kalifornien, alle Filmstudios inklusive. Um schneller ans Ziel zu kommen, charterte Caruso einen Hubschrauber. „Mit dem Helikopter hatten wir den besten und schnellsten Überblick über alle Hinterhöfe“, sagt Walsh, „damit fanden wir schließlich den passenden Hof von Turner.“
Als Kulissen für das Haus von Kale dienten drei verschiedene Schauplätze: Die Vorderseite steht in Whittier, Kalifornien (gleich daneben befindet sich auch das Haus von Ashley). Die Rückseite befindet sich in Pasadena (wo ein zusätzlicher Zaun zum Anwesen von Turner errichtet wurde). Die Innenräume, Kales Schlafzimmer, das Arbeitszimmer seines Vaters und die Küche im ersten Stock wurden im Studio von Paramount Pictures gebaut. Da jede Szene an jedem Drehort spielen konnte, war größte Sorgfalt bei den Anschlüssen und zeitlichen Abfolgen gefordert.
Damit die Häuser möglichst gut unterscheidbar waren und eine eigene Persönlichkeit bekamen, setzten Southwell und Caruso auf ein ausgefeiltes Farbkonzept. Bei Turner dominiert ein kaltes Blau. Bei Ashley bestimmen warme Beigetöne das Bild, zu dem auch ein eigens errichteter Swimmingpool gehört. Bei Kale blieb man dem Konzept eines Künstlerhauses treu, das in erdigen Tönen in Grün und Braun gehalten ist.
Zu einer weiteren Herausforderung gestalteten sich die Dreharbeiten im historischen Teil von Pasadena. Trotz der strengen Auflagen gelang es der Produktion, für eine Woche die Genehmigung für nächtliche Dreharbeiten zu bekommen. „Der Ablauf war streng geregelt. Wäre der vorgegebene Zeitplan nicht genau eingehalten worden, hätten wir in der nächsten Nacht nicht mehr drehen dürfen“, erläutert Produzent Medjuck, „das hat natürlich für einen gewissen Druck bei uns allen gesorgt.“
Southwell und sein Team, die Set-Designerin Maria Nay und Art Director Douglas Cumming, entwickelten ein ausgefeiltes Konzept, wie die Vorstadt aussehen sollte. „Die Räume spiegeln wider, wer die Figuren sind“, erläutert Moss, „in gewisser Weise werden die Schauplätze selbst zu einem Charakter. Tom hat ein sehr gutes Gespür dafür, echte Atmosphäre zu schaffen. Man hat stets das Gefühl, dass in diesen Wohnungen gelebt wird. Es ist, als würde man irgendwo zu Besuch kommen.“
Die Liebe zum Detail brachte Caruso und sein Design-Team so weit, dass sie sich ausführlich in den Zimmern von Teenagern umsahen, um Ideen für eine möglichst authentische Ausstattung zu bekommen. „Eltern erlaubten mir, Fotos vom Chaos in den Zimmern ihrer Kinder zu machen“, berichtet Southwell. „Da gab es CDs, Computer, Bücher, Fotos an den Wänden, Kleider auf dem Boden – eine wahre Fundgrube für uns. Bei einer unserer Besichtigungen kam D.J. zu mir und flüsterte in mein Ohr: ‚Das gefällt mir alles sehr gut’.“
Größten Wert auf ein authentisches Aussehen wurde auch bei der Garderobe gelegt. Marie-Sylvie Deveau hat für D.J. Caruso zuvor schon die Kostüme für „Das schnelle Geld“ und „Taking Lives - Für Dein Leben würde er töten“ entworfen. Auch hier unterstreicht der Modestil den Charakter der Figuren. Kale und Ronnie tragen lässige, bequeme Sachen. Die Kleider von Julie sind sowohl salopp als auch elegant. Ashley hat einen Schrank voller Freizeit- und Partykleider. Und Turner trägt bewusst langweilige, unauffällige Kleidung.
In einem Film, in dem Beobachten, Fotografieren und Videofilmen eine so große Rolle spielen, kommt der Kameraarbeit eine entscheidende Rolle zu. Diese Aufgabe übernahm der preisgekrönte Rogier Stoffers, der sein Können und sein Gespür für atmosphärisch dichte Bilder in einer Vielzahl internationaler Produktionen überzeugend unter Beweis gestellt hat.
Gemeinsam entwickelten Regisseur, Kameramann und Produktionsdesigner ein wirkungsvolles Konzept, wie Fenster und Wände aussehen sollten. Fensterglas, Holz und Vorhänge, gleichsam die „Augen des Hauses“, wurden mit größter Sorgfalt ausgesucht, „wir wollten vermeiden, dass sich das Publikum langweilt, wenn wir zum dritten Mal zum Fenster gehen“, erläutert Southwell das Ausstattungskonzept.
Um die Geschichte von Kale aus möglichst vielen Blickwinkel zu zeigen, setzte Caruso auf eine bewegte Kamera – was in einer beengten Wohnung eine ganz besondere Herausforderung darstellt. „D.J. beherrscht die Kamera ausgezeichnet, selbst in diesem begrenzten Raum gibt es fast ständig Bewegung“, erläutert Produzent Medjuck. „Dabei legt er immer großen Wert darauf, aus welcher Perspektive erzählt wird: ob die Figuren etwas mit bloßem Auge, dem Fernglas oder einer Videokamera sehen. Wir haben einige dieser Videosequenzen auch für den Film verwendet. D.J. hat dabei selbst die Kamera geführt, ganz so, als würde Kale diese Szenen filmen.“
Die Regie von „Disturbia“ bot einen besonderen Reiz für Caruso. „Als Regisseur befinde ich mich in einem Dauerzustand als Voyeur, egal ob ich mich mit jemandem unterhalte oder im Supermarkt einkaufe. Auf gewisse Weise war dieses Projekt eine Katharsis für mich. Es war ein schönes Gefühl, diese kleinen Momente zwischen Schauspielern einzufangen - weil ich schon immer gerne das Verhalten der Menschen beobachtet habe. Ein bisschen konnte ich selbst den Kale spielen. Ich sah ihm über die Schulter und lebte, als Filmemacher und zugleich als Publikum, meine voyeuristischen Fantasien aus. Ich glaube, darin liegt die Anziehungskraft von solchen Filmen. Die Zuschauer fühlen sich immer ein wenig schuldig, weil sie selbst zu Voyeuren werden.“
Die Schauspieler verspürten gleichfalls ein Vergnügen der schuldbehafteten Art. „Ich habe immer schon Leute beobachtet“, berichtet Morse, „zu meiner Theaterzeit, als mich keiner kannte, ging ich oft stundenlang durch die Straßen von Boston und habe einfach nur beobachtet. Als mein Gesicht bekannter wurde, war das etwas schwieriger. Sobald man Augenkontakt hat, ist alles vorbei. Am besten kann man die Leute in der New Yorker U-Bahn beobachten, denn dort vermeidet jeder den Augenkontakt. Dort kann ich alle anschauen, ohne dass es auffällt.“
Für Kale ist das Beobachten auf den Radius seiner Wohnung beschränkt. Dennoch zeigt sich dabei ein recht bedrohliches Bild der Vorstadt. „Man beginnt, die Nachbarn zu beobachten“, erzählt Caruso, „dann stellt man bestimmte Muster fest. Man beginnt zu überlegen, was sich wohl alles in deren Wohnungen abspielt. Scheinbar harmlose Dinge können sich überraschend anders entwickeln, wenn einige von uns ihre eigenen Vorstellungen davon haben, was wirklich in der Nachbarschaft geschieht.“