Zuständig für die CIA-Geheimdienstoperationen im Nahen Osten – und natürlich auch für Ferris’ Schutz – ist Ed Hoffman, ein penetrant arroganter, hervorragender Stratege, der per Laptop und Handy im engmaschigen Netz der Agenten die Fäden zieht. „Auf Hoffmans Ebene muss man nicht nur Schach spielen können“, stellt Russell Crowe fest. „Vielmehr spielt er auf sieben verschiedenen Ebenen sieben Schachpartien gleichzeitig und bewältigt dazu noch etliche Multiplikationen dieser sieben.“
Ob er seine Kinder zur Schule fährt oder Ferris’ Bewegungen mithilfe des technisch hochgerüsteten Predator-Systems überwacht – immer erledigt Hoffman mehrere Aufgaben gleichzeitig mit skrupelloser Effizienz und einer Sachlichkeit, die dem direkt involvierten Agenten Ferris total fremd ist. „Ed Hoffman ist ein hartgesottener Zyniker, dem es nichts ausmacht, Menschen zu benutzen“, sagt Ignatius. „Was menschlich dabei auf dem Spiel steht, interessiert ihn nicht. Dagegen hat Ferris sehr intensive Gefühle und Sympathien. Auch er benutzt Leute, aber ihm macht dieser Umstand zu schaffen.“
Weil er hautnah die Konsequenzen von Hoffmans Entscheidungen zu spüren bekommt, ist der bedrängte junge Agent schwer angeschlagen. „Ständig steht Ferris moralisch am Scheideweg: Er muss das Leben anderer für seine Mission opfern“, sagt DiCaprio. „Und noch komplizierter wird es, als er sich auch gefühlsmäßig mit einigen dieser Menschen einlässt.“
Scott berichtet: „Ferris ist fest davon überzeugt, dass er etwas bewegen kann. Er hat sich in diese fremde Welt integriert, kann sich frei bewegen und verständigen. Seine Schwäche ist sein Gewissen. Wer diese Arbeit macht, kann sich kein Gewissen leisten. Wer Gewissensbisse hat, wird unbrauchbar, eine Gefahr für sich selbst und die Organisation.“
Weil in Ferris’ Situation mit harten Bandagen gekämpft wird, kann er vor den Kollateralschäden nicht einfach die Augen verschließen. Doch Hoffman sitzt an der entscheidenden Schaltstelle, er hat den Überblick und trägt entsprechend die Verantwortung – deswegen muss er sein Gewissen an der Garderobe abgeben. „Hoffman muss ständig lügen und viele schwere Entscheidungen treffen, glaubt aber fest daran, dass sie einem guten Zweck dienen“, sagt De Line.
„Hoffman kennt bei seiner Aufgabe keinerlei Hemmungen“, bestätigt Scott. „Schuldgefühle sind ihm fremd. Er ist von seiner Mission überzeugt und setzt sich aggressiv für ihren Erfolg ein.“
Doch Hoffmans kaltschnäuziges Ausschalten des menschlichen Faktors bei Undercover-Einsätzen ist nicht Ferris’ einzige Sorge. Diese Männer leben in einer tödlichen Welt, in der niemand die Wahrheit sagt – man kann niemandem trauen, nicht einmal dem Menschen, der einem angeblich den Rücken freihalten soll. Zwar muss sich Ferris bis zu einem gewissen Grad immer dann Hoffmans Schutz anvertrauen, wenn er sich nicht selbst absichern kann, aber er kennt Hoffmans Methoden nur zu gut: Wie der den Hebel ansetzt, mit Psychospielen manipuliert und fragwürdige Taktiken anwendet.
Auf diese Weise werden Ferris’ sorgfältig eingefädelte Spionageoperationen gefährdet, und er weiß genau, dass Hoffman Menschen im Handumdrehen opfert, wenn sie ihm nicht mehr nützen können. Laut DiCaprio bemüht sich „Ferris leidenschaftlich, seiner Aufgabe gerecht zu werden, aber Hoffman wirft ihm immer wieder Knüppel zwischen die Beine. Denn der hält seine eigene Methode für die einzig richtige.“
Um sich zu behaupten und nicht als weiteres Bauernopfer von Hoffmans virtuellem Schachbrett gefegt zu werden, muss Ferris seinem Instinkt folgen und all seine Fähigkeiten einsetzen, um dem intriganten Superhirn immer einen Schritt voraus zu sein. Allerdings weiß Scott genau, dass „Hoffman ein kluger Kopf und ein guter Stratege ist. Über sein Netzwerk von Informanten weiß er im Regelfall mehr als Ferris. Fast immer denkt er bereits einen Schritt weiter.“
Der Hoffman in „Der Mann, der niemals lebte“ ist bereits die vierte Rolle, die Russell Crowe für Ridley Scott spielt: Gemeinsam drehten sie auch schon „Gladiator“ (Gladiator), „A Good Year“ (Ein gutes Jahr) und „American Gangster“ (American Gangster). „Ich arbeite gern mit Ridley“, berichtet der Schauspieler. „Bei der Arbeit an ,Gladiator‘ haben wir uns sehr gut kennengelernt. Wir haben die gleiche Arbeitsauffassung und Ästhetik, den gleichen Sinn für Humor – bei diesen drei Gemeinsamkeiten entwickelt sich die Arbeit am Set ausgesprochen locker.“
„Russell gelingt alles, was er anpackt“, sagt Scott. „Er verwandelt sich in die unterschiedlichsten Figuren, lernt ungewohnte Akzente, verändert sein Aussehen. Das macht die Arbeit mit ihm interessant. Ich halte ihn für einen der besten Schauspieler der Welt.“
Der Regisseur erinnert sich an die ersten vorbereitenden Gespräche zu ihrem neuen Film: „Ich beschrieb Hoffman als Familienmensch, der sehr häuslich sein kann, dabei aber ganz andere Dinge leistet als ein normaler Familienvater. Wahrscheinlich leidet er unter Schlaflosigkeit… vielleicht ist er leicht übergewichtig. Darauf Russell: ,Übergewichtig? Was soll das heißen?‘“
„Ridley rief mich an und fragte: ,Hättest du etwas dagegen, 25 Kilo zuzunehmen?‘“, berichtet Crowe, der sich in seiner Karriere schon oft äußerlich verwandelt hat, zum Beispiel als Jeffrey Wigand in „The Insider“ (The Insider), der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Tatsächlich nahm der Schauspieler 25 Kilo zu, um Hoffman zu spielen. Und er sprach mit David Ignatius über die Vorgeschichte der Figur. „Russell fragte mich, woher Hoffman wohl stammt“, sagt der Autor. „Er meinte: ,Wie wäre es mit Arkansas? Ich glaube, er kommt aus Arkansas. So wie die Leute dort reden, wirken selbst die schlimmsten Aussagen irgendwie erträglich.‘“
„So wie Russell den Hoffman spielt, wirkt er überraschend leichtfertig und humorvoll“, kommentiert Donald De Line. „Hoffmans Charakter lässt moralisch zu wünschen übrig – man weiß nicht recht, was man von ihm halten soll. Aber in Bezug auf seine Überzeugungen und seinen Standpunkt nimmt er nie ein Blatt vor den Mund – das wirkt sehr erfrischend. Man kann ihm das fast nicht übelnehmen.“