Für Ferris geht es um einen hohen Einsatz, als Hoffman ihn beauftragt, die amerikanischen Geheimdienstaktivitäten in der jordanischen Hauptstadt Amman zu leiten. Dort etabliert sich eine neue terroristische Leitfigur namens Al-Saleem, der durch den Aufbau von Seilschaften unerkannt seine Macht ausbaut. Al-Saleem ist schwer zu fassen, was Ferris dazu veranlasst, mit dem jordanischen Geheimdienst GID zusammenzuarbeiten. Dessen gefürchteter Chef Hani wird von dem britischen Film- und Fernsehschauspieler Mark Strong gespielt.
Hani ist sehr gebildet, hat erstklassige Manieren – er wirkt ebenso beherrscht und subtil, wie Hoffman dreist und stur auftritt. Dennoch verbirgt sich ein bedrohlicher Zug hinter Hanis Eleganz, die so gar nicht zu der Grausamkeit passen will, wie sie dem – nach dem König – mächtigsten Mann Jordaniens zukommt. Dazu Strong: „Dass Hani so sorgfältig auf sein Äußeres achtet, heißt für mich, dass er seine Arbeit genauso gewissenhaft tut. Man sollte ihm sicher nicht in die Quere kommen“, grinst er.
„Hani wirkt unglaublich vornehm und mächtig, und Mark Strong verleiht ihm exakt den richtigen Ausdruck“, sagt Scott. „Er hat sich vollkommen in die Figur verwandelt. Er spricht mit perfektem Akzent, und er wirkt mühelos elegant.“
„Mark Strong hat mich als Schauspieler absolut überzeugt“, sagt DiCaprio. „Mir hat die Arbeit mit ihm sehr viel Spaß gemacht. Es war mitreißend, ihm zuzuschauen. Selbst mein Vater schwärmt davon, wie cool Hani ist und dass er sich solche Kleidung wünscht, gerade weil er doch so ein schlimmer Junge ist.“
Hani demonstriert Ferris, dass er ein Meister des Verhörs ist: Ignatius nennt Hanis Kunst „subtile Verführung“ – die Schachfiguren und Gegner in seinem Spiel geben schließlich immer ihr Geheimnis preis und tun ihm die Gefallen, um die er bittet. „Hani zeigt Ferris, wie man jemanden für seine Sache rekrutiert, ohne je mit Gewalt zu drohen“, berichtet Strong. „Er ist stolz darauf, seine Ziele auf dezente, weniger poltrige Art als Hoffman zu erreichen. Er rüttelt nicht an den Gitterstäben, vielmehr lockt er die Fische auf die sanfte Tour ins Netz.“
Doch die Zusammenarbeit mit Hani ist mit Vorsicht zu genießen: „Instinktiv spürt Hani, dass er Ferris vertrauen kann“, sagt Strong. „Ihm gefällt, dass Ferris sich die Mühe gemacht hat, wirklich Arabisch zu lernen. Das ist ein Zeichen von Respekt. Doch Hani muss vor allem sein Land, sein Volk schützen. Darauf läuft alles hinaus.“
„Hani ist grundsätzlich ein Mensch, für den Ehre und Vertrauen etwas bedeuten“, ergänzt Scott. „Wenn er Ferris nicht vertraut, hat der keine Chance. Um sein Vertrauen zu gewinnen, muss Ferris die Karten auf den Tisch legen. Doch sein Beruf bringt es nun mal mit sich, dass er Hani unbedingt anlügen muss.“
Das schwache Bündnis der beiden wird auf die Probe gestellt, als Hoffman in Amman auftaucht und einen hitzigen Streit mit Hani vom Zaun bricht. „Hoffman springt derart mit Hani um, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten würde“, sagt Crowe über Hoffmans Desinteresse an jenen kulturellen Nuancen, auf die Ferris bewusst großen Wert legt. „Aber vielleicht weiß er das zu seinem Vorteil zu nutzen. Denn wenn die Amerikaner für ihr rücksichtsloses Verhalten bekannt sind, wenn auch Hani davon überzeugt ist, dann entspricht Hoffman ganz genau seinen Erwartungen.“
„Insgeheim haben sie wahrscheinlich Respekt voreinander, aber das würden sie nie zugeben“, vermutet Strong. „Hoffman behandelt Hani sehr herablassend, und Hani hält Hoffmans Methoden für reichlich brutal. Aber sie gehören beide zu dem Menschenschlag, der jeden und alles für seine Ziele einsetzen würde.“
Weil Hoffman sich strikt weigert, in ihrer sogenannten Partnerschaft mit offenen Karten zu spielen, sitzt Ferris nun auf glühenden Kohlen – bei seiner Annäherung an Al-Saleem gerät er ins Kreuzfeuer der beiden Rivalen. „Ferris gerät im Schlagabtausch dieser beiden mächtigen Männer zwischen die Fronten – er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zur CIA und den verbindlichen Zusagen, die er Hani gegenüber gemacht hat“, sagt DiCaprio. „Was mich dabei fasziniert: Sie alle wollen im Grunde dasselbe.“
Halt dich da raus.
Ein wenig abgelenkt von seiner gefährlichen Arbeit wird Ferris von der jordanisch-iranischen Aisha, die in Amman als Krankenschwester arbeitet und außerdem freiwillig in einem Flüchtlingslager Dienst tut.
Die Rolle der Aisha übernimmt die iranische Schauspielerin Golshifteh Farahani – sie gibt damit ihr Debüt im amerikanischen Kino. „Wir hatten das große Glück, dass sie zusagte“, berichtet Scott. „Golshifteh zählt zu den bedeutendsten Schauspielerinnen im Iran. Zunächst sah ich ein Video von ihr, das mich schwer beeindruckte. Sie ist eine wunderbare Schauspielerin im klassischen Sinn. Endlich durfte ich sie dann auch kennenlernen. Schwer zu beschreiben, welche eigentümliche Energie von ihr ausgeht. Sie wirkt sehr stark, ruht in sich selbst und ist atemberaubend schön: Die Kamera liebt sie tatsächlich.“
„Aisha arbeitet als Krankenschwester, doch wenn sie in einem weiter entwickelten Land geboren wäre, hätte sie wahrscheinlich Medizin studiert“, sagt Farahani über die aufgeweckte, sachliche junge Frau, die plötzlich von einem geheimnisvollen Fremden umworben wird, der immer wieder in der Klinik auftaucht. „Sie findet Ferris anfangs zwar ganz interessant, nimmt ihn aber nicht ernst. Als sie merkt, dass er ein gutes Herz hat, kommt sie ihm näher. Seine Ernsthaftigkeit findet sie entwaffnend.“
Dass die beiden sich mögen, wird durch die strengen Sitten ihrer Kultur erschwert – Männer dürfen unverheiratete Frauen nicht berühren. Wenn Aisha sich mit einem Amerikaner einlassen würde, hätte das für sie ähnliche Konsequenzen wie eine Enttarnung für Ferris. „Er darf ihr nicht einmal die Hand reichen, weil er weiß, welch schlimme Folgen das für sie hätte“, sagt Scott.
„Golshifteh ist eine fantastische Schauspielerin“, sagt DiCaprio. „Weil sie den Umgang von Männern und Frauen in westlichen Filmen nicht gewohnt ist, haben wir das für die Beziehung zwischen Aisha und Ferris sehr gut nutzen können. Ferris fühlt sich sehr stark zu Aisha hingezogen. Er respektiert ihre Kultur und Tradition und bemüht sich, eine Beziehung zu ihr aufzubauen.“
„Leo war richtig toll“, sagt Farahani. „Er ist sehr großzügig und hat alles getan, damit ich mich wohl fühle. Ich bin sehr geehrt, mit ihm spielen zu dürfen.“
„Zwischen Golshifteh und Leo stimmt die Chemie wirklich – sie bringen sich gegenseitig zum Leuchten“, berichtet De Line. „Das merkte man sofort, als sie erstmals gemeinsam vor der Kamera standen.“
Zu den Hauptdarstellern in „Der Mann, der niemals lebte“ gehören außerdem Ali Suliman als Omar Sadiki, die ahnungslose Schachfigur in Roger Ferris’ Plan, den Terroristen Al-Saleem aus der Reserve zu locken; Alon Aboutboul als rätselhafter Al-Saleem; Oscar Isaac als Bassam, Ferris’ Kontaktmann vor Ort in Samarra; und Simon McBurney als Garland, der alle Raffinessen und Möglichkeiten eines strategischen Hauptquartiers in seiner Person vereinigt und technische Geräte so manipuliert, dass Sadiki als Bedrohung für Al-Saleem erscheinen muss.