Autor Cormac McCarthy ist eine moderne Legende und ein literarischer Einzelgänger zugleich; als er 2003 seinen Roman No Country for Old Men veröffentlichte, war er bereits für seine außergewöhnlichen Geschichten, die im sich verändernden amerikanischen Westen spielen, weltbekannt. Dieser von der ersten bis zur letzten Seite packende - und dabei sehr vielschichtige - Roman war auf Anhieb ein großer Erfolg. Der kraftvolle, spannende und mit Humor gespickte Thriller über einen aufrechten Mann, der an der texanischen Grenze zufällig 2,4 Millionen Dollar in Bar findet, ist die Geschichte einer ungestümen Verfolgungsjagd – und außerdem eine provokative Reflexion über Gut und Böse im modernen Westen, der zu einem weitaus gewalttätigeren und gesetzloseren Ort geworden ist, als es der mythische, ehemalige Wilde Westen jemals war.
Den Kern der Geschichte bilden einige der aussagekräftigsten Themenkreise, die McCarthy in seinen zehn Roman aufgegriffen hat und die bereits zu Klassikern wurden: das rasant nahende Ende eines gesamten Lebensstils im Westen; das letzte Aufbäumen von Ehre und Gerechtigkeit angesichts einer gebrochenen Welt; der anhaltende menschliche Kampf gegen das Übel; die düstere Komödie und die Gewalttätigkeit der modernen Zeiten; die Verzahnung von Versuchung, Überlebenswillen und Opferbereitschaft; und dazu eine Portion des Lebenselixiers Liebe und, inmitten der Dunkelheit, der Silberstreif der Hoffnung am Horizont,.
McCarthys komplexe Charaktere und symbolische Themen hatten in No Country for Old Men so ausladende Dimensionen, dass sofort deutlich wurde, dass die Filmemacher ihre eigenen, herausragenden Talente für das reichhaltige, ironische und tiefschürfende Geschichtenerzählen würden einsetzen müssen, um die Kraft dessen, was auf den Romanseiten widerhallte, in packende Bilder und gekonnte Dialoge umzusetzen. Es gibt kaum jemanden, der besser geeignet wäre, um den geistreich-düsteren Witz und die umfassende Menschlichkeit von McCarthys Figuren auf die Leinwand zu bringen, als die Brüder Joel und Ethan Coen: mit ihrem einflussreichen Comic-Noir-Klassiker „Blood Simple“ etablierten sie sich auf einen Schlag in der amerikanischen Filmszene und haben seither einige der innovativsten Spielfilme unserer Zeit geschaffen, darunter „Raising Arizona“, „Miller’s Crossing“, „Barton Fink“, der Oscar-preisgekrönte „Fargo“, „The Man Who Wasn’t There“ und „O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi-Odyssee“.
Mit „NO COUNTRY FOR OLD MEN“ verschmelzen die Coens den Erzählstil von McCarthy – der sehr komplex, nuancenreich, vielschichtig und oft humorvoll ist – mit ihrer ganz eigenen, einzigartigen Vision; das Ergebnis ist ein überaus mitreißender und actiongeladener Spielfilm.
Die Coen-Brüder erfuhren zunächst über Produzent Scott Rudin von McCarthys Roman. „Er brachte das Buch zu uns, weil er glaubte, wir könnten eine Affinität dazu verspüren“, erinnert sich Ethan. „Und uns hat der Roman gefallen. Außerdem dachten wir, wir könnten etwas damit anfangen.“
„Das ist das Höchtsmaß an Action, das wir je verfilmen werden“, fügt Joel hinzu. „Es ist eine Verfolgungsjagd – Chigurh verfolgt Moss und der Sheriff bildet die Nachhut. Es gibt viel körperliche Aktivität, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Hinsichtlich des Genres ist das interessant, aber das Buch hat uns auch interessiert, eben weil es genau die Erwartungen bezüglich dieses Genres untergräbt.“
So machten sich die Coen-Brüder daran, den Roman für eine straffe Kinoversion zu adaptieren, wobei sie den düster-humoristischen und menschlich vielsagenden Austausch betonen, der sich zwischen Llewellyn Moss - der an einer Unfallstelle Millionen von Dollar findet, die aus einem misslungenen Drogendeal stammen – und den beiden antithetischen Männern abspielt, die ihm auf den Fersen sind: auf der einen Seite der eiskalte Psychopath Chigurh, auf der anderen der zutiefst ehrliche Sheriff Bell. Das Ergebnis war ein Filmdrehbuch, das die Coens auf ganz unbekanntes Terrain führen sollte.
„Im Buch findet sich eine ziemlich große Portion Humor, auch wenn man es nicht unbedingt als humoristischen Roman bezeichnen würde“, meint Joel. „Ganz gewiss ist das ein sehr düsterer Stoff – und das war für uns das bezeichnende Merkmal. Außerdem beinhaltet der Roman recht viel Gewalt und blutrünstige Themen. Daher ist dieser Film bestimmt der gewalttätigste, den wir jemals gedreht haben. In diesem Sinne ist er, so hoffe ich, auch eine akkurate Widerspiegelung des Romans.“
Der erfrischende Blick, den das Drehbuch auf McCarthys typisch amerikanische Themen wirft, mit seinem rasanten Tempo und dem einer schwarzen Komödie ebenbürtigen Ton, sprach schon bald einige der besten Schauspieler der Gegenwart an.
Tommy Lee Jones, der schließlich für die Rolle des Sheriff Bell besetzt wurde, las McCarthys Roman bereits kurz nach dessen Erstveröffentlichung und war schon damals davon begeistert – und umso mehr, als er hörte, die Coen-Brüder würden den Stoff verfilmen. „Cormac McCarthy ist erwiesenermaßen der beste lebende Prosaautor, der wir heute in Amerika haben“, meint Jones. „Seine Werke werfen für Leute, die Filme machen, hochinteressante Fragen auf.“
Josh Brolin ist ebenfalls ein großer Fan von McCarthy und kannte den Roman bereits lange vor der Entstehung des Drehbuchs. „Es ist eines der beeindruckendsten, brutalsten und am perfektesten von einer Region und Sprache geprägten Bücher, die ich seit langem gelesen haben“, meint Brolin. „Obwohl die Story linear verläuft, ist allein schon die Erzählstruktur unglaublich. Ich liebe einfach dieses Trio aus Moss, Chigurh und Bell, und die Tatsache, dass sie eigentlich wirken als sei eine einzige Person in drei aufgespalten.“
Bezüglich des Drehbuchs sagt Brolin: „Es ist eine emotionale, urtümliche Abenteuerfahrt, in der es auch um menschliche Grundprinzipien wie richtig und falsch, Versuchung und Ehre geht.“
Brolins Anteil bei diesem Trio ist Llewellyn Moss, der Armyveteran, der sich selbst schnell in die Bredouille bringt, als er spontan beschließt, einen potentiell lebensbedrohlichen Betrag Drogengeld an sich zu nehmen – jedoch eher aus Liebe denn aus Habgier, wie Brolin meint: „Ich denke, aus Moss’ Blickwinkel beginnt alles bei seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Carla Jean. Er liebt sie so sehr; er will einfach für ein besseres, gemeinsames Leben sorgen und sie glücklich machen können – das ist das Ziel, das ihn vorantreibt.“
Der gefeierte spanische Schauspieler Javier Bardem wurde für die besonders interessante Rolle des Chigurh engagiert, der Killer, der das düstere Herz der Drogenwelt verkörpert; Bardem kannte den Roman vorher nicht, doch schon die erste Lektüre des Drehbuchs packte ihn: „Es war eine sehr kraftvolle Geschichte über Gewalt und darüber, wie man diese riesige Gewaltwelle, die unsere heutige Welt zu überrollen droht, aufhalten kann.“
Kelly Macdonald spielt Moss’ junge Ehefrau Carla Jean und reagierte ebenso stark auf das Drehbuch – nicht nur auf das menschliche Drama, sondern auch auf den darin enthaltenen Humor: „Ich sah gleich, wie lustig es war“, sagt die Schauspielerin. „Die Figuren wurden auf den Drehbuchseiten so lebendig, und alle haben einen ziemlich trockenen Humor, der mich nicht mehr losgelassen hat.“