Mittwoch | 30. Mai 2012 | 21:58 Uhr
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  • No Country for Old Men

    Thriller, Drama | USA 2007
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      • | Produktion: Die Drehorte

      • „NO COUNTRY FOR OLD MEN“ spielt inmitten einer der ursprünglichsten und stark mythisch geprägten Landschaften Amerikas: dem desolaten Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko, wo beide Länder nur von den Ufern des Rio Grande voneinander getrennt sind. Um diesen sonnengebleichten, blutgetränkten Landstrich, der sich auf zwei Länder erstreckt, auf authentische Weise einfangen zu können, begaben sich die Filmemacher auf die trockenen Ebenen von West Texas und in die Wüsten von New Mexico, wo die Coens erneut mit dem bereits fünf Mal zum Oscar nominierten Kameramann Roger Deakins zusammenarbeiteten.

        „Die Drehorte sind tatsächlich mit ein Grund gewesen, weshalb wir diesen Film machen wollten“, sagt Ethan Coen. „Unseren ersten Spielfilm („Blood Simple“) hatten wir in Texas gedreht, obwohl das in Austin war, aber wir waren auch durch West Texas gereist und fühlten uns von dieser Landschaft angesprochen, noch bevor wir das Buch gelesen hatten.“

        Ethan Coen fährt fort: „Die Landschaft ist im Roman ein unverzichtbarer Bestandteil der Story – es geht darin genauso um den Ort wie um die anderen Themen. Es ist – eher auf eine düstere denn auf pittoreske Weise – ein wunderbares Panorama, aber gewiss kein Ort, an dem es sich auf einfache Weise leben lässt. Genau das ist bedeutsam für den Verlauf der Geschichte: die Auseinandersetzung des Menschen mit der rauen und feindlichen Umgebung.“

        Joel Coen stimmt zu: „Diese Gegend blickt auf eine Geschichte der Gewalt zurück und wie in allen Romanen von Cormac McCarthy spielt auch hier die Landschaft eine eigene Rolle und kann nicht von der Story abgekoppelt werden.“

        Deakins hat mit beeindruckend strengen und asketischen Bildern dazu beigetragen, dass die Drehorte auf hoch spannende Weise lebendig wurden. Er erinnert sich an erste Gespräche mit den Coens: „Wir sprachen über die Hitze und das Licht und die Farbnuancen für das Motel und die Straßen bei Nacht“. Außerdem hatte Deakins ganz eigene Inspirationsquellen vor Augen: „Für mich war „NO COUNTRY FOR OLD MEN“ wie ein Film von Sam Peckinpah“, erklärt der Kameramann. „Es wirkt wie ein historischer Film – doch dann bricht die moderne Welt ein. Besonders dachte ich dabei an Peckinpahs „Bring mit den Kopf von Alfredo García“, in dem die Figuren noch immer nach den Regeln der Vergangenheit und nicht mit dem Tempo der modernen Gesellschaft in Einklang leben.“

        Um dieses Spannungsgefühl noch zu verstärken, setzte Deakins im Verlauf des gesamten Films das Licht als narratives Element ein: „Ich fand es toll, die Helligkeit der Außenaufnahmen mit der Dunkelheit der Innenaufnahmen zu kontrastieren, genau wie die ausgeblichenen Nuancen der Landschaft mit den grellen Farben des Nachtlebens. Eine der größten Herausforderungen lag darin, einen fließenden Übergang zwischen Sonnenuntergang und Nacht am Drogendeal-Platz und in den Fluss hinein zu finden. Wir haben unser Bestes gegeben, indem wir bei Sonnenuntergang und im Morgengrauen gedreht und einen „künstliches Zwielicht“ mit Beleuchtungstechnik erschaffen haben.“

        Gleichzeitig glaubt Deakins, dass die Landschaft schlicht ein Echo dessen ist, was im jeweiligen Frame wirklich zählt: die Charaktere. Der Kameramann sagt: „Jeder Film, an dem ich mitgewirkt habe, drehte sich vornehmlich um die Charaktere. Wenn eine Kameraeinstellung hübsch ist, aber nicht die richtige Stimmung erzeugt oder nicht dazu beiträgt, die Story voranzutreiben, dann macht diese Einstellung keinen Sinn. Ich liebe es, Gesichter zu filmen, und hier haben einige der besten Schauspieler unserer Zeit vor der Kamera gestanden.“

        Deakins’ Zusammenarbeit mit den Coens hat für viel Applaus und etliche Preise gesorgt, darunter den Oscar für „Fargo“ und Oscar-Nominierungen für „Barton Fink“ und „The Man Who Wasn’t There“. Er sagt, ihre entspannte kreative Zusammenarbeit sei der Kern ihres erfolgreichen Filmschaffens: „Wir kennen uns sehr gut und haben visuell eine ähnliche Herangehensweise. Ich hoffe einfach, dass die Kameraarbeit der Geschichte dient und nahtlos funktioniert.“

        Dieser Sinn für nahtloses Erzählen wurde auch beim Schnitt umgesetzt, für den der enigmatische, ältere britische Cutter Roderick Jaynes - der wie ein scheinbar drittes Rad am Wagen als langjähriger Weggefährte bereits seit „Blood Simple“ mit den Coen-Brüdern zusammenarbeitet- verantwortlich zeichnete.

        Die Dreharbeiten selbst begannen in Marfa, Texas, einer bekanntermaßen zerklüfteten und rauen Gegend, dreieinhalb Stunden von El Paso entfernt. Bekannt als der Ort, an dem das 50er-Jahre-Epos „Giganten“ gefilmt wurde, ist die Hauptattraktion des 2030-Seelen-Städchens das Hotel Paisano, in dem James Dean, Elizabeth Taylor, Rock Hudson und Dennis Hopper während der besagten Dreharbeiten Quartier bezogen.

        Hier begann die Zusammenarbeit des jungen Produktionsdesigner Jess Gonchor – zu dessen Werken die Fashion-Komödie „Der Teufel trägt Prada“ und das intimere historische Drama „Capote“ gehörten – seine Zusammenarbeit mit den Coens, und zwar auf der Suche nach genau den richtigen Drehorten für die dramatischsten Szenen des Films. Für Gonchor lag der Schlüssel im Unterstatement. Produktionsdesigner Gonchor berichtet: „Die Coens hatten mit dem Drehbuch so Großartiges geleistet, dass ich nichts hinzufügen oder übertreiben, sondern lediglich mit der von mir entworfenen Szenerie zum Erzählstrang beitragen wollte.“

        Eine der größten Herausforderungen lag für Gonchor darin, Ellis’ Hütte zu entwerfen, wo Sheriff Bell seinen Onkel, selbst ein ehemaliger Deputy Sheriff, um Rat fragen will, als er am Rande der Verzweiflung steht. Gonchor erinnert sich: „Wir haben die Struktur in Santa Fe vorgefertigt, wo Joel und Ethan den Fortschritt sehen konnten, und das Ganze dann gestrichen, altern lassen, ausgestattet und anschließend die vollständige Hütte auf einen Truck geladen und nach Texas verfrachtet.“

        Trotz der großen Entfernungen zwischen den Orten, des unvorhersehbaren Wetters, des giftigen Wüstengetiers und der zermürbend hohen Temperaturen erwiesen sich die gewählten Drehorte als unverzichtbar – boten sie doch genau die bedrückende, einsame Atmosphäre, die dieses Grenzgebiet in Texas gleichzeitig so wild und so poetisch macht.

        Nach den Dreharbeiten in Texas zogen die Filmemacher nach New Mexico, wo sie auch in der historischen Kleinstadt Las Vegas drehten, rund 112 Kilometer von Santa Fe entfernt, in der die zeitlosen Straßen im Stil des alten Westens und der typische Platz in der Stadtmitte als Kulisse für etliche kleine Städte in Texas dienten. Hier wurde auch ein weiteres der vorgefertigten Wunder von Gonchor eingesetzt, nämlich ein Grenzübergang, der von Eagle Pass in Texas in eine kleine mexikanische Stadt hineinführt.

        Diese simulierte Grenzkontrollstation wurde auf dem Stadtautobahnring des University Boulevard Freeway in Las Vegas errichtet; dazu war es notwendig, die Brücke und die Freeway-Ausfahrt eine Woche lang zu sperren, während das 50.000-Pfund-Stahlgerüst an seinen Platz gebracht wurde. Die Einwohner der Stadt nahmen es gelassen, doch Touristen und Ortsunkundige auf der Durchfahrt waren sprachlos in der Annahme, die amerikanisch-mexikanische Grenze sei schon sehr weit nach Norden vorgedrungen, oder dass der US-Bundesstaat New Mexico nun tatsächlich zu Mexiko gehöre…

        Die Landschaft von „NO COUNTRY FOR OLD MEN“ erstreckt sich auch in das Innere der Gedanken der Figuren, besonders in der Rolle von Javier Bardem, der als Chigurh eine vielsagende Frisur trägt, die vom Oscar-preisgekrönten Leiter des Hairdesigns, Paul LeBlanc („Amadeus“) kreiert wurde. LeBlanc erklärt: „Ich habe sehr eng mit der Kostümdesignerin Mary Zophres und „den Jungs“, wie ich sie nenne, zusammengearbeitet, um diesen Look für Javiers Rolle zu erschaffen. Er sollte eigenartig und Furcht einflößend wirken, aber ohne Übertreibungen. Also habe ich diese Originalfrisur entworfen, um zu vermitteln, dass er wirklich geheimnisvoll ist – man muss sich schon fragen, wo kommt dieser Kerl bloß her? -, doch ohne gleich zu verraten, dass er ein Killer ist. Es ist so etwas wie ein zweifach historischer Stil, wenn man so will: die Frisur könnte im 17. Jahrhundert, aber auch in den 1970er Jahren getragen worden sein.“

        LeBlanc, der auch an „O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi-Odyssee“ und „The Ladykillers“ mitwirkte, ließ sich gerne aus dem Vorruhestand hervorlocken, um erneut mit den Coens zusammenzuarbeiten: „Sie sind die Filmemacher, mit denen ich am liebsten zusammenarbeite. Sie haben so viel Teamgeist und ich glaube, sie mögen Haare wirklich, denn sie konzentrieren sich oft darauf. Letztendlich wird die Haartracht, wie alles andere auch, dazu eingesetzt, einen Charakter auszugestalten.“

        Der Autor: Cormac McCarthy und der neue Westen

        Mit der Verfilmung von „NO COUNTRY FOR OLD MEN“ werden Joel und Ethan Coen nun in einem Atemzug mit einem Künstler genannt, der zu den unterhaltsamsten und gleichzeitig wichtigsten Erzählern der Gegenwart gehört: Cormac McCarthy. Einst auch „Shakespeare des amerikanischen Westens“ genannt, ist zur Stimme eines sich rasant verwandelnden Landstriches geworden. Die Figuren aus seinen bisherigen zehn Romanen – oft Ausgestoßene, gebrochene Menschen, die versuchen, an einem Sinn für Ehre und Freiheit festzuhalten, für den das zeitgenössische Amerika kaum noch Verständnis aufbringt – haben Millionen von Lesern in ihren Bann gezogen. McCarthy schreibt über einen Lebensstil, über ein Gesamtkonzept vom Dasein und Wesen des Menschen, das in der heutigen Zeit dem Untergang geweiht ist; dieses Thema ist es auch, das seinen neunten Roman, No Country for Old Men, in nie zuvor da gewesener Intensität beherrscht: in einer packenden, schnellen und zermürbenden Geschichte eines Kriminalfalles und dessen Folgen in den 1980er Jahren im Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko.

        Nach den Lobeshymnen, die auf No Country for Old Men folgten, machte McCarthy in seinem zehnten und jüngsten Roman eine Kehrtwende und widmete sich einem noch umfassenderen, alttestamentarisch anmutendem Stoff als dem neuen amerikanischen Westen: er erschuf eine post-apokalyptische Welt aus Asche und Zerfall, in der ein Vater und dessen Sohn ums Überleben kämpfen. Mit The Road entfachte er weitere Begeisterungsstürme für ein ungezähmtes, wunderbares Meisterwerk und wurde dafür 2007 mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie Fiktion ausgezeichnet.

        No Country for Old Men beinhaltet womöglich die schärfste Prosa und einige der wildesten Action-Szenen aus der Feder von McCarthy, doch wie in all seinen Romanen wird hier nicht nur von der wortwörtlichen Grenze zwischen Texas und Mexiko erzählt, sondern vornehmlich von einem metaphorischen Territorium, auf dem moralische Integrität und ehrbare Gesetzestreue auf Apathie und Gewalt prallen. In ihrem Artikel in The Guardian merkte die renommierte Autorin Annie E. Proulx an, dass McCarthy „den Standard-Plot aus gutem Kerl vs. bösem Kerl in seriöse Literatur verwandelt hat.“ In der Chicago Tribune meinte Alan Cheuse, dass dieser Roman, deutlicher als alle vorangegangenen Werke von McCarthy, „ein unerwartetes und überwältigend kraftvolles Zeugnis dessen ablegt, was tiefe menschliche Empfindungen und Hoffnungen angesichts der Hoffnungslosigkeit bedeuten“.

        In No Country for Old Men kehrt McCarthy an den Schauplatz von West Texas zurück, an dem bereits seine hoch gelobte „Border Trilogy“ spielte, eine Serie aus drei miteinander verzahnten, mythischen Abenteuer-Romanen, die alle in texanischen und mexikanischen Grenzstädten spielen: All The Pretty Horses, verfilmt unter der Regie von Billy Bob Thornton, The Crossing - die Geschichte eines jungen Mexiko-Reisenden, der das Leben einer Wölfin retten will - und Cities on the Plain, in dem sich die Figuren aus den beiden vorangegangenen Romanen zu einem späteren Zeitpunkt im Leben treffen.

        Mit der „Border Trilogy“ machte sich McCarthy einen Namen durch die lyrische Heraufbeschwörung der Quintessenz des neuen amerikanischen Westens – ein noch immer majestätischer und rauer Ort, an dem jedoch die Seelen der Menschen verkrüppelt sind, weil es an Werten und Helden mangelt.

        In allen Werken von McCarthy – darunter auch die apokalyptische Bürgerkriegsgeschichte Blood Meridian und Suttree, eine Erzählung im Stil von Faulkner, die in den 1950er Jahren auf dem Lande im Bundesstaat Tennessee spielt – gehört die jeweilige Landschaft zu den faszinierendsten Protagonisten und vermittelt dem Leser ein packendes visuelles Erlebnis. McCarthy setzt die Ungezähmtheit und Trostlosigkeit der sogenannten „Badlands“ - und den Kontrast aus Angst und Schönheit – gezielt ein, um das widerzuspiegeln, was seine Figuren erleben, und um der Geschichte tiefer gehende Ebenen zu verleihen. In No Country for Old Men ist es die Grenzlinie selbst, verkörpert durch den Rio Grande, die zu einem metaphorischen Scheideweg wird, wenn die Figuren in der Hitze der Schwindel erregenden Verfolgungsjagd von einem Ufer ans andere wechseln.

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