Ich habe viel durchlebt, und nun denke ich, gefunden zu haben, wessen es für das Glück bedarf: ein ruhiges, abgeschlossenens Leben auf dem Lande mit der Möglichkeit, Menschen zu Nutze zu sein.
(Leo Tolstoi)
Christopher McCandless war auf der Suche nach einem Leben in totaler Un-abhängigkeit. Auf dem Weg zu seinem endgültigen Ziel Alaska traf er, der für wenig Geld Gelegenheitsarbeiten annahm und campierte, wo immer er konnte, auf eine Reihe be-merkenswerter Menschen. Menschen, mit denen er Freundschaften schloss und Gespräche führte, die ihn überdauern sollten. Für Penn waren dieses Vorspiel an Augenblicksver-bindungen und der Blick auf eine Reihe unkonventioneller Lebensentwürfe eine wesentliche Vorbereitung auf die Offenbarung, die McCandless später in Alaska erfahren sollte. Penn drückt es so aus: „Eine gewisse Einsamkeit ist notwendig, aber am Ende ist das Alleinsein nichts.“
Die Menschen, denen McCandless auf seiner Reise begegnete, besetzte Penn teils mit Schau-spielern, teils mit Laien aber auch mit Christophers echten Weggefährten. Wahre Charaktere vom Rand der amerikanischen Gesellschaft, darunter etwa Leonard Knight, den Künstler, der Salvation Mountain in Slab City erschaffen hat und im Film von der Macht der Liebe spricht. „Man kann solche Leute nicht im Schauspielerverband finden,“ so Penn. „Ich versuche immer, wunderbare Menschen auf der Straße zu treffen, die eine gewisse innere Größe haben.“
Einen, den er auf diese Weise fand, war der Wildwasserexperte und erfahrene Grand-Canyon-Spezialist Brian Dierker, der die Wasserszenen des Films koordinierte und hier auch zum ersten Mal als Schauspieler auftrat. Er wurde ziemlich plötzlich, als die Produktion bereits im vollen Gange war für die Rolle des „rubber tramp“ Rainey, der mit seiner geliebten Partnerin Jan, gespielt von Catherine Keener, durch die Lande fährt, besetzt. Dierker hat viele Jahre hinter der Kamera für diverse Filme an Wasserszenen gearbeitet, aber er hatte keine Erfahrung als Schauspieler. Er gibt zu, dass er nicht leicht zu überreden war: „Sean hörte nicht auf, mir die Rolle des Rainey einzu-reden. Er meinte, das würde gut passen. Aber ich wusste, dass ich damit absolutes Neuland betreten würde. Deshalb versuchte ich, es ihm auszureden. Aber er ließ nicht locker, und dann dachte ich, dass man im Leben nicht viele Chancen bekommt mit jemandem seines Kalibers zusammenzuarbeiten. Schließlich ließ ich mich überreden,“ erinnert er sich.
„Als ich das Drehbuch las, dachte ich, dass es Sean außerordent-lich gut gelungen war, Chris McCandless’ Abenteuergeist einzufangen“, so Dierker und weiter: Ich habe versucht Rainey als jemanden darzustellen, dem vielleicht der Ehrgeiz und der Biss ein wenig fehlt, der aber sehr fürsorglich ist und versteht, dass seine Frau sehr viel Schmerz in sich trägt. Er weiß, dass Chris die Wunden in Jans Herzen, die ihr das Verschwinden ihres Sohnes zugefügt hat, vergrößern wird, und er weiß, dass er nichts anderes tun kann als für sie da zu sein.“
Was Raineys Verhältnis zu Christopher betrifft, sagt er: „Es ist wirklich eine Mischung aus einer Beziehung zwischen Vater und Sohn und zwischen großem und kleinem Bruder. Ich denke, er genoss Chris’ Freiheit und Geist, doch wollte er auch ein guter Freund für ihn sein, und das macht die Komplexität dieser Beziehung aus.“ Dierker hatte den Vorteil, dass er Emile Hirsch schon nahe kam, als er ihm das Kajak fahren auf dem Colorado River bei-brachte. „Das Lustige war, dass es eine echte Rollenumkehr wurde. Ich war so stolz, auf das, was wir auf dem Fluss erreicht hatten, und dann hatte er die Möglichkeit, mir beim Schauspielen eine große Hilfe zu sein. Ich habe schon immer großen Respekt vor Schau-spielern gehabt, aber erst jetzt kenne ich wirklich die Vorbereitung und die emotionale Konzentration, die dafür erforderlich ist.“
Inzwischen bereitete sich Catherine Keener, die unlängst für ihre Rolle als Schriftstellerin Harper Lee in CAPOTE für den Oscar nominiert wurde, auf die Rolle der Jan Burres vor. Keener hatte an der Seite von Sean Penn in DIE DOLMETSCHERIN gespielt und freute sich, wieder mit ihm zusammenarbeiten zu können. „Es war interessant, ihn als Regisseur zu er-leben, da er dieses Gespür für Führung und diesen Teamgeist mitbrachte, den man braucht. Er war immer gut gelaunt und morgens als Erster auf den Beinen. Er war wirklich ein toller Chef.“
Keener war froh über Penns Unterstützung, da sie ein schwieriges emotionales Gebiet betrat: die Stimmung einer Frau zu treffen, die einen sehr schlimmen Verlust erlitten hat – das Ver-schwinden des eigenen Kindes. „Als Mutter kann ich mir nicht wirklich den ganzen Schrecken vor-stellen, wie es ist, dass dein Kind irgendwo da draußen ist, ohne zu wissen wo oder was mit ihm passiert. Deshalb hat sie wohl so stark auf Chris reagiert. Einerseits gab er ihr wieder ein tiefes Gefühl, andererseits erweckte er all die Wut und die Verwundbarkeit in ihr.“ Was das Entwickeln dieser physischen Intimität mit Emile Hirsch betrifft, sagt sie: „Er ist schön und es war sehr leicht, von ihm mitgerissen zu werden.“
Die meisten Leute, die Christopher McCandless auf seiner epischen Reise traf, waren Er-wachsene. Doch er begegnete auch Tracy, einer jungen Frau, die den größten Teil ihres Lebens in der ungewöhnlichen Umgebung von Slab City verbracht hatte, einem Wohnmobil-Camp in der Wüste von Kalifornien, dessen kostenlose Anlagen alle möglichen Landstreicher, Vagabunden und Nonkonformisten anziehen. Kristen Stewart – jene junge Schauspielerin, die erstmals an der Seite von Jodie Foster in PANIC ROOM zu sehen war – bekam die Rolle bei einem Vorsprechen, bei dem sie auf der Gitarre „Blackbird“ mit der Hingabe eines jugendlichen Troubadours spielte.
Stewart war fasziniert von Tracys ungewöhnlichem Leben: „Sie lebt an diesem Ort voller Menschen, die aus der Gesellschaft ausgestiegen sind. Die irgendwie so sind wie Chris, aber doch an einem Ort verwurzelt,“ erklärt sie. „Als Tracy Chris trifft, ist sie ihm sofort verfallen. Natürlich ist eine der Besonderheiten von Chris, dass er nicht wirklich eine Freundin hatte. Das war ihm einfach nicht wichtig.“
Ein weitere Person auf Christophers Weg nach Alaska ist Ron Franz. Der alternde Witwer sieht in Chris sowohl ein Spiegelbild seiner eigenen, verlorenen Träume als auch den Sohn, nach dem er sich immer gesehnt hat. Im Film wird Franz von der Bühnenlegende Hal Holbrook gespielt. Als Penn ihn bat, die Rolle zu spielen, kannte Holbrook Krakauers Buch schon lange. „Ich hatte das Buch ein paar Jahre zuvor gelesen, da Krakauer mich als Bergsteiger interessierte. Ich dachte auch, dass es eine sehr bewegende Geschichte über die Suche eines jungen Mannes war. Ich war auch mehr-mals in Alaska und habe Mark Twain in Anchorage und Fairbanks gespielt. Damals haben sie noch darüber gesprochen, was Chris McCandless dort oben passiert war. Die einen meinten, er müsse verrückt gewesen sein, so was zu tun, und es gab jene, die in seiner Erfahrung eine Bedeutung sahen.“
Noch stärker packte ihn Penns Drehbuch: „Meiner Meinung nach hat Sean aus dem Buch etwas bemerkenswert Beredtes gemacht. Ich glaube, junge Menschen werden etwas sehr Persönliches von dieser Geschichte mitnehmen.“
Über die Wirkung von Christopher McCandless auf Ron Franz sagt Holbrook: „Es ist eine interessante Beziehung, die sich zwischen dem alten und dem jungen Mann entwickelt hat. Ron ist ein Eigenbrötler, genau wie Chris. Er hat seine Familie verloren, sich ein Leben in Einsamkeit eingerichtet und sich damit abgefunden. Aber er ist irgendwie an einem Ort ge-fangen. Er steckt in einer Sackgasse – erforscht das Leben nicht mehr. Dieser junge Mann interessiert sich für ihn und drängt ihn, raus zu gehen, zu leben.“
Hal Holbrook hatte sofort Respekt für den jungen Schau-spieler Emile Hirsch: „Wirklich gutes Filmschauspiel fühlt sich an, als würdest du überhaupt nicht spielen. Emile hat das wirklich drauf. Er ist sehr offen und spontan.“