Und nun kommt nach zwei Wanderjahren das endgültige und größte Abendteuer: der Kampf, das falsche inner Wesen zu töten und siegreich die spirituelle Revolution zu vollenden .
(Alexander Supertramp)
Von Anfang an war klar, dass INTO THE WILD zum großen Teil mit Handkamera an Original-schauplätzen gedreht werden sollte, von den Weizenfeldern South Dakotas über die kahlen Ebenen der Salton Sea bis hinauf in die Wälder Alaskas nördlich von Amerikas größtem Berg, dem Denali. Für Penn gab es einfach keine andere Möglichkeit, als den Spuren von Christopher McCandless zu folgen. Schauspieler und Crew bezwangen Stromschnellen, durchquerten eisige Flüsse und wanderten durch hüfthohen Schnee. Für Penn lohnte sich das Risiko: „Wir waren da draußen in den Wäldern und es hätte alles Mögliche passieren können, aber wir haben geschafft, außer Reichweite des Todes zu bleiben. Es war großartig, und ich glaube, die Crew hatte eine Menge Spaß.“
Art Linson gesteht: „Bei dieser Produktion haben wir alles gemacht, was man bei einem Film nicht tun soll. Wir haben im Schnee gedreht, bei Temperaturen von minus 45 Grad und auf dem Colorado River. Sean war unermüdlich.“ Bill Pohlad sagt, dass Schauspieler und Crew tapfere Opfer gebracht und alle Herausforderungen angenommen haben: „Wir haben uns alle auf die Idee eingelassen, dass wir die Geschichte so wahrheitsgetreu wie nur möglich erzählen wollten. Das bedeutete, an die Orte zu gehen, an denen Chris wirklich seine Er-fahrungen gesammelt hat. Es war der Geist dieses Films, und es wurde wirklich auch zu einer erstaunlichen Erfahrung für uns alle.“
Die Drehorte hatten eine Schlüsselfunktion. Aber fast noch wichtiger war es, Bilder von Landschaften einzufangen, die die Seele berühren. Deshalb machte sich Penn auf die Suche nach einem Kameramann, zu dem er eine enge Beziehung aufbauen könnte: „Ich habe mit einigen wunderbaren Kameraleuten zusammengearbeitet, aber nie zuvor habe ich das auf die Leinwand bekommen, was ich in meinem Kopf hatte.“
Diesmal aber, mit Eric Gautier, war die Sache anders. Penn hatte Gautiers Arbeit in Walter Salles DIE REISE DES JUNGEN CHE gesehen. Er war hingerissen, wie dort die Landschaft zum Teil der Geschichte wurde. „Ich spürte, dass ich den Geist dessen, was ich suchte, in DIE REISE DES JUNGEN CHE gesehen hatte, aber das war ein viel kleinerer Film. Deshalb sprach ich mit Walter Salles, den ich sehr schätze. Er sprühte vor Begeisterung über Eric Gautier, wie großartig er sei, was für ein echter Künstler und so weiter, und es bedeutete mir viel, das von Walter zu hören. Dann traf ich Gautier und wir sprachen über die Linsen, die ich verwenden wollte, um verschiedene emotionale Wirkungen zu erzielen. Wie viel oder wie wenig Theorie ich anwenden wollte – vor allem letzteres. Darüber, wie sehr ich es liebe, spontan zu arbeiten, und dass wir oft nur mit natürlichem Licht drehen würden. Wir führten all diese Gespräche und schritten dann zur Tat. Ich merkte, dass ich richtig glücklich wurde, weil er der Typ ist, mit dem ich ab jetzt jeden Film machen will. Er ist ganz besonders.“
Bill Pohlad meint über Gautiers Arbeit: „Ich kann ihn nicht genug loben für das, was er in den Film eingebracht hat. Wir kannten seinen Ruf und hatten seine Arbeiten gesehen. Aber erst, als die Dreharbeiten anliefen, verstanden wir, wie fantastisch er ist. Er konnte sich ins Zeug legen und auf eine Guerilla-Art ganz schnell bewegen, aber er hat sich zugleich die Zeit genommen, jeden Augenblick episch und überwältigend wirken zu lassen. In Alaska konnte er spontan auf jede denkbare Situation reagieren und dabei die wohl atem-beraubendsten Filmmeter abliefern, die wir je gesehen haben.“
Als Produktionsdesigner engagierte Penn einmal mehr Derek R. Hill, der an so unterschied-lichen Projekten wie dem FLUCH DER KARIBIK oder dem Emmy-nominierten Fernsehhit „Dr. House“ mitwirkte. INTO THE WILD ist die dritte Zusammenarbeit seit CROSSING GUARD – ES GESCHAH AUF OFFENER STRASSE und INDIAN RUNNER. Obwohl der größte Teil des Films im Freien spielt, war das Produktionsdesign für Penn doch von bedeutender Rolle: „Derek war in der schwierigen Position eines Naturfilmproduktions-Designers, was bedeutete, dass er eine Oberhoheit über Drehorte, Logistik, einfach alles bekam. Er war eher ein Produzent für das Erscheinungsbild, was weit über die Aufgaben eines Produktionsdesigners hinausgeht. Er und unser erster Art Director David Webb sind beide an die zwei Meter groß und beide ziemliche Alphatiere. Sie haben das einfach durchgezogen.“
Als Hill seine Vorbereitung begann, fand auch er sich auf einer großen Reise wieder: „Sean hat mir gesagt, dass er den Dreh so genau wie möglich haben wolle. Also versuchte ich, Chris’ Reise so genau wie möglich nachzuvollziehen und einige derselben Orte zu finden, die er besucht hatte. Anfangs war ich ständig auf Reisen. Ständig stieg ich ins Flugzeug oder Mietauto, fuhr und fuhr und fuhr, fotografierte und dokumentierte.“
Schließlich stellte Hill Drehorte in Mexiko, South Dakota, Arizona und Alaska zusammen. Die Bandbreite begeisterte ihn: „Ich bin in einer Kleinstadt in Texas aufgewachsen, also gab es eine Menge Orte im Land, die ich nie zuvor gesehen hatte. Als der Film fertig war, fühlte ich mich, als hätte auch ich eine lange Reise gemacht.“
Eine der interessantesten Aufgaben Hills war es, den abgewrackten International-Harvester-Bus aus den 40er Jahren zu entwerfen. „Als ich mit Sean sprach, verstand ich, dass das Bild des Busses in seiner Vorstellung sehr wichtig ist. Wir beschlossen, dass wir aus Respekt vor Chris und seiner Familie nicht im echten Bus drehen wollten, der genau wie Chris ihn hinterlassen hat, weiterhin in der Wildnis Alaskas steht. Aber wir haben den sogenannten „magischen Bus“ besucht und ihn im Detail fotografiert und alles dokumentiert: die Teller, die Gläser, die Töpfe, den Ofen und die Matratze. Es war ein ge-spenstisches Gefühl, in dem Bus zu sein und die Schrift von Chris auf der Decke zu sehen. Es war zutiefst bewegend.“ Der Originalbus stammte aus der Stadt Fairbanks und war in die Wälder gebracht worden, um Bautrupps für den Stampede Trail zu beherbergen.
In Alaska musste ein Elch her, den Christopher in halb verhungertem Zustand erlegt hatte. „Wir haben bei den Behörden angefragt, ob irgendwo ein Tier angefahren wurde. Glücklicherweise war das der Fall und wir könnten den Kadaver für den Dreh nutzen. Am Set haben Jäger Emile gezeigt, wie man das Tier häutet“, erzählt Hill.
Bei den Dreharbeiten im Westen der USA war Hills Aufgabe nicht so sehr, Sets zu entwerfen, als vielmehr das Vorhandene zum Leben zu erwecken. „Wir hatten uns wirklich an das zu halten, was die Elemente hergaben, und unseren Film daran anzupassen.“ Was die Fluss-szenen betrifft, hoffte Penn darauf, am legendären oberen Ende des Grand Canyon drehen zu dürfen. Doch es erwies sich, so wie schon Christopher es erfahren musste, als unmöglich, dafür eine Genehmigung zu bekommen. Schließlich konnte der Film am unteren Drittel des Flusses gedreht werden, vom Diamond Creek im Hualapai Indianerreservat bis Lake Mead, einen Abschnitt, in dem es Stromschnellen vom Schwierigkeitsgrad IV gibt. Die Drehge-nehmigungen der Nationalparkverwaltung und vom Volk der Hualapai lagen bald vor, doch wurde dem Team ein ständiger Nationalparkwächter zu Seite gestellt. „Die Parkverwaltung war eigentlich sehr kooperativ und wir haben immer bekommen, was Sean wollte,“ sagt Brian Dierker.
Zum Realismus des Films haben auch die Kostüme von Mary Claire Hannan beigetragen, die sich von der „Aufrichtigkeit der Geschichte“ leiten ließ: „Ich habe mein Bestes gegeben, um wiederzugeben, wer Chris war und wie er damals ausgesehen hat. Chris’ Kleidung erzählt, wo er gewesen ist. Also ist die Garderobe eine stumme Sprache all seiner Erfahrungen.“
Die anderen Kostüme sind „ein amerikanischer Wandteppich,“ lacht Hannan. „Das geht von der besseren Mittelschicht in Atlanta und dem Abschluss am Emory College, wo alles so hübsch wie ein Blumenbouquet ist, über die Farmer und Wanderarbeiter South Dakotas bis nach Slab City mit seinen Hippies und Aussteigern. Es war ziemlich aufregend. Sean mag es nicht, sich Farbpaletten und Konzepte anschauen, also habe ich alles mehr aus dem Bauch heraus gemacht, was ein ganz schönes Abenteuer war. Er hat mir absolute Freiheit ge-schenkt.“ Hannan hat um die 25 verschiedene Paar Jeans für Emile Hirsch bereithalten müssen, da sich sein Gewicht dramatisch änderte. „Natürlich wollten wir, dass seine Kleidung immer schäbiger wirkte, je weiter er im Land umhergereist war. Wir waren ständig damit beschäftigt, die Kleidung schmutzig zu machen und zu färben, um zu zeigen, wie die Zeit vergeht.“
Ein wesentliches Element von Chris’ Kleidung in Alaska – sein Anorak – quälte Hannan längere Zeit, da sie nicht sagen konnte, wo er ihn herbekommen hatte: „Schließlich ging ich zu einem Armeeexperten, und der sagte sofort: ‚das ist ein Anorak aus der Zeit von 1943-47, der für richtig kaltes Wetter verwendet wurde.’ Also haben wir daraus geschlossen, dass Ron Franz, der bei der Armee gewesen war, Chris den Anorak gegeben haben musste, als er sich nach Alaska aufmachte. Und dieses eine Stück hat wirklich geholfen, einen Teil seines Lebens zu rekonstruieren und auch das Aussehen festzulegen. Ich denke, Chris’ Aussehen in Alaska zeigt, wer er wirklich war. Als geschniegelter Junge in Polohemden zog er los und wurde zu der Person, die er werden musste.“
Für Hannan war es eine absolut neue Erfahrung, unter solch rauen, oft körperlich an-strengenden Bedingungen zu arbeiten. „So etwas bringen sie dir auf der Modeschule jeden-falls nicht bei. Ich weiß nicht, wie ich auf diese Berge gekommen bin, ich weiß nur, dass ich es unbedingt wollte. Wenn du erst mal an diesen Orten bist, öffnet dir das wirklich die Augen.“
Penn hat bei dieser Produktion seinen Schauspielern und der Crew sehr viel abverlangt, aber auch eine außergewöhnliche Unterstützung von allen erfahren. „In vielerlei Hinsicht war es ein harter Dreh, aber selbst wenn es nicht so gut lief, selbst wenn jedermanns Toleranz mir gegenüber erschöpft war, gab es keinen einzigen Augenblick, an dem sie nicht in den Film verliebt gewesen wären.“
Nach acht Monaten aufreibender Dreharbeiten gönnte sich Penn erstmals eine kurze Pause, während Cutter Jay Cassidy, der schon seit langer Zeit mit Penn zusammenarbeitet, mit dem Schnitt begann. „Erst zeigte ich ihm, was ich nicht mochte und nie wieder sehen wollte, und dann erstellte er eine Art Langversion nach dem Drehbuch und meinen Aufzeichnungen, während ich für zwei Wochen verschwand. Dann machten wir, was wir ‚das dritte Um-schreiben des Films’ nennen. Wir waren wie ein Autorenteam und saßen für Monate tagtäg-lich im selben Raum zusammen, meist bis spät in die Nacht, bestellten Essen, wenn wir hungrig waren, und gingen alles immer wieder durch, tauschten Ideen aus und fragten uns, was emotional funktioniert, bis wir fertig waren. Am Ende war der Film ziemlich exakt das, was ich in meinem Kopf zehn Jahre zuvor gesehen hatte.“
Ein letztes, wichtiges Element des Films ist die Musik. Penn hatte schon von Anfang an ganz spezielle Songs im Kopf und das Drehbuch mit Hinweisen auf die Musik versehen. „Je länger wir drehten, desto mehr hörte ich die Stimme von Eddie Vedder als die Seele von Chris McCandless,“ sagt Penn. „Als Jay Cassidy und ich jeden Abend neue Szenen mit Musik unterlegten, kam ich immer wieder auf Musik von Michael Brooks zurück. Es hörte sich immer mehr nach dem richtigen Zugang an. Dann wurde mir Kaki King von Martin Hernandez, unserem Tontechniker empfohlen. Ich hörte mir ein paar von ihren Sachen an –
und sie war mit an Bord. Ich habe dann Eddie gebeten, das Buch zu lesen, und er hat sich gleich ans Schreiben der Songs gemacht und auch instrumentale Stücke komponiert. Wir haben dann in Seattle ein paar Aufnahmesitzungen mit Michael, Eddie und Charlie Musselwhite gemacht, und die drei haben es einfach toll hinbekommen.“
Vedder, der sich vor vielen Jahren mit Penn angefreundet hat, als er die Musik für DEAD MAN WALKING schrieb, erinnert sich, dass Penn ihn anrief und ihn bat, vorbeizukommen und sich den eben fertig geschnittenen Film anzusehen: „Ich fand ihn großartig, und es schien nichts zu fehlen. Es gab schon jede Menge guter Musik in dem Film. Doch Sean meinte ‚be-schäftige dich einfach damit und schau, was passiert.’ Also verbrachten wir drei Tage im Studio und ich schickte ihm etwa eine halbe Stunde Musik. Dann sagte er ‚wenn ich noch mehr von dieser Musik kriegen könnte, könntest du die innere Stimme der Hauptfigur werden.’ Er betrachtete die Musik nun fast als etwas, das im Kopf des Jungen ist.“
Vedder las das Buch und fand tiefe Inspiration in Christopher McCandless. „Es fiel mir nicht schwer, den Jungen zu verstehen. Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an das Alter, in dem du die Scheiße siehst, die in der Welt passiert, und wissen möchtest, wie du darauf reagieren kannst, wie du ein bisschen Idealismus bewahren kannst und wie du es vermeiden kannst, genau so ein autoritärer Typ zu werden wie die, unter denen du aufwächst. Es war eine Ge-legenheit, sich diesen Gedanken noch einmal zu stellen. Man muss wohl ganz schön viel Mumm haben, um zu tun, was Chris getan hat, und selbst wenn da einiger Leichtsinn im Spiel war, ist das eine Art von Leichtsinn, die wir später vermissen, wenn wir uns in der Welt eingerichtet haben und uns wundern, was wir alles mit unserem Leben hätten tun können.“
Genau zu der Zeit, als Vedder an der Musik zu INTO THE WILD arbeitete, brach sein jüngerer Bruder zum meditieren nach Südafrika auf und ward nicht mehr gehört. „Zwei Monate lang hatte niemand etwas von meinem Bruder gehört und ich fühlte mich plötzlich wie Carine. Im echten Leben passierten Dinge, die wirkliche Parallelen mit der Geschichte aufwiesen.“
Die Songs, die entstanden sind, entsprechen dem rauen Geist des Films und Vedder spielte alle Instrumente selbst ein. Vedder, der eigentlich an einen Schreibstil mit offenem Ende gewöhnt ist, genoss dennoch die Einschränkung, Songs für ganz bestimmte Szenen schreiben zu müssen. „Für mich war es wirklich einmal etwas Anderes, weil es so rational ist. Da waren eine Menge Parameter zu beachten – dieser Song muss zwei Minuten lang werden, und er ist an einer bestimmten Stelle seiner Reise, und in der Mitte muss die Musik rein instrumental sein, weil dann die Erzählstimme dazukommt. Letztlich lief es darauf hinaus, Sean zu dienen und auch Chris McCandless, dem gegenüber ich wirklich eine große Verantwortung spürte.“
Die Musik – rau, intim und emotional – unterstreicht das reiche Erbe an schwierigen Fragen und verführerischen Angeboten, die Chris McCandless hinterließ, als er aus dieser Welt schied. Dies wird auch in einem Satz gespiegelt, den Penn am Ende seines Drehbuchs für INTO THE WILD geschrieben hat. Er lautet: „Chris starb lebendig.“ Auf die Bitte nach Er-klärung fasst Penn zusammen: „Nach seinem Tod lebt er immer noch in uns weiter.“