Die Pamir-Region ist ein hochgelegenes Gebiet in Zentralasien, wo das heutige Tadschikistan, China und Afghanistan aufeinander treffen. Die letzten 27 Jahre haben die Pamirkirgisen jedoch im Exil verbracht, im eigens für sie angelegten Dorf Ulupamir im Osten der Türkei. 37 uses for a dead sheep handelt von der Geschichte der Pamir-Kirgisen von 1895 bis heute. Das Filmteam und die Menschen in Ulupamir arbeiteten gemeinsam daran, wichtige Szenen dieser Geschichte nachzustellen. Während Interviews und Rekonstruktionen sich mit der Vergangenheit beschäftigen, zeigt der Film gleichzeitig, wie die Pamir-Kirgisen in der heutigen, modernen Türkei leben.
In der ersten Spielszene treffen sich britische und russische Funktionäre, um eine Pufferzone zwischen dem russischen Zarenreich und der britischen Kolonie Indien zu schaffen. Mit dem willkürlich in die Weltkarte eingezeichneten Afghanistan wird das Land der Kirgisen in drei Teile zerrissen, den russischen, den chinesischen und den afghanischen Pamir.
Zunächst leben die Pamirkirgisen hauptsächlich im russischen Pamir. Mit der russischen Revolution beginnt jedoch eine schwierige Zeit. Die Pamirkirgisen sträuben sich dagegen, ins Sowjetsystem eingegliedert zu werden. Es kommt zu Kämpfen zwischen Kirgisen und Roter Armee; in 37 uses von Ben Hopkins im Stil des frühen sowjetischen Films inszeniert. Die Sowjets werden von Schauspielern des örtlichen Staatlichen Theaters gespielt – das antirussische Ressentiment wird auf komische Art und Weise deutlich, als der achtzigjährige Hayet Haji in der Drehpause aus purem Übermut die Schauspieler mit einem Requisitengewehr attackiert.
Der Kampf gegen die Sowjets dauert über zwei Jahrzehnte. Während der gesamten Zeit setzen die Kirgisen den Handel mit den Nachbarländern China und Afghanistan fort. Der 95-jährige Mehmet Emin Yildrim erzählt von dieser Zeit, in der das Verhältnis der turkischen Völker in Zentralasien freundschaftlich und kooperativ war.
Die Kirgisen geben schließlich ihren Widerstand gegen die Sowjets auf und ziehen sich in den besser geschützten Raum des chinesischen Pamirs zurück. Doch die Wahl des Zeitpunkts dafür ist denkbar schlecht. China steht kurz vor der Machtübernahme durch Mao Tse Tung, und nur einige Jahre später fliehen die Kirgisen erneut vor dem Kommunismus, diesmal in den festungsartig von Bergen eingeschlossenen afghanischen Pamir, einen der abgeschiedensten und unwirtlichsten Orte der Welt.
Durch die Höhenlage und das Klima im afghanischen Pamir waren die Lebensbedingungen extrem rauh. Die Kindersterblichkeit beträgt fast 50 Prozent. In den Geistergeschichten der Großmütter Mestane und Turgun über den bösen Dschinn, der Kinder und Mütter bei der Geburt tötete, werden die Schwierigkeiten des Lebens im afghanischen Pamir spürbar.
Trotz des rauen Klimas entwickelt sich der Viehbestand prächtig. Der Führer der Pamirkirgisen Haj Rahman Qu organisiert die Wirtschaft des Stammes neu, ein bescheidener Wohlstand stellt sich ein. Der Schafexperte Baki Bahader erzählt von den schier endlosen Verwendungsmöglichkeiten für die verschiedenen Körperteile und Produkte eines Schafs – in einer Kultur, in der alles Lebensnotwendige von den gehaltenen Tieren kommt, wird nichts verschwendet. Nach ungefähr 30 Jahren setzt die Regierungsübernahme pro-sowjetischer Kräfte in Afghanistan dem ruhigen Leben der Kirgisen ein Ende. Zu Recht fürchtet man eine Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion. Der gesamte Stamm flieht mit 30.000 Tieren über die hochgelegenen, kaum passierbaren Gebirgspässe hinüber nach Pakistan.
Die Kirgisen finden Aufnahme in pakistanischen Flüchtlingslagern. Doch viele vertragen das heiße Klima nicht.Krankheiten brechen aus, der Viehbestand schrumpft rapide. Haj Rahman Qul schreibt verzweifelte Briefe an Regierungen auf der ganzen Welt, in denen er einen neuen Aufenthaltsort für sein Volk sucht. Nach vier Jahren treffen, in ein- und derselben Woche, endlich zwei Angebote ein: zunächst eines aus Alaska, dann das aus der Türkei.
Die Kirgisen entscheiden sich – als turkisches Volk, das eine turkische Sprache spricht und moslemischen Glaubens ist – für die Türkei. 1982 werden sie von Islamabad per Luftbrücke in den Osten der Türkei gebracht, wo sie bis zum heutigen Tag leben.
Die Probleme von heute sind andere. Es gibt im Osten der Türkei nur wenig Arbeit. Die meisten jüngeren Pamirkirgisen gehen nach Istanbul und arbeiten in der Lederverarbeitung. Nur wenige haben das Glück, wie die junge Operationsschwester Özlem, einen modernen, hochqualifizierten Beruf zu finden. Die jüngere Generation entfernt sich zunehmend von der traditionellen Kultur. Mümtaz, ein junger Kirgise, der ein Internetcafé in Istanbul betreiben möchte, prophezeit, dass Ulupamir in 30 Jahren verlassen sein wird.
Dies ist die Geschichte, die der Film in seiner Montage aus Interviews und Rekonstruktionen erzählt. Darüber hinaus zeigt er, was zwischen dem Filmteam und den Kirgisen geschieht, von Hinweisen auf den Schnurrbart des alten Haj Rahman Qul über die Frage traditioneller kirgisischer Kleidung – die die Männer in Ulupamir, im Gegensatz zu den Frauen, nicht mehr besitzen – bis hin zu Diskussionen darüber, wie das Leben der Vorfahren dargestellt werden kann, ohne ihr Andenken zu verletzen. Auf diese Weise erfahren wir viel über das heutige Leben der Pamir-Kirgisen und ihr Verhältnis zu ihrer Geschichte – und schauen gleichzeitig dem immer wieder absurden Prozess des Filmemachens zu, in dem der Humor der Protagonisten auf wunderbare Weise dem der Filmemacher begegnet.
37 uses for a dead sheep wird so zu einem historischen Dokument, einer lebendigen, niemals vereinnahmenden ethnografischen Studie eines einzigartigen Volkes, zur Darstellung des Konflikts zwischen einer besonderen und einer globalisierten Kultur – und einer Komödie über den Prozess des Filmemachens.