New York, August 2006: Jude Law und Norah Jones küssen sich. Immer und immer wieder. Und das seit drei Tagen. Warum sie nicht voneinander lassen können? Weil Wong Kar-Wai sie nicht lässt. Weil der Regie-Star des Hongkong-Kinos hier gerade einen Teil der Anfangssequenz seines ersten englischsprachigen Films MY BLUEBERRY NIGHTS dreht. Weil Jude Law und Norah Jones seine Hauptdarsteller sind.
Diese Szene ist zentral für den ganzen Film, zumindest was die Stimmung angeht. Der Abend ist hereingebrochen, es ist immer noch drückend schwül, und das kleine Café am westlichen Ende der Grand Street ist vollgestopft mit Equipment und Menschen, die irgendwo noch schnell etwas richten bevor die Klappe fällt.
Laut Drehbuch spielt die Kuss-Szene in weit fortgeschrittener Nacht. Elizabeth, die von Norah Jones gespielte Frau, ist der letzte Gast. Ihr Kopf ist auf den Tresen gesunken. Um ihre Lippen sind noch ein paar Kuchenkrümel und ein Sahnerand. Jude Law ist auf der anderen Seite des Tresens und fegt sein Café aus. Er hält inne, betrachtet eingehend die Schlafende und beugt sich über sie, um ihr einen zarten Kuss zu rauben. Als er sich wieder aufrichtet, sind die Krümel und der Sahnerand verschwunden. Die Szene dauert weniger als eine Minute, aber die Möglichkeiten, sie zu zeigen sind unendlich. Wong Kar-Wai und sein Kameramann Darius Khondji haben 15 verschiedene Set-Ups für diesen Moment ‚gebaut’. Der Kuss wird in verschiedenen Geschwindigkeiten gedreht, auch aus mehreren Blickrichtungen. Und jede für eine bestimmte Perspektive auch Möglichkeit der Erzählung: eine Großaufnahme, eine subjektive von Jude Law, eine von Norah Jones… Er ist regelrecht besessen von diesem Moment. Aber das ist ja genau auch Teil seines Stils: Diese Fixierung auf einen Augenblick der Gegenwart, ihn zu fragmentieren, ihn fast fetischistisch immer wieder heraufzubeschwören, gerade weil er so flüchtig ist. Man spürt, dass eigentlich schon alles vorbei ist, noch im Moment, da die Kamera ein Geschehen aufzeichnet: Es ist wie eine Suche nach der verlorenen Zeit.