Sarah Polley war gerade auf dem Rückflug von den Dreharbeiten zu Hal Hartleys NO SUCH THING (2001), als sie in dem Magazin The New Yorker die Kurzgeschichte „Der Bär kletterte über den Berg“ von Alice Munro las. „Ich war unfassbar bewegt von dieser Geschichte“, erinnert sie sich. „Ich hatte gerade Dreharbeiten mit Julie Christie beendet, und als ich las, hatte ich Julies Gesicht in der Rolle der Fiona vor Augen. Ich bin bestimmt niemand, der reflexartig darüber nachdenkt, bestimmte Geschichten zu verfilmen – ich tendiere eher dazu, bestimmte Dinge, die mir etwas bedeuten, so zu belassen. Aber hiervon war ich völlig fasziniert. Ich las die Geschichte, sah einen Film vor mir und ich wusste wie dieser Film auszusehen hatte.“
An diesem Punkt ihrer beruflichen Laufbahn hatte Sarah Polley, seitdem sie sechs Jahre alt war, als Schauspielerin gearbeitet und zwei Kurzfilme geschrieben und inszeniert: DON´T THINK TWICE (1999) und THE BEST DAY OF MY LIFE (1999). „Zwei Jahre lang bekam ich die Geschichte nicht aus meinem Kopf, und schließlich bat ich den Produzenten Danny Iron, sich nach den Rechten umzuschauen“, sagt Sarah Polley. „Ich selbst stürzte mich aufs Schreiben des Drehbuchs, aber es ist einschüchternd, wenn man vor dem Material von jemandem sitzt, den man derart respektiert. Alice Munro ist einer meiner Lieblingsschriftstellerinnen, denn sie hat die Gabe, Dinge zu durchschauen. Die Figuren sind allesamt so brüchig – in bestimmten Momenten so liebenswert und in anderen so hassenswert. Aber die Adaption erschien mir als kein gewaltiger Prozess, denn der Film war bereits in der Geschichte eingebettet.“
Außerdem standen Polley ihre Produzenten beiseite: Jennifer Weiss, mit der sie bereits ihren mit einem Genie Award ausgezeichneten Kurzfilm I SHOUT LOVE (2001) hergestellt hatte, Simone Urdl, ihre Partnerin in der gemeinsamen Produktionsfirma The Film Farm, sowie Daniel Iron von Foundry Films, der schon Sarah Polleys ersten Kurzfilm DON´T THINK TWICE produziert hatte. Der kanadische Regisseur Atom Egoyan war als Ausführender Produzent beteiligt. Daniel Iron, der Sarah Polley schon seit Jahren kennt, zweifelte keinen Augenblick lang an ihren Fähigkeiten, einen Spielfilm zu inszenieren. „Ich weiß, wie unglaublich intelligent und gewissenhaft sie ist. Sie hat ihr halbes Leben an Sets verbracht und kennt sich handwerklich besser aus als jeder andere Regie-Debütant. Sie hatte z.B. schon den ersten Entwurf ihres Drehbuchs in einen Drehplan umgeschrieben.“
Atom Egoyan ermutigte Sarah Polley bei ihrem Vorhaben. „Nachdem ich mit ihr zusammen DAS SÜSSE JENSEITS (THE SWEET HEREAFTER, 1997) gedreht hatte, wusste ich, dass Sarah die Dinge ganz genau beobachtet. Also durchlief sie einen ganz natürlichen Prozess. Sie ist unglaublich reif, was in ihrem Drehbuch auch durchscheint: Es ist ernst, sehr klar, und es gibt einen deutlichen dramatischen Spannungsbogen. Es geht respektvoll mit der Vorlage um, ist aber gleichzeitig selbstbewusst genug, die Vorlage auszubauen. Es erfüllt das, was Kino ausmacht, bemerkenswert gut: Es nimmt uns – einfach durch ein menschliches Gesicht – mit an Orte, von denen wir nicht erwartet haben, dass wir sie bereisen.“
AN IHRER SEITE ist eine Liebesgeschichte über Hingabe – und war für Sarah Polley nicht nur eine Herausforderung, weil die Regisseurin erst 28 Jahre alt ist. Ihre Ehe ist erst wenige Jahre jung, und sie freute sich darauf, eine Geschichte über zwei Menschen zu erzählen, die 50 Jahre lang verheiratet sind. „Diese Liebesgeschichte ist sehr bewegend“, bemerkt Jennifer Weiss. „Man schaut sie sich aus seiner eigenen Perspektive an und bringt seine eigenen Erfahrungen mit. Es bestätigt sich, dass sich das Leben zyklisch abspielt und wir alle uns den Herausforderungen der Liebe, der Ehe und der Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, stellen müssen.“
Die Ruhe und Ausgeglichenheit zwischen den Anderssons wird durch die schwindenden Erinnerungen von Fiona erschüttert. Grant ignoriert die Anzeichen, aber es lässt sich bald nicht mehr leugnen: Fiona ist krank – Alzheimer. Zuerst ist es fast unmerklich, aber nach und nach verschwinden immer mehr Erinnerungen. Zuerst verschwimmen die Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit, für die Anderssons eine Zeit voller Hamonie. Ohne den Schutz ihres gemeinsamen Friedens kommt ihre Vergangenheit wieder zum Vorschein, und mit ihr die Emotionen, die sie beide lieber in Vergessenheit gelassen hätten.
„Die Rolle der Alzheimer-Krankheit in dem Film ist eine Metapher dafür, wie sich Erinnerungen in langjährigen Beziehungen abspielen: An was wollen wir uns erinnern? Was wollen wir lieber vergessen? Sich damit zu beschäftigen ist sehr reif für Sarah, denn sie hat diesen Weg selbst noch nicht eingeschlagen“, sagt die Produzentin Simone Urdl. Die Erinnerung, schrieb Oscar Wilde in „Ernst sein ist alles“, sei das Tagebuch, das wir alle mit uns herum tragen. Anders als eine Dokumentation ist ein Tagebuch durch persönliche Freude und Schmerzen geprägt. Erinnerungen sind selektiv.
In der Tat reizte Sarah Polley an diesem Projekt, dass sie erforschen konnte, wie eine langjährige Ehe überleben kann ohne in verklärte Erinnerungen einer romantischen Vergangenheit zu verfallen – ein Schachzug, auf den sich etliche Filme verlassen. „Liebesgeschichten über ältere Menschen tendieren dazu, entweder sehr sentimental zu sein oder ständig mit Millionen Rückblenden gerechtfertigt zu werden, in denen die jungen Liebenden zu sehen sind. Das finde ich wenig interessant“, bemerkt die Regisseurin. Eine neue Liebe ist ein wilder chemischer Ritt der Hormone, in dessen Verlauf sich zwei Leben vermischen, aber dabei sinken sich zwei Liebende mit reiner Weste in die Arme. Das einzige seelische Gepäck, das man mit sich herum schleppt, stammt aus vergangenen Beziehungen. Die Entwicklung eines jungen Glücks, das sich ein halbes Jahrhundert aufeinander verlassen musste, dagegen interessierte Sarah Polley sehr, denn dieses Paar hat seine seelischen Narben, an die es sich am längsten erinnert – was für die Regisseurin stets der kraftvollste Teil dieser Geschichte war. Was Grant Fiona angetan hat, mag durch jugendlichen Leichtsinn geschehen sein, aber seine Annahme, dass die Zeit die Wunden heilen würde, stellt sich als tragischer Fehler heraus. „Ich wollte diese Beziehung lebensecht zeigen – als eine Ehe, die durch viele unglaubliche Höhen und Tiefen gegangen ist. Sie basiert auf all diesen Erfahrungen, Emotionen und Sünden.“
Der Reiz von AN IHRER SEITE liegt in der Geschichte ebenso wie in der Besetzung. Den beiden Oscar®-gekrönten Schauspielerinnen Julie Christie und Olympia Dukakis stehen Gordon Pinsent und Michael Murphy zur Seite, beide ebenfalls vielfach ausgezeichnete Mimen. „Diese uns allen bekannten Schauspieler waren entscheidend für die Geschichte, denn man muss sich ihnen gleich von Anfang an verbunden fühlen“, bemerkt Jennifer Weiss.
Das Ergrauen der Protagonisten interpretiert die Signifikanz jedes Jahrzehnts, und Julie Christie, Gordon Pinsent, Olympia Dukakis und Michael Murphy verkörpern eine neue Definition des Alters mit Vitalität und Lebendigkeit. Murphy, Hollywood-Veteran aus Filmen wie MANHATTAN (1979), ANNIE HALL (DER STADTNEUROTIKER, 1977), M.A.S.H. (1970) und MCCABE AND MRS. MILLER (1971), gibt zu Protokoll: „Ich hatte dieses Gespräch einmal mit Candice Bergen. Sie sagte: Als wir jung waren, kamen wir in einen Raum, und sexuelle Energie lag in der Luft. Jetzt ist es, als hätte man einen Schalter umgelegt, und plötzlich schauen mich alle an, als sei ich die Tante von jemandem. Man erreicht ein bestimmtes Alter, und man denkt, all diese Dinge seien verschwunden, aber das ist nicht der Fall. Ich fühle mich nicht anders als mit 30 Jahren. Ein Teil von uns unterliegt nicht der Zeit. Es ist ein geistiges Ding.“