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  • Die Zeit ohne Grace

    Drama | USA 2006
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      • | Produktionsnotizen

      • Es war ein persönliches Erlebnis, das Regisseur und Drehbuchautor James C. Strouse zu der Geschichte von GRACE IS GONE inspirierte und ihm ein Gefühl für die Tiefe der Charaktere vermittelte: „Eines Sommers machte ich mit meinem Bruder und seinen Töchtern einen Ausflug in einen Freizeitpark namens Kings Island in Ohio. Mein Bruder steckte damals gerade mitten in einer hässlichen Scheidung. Da waren wir also an diesem wunderbaren, lebendigen Ort, wo man eigentlich glückliche Familien erwarten sollte – doch keiner von uns sprach besonders viel und alle waren voneinander genervt. Diese Atmosphäre habe ich nie mehr vergessen.“

        Die Idee, diese spezielle Stimmung in einer Geschichte über Soldaten, ihre Familien und die Tragödien des Krieges zu verpacken, kam Strouse erst später. „Im Fernsehen sah ich einen Bericht über den Irakkrieg, in dem auch die Eltern getöteter Soldaten vorkamen“, erinnert er sich. „Ich fragte mich sofort, wie sehr es wohl das eigene Glaubens- und Wertesystem erschüttert, wenn man einen geliebten Menschen für eine Sache wie diesen Krieg verliert. Schnell wurde mir dabei klar, dass eine Geschichte aus dieser Perspektive nicht nur sehr zeitgemäß, sondern für viele Menschen auch von großer persönlicher Bedeutung sein würde.“ Produzent Galt Niederhoffer hatte das Glück, schon bei Strouses erstem Drehbuch LONESOME JIM („Lonesome Jim“) mit ihm zusammengearbeitet zu haben. „Mit beiden Filmen von Jim können wir uns sehr glücklich schätzen“, meint Niederhoffer. „Er ist ein bemerkenswert talentierter Autor, der sehr gut getroffene, komplexe Charaktere zum Leben erweckt“, fügt Niederhoffers Partnerin Celine Rattray hinzu. „Es war sehr spannend für uns zu erleben, wie nahtlos sich seine Begabung als Geschichtenerzähler auch auf das Regieführen übertrug. Er ist genau die Art von Filmemacher, die wir uns für eine Zusammenarbeit vorgestellt haben, als wir unsere Firma Plum Pictures gründeten.“

        Sobald er grünes Licht für LONESOME JIM bekommen hatte, vereinbarte Strouses Agent damals diverse Meetings mit Produzenten in Los Angeles. Im Rückblick nennt der Regisseur sie scherzhaft „Perrier Meetings“, weil selten eines länger dauerte als man braucht, um ein Glas Mineralwasser zu trinken. Umso erfrischender war für ihn die Begegnung mit Grace Loh, der langjährigen Produktionspartnerin von John Cusack bei dessen Firma New Crime Productions.

        „Ich war gleich fasziniert von der Idee, dass es um eine Mutter ging, die im Krieg gefallen war. Davon hört man sonst nie etwas.“ (Produzentin Grace Loh)

        „Loh war die einzige Produzentin jenseits der Leute von Plum Pictures, die tatsächlich Interesse dafür zeigte, was ich zu sagen hatte“, erinnert sich Strouse, der in der Folge auch nur ihr von seiner Idee zu GRACE IS GONE erzählte.

        „Mein erster Eindruck von James basierte auf dem Drehbuch zu LONESOME JIM“, berichtet Loh im Rückblick. „Man merkte sofort, dass er eine sehr persönliche Geschichte auf unglaublich ansprechende Weise einfangen konnte. Als er mir von GRACE IS GONE erzählte, war ich gleich fasziniert von der Idee, dass es um eine Mutter ging, die im Krieg gefallen war. Davon hört man sonst nie etwas. Ich dachte augenblicklich darüber nach, welche Auswirkungen so ein Verlust auf eine Familie haben würde, wie groß der Unterschied zum Verlust des Vaters sein muss und natürlich auch, wie der Ehemann damit umgehen würde.“ Sie fährt fort: „Wir suchen immer nach neuen Geschichten mit spannenden Charakteren. So wie Jim über die Figur des Stanley sprach, war mir gleich klar, dass diese Rolle intensiv, komplex und sehr anspruchsvoll sein würde. Johnny könnte sich richtig in die Welt dieses Mannes reinwühlen, wenn das Drehbuch sein Potential vollkommen ausreizen würde.“

        Mit John Cusack als Stanley im Kopf begann Strouse also zu schreiben. Um wirklich zu funktionieren, musste die Geschichte so akkurat wie möglich die privaten Erfahrungen einer Militärfamilie widerspiegeln. Er nahm Kontakt auf zu Karen Pavlicin, der Autorin eines Ratgebers für Militärfamilien mit dem Titel „Surviving Deployment“. „Karens Mitarbeit war unglaublich hilfreich für bestimmte Szenen des Drehbuchs“, erklärt Strouse. „Ganz besonders als es ums Protokoll ging für die Szene, in der es bei Stanley an der Haustür klopft.“

        Während seiner Recherchen wurde Strouse auch bewusst, wie Militärfamilien auf Nachrichten – vor allem jene im Fernsehen – reagieren. „In Militärhaushalten werden Nachrichtensendungen nicht auf die leichte Schulter genommen“, beschreibt er seine Erfahrungen. „Sie werden letztlich als etwas Gefährliches betrachtet. Eltern sind da sehr beschützend: wenn die Kinder fernsehen, dann nur unter Aufsicht, damit die Eltern das Gezeigte kommentieren und erklären können. In einer Situation wie der derzeitigen gibt es so viele verschiedene Meinungen und Standpunkte, dass es für ein Kind schnell verwirrend sein kann.“

        Strouse schickte das Drehbuch an Cusack und Loh und traf die beiden zusammen mit Niederhoffer vier Wochen später in New York. Es war sofort klar, dass sich die richtigen Produktionspartner gefunden hatten. „Das Schöne an GRACE IS GONE ist, dass diese Geschichte von echten Menschen handelt und davon, was mit diesen Menschen passiert, wenn die Tragik des Kriegs in ihr Leben Einzug hält“, fasst Loh zusammen. „Man stumpft so schnell ab bei all den Zahlen und Fakten, mit denen man in der Kriegsberichterstattung konfrontiert wird. Deswegen ist es wichtig, dass man sich daran erinnert, was eigentlich auf menschlicher Ebene passiert. Es geht um Liebe, Verlust, Schmerz und Mut, aber auch um das Wachsen daran. Solche Gefühle und Erfahrungen machen vor niemandem halt, sie können uns alle treffen. Das macht diesen Film für mich so kraftvoll. Er lässt jede rein politische Perspektive weit hinter sich.“

        Allen gefiel die Geschichte, was allerdings nicht hieß, dass man mit den Charakteren unbedingt einer Meinung war. „Unsere persönlichen Standpunkte und die von Johns Figur Stanley sind letztlich ziemlich gegensätzlich“, merkt Loh an. „Das Letzte, was wir wollten, war Kitsch, aber natürlich lag uns viel daran, die Wahrheit zu zeigen, die Jim in seinem Drehbuch so wunderschön festgehalten hatte.“

        „Ich wollte Fragen aufwerfen, nicht Antworten geben.“ (Regisseur James C. Strouse)

        Die Balance der Geschichte erzielte Strouse mittels Stanleys Bruder John, gespielt von Alessandro Nivola. Durch seine Augen sieht der Zuschauer eine Gegenposition, denn John ist weder ein Befürworter des Krieges noch der Regierung. Aber selbst für alle, die diese Meinung teilen, zeigt der Film Stanley auf eine Weise, die seine persönlichen Ansichten verständlich machen. Für ihn geht es schließlich um sein alltägliches Leben, nicht nur um eine Ideologie. „Es war nicht ganz einfach, das hinzubekommen“, erinnert sich Strouse. „Ich habe das vor allem John und Alessandro zu verdanken, die gerade in diesen wichtigen Szenen hervorragend waren. Hätte das Publikum da irgendeine Künstlichkeit gespürt, hätte Alessandros Figur schnell wie eine Marionette des Autors gewirkt, der nur seine liberalen politischen Ansichten vermitteln will.“

        Auch aus persönlicher Erfahrung kennt Strouse den Umgang mit unterschiedlichen politischen Meinungen: „Ich wuchs in einer pazifistischen Mennoniten-Gemeinde auf, in der mein Vater als Patriot und Militärbefürworter ein völliger Außenseiter war. Ich kenne daher dieses Spannungsverhältnis und empfinde durchaus beide Standpunkte als gerechtfertigt. Beim Schreiben habe ich mir nicht zuletzt deswegen besonders viel Mühe gegeben, GRACE IS GONE nicht zu einem polemischen Anti-Kriegsfilm zu machen. Ich wollte Fragen aufwerfen, nicht Antworten geben.“ Auf jeden Fall ging es ihm darum zu zeigen, wie politische Meinungsverschiedenheiten zu großen Gefühlsaufwallungen führen können, gerade innerhalb einer Familie. „Für die Dynamik zwischen Stanley und seinem Bruder habe ich mir einiges bei der Beziehung zwischen mir und meinem eigenen Bruder abgeguckt“, erklärt Strouse. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man in einer Familie in der einen Sekunde noch völlig aufgebracht über etwas ist und in der nächsten plötzlich fragt, ob es eigentlich noch etwas zu essen gibt. Mit seinem Bruder kann man sich schnell von Null auf Hundert hochschaukeln. Trotzdem habe ich darauf geachtet, dass selbst im Streit keiner von beiden das Wort „Irak“ in den Mund nimmt. So leicht wollte ich es dem Publikum nach Möglichkeit nicht machen.“

        In seiner Funktion als Regisseur des Films musste Jim Strouse erstmals hunderte von Entscheidungen treffen, oftmals unter größtem Zeitdruck. „Ich hatte zwar in fast jeder Szene von LONESOME JIM Steve Buscemi beim Regieführen beobachtet, aber trotzdem hat mich die eigene Erfahrung bei GRACE IS GONE unglaublich eingeschüchtert und überwältigt“, erinnert er sich. „Am ersten Tag ist man von hundert Leuten umgeben, die alle mindestens schon an fünf Filmen gearbeitet haben, und man selbst hat keinerlei Erfahrung. Ich war allerdings mit allen sehr ehrlich. Ich machte keinen Hehl daraus, dass ich wusste, was ich wollte, aber wer eine bessere Idee hatte, durfte sie mir immer sagen. Mir wurde eine unglaubliche Menge an Hilfe entgegengebracht. Und natürlich konnte ich mich auf die Geschichte verlassen, denn die kannte ich schließlich in- und auswendig.“

        „Die Schauspieler und die Geschichte – darauf kam es an!“ (John Cusack über GRACE IS GONE)

        Auch John Cusack erlebte die intime und emotional anspruchsvolle Arbeit als Genugtuung: „Das Drehen eines so kleinen, reduzierten Films wie GRACE IS GONE ist vollkommen anders als die Arbeit an einem großen Hollywood-Film, wo buchstäblich alles andere wichtiger ist als die Leistung des Schauspielers. Bevor man dort zum Einsatz kommt, wird so viel Zeit, Mühe und Geld in all die anderen Details gesteckt, dass an die Darstellung meist zuallerletzt gedacht wird. Bei GRACE IS GONE war es das Gegenteil. Dieser Film basiert nur auf dem Drehbuch und dem Spiel von den Mädchen, Alessandro und mir. Die Schauspieler und die Geschichte – darauf kam es an!“

        Als Schauspieler und Produzent musste Cusack auf allen Ebenen eng und harmonisch mit Strouse zusammenarbeiten. „Jim und ich befanden uns eindeutig auf dem gleichen Weg“, beschreibt er die Arbeit. „Manchmal kannte ich dabei die eine oder andere Abkürzung und hatte vielleicht ein anderes Navigationssystem. Aber letztlich ging es uns beiden immer und unbedingt darum, den Figuren mit dem größtmöglichen Respekt und ebensolcher Authentizität zu begegnen. Wir wollten ihnen Leben einzuhauchen, ohne zu romantisieren oder zu idealisieren. Es war eine sehr intensive, wundervolle und intime Erfahrung.“

        Als Regieneuling zeigte sich Strouse dankbar und glücklich, mit einem Schauspieler von Cusacks Kaliber arbeiten zu können und vertraute gerne auf dessen großen Erfahrungsschatz: „Ich verließ mich vollkommen auf John, und er half mir sehr. Gleichzeitig vertraute er aber auch mir, und wir tauschten uns viel über seine Rolle aus. Ich erzählte ihm von meiner Idee, dass Stanley in den Achtziger Jahren in Indiana aufgewachsen sei. Für einen Sportler – und als solchen sah ich Stanley – war das dort damals eine fantastische Zeit. Die Indiana University war dank des Basketball-Trainers Bobby Knight legendär und der Profispieler Larry Byrd wurde in Boston zu einem großen Star.“

        „Mein Bruder war als Schüler ein erfolgreicher Sportler“, fährt Strouse fort. „Er erzählte mir etwas, was ich mir für Stanley zunutze machte. Er sagte: ‚In der High School dachte ich, dass mir alles zufällt, was ich mir wünsche. Wenn man sich dort gut macht, wird man belohnt und wie Gott behandelt, doch nach der Schule und dem College fühlt man sich plötzlich, als würde man von einer Klippe geschubst.‟ Diesen Gedanken gab ich John mit auf den Weg und fragte ihn, wie es wohl sei, sich erst wie ein Held zu fühlen und dann ein Haushaltswarengeschäft managen zu müssen.“

        Die Hintergrundgeschichte, die Cusack für Stanley entwickelte, verhalf seiner Darstellung zu einer unglaublichen Tiefe. Für Cusack stand fest, dass Stanley früher nicht nur Sportler gewesen sei, sondern später auch eine Verletzung erlitten habe. Also verpasste er ihm „einen Buckel und einen komischen Gang“, wie Strouse es nennt. „Für mich ist Stanley wie eine Pflanze, die im Dunkeln wächst, vergeblich nach Licht sucht und vertrocknet. So geht dieser mit den Enttäuschungen seines Lebens um.“ „Jim hatte wunderbare Dinge über die Geschichte zu sagen“, fügt Cusack hinzu. „Als Schauspieler und Produzent gab ich dann meinen Teil dazu, Dinge, die vor allem Schauspieler verstehen. Gemeinsam haben wir hart daran gearbeitet, die Wahrhaftigkeit jeder Szene zu finden, denn das war unsere Mission. Aber ein Großteil der Arbeit bestand auch darin, den Mädchen die Freiheit zu geben, jeden Tag Neues zu wagen.“

        Für seine jungen Kolleginnen erwies sich Cusack als perfekter Mentor. „Es war wichtig, das Set zu einem besonderen Ort zu machen, an dem jeder seine einzigartige Persönlichkeit ausleben konnte. Wenn beispielsweise die achtjährige Grace Bednarczyk, die Dawn spielt, singen und tanzen übte, dann ermutigte ich sie, das auch in ihre Rolle einzuarbeiten. Dadurch schufen wir in ihren Szenen, oder auch jenen im Auto, Raum für ein wenig Improvisation.“

        „Für mich war das alles neu“, ergänzt Strouse, „doch es erschien mir richtig, denn ich wollte ja möglichst wahrhaftig bleiben. Meine Regel im Bezug auf die Mädchen war immer, ihnen nicht zu sagen, was richtig oder falsch sei, sondern sie einfach machen zu lassen. Dabei versuchte ich so gut es geht sie zu ermutigen. John und ich schufen eine sichere Umgebung in der sie ihre Rollen am Set erforschen konnten.“

        Cusack selbst wusste auf Anhieb, welchen herausforderungen er sich mit der Rolle des Stanley stellen musste: „Ich war pedantisch in der Vorbereitung, schon aus Selbstschutz. Um jemanden wie Stanley zum Leben zu erwecken, der so vieles für so lange in sich hineinfrisst und unterdrückt, brauchte ich unglaublich viel Raum und Zeit. Das war ein richtiger Reifeprozess.“

        „Manchmal ist das Ergebnis am überzeugendsten, wenn nicht jedes kleinste Detail durchdacht wurde.“ (John Cusack über die Arbeit am Set)

        Auch mit dem Kameramann Jean-Louis Bompoint arbeiteten Strouse und Cusack eng zusammen. Sie entwarfen einen Kameraplan, der die Erzählung und ihre Charaktere reflektieren und bereichern sollte. „Wir sprachen oft von der Kamera als einem respektvollen Beobachter“, erläutert Strouse. „Der Film sollte mit einer gewissen Unbewegtheit beginnen, um Stanleys Innenleben widerzuspiegeln. Er ist ein sehr zurückgezogener und zurückhaltender Mann, der seine Töchter zwar liebt, aber nicht immer weiß, wie er mit ihnen sprechen soll. Je weiter der Film aber voranschreitet und Stanley lockerer wird, desto mehr tut es die Kamera ihm nach. Am Anfang stehen Kälte und Ruhe, am Ende Wärme und Bewegung. Als wir schließlich im Freizeitpark Enchanted Gardens ankommen, tanzt die Kamera geradezu um unsere Protagonisten herum.“ Als wunderbare Erfahrung beschreibt auch Cusack den Dreh mit der Handkamera im Freizeitpark in Florida. „Es war für den Film von entscheidender Bedeutung, jemanden wie Jean-Louis an der Kamera zu haben“, merkt er an. „Wir waren uns alle einig, dass der visuelle Stil die schauspielerischen Leistungen nicht überschatten durfte, daher war Jims Ansatz des ‚respektvollen Beobachters‟ für den Film genau richtig.“

        „Jean-Louis war perfekt, weil er sehr an den Menschen interessiert ist und ein gutes Auge dafür hat, was ästhetisch schön ist“, fährt Cusack fort. „Es war jeden Tag eine Art Tanz. Als wir beispielsweise die Szene drehten, in der Stanley zum ersten Mal allein ist und einen Zusammenbruch zulässt, verzichteten wir auf jede Planung und arbeiteten ganz spontan. Manchmal ist das Ergebnis einfach am überzeugendsten, wenn gar nicht jedes kleinste Detail durchdacht wurde.“

        Der Schauspieler erinnert sich auch daran, wie diese Szene seinen jungen Kolleginnen half, die Auflösung des Films zu spielen, also jenen Moment, in dem Stanley endlich die Kraft findet, seinen Töchtern zu sagen, dass ihre Mutter gestorben ist. „Als wir die Szene drehten, kannten wir uns alle bereits sehr gut, doch diese Szene sollte für uns alle die Feuerprobe sein. Shélan und Gracie sind beide höchst einfühlsame Schauspielerinnen, aber weil ich selbst meinen ersten Film mit 16 Jahren gedreht habe, wusste ich ein wenig, wie der Verstand junger Schauspieler arbeitet und wie nicht.“

        Für die bewegendste und schwierigste Szene des gesamten Films war es entscheidend, dass Cusack und die Mädchen ein Gefühl jener emotionalen Reise vermitteln konnten, die sie zurückgelegt hatten. Cusack glaubte, dass es in der Vorbereitung helfen würde, einen Blick von außen auf Stanley zu werfen. Vor dem Drehen der Familienszene am Strand sahen sie sich deswegen Videomitschnitte seines großen emotionalen Zusammenbruchs an. „Ich wusste, dass es den Mädchen helfen würde, auch Stanleys Schmerz vor Augen zu haben, deswegen saßen wir gemeinsam im Auto, sahen uns diese Szene an und zogen uns noch einmal kurz zurück“, erklärt Cusack. „Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden bereits einen Bezug zu allen Figuren des Films, und ich wollte ihnen das Gefühl geben, dass es in Ordnung sei, sich so weit gehen zu lassen. Wir sprachen darüber, wie man sich so etwas vorstellt und nach Möglichkeit auch eigene Gefühle wie Trauer, Freude, Schmerz oder Ironie mit einbringt. Genau das ist schließlich die Arbeit von Schauspielern.“

        „Diese beiden Mädchen waren wirklich außergewöhnlich“, begeistert er sich. „Ich versuchte jeden Tag so viel wie möglich von mir zu geben und sie machten es genauso. Man tut das aus einem einzigen Grund, nämlich dem Glauben daran, Kunst zu schaffen. Deswegen muss man seine Sache gut machen, und GRACE IS GONE ist so gut geworden wie wir drei es nur sein konnten.“

        „Es ist ein Leichtes, sich über Kleinstädte und den Mittleren Westen lustig zu machen. Ich dagegen zeige sie lieber aus der Perspektive von jemandem, der dort lebt.“ (Regisseur James C. Strouse)

        Strouse war davon ausgegangen, dass der Film genauso gedreht würde, wie er ihn geschrieben hatte, doch er erkannte schließlich auch die Möglichkeiten, die eine gewisse Freiheit mit sich brachte. Das Ergebnis waren einige der erinnerungswürdigsten Momente des Films. Zum Beispiel hatte er in einer Wal-Mart-Filiale einmal morgens beobachtet, wie sich die Angestellten mit einer Gruppen-Umarmung und Jubelrufen motivierten. Die Idee, diesen Moment ins Drehbuch einzubauen, verwarf er wieder, um nicht herablassend zu wirken. Doch als Cusack ihn nach dem Alltag in Stanleys Geschäft fragte, erzählte er ihm von dem Erlebnis.

        „John wollte die Episode unbedingt im Film verwenden“, erinnert sich Strouse. „Als wir einen Tag lang vor Ort in Stanleys Geschäft drehten, inspizierte er sogar eigens den Lagerraum. Also drehten wir die Szene tatsächlich, und heute kann ich mir den Film nicht mehr ohne diesen Moment vorstellen, der so viel über diesen Menschen aussagt.“

        „Während der Arbeit am Drehbuch schreibt man schnell mal über Orte wie eine McDonald‟s- Filiale oder eine Blockbuster-Videothek. Aber im Film entfalten die Bilder dieser Marken und Logos dann eine unglaublich kraftvolle Wirkung“, beschreibt Strouse die Schwierigkeiten des Milieus. „Es ist ein Leichtes, von oben herab auf Kleinstädte oder den Mittleren Westen zu blicken, aber eben überhaupt nicht einfallsreich. So viele Filmemacher nähern sich diesen Landstrichen entweder herablassend oder über-romantisierend. Ich zeige sie lieber aus der Perspektive von jemandem, der dort lebt.“ Als gebürtiger Chicagoer, der schon viele Filme in der Umgebung seiner Heimatstadt gedreht hat, schlug Cusack die Metropole in Illinois als Basisstandort für die Produktion vor.

        Bewusst hatte Strouse die Handlung des Films in einer typischen und vor allem namenlosen Vorstadtsiedlung im Mittleren Westen angesiedelt, wie sie sich in Chicago problemlos finden ließ. „Chicago ist ein toller Ort, um einen Film zu drehen“, meint Cusack. „Aber der Großteil des Films spielt unterwegs, und dieser Weg ist heutzutage sehr allgemeingültig. Auf seinen Straßen sieht Amerika überall gleich aus. Wir haben mit dem Film das Bild des Highways als einer offenen Arterie geschaffen, die durch das ganze Land verläuft. Ich finde es einen sehr interessanten Aspekt des Films, dass es keine Wildnis oder kein Hinterland im klassischen Sinne mehr zu sehen gibt.“

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