Natürlich wäre es am einfachsten gewesen, die Geschichte von RATATOUILLE aus menschlicher Sicht zu verfilmen. Aber Brad Bird griff sich – ebenso natürlich – die unbequemere und unvorhersehbarere Variante und entschied sich dafür, die Story aus der Sicht seines heldenhaften Nagetiers zu erzählen. Seine filmische Inspiration dafür bekam Bird durch Quellen, die man nicht auf Anhieb vermuten würde: „Eine Sequenz war von Alfred Hitchcocks DAS FENSTER ZUM HOF („Rear Window“, 1954) beeinflusst“, gibt der Regisseur zu. „Darin linst Hitchcock aus der Perspektive von Jimmy Stewarts Apartment in die Wohnungen und das Leben der anderen Bewohner. In unserem Film sehen wir ein Apartment in Paris mit den Augen einer Ratte.“
Die für die Beleuchtung zuständige Chefkamerafrau Sharon Calahan, die schon in FINDET NEMO, TOY STORY 2 und DAS GROSSE KRABBELN diese Funktion innehatte, wusste, dass sie auch bei RATATOUILLE ein ordentliches Stück Arbeit vor sich hatte. „Wir strebten einen sehr satten Look an, wir wollten ein Gefühl dafür erzeugen, was es bedeutet, in Paris und in einem Pariser Restaurant zu sein, wir wollten, dass die Gerichte appetitlich aussehen, und wir wollten, dass diese kleinen pelzigen Charaktere süß und gewinnend aussehen“, sagt Calahan über die Aufgaben, die vor ihr lagen.
„Ich hatte schon ein paar Ideen, wie man den Look durch sattere, tiefere und kräftigere Farben anreichern kann, und das schien gut zu unserer Geschichte zu passen“, fährt sie fort. „Das bedeutete, dass unser Beleuchtungsmodell die umgekehrte Funktion einnehmen sollte als üblich – nämlich Schwarz hinzufügen, wenn kein Licht brennt. Stattdessen wollte ich mehr Oberflächenfarben, und dafür brauchten wir etliche kleine Tricks und Kniffe.“
Calahan war angetan von der Idee, dem Film das Feeling eines perfekten Oktobertages in Frankreich zu verleihen: „Wir reisten nach Paris, es war sonnig, aber das Licht war silbrig und irgendwie diffus, und alles fühlte sich sehr sanft, warm und einladend an. Das war genau die Qualität, die ich auch für den Film haben wollte“, sagt sie. „Der Film ist nicht mit vielen kräftig leuchtenden Farben und stark gesättigten Schatten illuminiert wie sonst üblich, weil ich das Lokalkolorit von Paris feiern wollte.“
Als es um die Aufnahmen der Gerichte ging, schaute Calahan die ganze Palette der internationalen Gourmet-Magazine und Kochbücher durch, um sich dort Inspiration zu holen. „Ich habe eine Menge Zeit damit verbracht, die Food-Fotografie zu studieren, herauszufinden, wo der Unterschied zwischen guter und schlechter Food-Fotografie liegt, und dies auf die speziellen Komponenten herunterzubrechen“, erläutert sie. „Verschiedene Lichtquellen lassen die Gerichte besser aussehen. Also lautete unsere Frage: ,Wie können wir die Gerichte glaubwürdig lichtdurchlässig aussehen lassen oder feucht genug, damit sie so appetitlich wie möglich aussehen?‘ Was wir dabei bemerkt haben: Warmes Licht bringt die natürlichen Farben von Lebensmitteln besser zum Vorschein.“
Calahan nutzte die Technik, die entwickelt wurde, um die Fische in FINDET NEMO lichtdurchlässig erscheinen zu lassen und die das Licht auf der Haut der Menschen in DIE UNGLAUBLICHEN - THE INCREDIBLES streute, um nun RATATOUILLE mehr Realismus zu verleihen.
Was die Nagetiere betraf, erklärt Calahan: „Der Schlüssel für die glaubwürdige und liebenswerte Darstellung der Ratten war es, ihrem Fell genau die richtige Qualität zu geben und ihre Ohren ein kleines bisschen zum Leuchten zu bringen. Wir haben lange herumexperimentiert, um herauszufinden, wie das Fell richtig auf Lichtquellen reagiert.“
Die Größenverhältnisse waren eine weitere Herausforderung. „Menschen und Ratten in der gleichen Welt zusammenzubringen war nicht gerade einfach“, fährt sie fort. „Das Licht war einer der wichtigsten Faktoren beim Zusammenspiel dieser Beziehung.“
Alles in allem ähnelt die Arbeit von Calahan der von traditionellen Kameraleuten. „Ich versuche, wie ein Maler zu denken, und suche mir einen Zugang über die Beleuchtung in einer Art, die alles etwas schöner aussehen lässt“, erklärt sie. „Bei RATATOUILLE hätte ich mir keine dankbarere und kreativ herausforderndere Aufgabe vorstellen können. Brad Bird hat ein Talent dafür, aus uns allen das Beste herauszuholen.“