Wir wollten das skurril-charmante Lebensgefühl von MARY POPPINS („Mary Poppins“, 1964) und THE SOUND OF MUSIC („Meine Lieder – Meine Träume“, 1965) einfangen und es der heutigen Lebensrealität in New York entgegen stellen.“ (Regisseur Robert Pulcini) Als der satirische Roman „NANNY DIARIES― 2002 erschien, erhielt er begeisterte Kritiken und wurde über Nacht ein Bestseller. Gleichzeitig umwehte ihn eine gewisse Berüchtigkeit. Denn die beiden Autorinnen Emma McLaughlin und Nicola Kraus nährten ihr Buch aus ihrem reichen, persönlichen Erfahrungsschatz ihrer (zusammen gerechnet) achtjährigen Berufstätigkeit als Kindermädchen bei über 30 Upper Class-Familien aus Manhattan. Ihr Roman zeichnet das vernichtende und brüllend komische Porträt einer astronomisch reichen Park-Avenue-Familie. Es dauerte nicht lange, bis in den Medien das große Rätselraten losging, welche echte Upper Class-Familie hier wohl Modell gestanden hatte.
Obwohl die Autorinnen versicherten, bei ihrem Buch handle es sich um reine Fiktion, gab der kenntnisreiche Inhalt genügend Anlass zu den Spekulationen, bei „NANNY DIARIES― handle es sich um einen Schlüsselroman. Bereits Monate vor der ganzen Aufregung hatten Produzent Richard N. Gladstein (FINDING NEVERLAND / „Wenn Träume fliegen lernen―, 2004; THE CIDER HOUSE RULES / „Gottes Werk und Teufels Beitrag―, 1999) und sein Assistent Gary Binko die Filmrechte für die Produktionsfirma Miramax gekauft. „Bei der ersten Lektüre sah es lediglich aus wie eine sehr gute Idee―, erinnert sich Gladstein, „aber die Tatsache, dass so viele Menschen das Buch gelesen hatten, vergrößerte die Verantwortung von uns Filmemachern – wir mussten es richtig machen! Natürlich war unsere Zielsetzung immer, gleichzeitig auch unseren eigenen Film zu drehen.
Gladstein hatte sich anlässlich eines Drehbuchs, das das Drehbuch-Regie-Team Shari Springer Berman und Robert Pulcini für ihn geschrieben hatte, mit den beiden angefreundet. Nachdem er ihren gefeierten Film AMERICAN SPLENDOR („American Splendor―, 2003) gesehen hatte, schlug er ihnen erst vor, das Drehbuch zu NANNY DIARIES zu schreiben und später Regie zu führen. Auf den ersten Blick mag es sonderbar erscheinen, dass Berman und Pulcini sich nach ihrem Porträt des stumpfsinnigen Arbeitsalltags des Büroangestellten Harvey Pekar aus Cleveland in AMERICAN SPLENDOR („American Splendor―, 2003) der Erkundung der ehrgeizigen New Yorker Oberschicht in NANNY DIARIES widmen wollten.
Für die Filmemacher besaß die Wahl jedoch eine innere Logik: „Uns gefiel, dass die Milieus sich so drastisch unterschieden―, sagt Pulcini. „Es machte uns großen Spaß, in eine komplett andere Welt hineinzuspringen.― „Ich bin gebürtige New Yorkerin―, erklärt Springer Berman. „Und die Frauen, die das Buch geschrieben haben, sind auch echte New Yorkerinnen. In diesem Buch geht es nicht um eine Fantasie, die jemand hat, der ganz woanders lebt. Es ist ein getreues und sehr interessantes Porträt einer Subkultur – die der Nannys –, die mich faszinierte.― Das Buch drehte sich auch um ein Thema, das beide Filmemacher seit Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn nicht mehr loslässt. „Das Buch behandelt das Thema ‚Arbeit’―, sagt Springer Berman. „Harvey Pekar aus AMERICAN SPLENDOR („American Splendor―, 2003) verbringt viel Zeit damit, über seinen langweiligen Job zu sprechen und sogar unsere Dokumentarfilme wie THE LAST DAYS OF CHASEN’S („The last days of chasen’s―, 1997) beschreiben Arbeitsstätten. Kindermädchen sind häufig unsichtbar und ich hatte das Gefühl, dass darin ein Thema für uns läge.
Die Regisseurin kann selbst auf ähnliche Erfahrungen wie ihre Protagonistin Annie zurückblicken. Sie erinnert sich: „Nach meinem College- Abschluss jobbte ich bei einem Ehepaar, das als Produzenten und Drehbuchautoren arbeitete. Mein Arbeitsplatz war ihre Wohnung und ich wurde völlig in ihr Leben hineingezogen. Ich war zwar kein Kindermädchen, aber die Situation für mich war ähnlich. Ich kam an einen Punkt, an dem ich mich verdrücken und einige Entscheidungen treffen musste. Als ich das Buch NANNY DIARIES gelesen hatte, erwachte in mir die Lust, über eine Phase zu schreiben, durch die die meisten jungen Menschen gehen: Die Phase, in der man noch nicht weiß, wer man eigentlich ist.―Die persönlichen Erinnerungen von Springer Berman führten dazu, dass ihre Heldin Annie Braddock keine Schülerin (wie im Buch), sondern College-Absolventin ist.
Eine große Herausforderung bei der Drehbuch-Adaption des Romans lag in der Perspektive, denn im Roman wird die Geschichte durch Annies Augen gesehen. Die Filmemacher etablierten an ausgewählten Stellen Off-Texte,aber sie erdachten auch stärkere cinematografische Strategien. Um Annies Beobachterperspektive auf das Leben zu betonen, ließen sie sie ihren Collegeabschluss im Hauptfach Anthropologie machen.
Wenn Annie im Film Personen betrachtet – meistens Karrierefrauen –, bevölkert sie in ihrer Fantasie mit ihnen die Schaukästen des Museums für Naturgeschichte. „Sie tritt aus sich heraus und wird zur hundertprozentigen Beobachterin―, sagt Pulcini. Im Roman tragen viele Personen gattungsmäßig Namen wie „Mr.X― und „Mrs. X―, „Harvard Hottie― und so weiter. Obwohl diese Typisierung im Roman vor allem dazu diente, die echten Personen hinter den Figuren zu verschleiern, behielten die Regisseure diese Typisierung bei, weil sie wunderbar in Annies anthropologische Weltsicht passte. Andererseits änderten sie den Vornamen der Heldin, die im Roman schlicht „Nanny― heißt, in „Annie―. „Es ging uns darum, dass sie ihren Namen und ihre Identität verliert, als sie bei Familie X anfängt zu arbeiten―, erläutert Springer Berman.
Die Regisseure zollten auch dem ironischsten aller Kindermädchenfilme Respekt. So erinnert die Szene, in der Annie den Griff eines roten Schirms umklammernd über die Skyline von Manhattan schwebt, kein bisschen zufällig an das legendäre Julie Andrew- Musical MARY POPPINS („Mary Poppins―, 1964). „Wir wollten das skurril-charmante Lebensgefühl von „Mary Poppins― und THE SOUND OF MUSIC („Meine Lieder – Meine Träume―, 1965) einfangen und es ein wenig der heutigen Lebensrealität in New York entgegenstellen―, verdeutlicht Pulcini. „Für uns stellte der rote Schirm ein Symbol für ihre Sehnsucht nach Freiheit und der Flucht aus ihrem Leben und vor ihren Problemen dar.― Die größte Änderung zum Roman war der Unterschied zwischen Annies Herkunft und dem Leben der Familie X. „Im Buch ist der gesellschaftliche Unterschied geringer, subtiler angelegt,― so Pulcini. „Für Shari und mich war sie eher das klassische Vorstadt-Mädchen, für das die Umgebung, in die sie sich selbst wirft, ein regelrechter Kulturschock ist.