Mittwoch | 30. Mai 2012 | 22:15 Uhr
Sie befinden sich hier: KINO | Startseite > Datenbank > Filmdetails > Filminfos
  • FILMDETAILS | Die Queen
  • Die Queen

    Drama, Biografie | Großbritannien 2006
    WERBUNG
      • | Über die Produktion

      • Als Prinzessin Diana bei einem Autounfall im August 1997 starb, hätte kaum jemand vermutet, welche Auswirkungen diese Tragödie sowohl auf die britische Regierung als auch auf die königliche Familie haben würde. Nach ihrer Trennung von Prinz Charles hatte Dianas Weigerung, von der öffentlichen Bildfläche abzutreten, hohe Wellen geschlagen. Aber obwohl sie die meist¬fotografierte und vielleicht berühmteste Frau der Welt war, veränderte erst ihr viel zu früher Tod die britische Öffentlichkeit und deren Einstellung zu offen gezeigten Gefühlen und zur Monarchie.

        Als Inspiration zu einem Film waren die Ereignisse rund um den Tod von Prinzessin Diana ideal: Ein Todesfall nach der Hetzjagd durch skrupellose Paparazzi; eine junge Frau in der Blüte ihrer Jahre, die grausam sterben muss; eine umstrittene Liebesaffäre, die der Tod beendet, bevor sie recht erblühen konnte; ein Volk, das die Todesnachricht schockiert und eine Presse, die für den Tod verantwortlich gemacht wurde und verzweifelt die Aufmerksamkeit von sich selbst ablenken wollte.

        Dennoch waren es ganz andere Aspekte jener schrecklichen Ereignisse, die die Produzenten Christine Langan und Andy Harries, bei Granada zuständig für Drama, Comedy und Film, aktiv werden ließen und schließlich zur Entstehung von THE QUEEN führten. Die Beiden hatten kurz zuvor „The Deal“ produziert, ein Fernsehdrama über Tony Blair und seinen Widersacher Gordon Brown, ebenfalls aus der Feder von Peter Morgan und inszeniert von Stephen Frears. Die gemeinsame Arbeitserfahrung prägte sich als so positiv ein, dass die Beiden unbedingt ein zweites Projekt mit Frears und Morgan verwirklichen wollten, das sich mit der britischen Gesellschaft der Gegenwart beschäftigte.

        Dieses Mal lag die cineastische Messlatte höher: THE QUEEN sollte die formelle, altmodische Welt der Royals in ihrer schottischen Zuflucht Balmoral und im eleganten Buckingham Palast der lässigen Modernität des frisch gewählten Premiers Tony Blair und seiner Entourage aalglatter, imagebewusster Helfer gegenüberstellen.

        „Andy, Stephen, Pete und ich wollten zusammen noch einen Film über eine britische Institution drehen“, erzählt Langan. „Die königliche Familie lag da natürlich nahe. Dianas Tod und die Frage, wie die Royals damit fertig zu werden versuchten, kristallisierte sich schnell als vielversprechendes Thema heraus. Zu Lebzeiten war Diana der Grund für immense Spannungen. Da war es fast unvermeidbar, dass ihr Tod die Monarchie mit der vielleicht größten Herausforderung der vergangenen 50 Jahre konfrontieren würde.“

        Für Harries gab die Erinnerung daran, wie die Royals auf die Nachricht von Dianas Tod reagierten, den entscheidenden Ausschlag. Die Vorstellung einer königlichen Familie, die so gefangen ist in ihren Traditionen, dass sie selbst angesichts einer solchen Tragödie nicht mit dem Protokoll brechen wollte und konnte.

        „Was mich an der Story um Diana und die Queen schon immer fasziniert hat“, erinnert sich Harries, „war diese alternde in der viktorianischen Ära verwurzelte Monarchin, die von einer jungen Prinzessin herausgefordert wird, nur weil diese Prinzessin dank einer Reihe von Fehleinschätzungen in diese königliche Familie aufgenommen wurde. Diana verbreitete eine außergewöhnliche Aura und ich kann mich noch an die Woche erinnern, in der sie starb. Es war fast bizarr, eine merkwürdige Stille herrschte und niemand wusste zunächst wie er reagieren sollte. Dann brach die Trauer los. Aber waren das echte Gefühle oder nur aufgesetzte? Galten diese Gefühle wirklich Diana? Oder waren sie Ausdruck all unserer eigenen Leiden?“

        Drehbuchautor Peter Morgan reizte die Vorstellung, die Ereignisse rund um Dianas Tod zu dramatisieren. Aber erst als er zu schreiben begann, nahmen die Figuren für ihn tatsächlich Form an: „Ursprünglich wollte ich ein Drehbuch schreiben, das verschiedenste Figuren, berühmte und namenlose, über 24 Stunden hinweg beobachtete, die allesamt von diesem Ereignis im August betroffen waren. Mir wurde aber schnell klar, dass der eigentlich interessante Teil die königliche Familie war und wie sie sich in der Woche zwischen ihrem Tod und dem Begräbnis verhielten. Die Familie steckte in einer Krisensituation, eingeschlossen in der abgeschiedenen Welt von Balmoral, unfähig auf das, was in London und im Rest des Landes vor sich ging zu reagieren. Um die beiden Enkel zu schützen, hatte die Queen angeordnet, alle Fernseher und Radios zu entfernen. Die Menschen in London jedoch gingen währenddessen auf die Straßen, forderten empört eine Reaktion der königlichen Familie ein. Aber es gab erst einmal keine, die nach außen sichtbar gewesen wäre. In dieser Woche war eine starke anti-monarchistische Tendenz spürbar, die von der Presse angeheizt wurde, weil sie selbst es war, der ja eigentlich die Schuld an den Ereignissen zugeschrieben wurde.“

        Doch es sollte nicht nur die Situation der königlichen Familie, konzentriert auf die Queen dargestellt werden, sondern ebenfalls die Rolle, die Tony Blair, der frisch gewählte Premierminister der Labour Partei, während der Ereignisse um Dianas Tod spielte. Sehr schnell entwickelte sich das Drehbuch zu THE QUEEN dann in eine Story, die die alte Welt ererbter Macht mit der modernen Welt demokratisch gewählter Macht kontrastierte. Für Peter Morgan wurde es zu einer Geschichte „über die Verfassung, den Führungsstil und das Machtgleichgewicht zwischen dem Premierminister und seiner Herrscherin.“

        „Das Faszinierende waren ja gerade jene Dinge, die hinter den Kulissen passierten“, erzählt Langan. „An die brandneue Regierung waren von den Wählern ebenso wie von den politischen Beobachtern hohe Erwartungen gestellt worden. Aber vier Monate nach der Wahl hatte Blair noch keine entscheidenden Zeichen gesetzt. Mit dem Tod der Prinzessin von Wales fand er plötzlich in seine Rolle. Das Schlüsselelement der Story war das Verhältnis zwischen Blair und der Queen und Blair wusste sehr wohl, dass er ein gewichtiger Partner in dieser Beziehung sein konnte.“

        Für Harries war der einfache Kern von Morgans Story einfach perfekt: „Auf der einen Seite gibt es die Queen und die königliche Familie, die sich in einem abgelegenen Teil Schottlands verkriechen, auf der anderen Seite steht der junge, dynamische Tony Blair, der die Situation augenblicklich erfasst. Bis zu einem gewissen Grad rettet er die Zukunft der Royals, weil er sie dazu bringt, sich den modernen Medien anzupassen und sich der fordernden Öffentlichkeit zu stellen.“

        Bei Regisseur Stephen Frears, der unter anderem die Oscarnominierten Filme GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN, GRIFTERS und KLEINE SCHMUTZIGE TRICKS inszeniert hat, mussten die Produzenten nur wenig Überzeugungsarbeit leisten.

        „Themen zu finden, die noch lebendig sind“, so Frears, „und nicht schon breitgetreten wurden, ist sehr schwer. Ich hatte Glück, in den letzten drei oder vier Jahren an solche Projekte zu kommen. THE QUEEN reizte mich zum einen auch deshalb, weil es eine erneute Zusammenarbeit mit Peter Morgan bedeutete und zum anderen wegen seines Themas. Der Film dreht sich um den Konflikt zwischen einer alten und einer neuen Welt. Es geht um Tradition, die in unserem Land immer Stärke und Schwäche zugleich war.“

        Stephen Frears Leidenschaft als Regisseur war ausschlaggebend für den Erfolg von THE QUEEN. „Für ein derart komplexes und kontroverses Thema ist ein Schwergewicht von Regisseur wie Stephen unabdingbar“, konstatiert Andy Harries und zählt dessen Vorzüge auf: „Stephen ist nicht einfach nur ein guter Regisseur, sondern auch unglaublich clever. Das sind seltene Eigenschaften. Er ist bereit Risiken einzugehen, ist immer auf dem Sprung und dreht sehr unterschiedliche Filme.“

        Zentrales Element in THE QUEEN ist die auffallende Liebe zum Detail. Das überrascht nicht angesichts der Tatsache, dass die Thematik des Films Anlass zur Zensur gegeben hätte, wäre er nicht in seiner Darstellung absolut und exakt authentisch. Diese Genauigkeit reicht von der Art und Weise, wie der Queen das Frühstück serviert wird bis zu ihrem Verhalten gegenüber der Familie hinter verschlossenen Türen. Während er am Drehbuch arbeitete, sammelte Morgans Team Informationen von allen Seiten und wertete sie aus, fahndete nach Quellen, die der königlichen Familie nahe standen und kämpfte sich durch Archivmaterial und alte Fernsehbilder. Dieses Verfahren hatte das Team auch bei „The Deal“ bereits erfolgreich angewandt. Rat inbezug auf die königliche Familie erhielten sie außerdem von Robert Lacey und Ingrid Seward. Zu den erfolgreichen Büchern von Autor Robert Lacey gehören unter anderen „Royal: Her Majesty Queen Elizabeth II“ (2002), „The Queen Mother“ (1987) und „Princess“ (1982). Seward ist Chefredakteurin der angesehenen Zeitschrift „Majesty“, die sich mit den Royals beschäftigt und hatte als Einzige Zugang zu Diana, um ihre Bestseller „Diana: An Intimate Portrait“ (1997) und „The Queen & Di: The Untold Story“ (2001) zu schreiben.

        „Ich habe mit jedem gesprochen, der reden wollte“, erinnert sich Peter Morgan. Es gibt viele Biografen sowohl der Royals als auch der Blairs und alle verfügten sie über Quellen vom Stallmeister bis zur Sekretärin, von Butlern und Dienstmädchen bis zu Staatsbeamten. Material gibt es genug, man muss nur wissen, wie man die Spreu vom Weizen trennt.“

        In Bezug auf Protokoll und Etikette war es einfach herauszufinden, wie zum Beispiel die korrekte Anrede der Queen durch einen Diener ist. Schwieriger wurde es für Morgan sich vorzustellen, was seine Figuren wohl in den privaten, unbeobachteten Momenten sagen würden. „Natürlich muss ich als Autor spekulieren“, erklärt er, aber auch diese Spekulation wird einfacher, wenn man vorher jemanden befragen konnte, der mit Charles in der Nacht von Dianas Tod gesprochen hat. Ich weiß, was Charles damals gesagt hat und konnte es also relativ genau wiedergeben. Je mehr Informationshäppchen man sammelt, desto besser kann man auch erkennen, welche Quellen verlässlich sind.“

        Peter Morgan arbeitet mit seiner ganz eigenen Methode: „Ich schreibe das, was die Figuren meiner Meinung nach sagen sollten, und danach überprüfe ich den Dialog durch Recherche. Überraschenderweise klappt das ziemlich häufig und es stimmt, was ich mir habe einfallen lassen“, schmunzelt er. Es gibt Szenen, die komplett erfunden sind, wie zum Beispiel jene Szene, in der die Queen den kapitalen Hirsch besichtigt, der erlegt wurde. Und es gibt andere, da liegt die Vermutung einfach nahe, dass es so gewesen sein könnte. Warum zum Beispiel hat Tony Blair die Queen so vehement verteidigt? Wir wissen, dass er Pragmatiker ist, wir wissen auch, dass er konservativer ist, als die meisten Leute meinen und - seine Mutter, wäre sie noch am Leben, hätte dasselbe Alter wie die Regentin. Und vielleicht wäre sie ihr ein wenig ähnlich. Deshalb konnte ich eine Szene erfinden, in der Cherie Blair laut darüber nachdenkt, warum ihr Mann sich so verhält wie er es tut.“

        In Stephen Frears fand Morgan seinen Lieblingskollegen: „Er ist ein Autorenregisseur“, lobt er. „Stephen geht jedes einzelne Dialogwort durch und zwingt dich, Dinge noch klarer auszudrücken. Er fragte andauernd: Was passiert in dieser Szene? Ich antwortete: X, Y und Z. Darauf er: Aber das hast du nicht geschrieben. Es gab unzählige Veränderungen in Atmosphäre, Tonlage und Eindeutigkeit. Nur wenige Regisseure haben diese intellektuelle Strenge.“

        Frears selbst gibt sich bescheiden, was seinen Beitrag zum Drehbuch angeht: „Alle Änderungen am Drehbuch dienten nur dem besseren Erzählen der Handlung. Mir geht es immer darum, es dem Publikum leichter zu machen.“

      • | Userwertung

      Wertung: 4.5/10 (2 votes)

      • | Cinefacts bei Facebook
      Facebook Logo
        • | WEITERE INFOS
            •   AKTIONEN