Eines der wichtigsten Themen in THE QUEEN ist die Spannung zwischen der alten Welt der Tradition und des Protokolls und jener neuen des Gefühls und der Ungezwungenheit. Dieser Kontrast beeinflusste jeden Aspekt des Films, von der Beleuchtung über die Wahl der Kamera bis hin zum Szenenbild und den Kostümen.
Die Bildinszenierung von THE QUEEN übernahm Affonso Beato. Der brasilianische Kameramann ist am besten bekannt durch seine Zusammenarbeit mit dem spanischen Autorenfilmer Pedro Almodóvar, unter anderem bei dessen Filmen ALLES ÜBER MEINE MUTTER und LIVE FLESH – MIT HAUT UND HAAR.
Stephen Frears Anweisungen an ihn waren denkbar einfach, erinnert sich Beato: „’Alle Szenen mit der königlichen Familie auf 35 mm und alle Szenen mit Blair auf Super 16!’ Das passt zum Film: 35 mm wirkt durchkomponierter, statischer und hat mehr Grandezza, während Handkamera auf Super 16 mehr Energie und Struktur vermittelt. Wir wollten einen starken Kontrast zwischen den beiden Welten, von einer starren, stillen Welt zu einer modernen, hektischen.“
Eine der Herausforderungen für Affonso Beato war der zeitliche Rahmen des Films: „Die Handlung spielt innerhalb einer Woche, aber wir haben über einen Zeitraum von zwei Monaten gedreht. Die Innendrehs konnte ich kontrollieren, die Außendrehs leider nicht. Die Schwierigkeit lag darin sicherzustellen, dass der Farbton der Bilder gleich blieb. Ein wenig Sonne hätte ich mir für diesen Film natürlich auch gewünscht. Aber mit diesem Problem kämpft man bei einem Dreh in England ja immer.“
In den Drehorten und dem Szenenbild tritt der Kontrast zwischen der steifen Atmosphäre bei den Royals und dem entspannten Charme der Blairs erst recht zutage. Die Herausforderung, diese zwei Welten zu erschaffen, nahm Szenenbildner Alan Macdonald an, zu dessen vorherigen Filmen John Mayburys THE JACKET und die Francis-Bacon-Biografie LOVE IS THE DEVIL gehören. Seiner Meinung nach ist ein Szenenbild dann gelungen, „wenn man es fast gar nicht wahrnimmt.“
Macdonald, der zur Vorbereitung Biografien und anderes Fernseharchivmaterial über die Royals studierte, stellt fest: „THE QUEEN spielt in einer Welt, die einem sehr vertraut erscheint. Wir glauben, die königliche Welt von Windsor Castle, Balmoral und dem Buckingham Palast zu kennen, weil uns die Bilder davon so vertraut sind. Unser Film spielt aber nicht in jenen öffentlichen Bereichen, die man aus dem Fernsehen kennt. Tatsächlich spielt sich das meiste in jenen Privatbereichen der königlichen Residenzen ab, über die nur wenig dokumentiert ist – Die Queen in ihrem Schlafzimmer, im Bett, beim Fernsehschauen oder im Auto, wie sie über das Gelände von Balmoral fährt. Zunächst war ich etwas irritiert, bis ich dann die große visuelle Chance erkannte, die sich mir dadurch bot.“
Ein großer Teil des Films spielt auf Balmoral, der wohl privatesten Residenz der Queen. Sie ist eine von zwei Residenzen, die der Queen persönlich und nicht dem Staat gehören und wurde von Queen Victoria erbaut als rein private Oase. Victoria und ihr Mann entwarfen es selbst als gräfliches Anwesen und dank Alberts deutscher Herkunft zeigt Balmoral deutlich bayerische Einflüsse. Es ähnelt den Jagd¬schlössern König Ludwigs II.
Macdonalds Recherche wurde erschwert, weil etliche Besitzer von möglicherweise geeigneten Anwesen die Drehgenehmigung verweigerten, sobald sie erfuhren, um was es bei diesem Film ging. Von 25 bis 30 ursprünglich in Frage kommenden Anwesen blieben am Ende jene drei übrig, die im Film bei Innen- und Außenaufnahmen Balmoral doubeln: Cluny Castle in Aberdeenshire, Glenfeshie Estate in Invernessshire and Blairquhan Castle in Ayrshire. Keines von ihnen war zuvor jemals in einem Film zu sehen.
„Interessant daran war für mich, in eine private Welt einzudringen“, erzählt Macdonald. „Wir mussten etwas Zeitloses erschaffen, das auf der einen Seite Tradition vermittelte und auf der anderen Seite wie ein Landhaus einer wohlhabenden Familie wirkte.
Die Royals werden in THE QUEEN so gezeigt, als seien sie ein wenig in der Mitte des 20. Jahrhunderts stehen geblieben. Sie verharren in formalen Dingen und gehören eben einer Generation an, die während und nach dem Krieg aufgewachsene ist und eine Zeit der Entbehrung miterlebt hat. Diese Zeit hat ihre Psyche ebenso wie Design und Funktionalität ihres Hauses geprägt. Die Queen ist sparsam. Bei ihr gibt es Heizstrahler anstatt Zentralheizung, wenn es mal kalt wird. Und in Balmoral, dem Gegenpol zum Pomp des Buckingham Palasts dreht sich alles um das Leben draußen, in der Natur. „Wir benutzten keine Rot und Blautöne“, erläutert Macdonald, „nur Natur- und Erdtöne. Außerdem haben Victoria und Albert ja in Balmoral die „Tartanmania“, also die Leidenschaft für die Karomuster der schottischen Clans, begründet. Da sind wir für den Film allerdings hinter der Realität zurück geblieben, die von karierten Vorhängen über Teppiche bis zu Sofabezügen reicht. Sonst hätte unser Balmoral im Film wie das Hotel eines Themenparks gewirkt. Ich habe also alles etwas abgemildert und gedämpft. Es ist außerdem auch sehr formell, aufgeräumt und ordentlich.“
Macdonald fährt fort: „Die Blairs sind das völlige Kontrastprogramm. Meine Nachforschungen hatten ergeben, dass Tony und Cherie eher studentisch lebten. Sie haben keine Ahnung von dem, was die Royals in ihrem königlichen Haushalt umtreibt. Sie sind ein Ehepaar mit kleinen Kindern, das ziemlich genau so lebt wie die meisten Ehepaare ihres Alters mit Kindern: Ein wunderbarer Kontrast zum steifen und peniblen königlichen Haushalt - chaotisch und von großer emotionaler Wärme.“
Diese Lockerheit erstreckt sich bis auf den Amtssitz des Premierministers in der Downing Street. „New Labour hat auch den Stil in der Downing Street entkrampft. Es gilt eher die Devise ‚Nenn mich Tony“ als „Jawohl, Herr Premierminister“. Dementsprechend habe ich Downing Street auch gestaltet.“
Weitere Drehorte waren die Londoner Goldsmith’s Hall, die den Chinese Room im Buckingham Palace doubelte, Brocket Hall in Hertfordshire, wo sich das Film-Schlafzimmer der Queen und ihr Ankleideraum befanden, RAF Halton in Buckinghamshire, dessen Innenräume verschiedene offizielle Räume des Palasts „spielten“ und schließlich der Southend Flughafen, der im Film als RAF Northolt fungierte.