Meine Frau Tina war die erste, die mir die „wahre“ Geschichte erzählt hat, der „Adrift“ zugrunde liegt. Ich konnte das Schicksal der sechs Freunde kaum glauben.
Das war für mich eine absolute Horror-Vorstellung. Ich mit Tina im Wasser und es führt kein Weg zurück auf das Boot. Was soll ich tun? Wie kann ich überleben. Wie kann ich uns retten? Wer wird als erster untergehen? Ein unausweichliches Schicksal, das einem den Magen umdreht. Das simple Konzept dieser Idee war sehr verlockend. Sofort spielte ich mit dem Gedanken einen Film aus dieser Geschichte zu machen. Es fasziniert mich, meine Ängste zu erforschen, mich mit ihnen zu konfrontieren.
Der Aufwand schien mir zu Anfang sehr überschaubar. Da ich schon seit 1999 in Los Angeles durch einen Manager und eine Agentin vertreten wurde, versuchte ich sie von der Einzigartigkeit dieser wahren Begebenheit zu überzeugen. Doch das stellte sich schnell als schwere Aufgabe dar. Jeder belächelte die Idee und meinte, das sich diese Geschichte nicht über 90 Minuten tragen würde.
Drei Jahre später sah ich auf dem Fantasy Filmfest in München den Trailer von „Open Water“. Es traf mich wie der Blitz. Ich war geschockt. Zwei Taucher dümpeln im Wasser herum und werden von Haien gefressen, und ganz Hollywood dreht durch. Der Trailer war verdammt gut – Benzin ins Feuer – ich brannte wieder lichterloh vor Begeisterung und traf direkt nach meinem Kinobesuch meinen Produzenten Dan Maag auf der Kindergarten Grill-Party unserer Kinder. Ich überschüttete ihn mit meinen Ideen. Zehn Tage später saß ich in Los Angeles mit dem Autor, Adam Kreutner, zusammen, mit dem Dan Maag schon zuvor gearbeitet hatte, und arbeitete an unserem Film mit dem Arbeitstitel „Godspeed“. Nach nur vier Monaten stand ein drehfertiges Drehbuch, mehr oder weniger zur gleichen Zeit stand die Finanzierung des Low-Budget Projektes und nach neun Monaten begannen die Vorbereitungen in Malta. Nach zwölf Monaten war „Godspeed“ abgedreht. Nach achtzehn Monaten wurde „Adrift“ aka „Godspeed“ in die ganze Welt verkauft.
Der Hauptgrund für diesen Erfolg ist wohl die Einfachheit und die Nachvollziehbarkeit der Geschichte. Diese zwei Punkte habe ich in meinem Konzept für den Film stetig verfolgt.
Anfangs hätte ich sogar das DOGMA-Prinzip gewählt, um den Film überhaupt auf den Weg zu bringen. Glücklicherweise haben sich auf dem Weg der Finanzierung doch mehrere Koproduzenten für meine Idee interessiert und meine kühnsten Träume wurden war. Ich durfte „Godspeed“ auf Film drehen. Normal 16mm mit anamorphotischen Cinemascope-Linsen. Diese Entwicklung brachte das Projekt auf ein ganz anderes Level. Jetzt konnte ich all meine Erfahrungen mit meinem Lieblingsmedium Film zum Ausdruck bringen. Dabei unterstützte mich der junge Kameramann Bernhard Jasper. Es war eine sehr gute Zusammenarbeit, da Bernhard Jasper einen sehr effektiven, innovativen perfektionistischen Anspruch in der visuellen Umsetzung der Geschichte hatte.
Schon bei der Besprechung meines Konzepts stellte sich heraus, dass aus uns ein wasserfestes Team entstehen wird. Wir arbeiteten gemeinsam an der Lösung der folgenden Fragen: Wie kann man eine so simple Idee, ein Kammerspiel im Wasser, mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln interessant und vor allem mitreißend umsetzten? Vor allem die Stilmittel, die in der Filmkamera entstehen können, sind für mich dabei relevant:
Das Cinemascope-Format war sofort mein Wunsch, da wir ja meistens die aus dem Wasser ragenden Köpfe drehen würden. Die unendliche Weite des Meeres sollte auch weit und groß aussehen.
Das bei 16mm entstehende Korn war für mich dabei sogar ein Vorteil. Ich bin von dem urig-erdigen Gefühl des Korns und seiner psychologischen Wirkung überzeugt. Wir verstärkten es sogar noch an bestimmten Stellen, um noch eine extremere Wirkung zu erzeugen.
Bei besonders dramatischen, actiongeladenen Szenen benutzten wir den Shutter-Effekt , in Verbindung mit hektischen Kamerabewegungen, um ein Maximum an Emotion zu erzeugen. Durch unterschiedliche Blickwinkel und Einstellungsgrößen versuchten wir zudem jeder Szene einen eigenen Charakter zu geben, ohne willkürlich oder aufgesetzt zu wirken.
Eine genauso wichtige Aufgabe war es, die Schauspieler auf ihre körperlich wie psychisch äußerst anstrengende Rolle vorzubereiten. Es war von Anfang an mein Wunsch, den Film so chronologisch wie möglich zu drehen. Die Verfassung der Schauspieler sollte sich in der Verfassung der Charaktere widerspiegeln. Der Film musste so authentisch wie möglich wirken. Ich hoffte, dass ich den Bogen dabei nicht überspannen würde. Zum Glück ging der Plan auf, obwohl jeder Schauspieler an seine Grenzen gehen musste. Es war eine Freude mit dem Darstellerensemble zu arbeiten. Es war eine sehr professionelle Zusammenarbeit trotz der körperlichen Belastungen, denen alle Schauspieler ausgesetzt waren.