Das visuelle Konzept von „Adrift“ resultierte aus dem Anspruch heraus, den Zuschauer mitten in das Geschehen hineinzuversetzen. Er sollte Teil der Gruppe werden.
Um diesem Anspruch gerecht werden, sollte der Film sehr dynamisch gestaltet werden. Es sollte überwiegend mit Handkamera gearbeitet werden, da sie das Gefühl von Unmittelbarkeit transportiert. Da aber der Film zu 80% im Wasser spielt, stand man zunächst vor dem großen Problem, wie man im Wasser eine dynamische Handkamera erzählen und technisch realisieren kann. Nach einigen Testläufen, kam man zu dem einfachen Schluss, die Kamera in einem Unterwassergehäuse auf zwei sogenannte Boggie Boards zu binden. Dadurch konnte man die Bewegung der Wellen als eine natürliche Dynamik verwenden oder etwas dagegenhalten, um so das Bild stabiler erscheinen zu lassen.
Um dem Zuschauer hautnah das Gefühl des Ertrinkens vermitteln zu können, tauchte man in bestimmten Szenen in die Wasseroberfläche ein. In diesem Fall kam nur eines der Boggie Boards zum Einsatz.
Eine große Herausforderung in der Visualisierung war die Wahl des Formats. Aus finanziellen Gründen fiel die Wahl auf 16mm Filmmaterial und nicht auf das für Kino übliche kostenintensivere 35mm Filmmaterial. Da die Bilder im Wasser aber keine Höhe haben, sondern sich nur in der Breite erzählen, musste der Film aber dennoch auf 1:2,35 Kinobreitwandformat gedreht werden. Es wurden deshalb 35mm Cinemascope Optiken mit einer 16mm Kamera kombiniert, die als Endformat 16mm Cinemascope ermöglichten.
Doch der schwierige Weg zahlte sich aus, denn er eröffnete viele neue Möglichkeiten in der Auflösung des Filmes. Zum einen konnten dadurch viele Szenen in langen Sequenzen ohne Zwischenschnitte aufgelöst werden. Zum anderen ermöglichte es uns, parallele Aktionen in einer Einstellung zu erzählen. Der Zuschauer kann dadurch im Bild wählen was er sehen will und wird damit durch seinen selektiven und subjektiven Blick zum Bestandteil der Gruppe.
Neben einem dokumentarischen Stil hat der Film stilistisch viele Elemente des klassischen Dramas, des Action- und des Horrorfilms. Dabei kamen zahlreiche genrespezifische stilistische Mittel zum Einsatz, wie zum Beispiel Veränderungen der Zeitachse (extreme Zeitlupen, Zeitraffer), Shutterveränderungen, die das Gefühl von veränderter Sinneswahrnehmung vermitteln, aber auch Veränderungen des Filmmaterials (Forcieren und Crossing), die Variationen im Look ermöglichten.
Ein Beispiel hierzu ist eine Schlüsselszene, als Amy ins Wasser geworfen wird. Der Moment der Vorahnung wird mit extremen Shutter von 22,5° gedreht. Das bedeutet so gut wie keine Bewegungsunschärfe im Bild. Im Gegenzug haben wir die Kamera so stark verwackelt, dass man mit einem normalen Shutter (172,5°) wohl gar nichts mehr gesehen hätte. Durch die Shutterveränderung erkennt man aber sofort den Bildinhalt und behält trotzdem die ungewöhnliche Kameradynamik. Dadurch erzeugte man im Bild die massive Panik, die Amy im Film haben sollte.
Den Moment des Sprunges und des Auftreffens auf der Wasseroberfläche wurde mit extremer Zeitlupe verlangsamt, um die Szene möglicht dramatisch zu gestallten. Die Anschluss-Sequenz, in der Amy wie gelähmt im Wasser liegt, sollte extrem subjektiv erzählen werden, um so den Zuschauer direkt an Amys Gefühlswelt teilhaben zu lassen.
Die Lähmung sollte durch eine möglichst statische Kamera gezeigt werden. Dazu befestigte man die Kamera an der Schauspielerin. Dadurch bewegte sich nur noch der Bildhintergrund, aber nicht die Kamera im Bezug auf Amy. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, drehte man die Sequenz statt auf 24 Bildern pro Sekunde auf 6 Bildern pro Sekunde. Später wurde die Laufgeschwindigkeit des Bildes digital wieder auf 24 Bilder pro Sekunde gestreckt. Das Resultat ist ein sogenannter Motionblur-Effekt, der alle Bewegungen unscharf erscheinen lässt. Also alles außer der bewegungslos auf dem Wasser liegenden Amy bekommt diesen Unschärfeeffekt, so dass der Zuschauer wie durch die Augen von Amy nur erahnen kann, was um sie herum passiert.
Zusätzlich wurde bei der gesamten Szene Positivmaterial verwendet, aber anschließend wie ein Negativ entwickelt. Durch dieses sogenannte Crossing, bekommt die ganze Szene durch Farb- und Kontrastveränderungen einen surrealen Look.
In dieser Sequenz sollten in kurzen Flashbacks auch Teile von Amys Vergangenheit erzählen werden. Um diese stilistisch abzuheben und einen alten super8-Film ähnlichen Look zu generieren, wurde auf hochempfindlichen Material im Zeitraffer mit 18 Bildern pro Sekunde gedreht. Anschließend wurde das gedrehte Material um 2 Blenden forciert.
Eine ideale Voraussetzung war es, den Film im Digital Lab (digitale Nachbearbeitung des gesamten Films) fertig stellen zu können. Es eröffnete die Möglichkeit, alle Effekte und Lookvariationen genau aufeinander abzustimmen. Alle Aussenszenen des Films wurden fast ausschließlich mit dem vorhandenen Tageslicht gedreht. Im klassischen Kopierwerk sind die Möglichkeiten der nachträglichen Farb- Kontrast- und Helligkeitskorrektur begrenzt. Durch die Wahl des Digital Lab konnten alle Szenen auf einen einheitlichen Look abgestimmt werden. Ein Beispiel waren extreme Unterschiede in den Farben des Wassers. Morgens war das Wasser blau, mittags grün, abends hellblau.
Dennoch war der Anspruch, möglichst alle Effekte „natürlich“ in der Kamera zu gestalten und nicht an Effektgeräten in der digitalen Postproduktion. Der Film sollte einen natürlichen Look bekommen, um die Geschichte glaubwürdig zu transportieren. Der Film sollte durch seine packende Geschichte und seine emotionalen Figuren leben. Der Look und technische Raffinessen fördern und unterstützen dieses Ziel, verselbstständigen sich aber nicht.