Mittwoch | 30. Mai 2012 | 22:32 Uhr
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  • 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen

    Abenteuer, Drama, Komödie | Australien 2006
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      • | Über die Produktion

      • SCHWIERIGES CASTING

        Das Casting erfolgte in mehreren Etappen, wovon eine ungewöhnlicher war als die andere. Während der Vorbereitungen wurde klar, dass viele Yolngus, die an der Entstehung des Drehbuchs mitwirkten, eine Rolle im Film wünschten, was natürlich zu Problemen führte. Birrinbirrin war beispielsweise viel korpulenter als ein Yolngu in der damaligen Zeit. Es wurde also eine komödiantische Rolle speziell für ihn geschrieben – einem Mann, der immer auf der Suche nach Honig ist und regelmäßig zu viel isst. Dann stand das Casting der Kanufahrer an. Jeder der zehn Männer auf dem Foto von Donald Thomson, war im Laufe der Jahre identifiziert worden. Viele Einwohner von Ramingining sind Abkömmlinge von ihnen.

        Jene, die aus ihrer Sicht die engste verwandtschaftliche Beziehung zu ihnen hätten, hätten daher auch die größte Berechtigung, ihre Vorfahren darzustellen. Sie bestimmten also sich selber für die Rolle, und damit war die Sache entschieden und erledigt.

        Noch komplizierter war es, wenn die Figuren im Film in einer persönlichen Beziehung standen – zum
        Beispiel Mann und Frau. Die Darsteller mussten dann dieselbe Beziehung haben. Nun ist es aber so,
        dass die Yolngus in Yirritja und Dhua unterteilt sind. Ein männlicher Yirritja darf keine Frau der Yirritja heiraten, so dass die Hälfte der weiblichen Bevölkerung von Ramingining für die Rolle der Ehefrau nicht in Frage kam. Weitere Unterteilungen der Bevölkerung machen die Beziehungen unter den Yolngus noch komplizierter. Da sowieso nicht viele Schauspieler zur Verfügung standen, kam in einigen Fällen nur noch eine Person für eine bestimmte Rolle in Frage.


        DAS ERSTE KANU

        Als der Drehbeginn näher rückte, begannen die Yolngus, die für den Film notwendigen Utensilien
        herzustellen: die Speere, Steinbeile, Boote, Armbänder usw. Wie in den Zeiten ihrer Vorfahren wurden die Aufgaben zwischen Männern und Frauen klar aufgeteilt: Die Männer bauten die Boote und die Waffen, während die Frauen unter anderem für die Hütten, die Säcke und die Körperbemalung zuständig waren.

        Alle hatten den Eindruck, einer kulturellen Renaissance beizuwohnen und die Zeit ihrer Ahnen wieder aufleben zu lassen. Mit den Kanus war das eine besondere Sache. Die Kanus im Sumpfgebiet von
        Arafura waren so gebaut, dass sie optimal an die lokalen Gegebenheiten angepasst waren. In ganz
        Australien gab es keine derartigen Kanus und seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr gebaut.

        Doch die Älteren unter den Einwohnern hatten dieses Wissen noch. Sie wählten die passendsten Bäume und schälten die Rinde in einem Stück von vier Metern Länge und einem Meter Breite ab. Dann tauchten sie die Rinde während einer Nacht in Wasser, machten sie mit Wärme biegsam, gaben ihnen die gewünschte Form und nähten sie mit einem starken Faden aus Pflanzenfasern zusammen. Die Kanus waren fertig.

        Die Aufregung war groß, vor allem unter den Jungen, die noch nie solche Boote gesehen hatten.
        Sogar für die Yolngus grenzte dies an ein Wunder. Die Geister ihrer Vergangenheit waren geweckt
        worden, und sie waren dabei.


        Das Lager

        In der Zwischenzeit war das Produktionsteam angekommen und begann Murwangi, eine ehemalige
        Viehfarm am Rande des Sumpfgebietes umzugestalten, damit sie als Lager für das Team dienen konnte.
        Inmitten rostiger Ruinen entstand eine lebhafte Zeltstadt. Die Crewmitglieder wurden gewöhnlich von ihren Frauen, Männern und Freunden begleitet. Schon nach kurzer Zeit wurden zusätzliche Zelte
        aufgebaut. Die Kinder spielten im Lager und erforschten die Umgebung. Jene, die nicht arbeiteten, gingen jagen und fischen.

        Die Yolngus und die Weißen, die unfreiwillig nebeneinander lebten und am Drehort mitunter Stunden warten mussten, hatten die Gelegenheit, kulturelle und persönliche Vorurteile abzubauen und am Drehort, der viel ruhiger war, als das Lager, entstand eine angenehme Atmosphäre
        des Respekts und des Vertrauens.


        KROKODILE, BLUTEGEL UND MOSKITOS

        Die Dreharbeiten waren in zwei Phasen unterteilt. Zuerst fand die Kanuexpedition und danach die Suche nach den Gänseeiern statt. Sie wurde am Rande des Sumpfgebietes in Schwarzweiß gefilmt, dann folgte die mythologische Geschichte, die im Lager und in den angrenzenden Wäldern in Farbe gedreht wurde.

        Die Dreharbeiten im Sumpf waren für die Yolngus-Schauspieler wie auch für das Team langwierig und schwierig. Kein Yolngu hatte je in einem Film mitgewirkt. Sie mussten sich nicht nur die alten Techniken ihrer Vorfahren in Erinnerung rufen, sondern auch die für sie neue Technik der Schauspielkunst erlernen.

        Zudem fühlten sie sich für diese ahnungslosen „Balandas“ verantwortlich, die sich offenbar der Gefahren nicht bewusst waren, denn wie hätten sie sonst den ganzen Tag in einem Sumpf stehen können, in dem Krokodile lebten? Elf Yolngu-Krokodiljäger befanden sich zum Schutz der Crew ständig am Drehort. Die Balandas mussten sich auch ununterbrochen gegen Mücken und Blutegel wehren, von denen es im Sumpf nur so wimmelte.

        Das Ansehen der ersten Testaufnahmen war beeindruckend: Die Yolngus, in einer improvisierten Vorführkabine eng zusammengepfercht, brachen immer wieder in schallendes Gelächter aus, wenn sie sich auf der Leinwand sahen. Völlig anders reagierten sie angesichts der Schwarzweiß-Aufnahmen und der Bilder von Thomson: voller Bewunderung murmelten sie leise vor sich hin oder schwiegen vor Ergriffenheit aufgrund der magischen Rekonstruktion ihrer Geschichte.

        Nach den Dreharbeiten im Sumpfgebiet kam die Produktion bedeutend rascher voran, und der Film war früher fertig als geplant. Sowohl die Yolngus als auch die Balandas waren traurig, dass das Abenteuer beendet war und zugleich glücklich, in ein etwas normaleres Leben zurückkehren zu können, im Wissen, dass sie eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht hatten, die sich nicht so bald wiederholen lassen würde.

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