FILMDETAILS | Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Thriller,
Drama,
Musical,
Krimi
| Großbritannien / USA 2007
WERBUNG
| Zweiter Akt: Die Besetzung
„,Sweeney Todd‘ hat auf der Bühne viele Erfolge gefeiert, aber bisher hatte das Publikum kaum Gelegenheit, Sweeney gefühlsmäßig nahezukommen“, sagt Produzent Parkes. „Das liegt in der Natur der Bühne: Es gibt keine Nahaufnahmen. Doch weil Tim und vor allem Johnny Depp den Film machen, bekommen wir die Chance, Sweeneys Gefühlsleben hautnah mitzuerleben. Das ist fast eine neue Definition des Stücks.“
In den Theaterversionen wurden Sweeney Todd und Mrs. Lovett meist von Schauspielern dargestellt, die zwischen 50 und 60 Jahren alt waren. Doch Burton wollte die Rollen unbedingt jünger besetzen: „Ich spürte einfach, dass es die Dynamik steigern würde, wenn die Hauptfiguren um die 40 sind und die Kinder wirklich noch Kinder sind – wir nähern uns also der ursprünglichen Geschichte an: Bei uns spielt kein 30-Jähriger einen Teenager. In meinen Augen wird dadurch der Energiepegel filmisch erhöht, während die traditionelle Besetzung auf der Bühne durchaus akzeptabel war.“
„Tim wollte das Potenzial der Romanze besonders betonen: Zwei Menschen, die eine Chance bekommen und sie nicht nutzen“, berichtet Produzent Walter Parkes. „Dazu trägt Helena genauso viel bei wie Johnny. Gegen Ende singt sie eines meiner Lieblingslieder: In ,By the Sea‘ träumt sie davon, was das Leben Sweeney und ihr mit dem kleinen Toby bieten könnte, wenn sie alles hinter sich lassen würden. Das Lied ist sehr anrührend, wunderbar, weil es ganz simpel, direkt und schnörkellos ihr durchaus verständliches Gefühl beschreibt – und das rührt uns umso mehr, weil die dunklen Wolken der Tragödie bereits das Schicksal dieser drei verdüstern.“
„Tief im Innern liebt Mrs. Lovett jenen Mann, der sie praktisch ignoriert“, sagt Bonham Carter. „Er schaut sie nicht mal richtig an, außer wenn sie die geniale Idee entwickelt, wie man seine Leichen entsorgen kann – da nimmt er sie plötzlich wahr. Und sie ist ihm eine gute Partnerin, sie ergänzt ihn, weil er so introvertiert wie sie extrovertiert ist. Sie ist sehr praktisch und meiner Meinung nach auch viel cleverer als er. Vor 15 Jahren war sie Sweeneys Vermieterin, als er noch verheiratet war. Als Sweeney dann aus Australien zurückkehrt und wieder bei ihr auftaucht, bekommt er sein altes Zimmer zurück, das sich über ihrer Bäckerei befindet. Im Grunde hat sie ihn schon immer geliebt. Wobei ich überzeugt bin, dass er sich überhaupt nicht um sie schert. Wie ein Besessener konzentriert er sich auf die Rache für den Tod seiner Frau. Allerdings verschweigt sie ihm eine entscheidende Information…“
„Als wir Sweeney Todd kennenlernen, wirkt er sehr geheimnisvoll“, sagt Logan. „Er spricht kaum, aber man merkt seinem Gesichtsausdruck an, dass etwas auf seiner Seele lastet – er verbirgt etwas. Seine Vergangenheit lässt ihn nicht los, verfolgt ihn buchstäblich. Im Lauf der Handlung erfahren wir, was ihn so traurig macht. Er ist vor Kurzem der Zwangsarbeit in Australien entflohen. Auf einem Floß stach er in See, um nach London zurückzukehren, weil er sich rächen will. Er will mit den Menschen abrechnen, die sein Leben zerstört haben.“
Für Regisseur Tim Burton stand von Anfang an fest, wer seinen Sweeney Todd darstellen musste. „Johnny Depp spielt Sweeney Todd, wie nur Johnny Depp das kann“, sagt Produzent Richard Zanuck. „Er geht bekanntlich sehr gern Risiken ein. Je größer das Risiko, desto attraktiver findet Johnny die Rolle. Er hat seine ganze Karriere auf Filmen und Rollen aufgebaut, die die meisten Schauspieler abgelehnt hatten oder ablehnen würden. Er ist ein Meister der Verstellung. Meisterhaft zeigt er jedesmal eine neue unverwechselbare Leistung. Er verändert sein Äußeres, seine Persönlichkeit, und in diesem Fall wird er die Zuschauer mit seiner Stimme überraschen.“
Depp gilt als einer der besten Schauspieler seiner Generation. Zum Superstar stieg er mit seiner Rolle als Jack Sparrow in dem Welthit „Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl“ (Fluch der Karibik) auf, der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Zwei enorm erfolgreiche Fortsetzungen folgten. „Ich bewundere Johnny für die Wahl seiner Rollen, denn er orientiert sich ausschließlich an seinem persönlichen Maßstab“, sagt Bonham Carter. „Er hat sich nie von Trends oder Formeln oder seinem Aussehen beeinflussen lassen, die seiner Karriere nützen könnten. Komischerweise sind wir uns darin ein wenig ähnlich, denn wir beide halten nichts von unserem Äußeren, wir tarnen uns gern und fliehen vor uns selbst.“
„Sweeney Todd“ ist bereits Depps und Burtons sechster gemeinsamer Film – zuvor drehten sie „Edward Scissorhands“ (Edward mit den Scherenhänden), „Ed Wood“ (Ed Wood), „Sleepy Hollow“ (Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen), „Charlie and the Chocolate Factory“ (Charlie und die Schokoladenfabrik) und „Corpse Bride“ (Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche). „Wie in jedem guten Team verständigen sie sich fast ohne Worte – sie können gegenseitig ihre Gedanken lesen“, sagt Zanuck. „Johnny lässt sich von Tim führen, und Tim erwartet von Johnny, dass er die Vorgaben noch ausbaut und auf die Spitze treibt. Sie schätzen einander sehr und würden alles füreinander tun. Das ist echte Freundschaft, und in der Zusammenarbeit sind sie angenehme, lustige und sehr engagierte Kollegen. Beide stehen sie an der Spitze ihrer Zunft. Zusammen garantieren sie also höchste Originalität und Kreativität.“
„Wenn Johnny und ich ein neues Projekt anpacken, versuchen wir immer wieder einen ganz anderen Ansatz zu finden – und ein Film, in dem die ganze Zeit gesungen wird, ist für uns wirklich etwas Neues“, sagt Burton. „So vermeiden wir das Gefühl: ,Also, das wird jetzt ein Selbstgänger. Was kommt als Nächstes?‘ Johnny und ich legen die Messlatte jedesmal ein Stück höher – und dazu ergibt sich auch diesmal die perfekte Gelegenheit.“
Ende 2001 stand Burton als Regisseur von „Sweeney Todd“ noch gar nicht fest, als er Depp in dessen südfranzösischem Domizil besuchte und ihm eine CD mit der Bühnenfassung gab, in der Angela Lansbury zu hören ist. „Er sagte: ,Ich weiß nicht, ob du das schon kennst. Hör’s dir einfach mal an‘“, erinnert sich Depp. „Das tat ich und dachte: ,Wirklich interessant.‘ Fünf oder sechs Jahre später kam dann die Frage: ,Meinst du, dass du singen kannst?‘ Und ich antwortete: ,Weiß ich nicht. Ich probier’s aus.‘“
„Ich weiß, dass er musikalisch ist“, sagt Burton, „weil er ja mit einer Band aufgetreten ist. Aber vor allem sah ich ihn ganz klar als Sweeney Todd vor mir. Und ich wusste, dass er nie mit mir arbeiten würde, bloß um das Projekt zu machen. Mehr brauchte ich nicht zu wissen – ich spürte einfach: Er würde das schaffen. Das hatte ich im Gefühl.“
In den 1980er-Jahren trat Depp in Florida als Gitarrist mit einer Band namens The Kids auf, aber er berichtet, dass er nie einen ganzen Song gesungen hat. „Ich war immer der, der schnell mal die zweite Stimme übernahm“, lacht er. „Das dauerte dann drei Sekunden, und schon war es vorbei, dann verzog ich mich wieder in den Hintergrund und widmete mich meiner Gitarre. Ich habe also noch nie ein Lied gesungen. Daher sagte ich Tim: ,Ich gehe mit einem Kumpel von mir ins Studio und probiere aus, ob ich die Songs singen kann. Und wenn ich das in etwa packe, können wir darüber reden. Oder ich rufe dich einfach an und sage: ,Weißt du was – das wird nichts. Es funktioniert einfach nicht.‘“
Um sein stimmliches Potenzial zu testen, rief Depp seinen früheren Band-Kollegen Bruce Witkin an, der bei The Kids Leadsänger gewesen war und den Bass gespielt hatte. In Witkins Studio in Los Angeles nahm Depp das Lied „My Friends“ auf. „Das war das erste Lied meines Lebens“, erklärt Depp. „Ganz schön abgedreht und zum Gruseln.“ Aber Depp vertraute seinem Freund und wusste, dass er in Bezug auf seine Singstimme eine ehrliche Antwort bekommen würde. Witkin erinnert sich: „Ich sagte in etwa: ,Was willst du zuerst hören – die gute oder die schlechte Nachricht?‘ Darauf er: ,Na, dann die schlechte Nachricht.‘ Und ich antwortete: ,Die schlechte Nachricht ist, dass du das unbedingt machen musst.‘“
„Ich war in meinem Büro und telefonierte gerade“, erinnert sich Zanuck an den Tag, als er Depp erstmals singen hörte. „Tim platzt herein, stellt einen kleinen Kassettenrekorder ab, legt Kopfhörer dazu und verschwindet wieder. Ich lege also den Telefonhörer auf, setze die Kopfhörer auf und höre Johnny erstmals singen. Ich fuhr in Tims Büro – und wir sahen uns einfach nur erleichtert an. Wir grinsten von einem Ohr zum anderen, weil wir merkten, wie wunderbar Johnny Depp singen kann: Er hat es wirklich drauf.“
„Sehr sexy“, beschreibt Bonham Carter Depps Singstimme. „Der Gesang ist sehr sexy, und man kann seine Stimme gut erkennen, was die Sache so spannend macht. Er singt völlig aus dem Bauch heraus, was zu der sehr emotionalen Rolle passt. Das wirkt also sehr nackt und bloß, sehr sexy, sehr bewegend, sehr tapfer und schön, wunderbar beseelt.“
Was auch Burton bestätigt: „Johnny hat ein schönes Timbre. Seine Stimme kommt tief aus seinem Innern, deswegen wirkt sie so überzeugend.“
Depp fand seinen Zugang zu Sweeney Todd über die Erkenntnis, ihn nicht als Killer, sondern als Opfer zu betrachten. „Natürlich ist Sweeney eine sehr düstere Figur“, sagt er. „Aber ich halte ihn für sehr sensibel, überempfindlich, denn er muss ein schreckliches Trauma verarbeiten, er ist furchtbar ungerecht behandelt worden. Deswegen sehe ich ihn vor allem als Opfer. Die Frage ist: Wer Opfer derartiger Machenschaften wird, begeht der auch Morde? Das kann nicht alles sein. Ich sehe ihn als etwas begriffsstutzig. Er ist nicht dumm, aber er begreift sehr langsam. Er hatte ein wunderbares Leben, und plötzlich wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. 15 Jahre hat er in der Hölle geschmort. Jetzt gibt es nur einen Grund für seine Rückkehr: Er will die Leute fertigmachen, die ihm das angetan haben.“
„Johnny Depp zeigt eine sehr bemerkenswerte Leistung“, sagt Sondheim. „Sweeneys Rachedurst, die schwelende Wut, seine Agonie treiben die Story voran, und Johnny findet eine erstaunliche Bandbreite innerhalb dieser engen emotionalen Vorgabe. Seine Intensität bewegt sich ständig knapp unterhalb des Siedepunkts und lässt nie nach. Das ist wahrer Zorn.“
„Es ist ihm nicht vergönnt, Glück zu empfinden“, sagt Depp. „Er muss einfach den entscheidenden Schritt tun und sein Vorhaben in die Tat umsetzen: nämlich die Leute abschlachten, die ihm das angetan haben.“
Sweeneys bevorzugte Mordwaffe ist sein Rasiermesser, das Handwerkszeug seines Berufs. Wir erfahren, dass Mrs. Lovett die Messer aufbewahrt hat, während Todd im australischen Gefängnis darbte. „Daran lässt sich ablesen, wie sehr sie ihn liebt, denn sie hätte die Rasiermesser leicht verkaufen können“, sagt Bonham Carter. „Sie sind nämlich viel wert. Aber sie sieht davon ab und behält sie. Wahrscheinlich hofft sie, dass er eines Tages zurückkehrt. Die Rasiermesser sind Teil seiner Selbstverwirklichung.“
Sobald Sweeney sie wieder in den Händen hält, geben sie die Richtung vor und werden das Werkzeug seiner Rache – mit dem Lied „My Friends“ singt er ihnen ein Ständchen. „Die Klingen sind seine Familie“, erklärt Depp. „Er liebt sie wie einen Körperteil, nachdem er keine eigentliche Familie mehr hat.“
„Als Johnny das erste Rasiermesser aufhebt, wirkt das wie eine Liebeserklärung“, bemerkt Logan. „Und als er seine Rasiermesser besingt, drückt er sie an sein Herz – das ist ein Liebeslied. Den ganzen Film über bewahrt er sie in einem besonderen Futteral auf.“
Nur über Mrs. Lovett hält Sweeney weiterhin Kontakt zur Außenwelt. „Sie ist eine der größten dramatischen Figuren im Theater des 20. Jahrhunderts“, sagt Logan. „Sie bildet den Gegenpol zu Sweeney, denn der geht grimmig und sehr verbissen seinen Weg. Mrs. Lovett ist dagegen lebenslustig, energisch, zwinkert sozusagen mit den Augen. Gemeinsam sind die beiden unschlagbar.“
„Um diese Rolle haben sich sehr viele Schauspielerinnen bemüht“, sagt Richard Zanuck. „Sogar einige Spitzenstars waren sich nicht zu schade, die Lieder mit Klavierbegleitung vorzusingen. Insgesamt waren das etwa acht. Wir arrangierten etliche Vorsprechtermine in London, etliche in New York, und andere große Stars kamen nicht ins Studio, sondern nahmen die Songs selbst auf und schickten uns die Bänder.“
Bonham Carter („Harry Potter and the Order of the Phoenix“/Harry Potter und der Orden des Phönix) liebt Sondheims Musical seit ihren Teenagertagen. „Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer die Noten studierte, die Texte beim Hören mitlas“, sagt sie. „Ich war total süchtig nach der Musik. Ich habe Sondheim immer geliebt. Einfach genial, dass er nicht nur die Musik komponiert, sondern auch die Texte schreibt.“ Aber ihre Begeisterung ging weit über die Songs und Texte hinaus. „Ich wollte schon mit 13 Mrs. Lovett sein“, lacht sie. „Natürlich bin ich damals schon mit der Lovett-Frisur herumgelaufen.“
Doch obwohl sie schon als Mädchen davon träumte, Mrs. Lovett zu spielen, wusste Bonham Carter nicht recht, ob sie der Rolle stimmlich gewachsen ist. „Ich wollte zwar immer in Musicals auftreten, hielt meine Stimme aber außerhalb des Badezimmers für nicht tragfähig“, sagt sie. Deshalb setzte sie sich selbst eine Vorbereitungsfrist von drei Monaten. „Ich nahm Unterricht bei dem wunderbaren Gesangslehrer Ian Adam“, berichtet sie. „Er ist inzwischen verstorben. Er war berühmt dafür, Schauspieler ohne Gesangserfahrung auszubilden. 90 Prozent seiner Arbeit bestand darin, das Selbstvertrauen zu stärken, damit sie sich überwinden, den Mund aufzumachen und Töne hervorzubringen. Von Juni bis September 2006 habe ich jeden Tag geübt, ich studierte praktisch das ganze Stück ein, denn mir lag wirklich sehr viel daran. Meine einzige Chance bestand darin, mein Bestes zu geben und so mit meiner schauspielerischen Darstellung zu überzeugen. Mir war bekannt, dass Sondheim Judi Denchs Leistung in ,A Little Night Music‘ schätzte, weil sie die beste schauspielerische Darstellung zeigte. Deshalb überlegte ich: ,Ich muss die Texte absolut wahrhaftig ausdeuten – sonst habe ich keine Chance.‘“
Obwohl Burton mit Bonham Carter bereits „Planet of the Apes“ (Planet der Affen) und anschließend „Big Fish“ (Big Fish) und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gedreht hatte, mochte er sich zunächst nicht mit ihrer Besetzung als Mrs. Lovett anfreunden, weil er Komplikationen voraussah – als wesentliches Hindernis empfand er zum Beispiel die Tatsache, dass jedermann denken würde, er hätte sie besetzt, weil er privat mit ihr liiert ist. „Das hat mich sehr nervös gemacht, weil die Rolle sehr anspruchsvoll ist. Und es ging ja nicht nur um mich. Auch Sondheim musste seine Zustimmung geben“, berichtet er. „In einer solchen Rolle muss man wirklich absolut überzeugen.“
„Obwohl sich Tim und Helena sehr nahestehen, hat er sich davon überhaupt nicht beeinflussen lassen“, behauptet Richard Zanuck. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine ihm so nahestehende Person derart objektiv beurteilt.“
Ohne Burtons Wahl zu kennen, schaute sich Sondheim die Videos aller Kandidatinnen an und entschied sich ebenfalls für Bonham Carter. „Er sagte: ,Sie ist mit Abstand die Beste“, erinnert sich Zanuck. „Damit meinte er nicht ihre Stimme, denn es befanden sich ausgebildete und erfahrene Sängerinnen unter den Kandidatinnen. Aber in der Kombination von Stimme, Persönlichkeit und Aussehen war sie ganz einfach Mrs. Lovett.“
„Wenn ich ganz ehrlich bin, war das wohl der glücklichste Tag meiner Karriere“, erinnert sich Bonham Carter. „Ich war wie vom Donner gerührt – und, ehrlich gesagt, Tim ebenfalls.“
„Sie ist wirklich tapfer“, sagt Depp. „Denn zweifellos übernimmt sie den schwierigsten Part im ganzen Film und bringt ihre ganze Persönlichkeit ein. Durch sie wirkt Mrs. Lovett fast verletzlich, grausig, komisch und liebenswert. Durch Helena bekommt diese Frau alle möglichen Eigenschaften.“
„Ich empfinde sie als völlig amoralisch, sehr energisch und lebenslustig – sie lässt sich nicht unterkriegen“, sagt Bonham Carter. „Sie ist genauso dynamisch und lebendig, wie Sweeney depressiv und introvertiert ist – sehr umsichtig plant sie, sich ein Mittelschicht-Leben einzurichten. Doch ihr entscheidender Antrieb, das, was Mrs. Lovett ureigentlich ausmacht, ist ihre Liebe zu einem Mann, der sie seinerseits nicht liebt.“
„Sie wünscht sich sicher, dass er weniger Mordgedanken hegen und ihr lieber den Hof machen sollte“, sagt Depp. „Doch er kann niemandem in die Augen schauen, nicht mal der armen Mrs. Lovett.“
„Solche Figuren stimmen uns traurig, sie sind unheimlich, sehr gefühlsbetont, von Wahnvorstellungen geleitet“, erklärt Burton. „Letztlich ergeben sie gerade deswegen so ein wunderbares Paar. Es geht um eine Beziehung.“
Doch Mrs. Lovetts Zuneigung beschränkt sich nicht ausschließlich auf Todd. Denn da ist auch noch Pirellis junger Assistent Toby (Edward Sanders), den sie unter ihre Fittiche nimmt. „Ich glaube, sie hat einen Mutterkomplex“, sagt Bonham Carter. „Sie hält sich für Mutter Lovett, als ob sie Mutter Natur wäre, ihr Beschützerinstinkt macht sich immer wieder bemerkbar – in Bezug auf Sweeney, aber vor allem in Bezug auf Toby. Sie ist eine frustrierte Mutter. Ich stelle mir vor, dass sie vielleicht einst Mutter war und ihr Kind verloren hat. Vielleicht ist sie deswegen durchgedreht. Und weil sie als Mutter frustriert ist, hält sie sich an Toby, der sie sehr verehrt. Er hört ihr zu – im Gegensatz zu Sweeney. Sie ist also sehr einsam. Aber Toby hält sie für eine Lady. Und auch davon träumt sie – sie wollte immer eine feine Dame sein. Toby sieht sie so, wie sie wahrgenommen werden möchte.“
Für die Rolle des Richters Turpin, auf den Sweeney Todd seinen unstillbaren Rachedurst konzentriert, benötigte Burton eine starke schauspielerische Persönlichkeit.
„Der Richter spielt eine Schlüsselrolle“, sagt Zanuck. „Seinetwegen landet Sweeney im Gefängnis, und als Sweeney nach London zurückkehrt, will er mit dem Richter abrechnen. Dazu brauchten wir jemanden, der es mit Johnny aufnehmen kann. Er muss singen können. Und er muss ein echtes Ekelpaket darstellen. Niemand kann mit sparsamen Mitteln so gemein sein wie Alan Rickman.“
„Alan zählt immer schon zu meinen Lieblingsschauspielern, und erst später erfuhr ich, dass er eine wunderbare Singstimme hat“, sagt Burton. „Außerdem ähnelt er auf merkwürdige Weise Vincent Price. Er kann Gefühle auch ohne Worte ausdrücken. Er kann finstere Bösewichte spielen, wobei wir Verständnis für sie entwickeln, denn auf seltsame Art wirkt er auch verletzlich.“
„Ein wirklich erstaunlicher Mensch“, sagt Depp. „Denn er kann unglaublich gruselig wirken, um sich dann in derselben Einstellung umzudrehen und mit lammfrommen Augen wie ein Engel zu erscheinen. Rickman ist ein Phänomen.“
Obwohl Rickman während seiner Ausbildung an der Royal Academy of Dramatic Arts (RADA) in London Gesangsunterricht bekam, hat er vor der Kamera noch nie gesungen. „Auf der Schauspielschule habe ich die Hauptrolle im Abschluss-Musical gesungen, und am Theater gehörte ich mal zum Chor in ,Guys and Dolls‘“, verrät er. „Ich singe zwar gern, habe aber nicht im Traum daran gedacht, dass ich einmal eine derartige Chance bekommen würde. Es ist sicher gut, dass man sich einem solchen Waterloo stellen muss, wenn man es am wenigsten erwartet.“
Der extravagante Barbier Pirelli entdeckt Todds wahre Identität, hat aber selbst einiges zu verbergen – diese Rolle vertraute Burton dem begabten britischen Comedian Sacha Baron Cohen an, der damit erstmals nach seinem Durchbruch mit „Borat: Cultural Leanings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan“ (Borat) wieder auf der Leinwand erscheint. „Barbier Pirelli konkurriert mit Sweeney – es kommt auf offener Straße zu einer heftigen Auseinandersetzung“, erklärt Produzentin Laurie MacDonald. „Er ist eine sehr komische Figur, was Sachas Begabung natürlich entgegenkommt. Doch die Zuschauer werden staunen, wie wunderbar er singen kann und wie überzeugend er sich in diese andere Welt einfügt.“
„Wir engagierten ihn bereits, ohne ,Borat‘ gesehen zu haben und ohne zu wissen, welchen weltweiten Riesenerfolg er damit verbuchen würde“, stellt Zanuck fest. „Er selbst bat uns, vorsprechen zu dürfen. Wir trafen uns in einem Aufnahmestudio. Ich hatte keine Ahnung, wie groß er ist – 1,95 oder 1,97 Meter – und er sieht sehr gut aus. Er erzählte, dass er das Musical sehr mag und dass er als Kind in Chören mitgesungen hat – also baten wir ihn, in die Aufnahmekabine zu treten. Aus ,Sweeney Todd‘ hatte er nichts vorbereitet, dafür sang er uns aber ,Fiddler on the Roof‘ (Anatevka) praktisch komplett vor, und zwar so komisch, dass Tim und ich buchstäblich am Boden lagen und uns die Bäuche hielten. Er ist irre witzig, und obwohl wir Tränen lachten, merkten wir auch, dass der Typ eine wunderbare Stimme hat. Was uns betraf, bekam er die Rolle auf der Stelle. Er ist einfach toll und zeigt im Film eine hervorragende Leistung.“
Depp bestätigt das: „Ich bewundere Sacha schon seit Jahren, seit ,Ali G‘. Als er hereinkam, hat er uns sofort überzeugt. Es ist wirklich ein Vergnügen, ihm zuzuschauen und mit ihm zu arbeiten. Ich erlebe ihn als den neuen Peter Sellers. Unverkennbar hat er eine unglaubliche schauspielerische Begabung.“
Als Richter Turpins ruchloser Helfershelfer Beadle Bamford tritt Timothy Spall auf, einer der renommiertesten britischen Film-, TV- und Bühnenschauspieler, der als Peter Pettigrew in der „Harry Potter“-Serie mitwirkte. Wie Rickman machte Spall seine Ausbildung an der RADA und ist dort sowie auch in Mike Leighs Musical-Komödie „Topsy-Turvy“ (Topsy Turvy – Auf den Kopf gestellt) über Gilbert & Sullivan als Sänger aufgetreten. „Ich spiele einen wirklich ganz üblen Burschen“, sagt Spall über Bamford. „Als eine Art Teilzeitkraft in der Stadtverwaltung hat er sich durch seine Verbindung mit dem Richter eine Machtposition verschafft – Turpin schuldet ihm etwas. Bamford ist sein Bodyguard, sein Henkersknecht. Er ist der Mann fürs Grobe – ob legal oder illegal. Und er schreckt auch vor Brutalitäten nicht zurück – wahrlich kein netter Zeitgenosse.“
Ergänzt wird die Besetzung durch etliche begabte Newcomer, die hier ihr Spielfilmdebüt geben: Der Abiturient Jamie Campbell Bower (Anthony), Jayne Wisener (Johanna), die im zweiten Ausbildungsjahr an der Royal Academy of Music and Drama in Glasgow studiert, und der Schüler Edward Sanders (Toby); außerdem durch die erfahrene Schauspielerin Laura Michelle Kelly, die im Londoner West End in den Musicals „Mamma Mia“, „Mary Poppins“ und „The Lord of the Rings“ (als Galadriel) zu sehen war.