FILMDETAILS | Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Thriller,
Drama,
Musical,
Krimi
| Großbritannien / USA 2007
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| Vierter Akt: Entwürfe für Sweeneys Welt
Burtons Filme werden immer wieder wegen ihrer verblüffenden Sets und eleganten Optik gefeiert. Die Verantwortung für den Nachbau des Londons von vor 150 Jahren übernahm der zweifache Oscar-Preisträger und Produktionsdesigner Dante Ferretti.
Ferretti ist ein Meister seines Fachs und wurde mit sechs Filmen von Federico Fellini berühmt, bevor er sich auch in Hollywood einen Namen machte. Mehrfach arbeitete er mit Martin Scorsese zusammen: „The Age of Innocence“ (Zeit der Unschuld), „Gangs of New York“ (Gangs of New York) und „The Aviator“ (Aviator). Hinzu kommen Brian De Palmas „The Black Dahlia“ (The Black Dahlia) und Neil Jordans „Interview With the Vampire“ (Interview mit einem Vampir).
„Ich kenne Dantes Arbeiten seit seiner Zeit mit Fellini – es inspiriert mich schon zu wissen, dass er mit Fellini gearbeitet hat“, berichtet Burton. „Da merkt man wirklich, dass man einen Film macht und eben nicht nur irgendeine Routinearbeit abliefert. Er ist ein Künstler. Wenn man an seinem Büro vorbeikommt, sieht man ihn selbst zeichnen. Dazu braucht man eine ganz ausgeprägte Energie. Und wenn ich mir überlege, was er schon alles geleistet hat, finde ich das wirklich spannend.“
Ferretti fühlt sich seinerseits durch Burton an Fellini erinnert – nicht nur, weil auch Burton ein wahrer Künstler ist, der ständig Skizzen zeichnet. „Von Anfang an hat er mich an Fellini erinnert“, sagt der aus Italien stammende Designer. „Denn er ist ebenfalls ungeheuer kreativ, ständig zeichnet er genau wie Fellini kleine Skizzen. Die beiden sind sich sehr ähnlich.“
Burton lag nichts daran, das London des 19. Jahrhunderts für „Sweeney Todd“ historisch korrekt nachzuempfinden. „Wir wollten es damit nicht allzu genau nehmen, weil wir ja eine Art stilisiertes Märchen erzählen“, erklärt er. Er schickte Ferretti eine DVD mit „Son of Frankenstein“ (Frankensteins Sohn), um ihm eine Richtschnur für seine Vorstellungen zu geben.
„Er sagte: ,Mein London soll in etwa so wie in einem alten schwarzweißen Hollywood-Film aussehen‘“, erinnert sich der Produktionsdesigner. „Da gibt es nicht viele Details, das wirkt auch in Farbe wie Schwarzweiß, also nur wenige Farben, sehr flächig. Tim ist ein überaus kreativer Kopf, entwickelt ganz präzise Konzepte. Er ist ein hervorragender Regisseur, und wenn man seine Filme sieht, merkt man, dass er auf den Look größten Wert legt.“
Der unverwechselbare Look des Films wird auch durch die knalligen Farben der Rückblenden geprägt, durch die wir die Vorgeschichten der Figuren oder ihre Träume erleben. „In den Songtexten erfahren wir, wie Sweeney seine Frau verloren hat, die tragischen Umstände, unter denen Richter Turpin sie ihm weggenommen hat“, sagt Produzentin MacDonald. „Aber im Film können wir all das auch zeigen: Wir sehen also, wie Sweeney damals war und wie er sich verändert hat. Diese intensiven Einfügungen bilden einen scharfen Kontrast zu Ferrettis sonst sehr karger Ausstattung – Sweeney damals und Sweeney heute stehen daher quasi nebeneinander.“
Obwohl Burton berühmt wurde durch fantastische Welten, die er auf traditionelle Weise im Studio oder auf dem Außengelände nachbaute, statt sich auf Computertricks zu verlassen, wollte er „Sweeney Todd“ ursprünglich mit der technischen Methode drehen, die auch bei „Sin City“ und „Sky Captain and the World of Tomorrow“ angewendet wurde: mit nur wenigen Sets und Requisiten, die wie die Schauspieler stets vor der Greenscreen gefilmt werden. „Ein Grund dafür sind die Kosten“, erklärt er. „Aber dann dachte ich nochmals darüber nach und überlegte, dass reale Sets nicht nur mir die Arbeit erleichtern, sondern auch den Schauspielern und allen Beteiligten. Letztlich singen die Darsteller doch: Wenn man vor der Greenscreen singt, ist man so weit weg von der Realität, dass mir das wie ein fürchterlicher Albtraum bevorstand. Schon deshalb war es mir so wichtig, auf richtigen Sets zu drehen – wegen der Lieder.“
Produzent Zanuck bezeichnet den Kostenunterschied zwischen real gebauten Sets und der Greenscreen-Methode als minimal. „Wir kalkulierten, dass wir mit dem digitalen Budget praktisch auch Sets bauen konnten, wenn man sie klug digital ergänzt und mit einigen wenigen Greenscreen-Aufnahmen kombiniert“, verrät er. „Außerdem fühlt sich Tim viel wohler so – und das gilt auch für die Schauspieler.“
Ferretti freute sich natürlich darauf, echte Sets bauen zu dürfen – aber natürlich musste er sich dafür mit seinem Team sehr viel intensiver ins Zeug legen. Beim ursprünglichen Greenscreen-Konzept sollte Richter Turpins Haus praktisch nur aus einem Fenster und einer Tür bestehen, die vor der Greenscreen gefilmt worden wären. Nach der traditionellen Methode musste man nun ein komplettes Haus errichten, das an einer von Bäumen gesäumten Straße steht, wobei der Horizont von einem gewaltigen gemalten Transparent gebildet wird. Insgesamt entwarf und überwachte Ferretti über ein Dutzend originalgroßer Sets in den Pinewood Studios. Weil die Vorbereitungszeit nur kurz und das Budget relativ gering waren, kam Ferrettis Genialität auch in diesem Punkt zum Einsatz: Denn er musste nicht nur die vom Drehbuch geforderten Sets bauen, sondern sie auch in den wenigen Studiohallen unterbringen, die ihm in Pinewood zur Verfügung standen. Ferrettis Lösung war nicht nur genial, sondern auch erstaunlich kostengünstig. Er verwendete verschiebbare Wände und austauschbare Ladenfassaden, entwarf Sets, die wiederverwendbar waren, sodass sich der St. Dunstan’s Market, der in Pinewood in der Halle S eingerichtet wurde, leicht in die Fleet Street verwandeln ließ, was der Produktion nicht nur Zeit, sondern auch Geld sparte.
„Wir haben erstmals mit Dante zusammengearbeitet, und er hat unsere Erwartungen sogar noch übertroffen“, sagt Zanuck. „Unser Budget war beschränkt – wir konnten nicht alles bauen, was wir uns vorgestellt hatten. Bestimmte Sets hat er zu anderen Sets umgestaltet, indem er einfach die Struktur veränderte. Die Sets sind ineinander verschachtelt, weil wir uns nicht jede Menge Studiohallen leisten konnten. Was er leistet, ist wirklich hervorragend. Man fühlt sich tatsächlich ins damalige London zurückversetzt, und natürlich erweitern wir die Sets mit digitalen Bildern, sodass der Film später wie eine draußen gedrehte Superproduktion aussieht.“
„Es ist wie ein Wunder: Als Autor schreib ich einfach: INNEN. BÄCKEREI. Und dann erlebt man, was Dante und Tim daraus machen“, erklärt Drehbuchautor Logan. „Ich kenne Dantes Arbeit sehr wohl, denn er hat ,Aviator‘ gemacht. Deswegen war mir klar, dass er auch diese Welt mit seiner Liebe zum Detail gestalten würde. Im Drehbuch schrieb ich, dass der Frisörsalon aussieht, als ob es darin spukt. Und genauso wirkt der Set jetzt auch – Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Es ist wirklich unheimlich, über diese Sets zu gehen, weil sie sehr düster wirken, es gibt seltsame Ecken und Winkel – man weiß nie, wem man hinter der nächsten Ecke begegnet – Sweeney Todd mit dem Rasiermesser, Mrs. Lovett mit einer Pastete oder Jack the Ripper. In diesen Sets lernt man das Fürchten – was durchaus angemessen ist, denn es handelt sich ja um einen Horrorfilm.“
Vor allem die Schauspieler ließen sich von Ferrettis meisterlicher Arbeit inspirieren. „Die Sets begeistern mich“, sagt Bonham Carter. „Ich fand es wunderbar, die Fleet Street entlang zu schlendern. Das Ambiente hilft sehr, denn durch die Umgebung wird die Fantasie beflügelt. Und mein Geschäft mochte ich besonders.“
Als genauso entscheidend empfanden die Schauspieler die Kostüme, die Colleen Atwood entwarf, denn „sie spielen im Film eine weitere Hauptrolle“, wie Burton erklärt. „Colleen weiß das, weil ich schon so oft mit ihr gearbeitet habe. Sie steht den anderen Designern in nichts nach, weil auch sie die Atmosphäre des Ganzen entscheidend beeinflusst. Durch ihre Kostüme gelingt es den Schauspielern, in ihre Rolle einzutauchen – das unterstützt ihre Darstellungen ganz wesentlich.“
Atwoods Aufgabe war bei „Sweeney Todd“ besonders schwierig, weil sie in den meisten Szenen des Films die Farben nur sehr sparsam einsetzen darf. Es gelang ihr aber doch, Burtons Konzept umzusetzen, indem sie die Stoffe und Stilrichtungen variierte. „Sweeney und Mrs. Lovett sind sehr stark“, sagt sie. „Wenn man sich Bilder von alten Frankenstein-, Dracula- oder anderen klassischen Filmmonstern anschaut, wirken sie sehr kraftvoll. Danach haben wir uns in jedem Fall gerichtet: Wenn wir die beiden sehen, sollen sie diesen Bildern nachempfunden sein.“
Im Rahmen dieses Konzepts wollte Burton „Sweeney Todd“ fast wie einen Schwarzweißfilm wirken lassen – Farben spielen fast keine Rolle. „Gleich zu Anfang beschlossen wir, dass der Film fast schwarzweiß aussehen soll“, erklärt Kameramann Dariusz Wolski. „Tim zeigte mir viele alte Horrorfilme. Beide schätzen wir den Film noir und alte Schwarzweißfilme. Das gab die Richtung vor – die Atmosphäre soll sehr düster sein, starke Kontraste enthalten und sehr flächig wirken. Dante baute fast einfarbige, karge Sets. Das habe ich durch die Ausleuchtung noch unterstützt. Wir haben uns immer wieder Fotos vom historischen London angeschaut. Wir bemühen uns, den Film mit der heutigen Technik wie einen Film von damals aussehen zu lassen – eine moderne Methode, um einen altmodischen Look zu kreieren.“
Bei der Endfertigung benutzte der aus Polen stammende Kameramann die digitale Zwischenphase, um den Film noch mehr auszubleichen. „Bei diesem Projekt treiben wir dem Film die Farbe auf mehreren Ebenen aus – durch das Make-up, die Kostüme, die Ausstattung und durch meine Bearbeitung des Filmmaterials“, erklärt Wolski. „Dadurch wirkt der Film fast schwarzweiß. Ausnahmen bilden einige verblichene Farbkleckse hier und dort. Und das Blut.“
Da Sweeney seinen Opfern die Kehle durchschneidet, musste in „Sweeney Todd“ einiges Blut fließen, wobei sich Burtons Film natürlich an der Bühnenfassung orientiert. „Als ich mich erstmals mit Tim traf und wir unsere frühen Erinnerungen an ,Sweeney Todd‘ austauschten, erinnerten wir uns beide an das Blut“, berichtet Logan. „Als die erste Gurgel durchtrennt wird, spritzte das Blut unter dem Schwung des Rasiermessers über die ganze Bühne, wurde von einem Scheinwerferkegel erfasst und erstrahlte in intensivem Rot. In Wirklichkeit ist es ein sehr schmutziges Geschäft, jemandem die Kehle durchzuschneiden, und das sparen wir durchaus nicht aus. Wir verheimlichen nicht schamhaft, was Sweeney Todd treibt, denn um seine Tragödie wirklich zu begreifen, muss man miterleben, wie er sich und andere erniedrigt. Wir müssen verstehen, dass er tatsächlich ein wahnsinniger Mörder ist, der uns trotzdem ans Herz wächst. Genau das ist das Geniale an ,Sweeney Todd‘. Wir hielten es für unabdingbar, die Realität des Bluts nicht auszusparen. Wenn er also eine Kehle durchtrennt, spritzt das Arterienblut die Leute voll.“
„Tim ist mit Horrorfilmen aufgewachsen“, lacht Bonham Carter. „Das war der Höhepunkt seiner Wochenenden. Und Johnny mag sie genauso. Sie haben sich jedenfalls all ihre alten Lieblingsfilme noch mal angeschaut, um sich inspirieren zu lassen. Wir drehen hier einen Horrorfilm. Aber Tim ist ein Schlitzohr: Er verwendet billige Tricks, die er urkomisch findet, und jede Menge Blut, was er ebenfalls urkomisch findet. Der schwarze Humor ist also ständig präsent. Hoffentlich ist der Film nicht nur gruselig, sondern auch sehr komisch und auf seine perverse Art auch sehr unterhaltsam.“
„,Sweeney Todd‘ ist im klassischen dramatischen Sinn eine blutige Tragödie“, sagt Logan abschließend. „Ganz offensichtlich orientiert sich das Stück am Grand Guignol und erweist auch den penny dreadfuls (Schauerromanen) im viktorianischen London seine Reverenz. Dabei ist der Hinweis wichtig, dass das Blut in ,Sweeney Todd‘ nichts mit Sadismus zu tun hat und auch nicht überflüssig ist. Es gehört untrennbar zu der Welt, die diese Figuren bevölkern. Wenn man es ignorieren würde, wäre das unaufrichtig – was weder auf die Story noch auf diesen Filmemacher zutrifft. Tatsächlich werden Leute umgebracht: Die Hauptfigur ist derart von seiner Leidenschaft und seinen Trieben gesteuert, dass er eigenhändig Menschen umbringt und sich dabei Hände und Gesicht mit Blut beschmiert – buchstäblich und auch im übertragenen Sinn klebt Blut an seinen Händen.“