Die Geschichte basiert auf drei Dingen, die Wes Anderson wirklich interessieren: Züge, Indien und Brüder. In seinen Filmen RUSHMORE (1998), DIE ROYAL TENENBAUMS (2001) und DIE TIEFSEETAUCHER (2004) setzte sich Anderson bereits hintersinnig und witzig mit dem oft verhängnisvollen Auf und Ab der Liebe auseinander, sei es nun im Familienleben, in einer Grundschule, in einem Haushalt von Genies oder an Bord eines Forschungsunterseeboots.
Bei DARJEELING LIMITED lässt er seine Geschichte rund um die Familienzusammenführung dreier entfremdeter Brüder an einem besonders beeindruckenden Schauplatz spielen: In einem Zug, der quer durch die Wüste von Rajasthan fährt und die verstörten Männer auf eine körperliche wie auch emotionale rasante Fahrt durch weite, fremde Welten mitnimmt. „Ich wollte schon immer einen Film drehen, der in einem Zug spielt. Mit gefällt die Idee eines sich bewegenden Schauplatzes. Der Zug bewegt sich voran, wie sich auch die Geschichte voran bewegt. Und einen Film, der auf einem Boot spielt, hatte ich ja bereits gemacht,“ so Anderson.
Bereits seit Anbeginn der Filmgeschichte haben Züge Filmemacher inspiriert. 1895 erschreckten die Gebrüder Lumiere mit ihrem 50 Sekunden dauernden DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT die Zuschauer, die nie zuvor Bilder gesehen hatten, die sich auf sie zu bewegten. 1903 drehte Edwin S. Porter mit THE GREAT TRAIN ROBBERY dann den ersten Spielfilm. Seither haben Züge, angefangen bei der verschwenderischen Raffinesse von MORD IM ORIENT-EXPRESS (1974) bis hin zum Chaos in YEAH! YEAH! YEAH! (1964), verschiedenste Charaktere auf sämtliche Arten von Reisen durch die Filmgeschichte transportiert.
Die Züge, die Anderson gefallen, sind weitaus mehr als simple Lokomotiven, es sind Eisenbahnen, die durch ein Land fahren, das wohl weltweit das am meisten genutzte Schienennetz der Welt hat – das riesige, ständig wachsende Indien mit seiner überwältigenden Mischung aus Farben und Kulturen, Schönheit und Absurditäten, Armut und Spiritualität.
Bevor er das Konzept zum Film entwickelte, war Anderson noch nie in Indien gewesen. Aber er war schon seit langer Zeit in diese Landschaft vernarrt, die er aus seinen Lieblingsfilmen, Jean Renoirs visuellem Meisterwerk DER STROM (1950), eine an den Ufern des Ganges angesiedelte Initiations-Geschichte, oder den mitreißenden, emotionalen Werken des großen indischen Regisseurs Satyajit Ray kannte. Die Idee, seine eigenen, komischen und bittersüßen Film in eine so verrückt andere Welt zu transportieren, faszinierte ihn.
So griffen die einzelnen Elemente des Films ineinander - und Anderson befand sich plötzlich in den Vorbereitungen für eine Abenteuerreise von drei Männern auf dem asiatischen Subkontinent: „Ich beschloss, einen Film in einem Zug in Indien zu drehen – mit drei Brüdern als Protagonisten. Dann bat ich meine Freunde Jason Schwartzman und Roman Coppola mir ein entsprechendes Drehbuch zu schreiben. Und schon kurz darauf reisten wir nach Indien.“
Ehe sie nach Indien fuhren, begannen Anderson, Schwartzman und Coppola mit dem Schreiben in Paris, wo sie alle vorübergehend wohnten. Jason Schwartzman erinnert sich, dass der Schreibprozess beiläufig begann, sich aber ziemlich schnell zu einer wahren Odyssee auswuchs: „Ich weiß, es klingt jetzt ziemlich schmalzig und malerisch, aber wir begannen große Teile des Drehbuchs spät abends in kleinen französischen Cafes zu schreiben. An einem bestimmten Punkt sagte Wes dann: ’Wisst ihr, vielleicht wäre es gut, wenn wir nach Indien fahren würden’. Und so reisten wir alle im März 2006 nach Indien und begannen an den Dingen, über die wir schrieben, tatsächlich teilzuhaben.“
Laut Coppola beruht ein großer Teil der Ideen für die Figuren des Films auf Andersons, Schwartzmans und Coppolas eigenen Beziehungen und Reise-Erfahrungen. „Wir gelangten an einen Punkt, an dem wir all unsere persönlichen Erfahrungen miteinander teilten und einige dieser Ideen in die Story aufnahmen,“ so Coppola.
So entstanden die Charaktere der drei Whitman-Brüder, die sich ein Jahr nach der Beerdigung ihres Vaters in Indien treffen, obwohl sie scheinbar nie wieder miteinander sprechen wollen. Die Idee, die ungleichen Geschwister zu einem Treffen einzuladen, stammt von Francis, dem ältesten der drei Brüder, der nach einem beinahe tödlichen Motorradunfall in eine Mumien-ähnliche Gesichtsmaske aus Pflastern, Verbandszeug und Kopfschutz gewickelt ist. Da sein erster Gedanke nach dem Unfall seinen Brüdern galt, plant Francis diese bis ins letzte Detail ausgeklügelte Reise. Ziel ist es, den Brüdern in diesem ehrwürdigen Land der Erleuchtung eine spirituelle Erfahrung näher zu bringen – oder zumindest die Brüder wieder ein wenig näher zusammen zu führen.
Unterdessen ist Peter, der mittlere der Brüder, in Indien eingetroffen. Als werdender Vater liegen bei ihm die Nerven blank, zumal er sich von der Mutter des Kindes eigentlich scheiden lassen wollte. Und dann ist da noch Jack, das Nesthäkchen der Familie. Der Autor, dessen fiktionale Romane alle auf tatsächlichen Geschehnissen rund um ihn herum basieren, kann selbst in Indien seine Exfreundin, die er in Paris zurückgelassen hat, nicht vergessen. Immer noch hört er heimlich deren Anrufbeantworter, für den er den Code besitzt, ab.
Anderson, Schwartzman und Coppola nahmen diese Figuren mit auf ihre Reise nach Indien und dadurch veränderte sich alles – die elegische Stimmung, die geschäftige Energie und die exotisch duftende Atmosphäre des Landes mischten sich mit den heiteren und rührenden Geschichten der drei Brüder. „Es ist ein wirklich einmaliger Ort.” so Anderson über Indien. „Es ist ein Land, in dem viele Dinge des Alltags ganz anders ablaufen und das schlägt sich auch im Drehbuch nieder. Auch wenn 90 Prozent der Story davon handeln, wie Francis, Peter und Jack versuchen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu klären, fanden wir es sehr wichtig, dass diese Auseinandersetzungen in einem Zug stattfinden, der tatsächlich auf Schienen durch dieses altertümliche Land fährt.”
Während die drei Autoren Indien selbst zum ersten Mal bereisten, bauten sie immer mehr komische Missgeschicke in die Story ein, angefangen beim überfüllten Zug, den man schon aus DIE MARX BROTHERS IN DER OPER (1935) kennt, bis hin zum Aufeinanderprall der Kulturen, wenn Touristen auf die spirituellen Traditionen des Landes treffen.
„In Indien hatten wir viele tolle Einfälle. Es war kaum zu glauben – ich meine damit einfach die wundervollen Momente, die es wert waren, auf die eine oder andere Art festgehalten zu werden,” so Schwartzman. „Der Zug und Indien selbst wurden zu Hauptfiguren unseres Films. Dieses Wechselspiel ist sehr interessant, denn zuerst steht Indien ziemlich verschwommen im Hintergrund, weil die drei Jungs selbst in einem fremden Land in ihrer ganz eigenen Welt gefangen sind. Dann jedoch werden sie gezwungen, sich mit Indien auseinander zu setzen. So kommen sie einander näher und finden was sie eigentlich die ganze Zeit suchen.“
Coppola fügt hinzu: „Wir hoffen alle, dass diese lebhafte und chaotische Stimmung, die wir und natürlich auch unsere Whitman-Brüder in Indien gefunden haben, durch diesen Film vermittelt wird.”
Als Produzentin Lydia Dean Pilcher, zu deren Arbeiten unter anderem das umjubelte Indien-Drama THE NAMESAKE – ZWEI WELTEN, EINE REISE (2006) von Regisseurin Mira Nair zählen, das fertige Drehbuch in Händen hielt, war sie angenehm überrascht. „Ich hatte bereits gehört, dass Wes einen Film über eine Zugreise durch Indien realisieren wollte, aber ich dachte es wäre eine Dokumentation,” erinnert sie sich. „Ich war sehr neugierig und als ich dann das Drehbuch las, fand ich heraus, dass es sich um eine wunderbare Geschichte von drei Brüdern handelte, die nach dem Tod ihres Vaters getrennte Wege gingen, ihre Streitigkeiten nie klärten und sich nun plötzlich in Indien wieder finden.“
Pilcher verliebte sich sofort in die Geschichte, aber als sie erfuhr, wie Wes Anderson das Projekt umsetzen wollte, übertraf dies ihre kühnsten Erwartungen: „Wes sagte mir, dass er den Film auf eine ganz andere Art drehen wollte, als all seine Filme zuvor. Er wollte den traditionellen Pfad, wie man normalerweise Filme realisiert, verlassen und fernab von allen Konventionen drehen. Er wollte, dass die Schauspieler ihr Make-up selbst in die Hand nehmen, sich in der Früh selbst die Kostüme anziehen und so eine Welt erzeugen, in der die Figuren so handeln, als wären sie reale Menschen, die wirklich auf diese Reise gehen. Die Idee war großartig.“
Diese packende Idee wurde später zum Dreh- und Angelpunkt des markanten Ost-West-Stils des Films. „Als wir mit dem Dreh begannen, merkten wir, dass dieser Prozess Teil der Geschichte war und dass diese Art zu arbeiten und die Tatsache, dass in der fremden Umgebung niemand wusste, was als nächstes passieren würde, ein Teil von Wes kreativer Vision des Films waren,” so Pilcher. „Das hat die Machart des Films sehr bestimmt.”
Und tatsächlich kreierte Anderson eine Art Yin und Yang. Während auf der einen Seite alles minutiös choreographiert und exakt geplant war, war Wes auf der anderen Seite für alles offen. Er ließ sich vom spontanen Chaos, der Komik und Schönheit, die Indien zu bieten hat, inspirieren. So bekam die Story ihre charakteristische Kraft, die den Zuschauer berührt und einen bleibenden Eindruck von den inneren Erlebnissen der Figuren hinterlässt.
Coppola bringt es auf den Punkt: „Die Idee und das Herz des Films beruhen eigentlich darauf, dass wir diese Charaktere in einen Zug setzten, schnell mitten ins Chaos fuhren, unterwegs möglichen Schlägen auswichen und immer das Unerwartete geschehen ließen.“