Die Reise an Bord des DARJEELING LIMITED beginnt, als Francis Whitman nach einem Unfall, der ihn fast das Leben kostete, seine beiden jüngeren Brüder nach Indien auf einen Zusammenführungs-Trip einlädt. Fast ein Jahr lang hat er mit keinem der Beiden ein Wort mehr gewechselt und will nun auf dieser Reise die so dringend benötigte spirituelle Erleuchtung in die Familienbeziehungen bringen.
Um die Rollen der drei Brüder zu besetzen, entschied sich Wes Anderson für drei erfahrene Schauspieler, die eine einzigartige Affinität zueinander aufweisen, aber gleichzeitig in ihrem Charakter komplett unterschiedlich sind. In den Rollen der Whitmans spielt der coole und ironische Owen Wilson neben der berührenden Intensität Adrien Brodys und der skurrilen und gleichzeitig melancholischen Komik von Jason Schwartzman. Zusammen ergibt dies ein sehr echtes Gefühl von Familie.
In seiner Rolle als Familienoberhaupt und ältester Bruder zeigt sich Owen Wilson in einer Rolle, in der er noch nie zuvor auf der Leinwand zu sehen war: leidend, verwundbar, mit einem verbundenen Gesicht, das von den Stichen und Narben seines Motorradunfalls entstellt ist. Dazu hinkt er, stützt sich auf eine Krücke und ist tief deprimiert. Keine optimalen Voraussetzungen für die penibel durchgeplante (Selbstfindungs-)Suche.
Francis äußeres Erscheinungsbild, das für dessen Charakter eine sehr wichtige Rolle spielt, entwickelte Wes Anderson nach einem Erlebnis, das er nur schwer wieder vergessen konnte: „Im und vor dem Petersdom in Rom sah ich einen Mann in einer Motorradjacke, dessen Gesichts komplett verbunden war. An der Seite seines Kopfes waren dicke Kompressen und seine Augen waren tiefschwarz - er wandelte wie in Trance umher, während ihm die Tränen in den Augen standen. Man fühlte sich, als ob dieser Mann wirklich Schweres durchmachen musste und man konnte einfach die Augen nicht von ihm lassen. Durch ihn kam ich auf die Idee für Owens Charakter.“
Andersons und Wilsons Zusammenarbeit begann bereits am Anfang ihrer beiden Karrieren, als sie zusammen das Drehbuch zu Andersons Regiedebüt schrieben, dem Independent-Hit DURCHGEKNALLT (1995), durch den auch Wilsons Schauspielkarriere ins Rollen kam. Auch für die Drehbuchentwicklung zu RUSHMORE (1998) taten sich die beiden wieder zusammen. Für ihre Arbeit am Drehbuch zu DIE ROYAL TENENBAUMS (2001), in dem Wilson auch vor der Kamera zu sehen war, erhielt das Duo eine Oscar®-Nominierung. Erst vor kurzem arbeiteten die beiden gemeinsam an DIE TIEFSEETAUCHER (2004).
Als Anderson Owen Wilson das Drehbuch zu DARJEELING LIMITED schickte, konnte sich dieser sofort mit der Geschichte identifizieren. „Ich stamme selbst aus einer Familie mit drei Jungs und das Drehbuch spiegelt genau die Dynamik wider, wie sich Brüder untereinander verhalten. Es war sehr lustig und traurig zugleich,“ so Wilson.
Owen Wilson mochte sofort Francis überwältigendes Verantwortungsgefühl: „Francis ist derjenige, der versucht die Familie zusammenzuhalten. Sein Vater ist tot, seine Mutter hat innerlich mit allem abgeschlossen. Francis ist wortwörtlich am Boden zerstört, Jack kommt gerade aus einer schrecklichen Beziehung und Peter hat Probleme mit seiner Frau – in Francis Augen sind das alles echte Notfälle und so fühlt er sich dafür verantwortlich, die Familie wieder auf den rechten Pfad zu führen. Er vereint die Brüder auf diesem großen Abenteuertrip durch Indien und hat die lustige Idee, dass sie alle zusammen auch gleich auf eine spirituelle Reise gehen sollen – egal ob sie nun mögen, oder nicht.“
Natürlich verläuft die Reise ganz und gar nicht nach dem Plan, den Francis und sein Assistent so penibel ausgearbeitet haben. „Die Geschichte erinnert mich an einen von diesen typischen Familienausflügen, die im totalen Desaster enden,“ so Wilson. „Sogar wenn wir eigentlich auf spiritueller Selbstfindung sein sollten, können wir einfach nicht über diese ständigen Zankereien hinwegsehen, die uns ja erst soweit gebracht haben, dass wir uns so lange Zeit aus dem Weg gegangen sind.” Das bringt Francis dazu, etwas zu tun, war er alleine nie probiert hätte – endlich auch loslassen zu können. Wilson weiter: „Francis ist jemand, der denkt, dass man einfach alles geben muss, wenn man sich auf eine spirituelle Erkundung begibt. Das ist natürlich sehr komisch, denn mit dieser methodisch durchdachten Bestimmtheit kann man nicht gleichzeitig spirituell in sich gehen. Aber trotz Francis Verbissenheit machen doch alle drei eine ganz eigene spirituelle Erfahrung.“
Wilson merkt an, dass besonders die Tatsache, dass sich die Schauspieler tatsächlich in einem Zug in Indien befanden, viel dazu beigetragen hat, sich wie eine echte Familie zu fühlen. „In einem Land und in einer Kultur zu drehen, die sich so anders und fremd anfühlt, berührte uns und half, dass wir in denselben Gemütszustand verfielen. Im Zug konnte man sich nicht einfach kurz in seinen eigenen Wohnwagen zurückziehen oder abends nach Hause gehen und fernsehen. Wir lernten uns dadurch alle sehr gut kennen. Menschen verbünden sich auf Filmsets immer, aber auf diesem Set passierte etwas ganz besonderes und wir verbündeten uns sehr stark. Da wir uns in Indien aufhielten, waren wir alle praktisch gezwungen, uns wie eine echte Familie zu fühlen,“ so Wilson.
Francis großer Rivale ist Peter, der mittlere der Whitman-Brüder, der auf den ersten Blick am emotional stabilsten wirkt. Schließlich hat er eine Ehefrau und sein erstes Kind ist bereits auf dem Weg. Aber auch er befindet sich an einem Scheideweg – und möchte darüber nicht sprechen. Für die Rolle des Peter, eine Figur die gleichzeitig Verschwiegenheit und Temperament auszeichnet, entschied sich Anderson für Adrien Brody. Der wandlungsfähige Mime bewies sein Talent bereits mit seiner eindrucksvollen und Oscar®-prämierten Performance in Roman Polanskis DER PIANIST (2002), in dem er versucht im von den Nazis besetzen Polen zu überleben. Der bekannte Kinostar war jüngst unter anderem als Drehbuchautor Jack Driscoll in Peter Jacksons Neuverfilmung von KING KONG (2005) zu sehen.
Als einziger des Trios, der zuvor noch nie mit Anderson gearbeitet hatte, ließ sich Brody bei dem Angebot nicht zweimal bitten: „Als ich den Anruf erhielt, dass Wes mich treffen wollte, war ich sehr aufgeregt, denn ich war schon immer ein riesiger Fan seiner Filme. Was ich an Wes so mag, ist, dass er den Typ junger Mann darstellt, dessen Blickwinkel wirklich die unserer Generation sind,“ präzisiert Brody. Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, war er noch begeisterter von dem Projekt. „Ich glaube, die Schönheit der Story liegt darin, dass man diese drei Jungs hat, die wirklich schmerzhafte Ereignisse durchleben, die aber sehr komisch erzählt werden. Die Story bietet wunderschöne, einfache Möglichkeiten an, Probleme zu lösen, sie gibt Lösungsvorschläge für Dinge, mit denen wir im Alltag konfrontiert werden,“ so Brody weiter.
Die Figur des Peter, der in Indien auftaucht und stolz das Erbe seines Vaters zur Schau stellt, sich aber bisher noch nicht mit seiner Trauer auseinandergesetzt hat, gefiel Brody besonders. „Ich wusste, dass es als Schauspieler riesigen Spaß machen würde, eine Figur mit solchen verqueren Ansichten zu spielen,” so Brody. „Peter ist ein Mann, der nach Antworten sucht. Ich glaube, wir suchen alle ständig nach Antworten und manche davon tauchen auf, während manche Fragen nie beantwortet werden können. Genau das geschieht auch im Film. Als mittleres Kind kämpft Peter um seine Unabhängigkeit. Gleichzeitig befindet er sich an einem Punkt seines Lebens, den er gerne komplett aussparen würde. Er verweigert sich – und deshalb kommt ihm der Trip nach Indien ganz gelegen. Er realisiert allerdings nicht, dass diese Reise ihn dazu zwingen wird, sich mit seinen Problemen und auch mit seinen Brüdern auseinanderzusetzen.“
Am Set, so Brody, sei das Gefühl eine Familie zu sein, wirklich fühlbar gewesen: „Wenn Leute zueinander komplett ehrlich und gelassen sind, dann entsteht zwischen ihnen diese ganz besondere Chemie. Man bekommt ein natürliches Gefühl für Kameradschaft und Freundschaft – und genau das passierte bei diesem Film. Es war für uns alle sehr aufregend und Wes wurde zu einer Art viertem Bruder für uns. Auf unfassbare Weise sind wir uns alle ähnlich – wirklich seltsam.“
Brody, der selbst gerne in die seelischen Tiefen seiner Rollen eintaucht, lobte die neuartige Herangehensweise beim Dreh von Wes Anderson. „Alles, was man im Film sieht, passiert tatsächlich so. Wenn wir gerade in einem Fluss in Indien vor Kälte zittern, dann frieren wir tatsächlich in Indien und nicht in Colorado oder wo auch immer. Ich glaube, dass hilft sehr dabei, sich in die Charaktere hineinversetzen zu können, denn man taucht ganz in die Welt dieser Figuren ein.“
Laut Brody sind es genau diese fremde indische Umgebung und das Zusammensein mit seinen Brüdern, die einen besänftigenden Effekt auf Peter haben. „Peter kommt in Indien mit soviel Leben in Kontakt, dass es ihn wachrüttelt. Das Leben hier ist sehr unsicher und gefährlich. Überall sieht man Menschen am Rande des Todes. Und dann ist da noch diese außergewöhnliche Schönheit, die zu allem im Kontrast steht. Ich glaube Peters Art alles zu verleugnen, hat ihn davon abgehalten, alle diese Aspekte des Lebens zu erfahren. Das ändert sich, als er in Indien ankommt.“
In einer der wohl rührendsten Szenen des Films erlebt Peter hautnah die erschütternd realistische Aussicht auf den möglichen nahen Tod und die Unvorsehbarkeiten des Lebens: „Diese Szene zu drehen war sehr bewegend,” so Brody über die Dorfbeerdigung, bei der die Brüder unerwartet zu Ehrengästen werden. „Es ist wirklich ein verheerender Moment für Peter, aber inmitten all dieser Verzweiflung fühlt er plötzlich auch eine Wertschätzung für das Leben und er hat den Willen, auf sein Leben aufzupassen.“
Andersons Fähigkeit, die erschütternsten und absurdesten Momente zu einem einzigen Flickenteppich des Lebens zu verarbeiten, ist laut Brody Schlüssel zur Stimmung des Films. „Wes interpretiert das Leben sehr speziell und ungewöhnlich. Deshalb lässt das Timing der Ereignisse den Film witzig erscheinen, auch wenn den Brüdern das alles andere als komisch erscheint. In gewisser Hinsicht sind wir gestandene Männer in einer unterhaltsam schrägen Situation.“
Allerdings war dies für Brody nicht immer unkompliziert: „In der Szene am Fluss lauteten Wes Regieanweisungen eigentlich genau anders, als ich mich normalerweise verhalten würde. Ich wäre präsent, würde meine Emotionen verstecken und sehr nüchtern sein. Aber so wie Wes es wollte, wirkt es fast noch trauriger, denn man sieht wie diese Figur nicht in der Lage ist, mit dem, was passiert, fertig zu werden“, erklärt Brody.
Und dann gibt es schließlich noch den jüngsten, kleinsten und vielleicht auch am besten im Leben stehenden Whitman-Bruder: Jack, seines Zeichens Autor, der seine Familie als Vorlage für seine Romane und Kurzgeschichten missbraucht. Von Anfang an stand fest, dass Ko-Autor Jason Schwartzman der perfekte Darsteller für diese Rolle sein würde.
Schwartzmans und Andersons Zusammenarbeit begann mit einem Film, der ihnen beiden internationales Renommee einbringen sollte: RUSHMORE (1998) mit Schwartzman als Max Fischer, einem rebellierenden Zehntklässler an der Eliteschule Rushmore Academy. Sein Partner war da Bill Murray als Pädagoge, der wie er um die Aufmerksamkeit einer verführerischen Lehrerin kämpft. Schwartzman stand daraufhin in Filmen wie Roman Coppolas CQ (2001), SLACKERS (2001), I _ HUCKABEES (2004) sowie SHOPGIRL (2004) vor der Kamera und war jüngst in der Rolle König Louis XVI. in MARIE ANTOINETTE (2006) zu sehen. Die Aussicht, wieder mit dem Regisseur zusammenarbeiten zu können, der ihm seinen Karrierestart ermöglichte und mittlerweile zum engen Freund geworden ist, begeisterte ihn jedoch besonders.
„Für mich wird Wes immer mein Mentor bleiben, jemand, den ich sehr verehre. Es ist wundervoll mit jemandem arbeiten zu können, an den man wirklich glaubt. Mit Wes an meiner Seite freue ich mich über jeden Tag an dem ich versuchen kann, mein Bestes im Job zu geben,“ so Schwartzman. Besonders die Rolle des Jack begeisterte Schwartzman, der viel Zeit mit der Entwicklung des Charakters verbrachte. „Er trägt einen Schnurrbart, keine Schuhe, aber hegt dafür sehr, sehr große Träume für sein Leben. Er ist ein wirklich guter Kerl, aber ich glaube, er muss noch ein wenig erwachsener werden,“ so Schwartzman über Jack.
Da er selbst am Drehbuch mitschrieb, war Schwartzman wohl bewusst, wie subtil die Veränderungen der Charaktere während ihrer spirituellen Reise voranschreiten mussten. Er erklärt: „Ich glaube, dass ist so, wie wenn man mit jemandem zusammen wohnt, der nach und nach abnimmt. Man registriert nicht unmittelbar, dass der andere dünner geworden ist, außer man hat ihn für längere Zeit nicht gesehen. Diese drei Männer sind sich also nicht wirklich im Klaren darüber, was sie die ganze Zeit erfahren, wie sie sich verändern und wie weit sie schon gekommen sind. Das realisieren sie erst gegen Ende des Films.“
Besonders die echte Gemeinschaft und die Freundschaft unter den Schauspielern hat laut Schwartzman dabei geholfen, den Rollen der Brüder auf der Leinwand Leben einzuhauchen: „Für mich war es wichtig, dass die drei Schauspieler, die die Brüder spielten, sich auch im wahren Leben verstanden und füreinander da waren. Ich bin sehr glücklich, dass Owen, Adrian und ich uns so gut verstanden und wir so viel Spaß zusammen hatten. Es hat sich wie eine echte Bruderschaft angefühlt. Außerdem konnten wir ja vom Zug nicht runter! Wir waren in dem Wagon mit all diesen Männern, Frauen und Ziegen und hatten keinen Platz, uns mal zu verstecken. Wir mussten also praktisch gut miteinander auskommen,“ so Schwartzman weiter.
Was die Arbeit mit Anderson betrifft, meint Schwartzman, dass diesmal die Erfahrung eine ganz andere gewesen sei. Besonders weil Anderson als Regisseur in den vergangenen Jahren kreativ gewachsen und das Design des Films so unkonventionell gewesen ist. „Ich glaube, Wes ist mittlerweile einfach fokussierter und hat viel dazu gelernt. Aber was mir bei diesem Film wirklich aufgefallen ist, ist Wes Fähigkeit, die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen und sie unvorhersehbar und zufällig geschehen zu lassen. Genau das erhoffte er sich vom Dreh auf einem Zug in Indien – und genau das erlebten wir dann auch,“ so Schwartzman abschließend.