Viel ist über die Unverletzbarkeit der Texte Pinters geschrieben worden, noch mehr sogar über die Weigerung des Autors, sein Werk zu analysieren oder zu erklären. Viele der kursierenden Geschichten sind sicher nicht authentisch (obwohl es wahr sein könnte, dass der junge Alan Ayckbourn, der damals als junger Schauspieler eine Rolle in „The Birthday Party“ hatte, Pinter um Hinwiese bat, wie seine Figur zu verstehen sei und zur Antwort bekam: ,Kümmer’ dich um deinen eigenen Kram – sag einfach den Text auf!“).
Als Kenneth Branagh mit 15 zum ersten Mal für eine Rolle vorsprach, wählte er einen Monolog aus einem Pinter-Stück. Wirkte die Aussicht, mit dem verehrten Schriftsteller zusammenzuarbeiten, zunächst einschüchternd, wurde es am Ende zu einer höchst bereichernden Erfahrung.
„Bei den Proben musste ich gelegentlich Harold Änderungsvorschläge machen, von denen er wahrscheinlich nicht begeistert war“; erinnert sich Branagh: „Aber er war immer äußerst respektvoll. Weil er ehrlich und aufrichtig ist, reagiert er ohne Verstellung; und wenn er mit etwas nicht einverstanden ist, sagt er das auch, und zwar mit seinem ganzen feurigen und manchmal auch widerborstigen Intellekt. Er ist ein hochintelligenter und leidenschaftlicher Typ, und wenn er argumentiert, dann tut er das mit großem Nachdruck. Aber wenn man seine eigene Meinung begründen kann, hört er auch zu und versucht, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen.“
Auf die Frage, was genau es denn nun ist, das Pinters Sprache so einzigartig macht, dass sie ein eigenes Adjektiv im Englischen („pinteresque“) und einen Nobelpreis verdient hat, antwortet Branagh: „Pinter füllt das anscheinend Prosaische und Banale mit Poesie – er macht er erinnernswert. Bei ihm spürt man ein Vergnügen an der Sprache und eine ständige Aufforderung an das eigene Vorstellungsvermögen. Er beherrscht den Trick, dass er einem eine anscheinend naturalistische Geschichte darbietet und man irgendwann merkt, dass die Geschichte nicht naturalistisch, sondern realistisch ist. Die Dialoge sind der Alltagssprache ähnlich, die Figuren ähneln Leuten, denen wir schon einmal begegnet sind und doch kommen sie aus einer ganz anderen Welt, gewissermaßen aus der Welt unserer Alpträume. Man hat das Gefühl, diese Worte und Sätze schon einmal gehört zu haben, aber hier sind sie auf eine Art und Weise zusammengesetzt, dass ihre Bedeutungen schärfer hervortreten. Bei Pinter gibt es Humor, es gibt Mitgefühl, es gibt Furcht und Schrecken, es gibt eine dichterische Sprachebene. Er kann einem ganz schön zusetzen, dieser Mr. Pinter.“
„Das Außergewöhnliche an Harolds Sprache ist die Doppeldeutigkeit – er verankert seine Sätze in der Realität, in der oft unzusammenhängenden Art eines Alltagsgesprächs, aber gleichzeitig läßt er Platz für Lücken, deren Bedeutung offen ist“, sagt Jude Law. „Als Schauspieler kann man Harolds Dialoge fast beliebig interpretieren. Wir hatten dabei sehr viel Spaß, aber es war auch eine unglaubliche Herausforderung, wenn man 90 Prozent des Drehbuchs auf zwei, drei, wenn nicht gar vier verschiedene Weisen spielen kann. Jeder hat die Szenen auf seine persönliche Art und Weise gedeutet und dem Ganzen hinzugefügt.“
Law weiter: „Harold findet Kürze schön, eloquent und aussagekräftig. Daraus wird ein sehr zeitgenössischer Stil, der manchmal sogar fast vom Unvermögen, sich auszudrücken, geprägt ist. Da werden Dialoge Figuren in den Mund gelegt, die von sich gar nicht wissen, dass sie eloquent sind. Ich glaube, das Publikum wird überrascht sein, wie lustig 1 MORD FÜR 2 ist. Der Humor entsteht durch die Zweideutigkeiten und durch das Gnadenlose, Duellhafte der Dialoge. Es herrscht fast ein Mangel an Worten, so dass in den Situationen immer ein Gefühl von Understatement vorherrscht.“
„Das hat etwas Urtümliches und Atavistisches“, fügt Branagh hinzu: „Es ist eine schonungslose Weise zu kämpfen. Diese beiden Männer wirken sexuell leidenschaftlich, sie wirken körperlich sehr kräftig, gerade dadurch, dass sie diese Stärke durch oberflächliche Zivilisiertheit zu kaschieren versuchen. Es ist ein verbales Duell, das mit vielen Bedeutungen und so viel Grausamkeit aufgeladen ist, dass es absolut fesselnd wirkt. Pinter lässt seine Figuren all das sagen, was man niemals sagen würde; genau die Art von Bemerkungen, die das festliche Abendessen oder die Verabschiedung eines Arbeitskollegen abrupt beenden würden. Man schaut mit offenem Mund zu, gleichzeitig peinlich berührt und fasziniert. Da ist sehr packend.“
„Harolds Dialoge sehen sehr natürlich und gewöhnlich aus, manchmal sogar mit Schlagwörtern aus dem Cockney-Dialekt“, sagt Michael Caine: „Sie sind wie kleine Phrasen, die man schon die Eltern immer hat sagen hören, gerade wenn man aus London stammt. Diese Klischees haben eigentlich keine Bedeutung, bis man zum Ende des Satzes kommt und plötzlich eine Bedeutung entsteht. Es ist außerordentlich schwierig, Pinter richtig hinzubekommen. Man schaut sich den Text an und zunächst ist alles sehr gewöhnlich – und dann wird die Szene sehr, sehr bedrohlich und dabei auf bizarre Wiese auch komisch. Wenn man sich das Original von 1 MORD FÜR 2 anschaut, denkt man sich: ,Wie soll sich das denn umschreiben lassen?’ Und dann liest man Pinter und man sagt sich: ,So, natürlich – wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen?’
Bei 1 MORD FÜR 2 war es offensichtlich Harolds Absicht, den Leuten wirklich einen Schrecken einzujagen“, sagt Branagh: „Erst schafft er diese ständige Hochspannung, und dann stellt er einem immer mal wieder ein Bein; er wirft bestimmte Phrasen aus alltäglichen Gesprächen in das Stück ein wie eine Bananenschale, auf der die Zuschauer und die Figuren ausrutschen sollen. Man weiß zwar, dass man bei ihm in guten Händen ist, was die künstlerische Perfektion anbelangt, aber man ist in gar keinen guten Händen bei ihm, wenn man auf der Suche nach gemütlicher Abendunterhaltung ist.“
„Die beiden Männer übernehmen abwechselnd das Kommando; es ist ein echter Machtkampf, und genauso funktioniert es immer mit Macht: Es geht runter und rauf, man ist drin oder draußen“, sagt Harold Pinter. „Worum es im Film wirklich geht ist, dass man niemals genau weiß, wer gerade die Oberhand hat. Manchmal hat einer die Oberhand oder es scheint zumindest so, dann ist es der andere, der scheinbar die Oberhand hat und dann ist es auch tatsächlich so. Und dann stellt sich heraus, dass er sie doch nicht hat. Schließlich geht es auch um zwei Männer, die miteinander spielen, auch wenn es ziemlich makabre Spiele sind. Und ich finde das Stück auch sehr lustig. Es ist gleichzeitig bedrohlich und lustig.“