Als Susan Minot ihren Roman Evening schrieb, hoffte sie, dass „jeder beim Lesen der Ge-schichte dieser Frau darüber nachdenken würde, was im eigenen Leben wichtig ist, was uns wirklich am meisten bedeutet, und wie man sein Leben fortan gestalten möchte.“
Wie so viele Leser des beliebten Bestsellers konnte sich auch Produzent Jeffrey Sharp gleich-zeitig auf persönlicher und universeller Ebene mit dieser Geschichte identifizieren. Er meint: „Der Roman handelt vom Rückblick einer Frau auf ihre Vergangenheit, während ihre Kinder an ihrem Bett wachen und mehr über das frühere Leben der Mutter erfahren möchten. Wenn ein Elternteil oder ein geliebter Mensch dem Tode nahe ist, dann kann man beobachten, wie dieser Mensch sich an einen Ort begibt, den die Angehörigen oder Kinder oft nicht begreifen können. Die Kinder sehnen sich danach, ihren Eltern an diesen Ort der Erinnerung folgen und verstehen zu können, was mit ihren Lieben in diesen Stunden geschieht. Doch das kann man wohl nicht; es geht um ein ganzes Leben, und man muss verstehen, dass man nur eines der Bestandteile dieses Lebens ist.“
Im Laufe eines Jahres war es Sharp mithilfe von Minot gelungen, die Filmrechte an dem Ro-man, auf die zuvor bereits eine Option gezeichnet worden war, zu erwerben. Sharp meint: „Ebenfalls durch Susans Mitwirkung konnte ich „EVENING“ als Independent-Spielfilm kon-zipieren.“ Es folgten etliche verschiedene Rohfassungen des Drehbuchs.
Während er 2003 mit einem anderen Romanschriftsteller und Drehbuchautor – dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Michael Cunningham – an dessen Adaption von „A Home at the End of the World“ zusammenarbeitete, spürte Sharp, dass Cunningham sich für „EVENING“ interessieren würde. Der Produzent sagt: „Ich habe Michael das Projekt zu „EVENING“ vorgestellt; er hat es sofort gelesen und deutlich gefühlt, dass er gerne an der Leinwandadaption arbeiten wollte.“
Genau wie Sharp fühlte sich auch Cunningham intensiv vom Roman angesprochen und sagt: „Es war die Geschichte einer Mutter, die am Ende ihres Lebens steht, zurückblickt und sich fragt, ob sie Fehler begangen habe. Ich las es zu einer Zeit, als meine eigene Mutter sehr, sehr krank war, so dass es wie eine Fügung des Schicksals war.“
„Susan ist eine Schriftstellerin, die ich sehr bewundere. Der Roman gefiel mir sehr, doch mir war von Anfang an klar, dass wir große Veränderungen vornehmen mussten, um daraus einen Film zu machen. Im Roman gibt es Dutzende von Figuren, die alle gut gezeichnet sind, doch ich wusste, dass wir sie nicht alle in den Film übertragen konnten. Bevor ich für dieses Projekt zugesagt habe, rief ich Susan an und erzählte ihr, wie sehr mir das Buch gefallen hat und welch große Ehre es für mich war, am Drehbuch mitarbeiten zu dürfen. Dann sagte ich, dass ich deutliche Veränderungen vornehmen müsste, und meinte: ‚Wenn das für dich nicht OK ist, dann sag es mir einfach, und ich mache es nicht, denn meine oberste Loyalität gilt immer zuerst dem Autor!’ Aber Susan meinte: ‚Legen wir los. Sieh’ zu, was du machen kannst.’ Also habe ich es getan.“
Minot erinnert sich: „Ich habe zu Michael gesagt: ‚Was immer dazu nötig ist, um in die Ge-schichte einzutauchen, das tust du.' Er hat es geschafft, die Struktur und die Themen des Bu-ches beizubehalten, aber dem Drehbuch auch eine Dosis seines eigenen Stils zu geben.“
Mit einer neuen Drehbuchfassung beschlossen die Filmemacher dann eine Lesung mit ver-teilten Rollen abzuhalten. Die Casting-Leiter Hopkins, Crowley und Barden stellten die Be-setzung dafür zusammen – und wie sich herausstellen sollte wurde bei dieser Gelegenheit bereits die Hauptdarstellerin gefunden. Sharp erzählt: „Claire Danes las die Rolle von Ann Grant, und es war einfach eine wunderbare Erfahrung. Wir wussten, wir hatten etwas in der Hand.“
Das wusste auch einer der Manager von Focus Features, der bei der Lesung anwesend war. Sharp berichtet: „Wir waren uns einig, dass „EVENING“ ein Material von dem Kaliber ist, das der Vision von Focus für Geschichten und Independent-Filme für ein weltweites Publikum entspricht.“ Nachdem Focus als Partner mit von der Partie war und das Casting fortgesetzt wurde, machte man sich auf die Suche nach einem Regisseur.
Lajos Koltai stammt aus Budapest, war als Kameramann für einen Oscar nominiert und hatte gerade mit der einzigartigen Verfilmung der Holocaust-Geschichte „Fateless“ sein Regiedebüt gegeben. Sharp sagt: „Wir haben Regisseure aus allen Filmgenres in Betracht gezogen. Auf Empfehlung eines Focus-Verantwortlichen gingen Michael und ich eines Nachmittags in das Manhattan Film Forum-Kino, um uns „Fateless“ anzusehen.“
„Schon bei den Eröffnungsszenen wussten wir, dass dieser Regisseur ein Meister seines Fa-ches ist – ein Virtuose. Er taucht tief in seine Charaktere ein und hat ein umfassendes Ver-ständnis für die menschliche Natur und für unser Streben nach Besserem; auch wenn wir das Ersehnte nicht erreichen, so haben wir doch das grundlegende Bedürfnis danach, es zu versu-chen. Das war in „Fateless“ eindeutig, und so sollte es auch in „EVENING“ sein. Dieses Ein-fühlungsvermögen in Kombination mit seinem besonderen Blick und seinem Sinn für Film als visuelles Medium war genau die richtige Mischung aus Fähigkeiten, die wir für unser Material suchten. Also gingen wir zu Focus und sagten: ‚Das ist unser Mann.’ Dann brachten wir Lajos das Drehbuch und er war sofort Feuer und Flamme.“
Der Regisseur fühlte sich nicht nur deswegen angesprochen, weil dies ihm Gelegenheit bot seinen ersten englischsprachigen Spielfilm zu drehen, sondern auch aufgrund der universellen und zeitlosen Themen der Geschichte. Koltai meint: „Das Drehbuch zu lesen war wie ein Ge-schenk. Es handelt von Themen, die uns allen wichtig sind: der Wunsch nach Sicherheit, die Suche nach jemandem, den man liebt, und die Tatsache, dass die Entscheidungen, die wir treffen, uns durch unser gesamtes Leben begleiten – und auch das Leben unserer Kinder be-einflussen. Wenn unsere Kinder dann ihren eigenen Weg gehen, werden sie wohl wissen, an welchen Scheidewegen wir einst standen? Und werden sie aus unseren Entscheidungen ler-nen?“
„In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt Ann Grant ihren großen Augenblick. Diese Erfahrung hat sie immer begleitet, obwohl sich ihre Sicht der Dinge im Laufe der Jahre ver-ändert hat und sich im Verlauf der Geschichte endgültig wandelt, was ihre Töchter angeht.“
Sharp meint dazu: „Es hat uns nicht überrascht, dass Claire für Lajos die erste Wahl für die Besetzung der Hauptrolle war – er hatte als Kameramann bereits mit ihr zusammengearbeitet (in „Familienfest und andere Schwierigkeiten“). Sie war wie für diese Rolle gemacht – oder die Rolle war wie für sie gemacht. Genauso war es bei der Besetzung der Rolle von Ann Lord; Lajos bevorzugte Schauspielerin war Vanessa Redgrave. Obwohl sie in dieser Rolle die meiste Zeit über im Bett liegen würde, wussten wir, dass Ann Lord unter Lajos Regie dennoch dynamisch wirken kann. Glücklicherweise hatte Vanessa Redgrave ebenfalls gerade „Fateless“ gesehen und sehr gemocht, also flogen Lajos und ich nach London, um sie zu treffen. Innerhalb von Sekunden war es so, als seien sie seit Jahren alte Freunde. Bei einer Tasse Tee wurden wir uns sofort einig.“
„Das Casting von „EVENING“ war die aufregendste Erfahrung in meiner Karriere. Es gibt darin etliche wunderbare Rollen, besonders für Schauspielerinnen, doch alle Figuren waren mit einer Fülle von Details und großer Hingabe ausgestaltet.“
Cunningham fügt hinzu: „Während der Arbeit an einem Drehbuch entwickle ich immer eine klare Vorstellung von den Figuren, also denke ich nicht an einen bestimmten Darsteller. Doch als sich dieses Drehbuch weiterentwickelte, begann ich bei Ann Grant öfter an Claire Danes zu denken, die ich seit Jahren kenne. Sie verfügt im Überfluss über Ann Grants Intelligenz und Witz, hat auch ihren rebellischen Geist. Ich war begeistert, als Claire für diese Rolle zusagte.“
Claire Danes berichtet: „Sowohl der Roman als auch das Drehbuch sind fantastisch. Ich habe einen Vorteil daraus gezogen, mich als reichhaltige Ressource auch an den Roman halten zu können. Doch die Adaption interpretiert diese Geschichte für das Medium Film ganz wunder-bar neu; sie hat eine ganz eigene Frische und Dringlichkeit. Dieser Film behandelt die Frage, was ein Leben ausmacht. Wir sind doch alle Menschen, die ihr Leben lang auf der Suche sind.“
„Meine Figur macht ausschlaggebende Erfahrungen und beginnt, in ihrem Leben Entschei-dungen zu treffen. Es ist immer aufregendend, eine Figur zu spielen, die eine Wandlung durchmacht. Das Wochenende bei den Wittenborns ist für Ann eine wegweisende Erfahrung. Für die High-Society-Welt, in die sie sich hineinbegibt, ist Ann etwas unkonventionell. Sie ist sehr idealistisch und ehrgeizig – nicht auf zynische Weise, sondern in Bezug auf das, was sie vom Leben erwartet. Sie ist bereits dabei, ihren Wunsch nach Unabhängigkeit und den Wunsch nach einer eigenen Familie gegeneinander abzuwägen; sie möchte Mutter werden, interessiert sich aber auch für die Bühne und das Singen. Also ist die Ann Grant, die ich spiele, doch ganz anders als die Ann Lord, die von Vanessa Redgrave verkörpert wird.“
Danes und Redgrave trafen sich während der Proben; Danes lacht: „Mit einer Schauspielle-gende wie Vanessa habe ich über fast alles mögliche gesprochen – außer darüber, wie wir die gleiche Rolle jeweils anlegen wollten! Wir kamen überein, dass Vanessa in den Szenen als Ann sowieso nicht „sie selbst“ ist, also war es auch nicht nötig, dass sich beide besonders ähnelten.“
„Wir haben aber über Wege gesprochen, um eine Konsistenz zu schaffen. Vanessa hat mir sehr genau beim Sprechen zugehört und sich auch eine Aufnahme angehört, die ich zuvor mit einem Sprachcoach gemacht hatte; als Engländerin, die eine Amerikanerin spielt, hielt sie das für die beste Lösung.“
Die Mutter-Tochter-Themen, die in der gesamten Geschichte präsent sind, beeinflussten auch bald das Casting. Redgrave ist im wahren Leben, genau wie Ann, Mutter von zwei Töchtern. Ihre älteste Tochter Natasha Richardson wurde auf die Rolle der Constance angesetzt, Anns älteste Tochter. Redgrave und Richardson standen bereits zwei Jahre zuvor für „The White Countess“ gemeinsam vor der Kamera; doch in „EVENING“ sollten sie zum ersten Mal auch in den Rollen als Mutter und Tochter in einem Spielfilm mitwirken. Sharp sagt: „Ich wollte schon immer mit Natasha zusammenarbeiten. Ich denke, die Gelegenheit mit ihrer Mutter vor der Kamera zu stehen und ein so persönliches Drama zu spielen hat Natasha wirklich sehr angesprochen – und sie hat tolle Ideen beigetragen, um die Rolle der Constance auszugestal-ten.“
Richardson offenbart: „Meine Mutter und ich haben zu Lajos gesagt: ‚Das wird unsere einzige Chance sein, in einem Spielfilm auch Mutter und Tochter zu sein, und das wollen wir aus-nutzen.’ Also hat Michael extra für uns eine besonders schöne Szene ins Drehbuch aufge-nommen. Es war eine große Freude, in einem Film mit dieser Thematik mitwirken zu können, in dem wir so vieles aus unserer eigenen Beziehung und Geschichte mit einbringen konnten und mit diesem Pfund wuchern durften. Außerdem war ich davon begeistert, mit ihr zusam-menarbeiten zu können – wer wäre das nicht? Auch wenn ich nicht ihre Tochter wäre – sie ist nun mal Vanessa Redgrave.“
„Im Film spiele ich die ‚gute Tochter’, die mit sich im Reinen ist, ein Heim und ein geregeltes Familienleben hat. Meine Rolle, Constance, steht ihrer jüngeren Schwester Nina sehr nahe – auch wenn sie sich manchmal gegenseitig an die Gurgel gehen. Constance und Nina sehen die Dinge nicht immer auf die gleiche Weise, doch es eint sie eine große Liebe und warmherzige Zuneigung, wie so oft bei Schwestern.“
Cunningham meint: „Es gibt eine Szene zwischen Constance und Nina, die durch ihre Auf-richtigkeit und Rührung eine echte Herausforderung für das Drehbuch war. Sie haben diesen Streit, der mir aus meiner eigenen Erfahrung mit meiner Familie in der Zeit, als meine Mutter verstarb, sehr bekannt vorkam. Während einer solchen Krise ist man gerade gegenüber den Menschen, die einem besonders am Herzen liegen, furchtbar unbeherrscht und ungerecht.“
Angesprochen von der Zeitlosigkeit der Geschichte und Thematik sollte schon bald ein weite-res Mutter-Tochter-Gespann bei „EVENING“ mit an Bord kommen. Sharp sagt: „Mamie Gummer kam zum Vorsprechen für die Rolle der Braut Lila Wittenborn und traf genau den Kern dieser Figur.“
Gummer erklärt: „Lila stammt aus einem privilegierten Elternhaus, fühlt sich in dieser elitären Umgebung aber gefangen. Sie würde im Nu alles aufgeben, wenn der Mann, in den sie wirklich verliebt ist – und das ist nicht ihr Bräutigam – sie nehmen würde. Ich fühlte mich von ihrer Traurigkeit angesprochen, ebenso wie von der Art und Weise, in der diese Geschichte die Konflikte zwischen Liebe und sozialem Rang analysiert, ein Thema, das so alt wie die Menschheit ist.“
„Ann Grant und Lila haben nicht wirklich viel gemeinsam, sind aber dennoch beste Freundin-nen, die sich in großer Zuneigung treu sind. Sie haben sich auf dem College kennen gelernt und wie Schwestern zueinander gehalten. Nach den Dreharbeiten haben Claire und ich diese Freundschaft vertieft.“
Danes meint: „Ich fand es großartig, die Szenen mit Mamie zu spielen. Ich habe nicht oft Ge-legenheit dazu, auf der Leinwand eine wirklich tiefe Frauenfreundschaft zu spielen. Sie ist eine wunderbare und begabte Schauspielerin, und jetzt sind wir auch im wahren Leben gute Freundinnen.“
Sharp sagt: „Mamie hatte uns bei einem einzigen Vorsprechen alle begeistert, und dann wieder bei einem zweiten Termin, den wir angesetzt hatten, weil sie beim ersten Mal so großartig gewesen war. Lajos wollte sie sofort für die Rolle als Lila Wittenborn besetzen; erst danach haben wir ihm erzählt, dass sie mit einer Schauspielerin namens Meryl Streep verwandt ist.“
„Die Idee, Meryl für die Rolle als Lila Ross (der verheirateten Lila Wittenborn) zu besetzen gebührt unser Kostümdesignerin Ann Roth und unserem Haar- und Make-Up-Designer J. Roy Helland, die beide bereits über Jahre hinweg mit Meryl zusammengearbeitet haben. Ann gab Roy, der mit Meryl im Central Park für „Mutter Courage“ probte, das Drehbuch. Er ließ ein-fach eine Kopie davon auf ihrem Schminktisch liegen. Sie hat es gelesen, war begeistert und dachte, es würde Spaß machen in diesem Film mitzuspielen. Mamie sagte, sie sei wirklich glücklich darüber gewesen, ihrer Mutter zu einem Job zu verhelfen.“
Danes fügt hinzu: „Mamie und ich konnten uns die Tagesproduktion einer Szene anschauen, in der Meryl und Vanessa zusammen vor der Kamera stehen, um das dann für eine Parallelszene zwischen uns aufzugreifen. Wir waren beim Zuschauen begeistert, fragten uns aber gleichzeitig, wie wir das bloß hinkriegen sollten… Doch unsere Szene, der Morgen von Lilas Hochzeit, war einfach toll geschrieben; es gibt darin drei ganz unterschiedliche Kapitel.“
Gummer ergänzt: „Es stand alles dort auf dem Papier; im Film ist das meine Lieblingsszene, sie ist so ergreifend.“
„Meine Mutter und ich hatten gewitzelt, dass Lila aus Gründen der Kontinuität vielleicht hin-ken sollte, aber das haben wir dann doch gelassen. Also haben Claire und ich uns am Abend vor unserem Dreh die Tagesproduktion einer anderen – absolut mitreißenden – Szene ange-schaut und versucht, uns dieser Vorgabe irgendwie zu nähern.“
Koltai hatte bereits eine ganz bestimmte Schauspielerin vor Augen, die im Film Lilas Mutter verkörpern sollte.
Sharp erzählt: „Lajos hatte zuvor als Kameramann bereits mit Glenn Close zusammengear-beitet (bei „Zauber der Venus“), und sie hatten sich glänzend verstanden. Deshalb war sie die erste Darstellerin, an die er für die Rolle der Mrs. Wittenborn dachte; er wusste genau, dass sie diese Matriarchin verkörpern und ihr gleichzeitig echte menschliche Tiefe verleihen konnte.“
Glenn Close meint: „Lajos und ich sind Freunde geblieben; doch wenn man eine so gut ge-schriebene Story mit wundervoll vielschichtigen Figuren, die von so herausragenden Darstel-lerinnen wie Vanessa Redgrave gespielt werden, in die Finger bekommt, dann will man sich das einfach nicht entgehen lassen. Ich finde es immer sehr rührend, Figuren in ihrer Jugendzeit zu sehen, von großen Hoffnungen für ihr zukünftiges Leben beseelt – und dann als Erwachsene, die zurückblicken. In „EVENING“ geht es um die Familie und darum, wie die Entscheidungen einer Generation die folgenden Generationen beeinflussen.“
„Ich mag Mrs. Wittenborn; sie erinnert mich stark an viele der Frauen, die ich als Heranwach-sende in Connecticut kannte. Das Drehbuch hat die Aura dieser Frauen genau eingefangen. Mrs. Wittenborn will immer das gesellschaftlich akzeptierte tun, statt sich den Problemen innerhalb ihrer Familie zu stellen. Es ist die amerikanische Version der britischen ‚stiff upper lip’.“
Für die Rolle von Anns jüngerer Tochter Nina schwebte Sharp sofort die Schauspielerin Toni Collette vor, die gerade in „The Night Listener“ eine Hauptrolle hatte. Sharp lacht: „Aufgrund der unheimlichen Intensität ihrer Rolle in jenem Film hatte ich Toni danach versprochen, ihr eine Rolle zu besorgen, die sie etwas mehr genießen könnte. Also sagte ich: ‚Ich habe diese tolle Rolle für dich; darin darfst du so wunderschön und großartig sein, wie du im echten Leben auch bist!’ Eine Woche, nachdem ich ihr das Drehbuch gegeben hatte, rief sie an und sagte für die Rolle der Nina zu.“
„Während ich sie bei ihren Szenen mit Vanessa und Natasha beobachtete, konnte ich sehen, wie sie dem bereits sehr tiefgründigen Stoff noch mehr Reichhaltigkeit verlieh.“
Eine der Rollen, die für einen Darsteller die größten Herausforderungen mit sich brachte – und die gegenüber dem Roman sehr erweitert wurde – war die des Buddy Wittenborn, gespielt von Hugh Dancy. „Der Dreh- und Angelpunkt von „EVENING“ ist jetzt Buddy“, meint Sharp. „Für diese Rolle brauchten wir einen Schauspieler, mit dem sich jeder Zuschauer mit der Figur identifizieren und sympathisieren kann. Hugh hat diese Anforderungen genau erfasst und wunderbar umgesetzt. Er sieht sehr gut aus, hat aber außerdem das Talent, sich in eine Figur hineinzuversetzen und eine großartige Performance abzuliefern. Das habe ich in den verschiedenen Rollen, die er über die Jahre gespielt hat, immer wieder festgestellt, und auch Lajos kannte Hughs Arbeit schon. Hugh fühlte sich von der Rolle des Buddy und von dem Drehbuch wirklich sehr angesprochen.“
Hugh Dancy meint: „Das Drehbuch hat mich umgehauen; die Entwicklung der Charaktere war komplex, mitreißend und sehr menschlich dargestellt. Wir sind doch alle dabei, uns einen Weg durch das Labyrinth des Lebens zu bahnen, und versuchen in einem Stück ans Ziel zu kommen – es war schon ungewöhnlich, so etwas in einem Drehbuch zu finden. Buddy ist ziemlich charmant; um mit seiner Familie umzugehen, trinkt er zuviel und macht über alles Scherze. Im Laufe der Ereignisse und des Wochenendes stellt man fest, dass unter dieser
Oberfläche eines scheinbar unglaublich lebhaften und freien Geistes in Wahrheit eine ganzer Haufen Komplikationen steckt.“
Danes fügt hinzu: „Ann hat eine langjährige Freundschaft mit Buddy, doch mittlerweile fühlt sie sich für ihn verantwortlich und macht sich übermäßige Sorgen um ihn. Als sie Harris
Arden kennenlernt, stellt sie fest, dass dieser Mann jemand ist, den sie nicht retten muss.“
Sharp berichtet: „Aufgrund seines Talents schien uns Patrick Wilson immer der Richtige für die Rolle des Harris zu sein, doch wir befürchteten, er würde nicht zur Verfügung stehen. Trotzdem schickten wir ihm das Drehbuch – und er war begeistert. Als Schauspieler verfügt er über diese zeitlose Männlichkeit, durch die er sich genau in die Welt der 50er Jahre einfügt, die wir im Film wieder aufleben lassen.“
Patrick Wilson meint: „Ich habe mich in die Geschichte verliebt, genau wie wir alle. Sie in-spiriert einen dazu, das Leben auszukosten und das zu lieben, was man hat. Mutig fand ich an diesem Drehbuch, dass es um eine romantische Geschichte geht, in die solch wunderbare Szenen zwischen einer Mutter und ihren Töchtern verwoben sind. Vanessa Redgrave ist eine so großartige Darstellerin, dass ich es kaum erwarten kann zu sehen, wie sich Ann Lords Ge-schichte auf der Leinwand entwickelt.“
„Als Schauspieler sagte mir die Tatsache zu, dass ich viel zu spielen haben würde, denn vieles dreht sich um Harris, Ann Grant, Lila und Buddy. Es geht drunter und drüber – genau wie im richtigen Leben.“
Um die Besetzung abzurunden sicherten sich die Filmemacher die Mitwirkung einer weiteren Schauspielerin, die zuvor bereits mit Vanessa Redgrave vor der Kamera gestanden hatte:
Eileen Atkins spielt Ann Lords Krankenschwester. Eileen Atkins berichtet: „Ich spiele eine Betreuerin, deren Gefühle nie im Vordergrund stehen. Dennoch ist sie gegenüber Ann sehr warmherzig und freundlich – und wenn der eine Mensch, den man die ganze Zeit über sieht, eine Krankenschwester ist, dann kann sich diese Krankenschwester in deiner Vorstellung in alles mögliche verwandeln.“
„Als Regisseur hat Lajos eine wunderbare Art, dir unmittelbar vor dem Dreh einer Szene genau das Richtige mit auf den Weg zu geben; mit seiner Empathie taucht er mit dir in die Rolle ein. Da er Kameramann war, weiß er genau, wie man einen Film drehen muss; als Schauspieler kann man alles geben und wunderbar sein, aber wenn um dich herum nicht alles andere auch gut und richtig aussieht, dann vergiss es.“
Danes fügt hinzu: „Er hat einen akkuraten Spürsinn für zwischenmenschliche Beziehungen und konzentriert sich sehr auf die Darstellungen, denn er weiß Schauspieler zu schätzen. Das ist nicht bei allen Regisseuren der Fall. Lajos steht immer bei der Kamera, nie sitzt er einfach vor dem Monitor. So erschuf er eine absolut sichere Umgebung, damit wir alle so verletzlich und ausdrucksstark wie möglich sein konnten.“
„Er ermutigt jeden und schafft eine entspannte Stimmung“, fügt Dancy hinzu. „Er ist begeis-terungsfähig und trotzdem immer präzise.“
Gummer meint: „Man spürt, dass ihm jedes Detail am Herzen liegt; ihm entgeht nichts, er vernachlässigt nichts. Bei ihm fühlt man sich extrem gut aufgehoben.“
Minot berichtet: „Lajos tut am Filmset etwas, das mir ideal zu sein scheint: er nimmt die Schauspieler beiseite und spricht unter vier Augen mit ihnen, so dass es kein anderer hören kann. Es ist eine intimere und sanftere Form der Zusammenarbeit.“
Cunningham meint: „Er ist ein wahrer Künstler, intelligent und intuitiv. Er liebt Schauspieler und Autoren und hat Respekt für ihre Fähigkeiten. Nach Jahrzehnten als Kameramann verfügt er auch über eine hochentwickelte und magische visuelle Vorstellungskraft.“
Close ergänzt: „Lajos entstammt einer traditionsreichen Linie ungarischer Filmemacher. Viele von ihnen mussten damals in Ungarn „aus Nichts alles machen“, wenn nicht genug Filmmate-rial zur Verfügung stand, also mussten sie bereits in Gedanken die besten Schnitte erschaffen. Daher verfügt er über große Disziplin und verschwendet keine Zeit.“
In „EVENING“ werden zwei verschiedene Welten in zwei unterschiedlichen Epochen der Geschichte dargestellt: in der Gegenwart sehen wir eine private Krankenwache, fünfzig Jahre zuvor erleben wir ein prägendes Wochenende. Obwohl der Roman im US-Bundesstaat Maine spielt, bleibt in der Drehbuchadaption der Schauplatz offen. Aufgrund des sozialen Status der Familie Wittenborn machten sich die Filmemacher jedoch entlang der Küste von New England auf die Suche. Besonders ermutigt wurde man auch durch die auf Rhode Island gewährten steuerlichen Vergünstigungen, erinnert sich Sharp: „Sobald wir einen Blick auf Newport geworfen hatten und den Ocean Drive entlangfuhren, spürten wir, dass dies der richtige Ort war.“
Die Dreharbeiten auf Rhode Island fanden in Tiverton, Jamestown und Newport statt. Unter den herausragenden Locations in Newport waren Rose Cliff, die Trinity Church und Easton Beach. Außerdem wurde auch in New York City gedreht, darunter in der West 12th Street in Greenwich Village sowie an der Upper West Side.
Um alle Drehorte zur Geltung zu bringen und die Atmosphäre beider Welten aus Anns Ver-gangenheit und Gegenwart bestmöglich zu vermitteln engagierten die Filmemacher die Oscar-preisgekrönte Kostümdesignerin Ann Roth (die mit etlichen der beteiligten Schauspieler be-reits zuvor zusammengearbeitet hatte), Produktionsdesignerin Caroline Hanania (deren lang-jährige Zusammenarbeit mit Regisseur Peter Chelsom besonders aufgefallen war) sowie Ka-meramann Gyula Pados, der unter der Regie von Koltai bereits bei „Fateless“ hinter der Ka-mera stand.
Pados, so Sharp, stehe „am Beginn einer herausragenden Karriere. Er und Lajos haben eine einzigartige Vision für die Filme, die sie gemeinsam realisieren wollen.“
Close meint: „Gyula ist brillant; er und Lajos weisen eine wunderbare Synergie auf. Sie leuchten die Szenen so schön aus – und bemerkenswert schnell!“
Wilson, der vor wenigen Jahren für „Angels in America“ von Kostümdesignerin Roth aus-gestattet worden war, sagt, sie sei „die Beste in der Branche. Bei der Anprobe schlüpfte ich in einen Anzug und meinte: ‚Der sitzt wirklich gut, Ann.’ Sie antwortete: ‚Das sollte er auch; den hast du in „Angels in America“ getragen.“
„Letztendlich haben wir diesen Anzug nicht verwendet, aber ich fand es toll, wieder von ihr ausgestattet zu werden – diesmal im Stil der 50er Jahre. Diese Epoche spricht mich wirklich an, genau wie die damalige Kleidung, der Schnitt der Hosen mit hoher Taille und alles andere aus jener Zeit.“
Die Hochzeitsfeier und die Verwicklungen unter den Anwesenden spielen sich in und um den „Landsitz“ der Wittenborns in Newport ab; die Filmemacher fanden dort ein Haus, das so-wohl die Pracht als auch die geforderte Privatsphäre bot. Das im Film zu sehende Anwesen gibt es wirklich; es wurde 1865 errichtet, liegt am Ende der bedeutendsten Altstadtstraße von Newport und „ist absolut perfekt“, so Hanania. „Diese Villa springt einem sofort ins Auge, genau wie in einem Gemälde von Edward Hopper. Sie ist für unsere Familie Wittenborn genau richtig.“
„Die Wittenborns sind stolz auf ihre Abstammung, also wollte Lajos, dass an den Wänden viele Porträts hängen – auf diese Weise spiegeln sie sich praktisch selbst wider.“ So ließ das Team etliche Replikas von Werken und Porträts der 50er Jahre anfertigen. Hanania fügt hinzu: „Zusätzlich konnten wir Gemälde aus dem Erbe des Großvaters des jetzigen Besitzers verwenden, die sehr schön sind. Außerdem lieh uns die Familie auch Fotos einer Hochzeit aus den 50er Jahren, die Ann Roth und mir als Recherchequelle hilfreich waren. Um jene Epoche nachzubilden, kauften wir vor Ort viele Ausstattungsgegenstände. In dieser Gegend gibt es aber natürlich kein Magazin für Requisiten, also haben wir die Pfandleihen und Antiquare der Gegend durchforstet – und eine Menge wunderbarer Dinge gefunden.“
Das zeitgenössische Haus von Ann Lord ist etwas bescheidener, außerdem etwas voll ge-stopfter. Hanania sagt: „Wir fanden ein Privathaus in Tiverton, dessen Flair und Lage für diese Figur angemessen war; es sollte so wirken, als habe Ann Lord schon sehr lange dort gelebt. Das, was eigentlich das Wohnzimmer war, haben wir in ein Schlafzimmer verwandelt, denn Lajos hatte die Vorgabe, dass sich an jeder Seite des Bettes ein Fenster befinden musste, um eine der letzten Szenen des Films zu drehen.“
„Lajos, Gyula, Ann Roth und ich haben für das Farb- und Designschema der beiden Wohnorte klare Entscheidungen getroffen. Ann Roths Haus ist relativ monochromatisch gehalten, was mir wiederum Gelegenheit gab, viele verschiedene Texturen zum Einsatz zu bringen. An den Wänden haben wir Damast, und es gibt viele Glasobjekte, die das Licht einfangen. Die Villa der Wittenborns ist viel großzügiger und förmlicher, doch gleichzeitig leichter und strahlender. Die vielen Räume lösen eine optimistische Stimmung aus und reflektieren so die strahlende Stimmung jenes Wochenendes und der Jugendzeit von Ann, Harris, Buddy und Lila.“
Koltai fügt hinzu: „Jene Welt, an die sich Ann Lord erinnert, ist ein strahlender, begehrens-werter Ort, voller Freunde, Brautjungfern, schicker Smokings, Blütenkränze, Whiskeygläser, Sonnenschein, Meerwasser und Jugend. Am Ende ihres Lebens blüht sie angesichts dieser Erinnerungen förmlich auf. Ihre letzten Lebenstage sind mit dieser Vergangenheit verwoben, und sie kommt mit beiden Epochen ins Reine – und das wiederum verleiht auch ihren Töchtern und ihrer Beziehung wieder neue Kraft.“
Für die Proben hatten die Schauspieler bereits einige Zeit auf Rhode Island verbracht, denn alle Beteiligten wussten, dass diese Vorbereitung für die dramatischen Szenen und die Interaktion der Charaktere unverzichtbar war. In dieser Phase kamen die Themenkreise der Geschichte schon häufig zur Sprache und beeinflussten den kreativen Prozess. Sharp erinnert sich: „Eines Abends versammelte sich eine ganze Gruppe am Lagerfeuer des Hotels und – wie es eben so ist, wenn die Schauspieler und das Team gemeinsam herumhängen – wir begannen Geschichten zu erzählen. Es wurden etliche amüsante Anekdoten zum Besten gegeben, und dann kam jemand auf das Thema Lieblingssongs. Bald sind mehrere aus der Gruppe aufgestanden und haben abwechselnd jeweils ein oder zwei Songs vorgetragen.“
„Claire stand auf und sang für uns – aber nicht irgendeinen Song: es war „I See the Moon“; als sie noch klein war, sang ihre Mutter es oft für sie. Als Claire sang, waren wir außer uns vor Begeisterung.“
Obwohl Ann im Film eigentlich Sängerin werden möchte, hat Claire Danes das bisher nicht vor. Sie gibt zu: „Ich bin ausgebildete Tänzerin, aber das Singen habe ich nicht gelernt. Vor „EVENING“ hatte ich nie in einem Film gesungen, und ich war sehr eingeschüchtert. Aber ich habe mit einer wunderbaren Gesangslehrerin zusammengearbeitet, Deb Lapidus, mit der ich die Atemtechnik trainiert habe und die mir beigebracht hat, wie man beim Singen wirklich den gesamten Körper einsetzt. In diesem Sinne hat mir meine Tanzausbildung geholfen. Was den Gesang als solches angeht, da hatte ich wohl gute Instinkte beim Phrasieren. Ich war inspiriert genug, um mich weiterhin damit zu beschäftigen.“
Sharp sagt bewundernd: „Eine Woche nach jenem Abend am Lagerfeuer waren wir bereits dabei, eine der stärksten Szenen des Film zu drehen – die auch für Claire eine der bedeu-tendsten ist. Es geht um eine sehr intime Szene, in der Ann mit ihren beiden Töchtern zuhause ist; wir brauchten einen Song, den Ann ihren zwei kleinen Mädchen vorsingen sollte. Es kam nur ein Song in Frage: der, den Claire von ihrer Mutter gelernt hatte.“